Kölner Kurzschlüsse

Welche Zurechnungsfehler prägen die Debatte um die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht?

Unter Sozialwissenschaftlern kursiert die Geschichte des Jungen, der im Jahr 1977 durch die Straßen New Yorks lief und mit einem Stock gegen Laternenpfähle schlug. Da sich in jener Nacht der schlimmste Stromausfall in der Geschichte New Yorks ereignete, wurde dieses harmlose Vergnügen für ihn zum traumatischen Erlebnis. Er lief nach weinend nach Hause und rief: „Mama, ich habe das Licht kaputtgemacht!“ – Der Junge hatte falsch zugerechnet: Er hatte den Stromausfall, den ein Blitzeinschlag in eine Hauptleitung ausgelöst hatte, mit seinen Stockschlägen erklärt.

Es ist höchst bedenklich, dass in der seit Wochen anhaltenden Debatte um die Übergriffe der Kölner Silvesternacht auf ganz ähnliche Weise vorschnelle Zurechnungen die Debatte bestimmen. Die massenhaften Übergriffe auf Frauen sind sicherlich erklärungsbedürftig. Sie können prinzipiell mit verschiedenen Merkmalen der mutmaßlichen Täter in Zusammenhang gebracht werden. Die Täter sollen nach ersten Erkenntnissen der Polizei etwa: (a) Männer, (b) im Jugendlichen- oder jungen Erwachsenenalter, (c) Migranten aus dem islamisch-arabischen Kulturkreis, (d) aus unterprivilegierten Lebensverhältnissen und (e) mindestens teilweise alkoholisiert gewesen sein. Das Merkmal „Migrant“ in Tateinheit mit „Kulturhintergrund“ bestimmt jedoch im Alleingang die Debatte; die Folgen für die Flüchtlingspolitik sind unabsehbar.

Wer etwas nachdenkt, muss indes die naheliegende Kausalzurechnung relativieren. Zunächst sollten uns die Kölner Ereignisse klarmachen, dass 20-jährige Alleinstehende sich in ihrem Verhalten stark von 45-jährigen Familienvätern unterscheiden, und zwar vermutlich mehr, als 20-jährige Deutsche sich von 20-jährigen Marokkanern unterscheiden. Migranten, speziell Kriegsflüchtlinge, sind keine homogene Gruppe, sondern bilden die ganze Heterogenität einer Gesellschaft ab. Extrem unterschiedliche Subgruppen und Lebenslagen sind zu unterscheiden, etwa: schutzbedürftige Mütter, verantwortungsvolle Väter, traumatisierte Kinder und testosterongeladene Jugendliche. Letztere präsentieren sich Dritten – hier wie auch sonst – oft als eine eher unangenehme Kontaktgruppe. Genau deshalb muss man aber fragen, warum die Deutung der Silvesterereignisse nicht viel mehr auf den Typus „junge Männer, ohne weibliche Begleitung, in teils alkoholisiertem Zustand“ zugeschnitten wird.

Darin liegt im Übrigen laut der Attributionstheorie ein häufiger Zurechnungsfehler: Beobachter rechnen erklärungsbedürftige Handlungen gern auf bleibende, zeitlich konstante Merkmale der handelnden Person zu (hier: Nationalität und Kulturhintergrund), auch wenn eine Zurückführung auf flüchtige Situationsmerkmale ebenso möglich wäre.1 Die Situation im vorliegenden Fall ist folgendermaßen zu beschreiben: Eine große Menge junger Männer, in die sich nur wenige Frauen mischen, befindet sich in einem öffentlichen Raum mit großer Menschendichte und geringer Kontrolldichte. Teils ein Situations-, teils ein Personenmerkmal ist die Neigung zur Kriminalität, die bei der Mehrheit der Täter wohl gegeben war: Dazu gehören sowohl kriminelle Absichten mit Blick auf die Situation als auch kriminelle Vorerfahrungen und entsprechende Kommunikationsnetzwerke.

Aus diesen Situationsmerkmalen heraus lässt sich das in Frage stehende Handeln vermutlich schon recht weitgehend erklären. Insofern erscheint die Sprachregelung für Polizeiberichte gerechtfertigt, in denen – wie wir in den letzten Tagen gelernt haben – die Nationalität von Straftätern nur bei spezieller Relevanz für den Sachverhalt erwähnt werden sollte. Schließlich hätten die meisten Verbrechen weniger mit der Herkunft als mit der gegenwärtigen Situation des Täters zu tun.2

Natürlich können die Taten der Kölner Silvesternacht damit in keiner Weise entschuldigt werden; es geht nur darum, den Fokus der Ursachenanalyse bewusster zu wählen. Auch kann daraus nicht geschlossen werden, dass solchermaßen eskalierende Situationen zwangsläufig und unvermeidlich sind und wir künftig jedes Silvester mit Ähnlichem zu rechnen haben. Situationen wiederholen sich ohnehin nicht, so wie auch Geschichte sich nicht wiederholt – dafür werden allein die jetzt laufende Debatte, die einsetzende Strafverfolgung, die größere Konsequenz bei der Abschiebung von Straftätern sowie die vermehrte Aufmerksamkeits- und Abwehrbereitschaft der einheimischen Bevölkerung sorgen. Die „öffentliche Empörung“ (Emile Durkheim), mit der nach aufsehenerregenden Verstößen geltende Normen bekräftigt werden, dürfte die Bedingungen für künftige Situationen nachhaltig geändert haben.

Will man die Fokussierung der Debatte auf das Personenmerkmal „Migrant“, speziell „muslimischer Migrant“, verteidigen, kann man natürlich argumentieren, dass junge deutsche Männer bei öffentlichen Silvesterfeiern ja keine vergleichbaren Übergriffe begehen – oder jedenfalls nicht in dieser Massivität. Das ist zwar richtig, aber sind bei diesem Vergleich die sonstigen Bedingungen ausreichend ähnlich gehalten? Richten wir den Blick auf die erweiterten Situationsbedingungen.

Speziell für diejenigen, die mit der jüngsten Fluchtwelle 2015 nach Deutschland gekommen sind, ist die aktuelle Lebenssituation die folgende: Sie haben eine stressige und streckenweise gefährliche Flucht hinter sich; sie leben mindestens seit Monaten in Massenunterkünften, die überwiegend von anderen jungen Männern bewohnt sind. In der Regel haben sie keine Arbeit oder Beschäftigungsmöglichkeit, keinen Familienanschluss und keine Gelegenheit, Paarbeziehungen einzugehen oder ihre Sexualität auszuleben. Unter Nordafrikanern, die bereits vor mehreren Jahren eingewandert sind und nicht in Flüchtlingsheimen leben, ist die typische Lebenssituation etwas anders, aber kaum weniger prekär: Sie haben häufig keinen oder einen ungesicherten Aufenthaltsstatus, sie erleben Unterprivilegierung in fast jeder Hinsicht (Bildung, Arbeit, Wohnsituation) und leben oft in einem mehr oder weniger kriminalitäts- und gewaltnahen, ebenfalls von Männern dominierten Milieu.

Sind wir immer noch so sicher, dass sich deutsche Männer unter ähnlichen Umständen nicht ähnlich verhalten würden? Auf der Suche nach Realexperimenten in dieser Richtung kann man den Blick auf Soldaten im Kriegseinsatz richten. Auch diese leben unter zumutungsreichen Bedingungen in einem fast ausschließlich männlichen Umfeld, in dem mit Gewalterfahrungen zu rechnen ist. Und diese Vergleichsgruppe ist – ganz unabhängig vom kulturellen Hintergrund – nicht für ihren zartfühlenden Umgang mit Frauen bekannt. Derbe Sprache, anzügliche Witze, Bordellbesuche und eine generelle Wahrnehmung von Frauen als Sexualobjekte sind in modernen Militärorganisationen an der Tagesordnung, sie gehören gewissermaßen zum Charakter des Militärs als „männlicher Institution“.3 Vergewaltigungen im Einsatzgebiet sind zwar nicht gleichermaßen verbreitet, aber durchaus nicht unbekannt. So ist es etwa im Irak und Afghanistan schon vorgekommen, dass westliche Soldaten einheimische Frauen oder auch Kameradinnen vergewaltigt haben.4 Und welche junge Frau würde gern die Silvesterfeier eines deutschen oder amerikanischen Militärlagers in Afghanistan besuchen? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gegen ihren Willen angefasst und geküsst würde, dürfte nahezu bei hundert Prozent liegen.

Die zivilisierten jungen Männer, die normalerweise unsere Silvesterpartys bevölkern, eignen sich dagegen nur bedingt als Vergleichsgruppe, weil sie unter ganz anderen Bedingungen leben. Sie gehen meist einer Arbeit oder einem Studium nach und leben in einer Partnerschaft, oder wenn nicht, so haben sie doch ein Umfeld, in dem sexuelle Beziehungen prinzipiell möglich und wahrscheinlich sind. Flüchtlinge der entsprechenden Altersgruppe – Kriegs- wie Wirtschaftsflüchtlinge – haben dagegen nur geringe Chancen, eine Paarbeziehung einzugehen. Das liegt teils sicherlich an restriktiveren kulturellen Bedingungen, an einem traditionelleren Ehe- und Sexualitätsverständnis. Vor allem aber haben die meisten Geflüchteten kaum Kontakt zu alleinstehenden, noch verfügbaren Frauen. Unter den Flüchtlingen, die im letzten Jahr über die Balkanroute nach Deutschland gekommen sind, sind schlicht viel zu wenige Frauen, die nicht bereits verheiratet sind, sondern noch als Beziehungs- und Sexualpartnerin in Frage kommen. Auch die seit längerer Zeit über das Mittelmeer nach Europa kommenden Afrikaner sind überwiegend junge Männer, die losziehen oder von ihrer Herkunftsfamilie losgeschickt werden, um in der Ferne Geld zu verdienen. Zwar gibt es für Migranten natürlich kein Endogamiegebot und sie können auch mit deutschen Frauen Beziehungen eingehen, doch müssen sie hierfür noch einmal höhere Hürden auf dem Weg zur gesellschaftlichen Integration überwinden.

Wer immer noch argumentieren will, dass der Faktor „Kultur“ in Köln der entscheidende war, statt nur einer unter mehreren, kann nun sagen: Es gibt doch auch unter deutschen Männern genug ungewollte Singles, die aber deshalb nicht übergriffig werden, sondern diesen Zustand mehr oder weniger geduldig und jedenfalls gesetzestreu ertragen. Hier spielt jedoch abermals ein Zurechnungsproblem eine Rolle – diesmal nicht auf der Ebene des Beobachters, sondern auf der Ebene der Betroffenen selbst. Findet man als Einzelner (oder Einzelne) keinen Zugang zum anderen Geschlecht – hat man etwa in einer Schulklasse den Status einer Person, die „nie jemanden abkriegt“ –, neigt man dazu, die Ursache bei sich selbst zu suchen: Man führt seine Lage auf eigenes Versagen, eigenes Anderssein oder was auch immer zurück. Das lässt eher vorsichtiges, freundlich-angepasstes oder abwartend-zurückhaltendes Verhalten als sinnvoll erscheinen. Anders sieht es dagegen aus, wenn das Fehlen von Beziehungs- und Sexualpartnern Merkmal einer kollektiven Lebenslage ist, für die der Einzelne nichts kann und sich nicht verantwortlich fühlt. Dann mag man einen derb-kompensierenden Zugriff auf das, was einem ohne eigenes Verschulden entzogen ist, eher als gerechtfertigt empfinden.

Schichtzugehörigkeiten und schichttypische Verhaltensmuster tun ein Übriges: Selbstkontrolle, also Zurückhaltung in Bezug auf unmittelbare Impulse und Genussbedürfnisse, ist ein klassisches Merkmal guten Benehmens in Ober- und Mittelschichten, ebenso wie größere Geduld im Hinblick auf den Erhalt von Belohnungen (auch „Befriedigungsaufschub“ oder „deferred gratification“ genannt).5 Die Kölner Täter dürften mindestens in Bezug auf ihre Lebenssituation in Deutschland mehrheitlich unteren oder vollends marginalisierten Schichten angehören; zu welchen Schichten sie in ihren Herkunftsländern gehörten, kann man angesichts der noch ausstehenden Aufklärung der Taten und Identifikation der Täter noch nicht sagen. Und schließlich spielen Gewalterfahrungen eine Rolle: Wer Gewalt erlebt hat, etwa in einem Bürgerkrieg, oder wer in einem generell gewaltnahen Umfeld lebt, hat selbst weniger Skrupel, dieses Mittel anzuwenden, als jemand, der in gewaltfernen Mittelschichtverhältnissen aufgewachsen ist.

Die Vergleichsgruppe ähnlich situierter deutscher Männer müssen wir uns mittlerweile folgendermaßen vorstellen: eine Häufung einsamer junger Männer aus prekärem Milieu, die wenig Kontakt zu Frauen und wenig Gelegenheit zum sozial akzeptablen Ausleben ihrer Energien haben. Wer würde noch darauf wetten, dass diese sich in einer öffentlichen und schlecht kontrollierten Feiersituation deutlich anders verhalten?

In jedem Fall sollte der Kurzschlusscharakter der Kölner Übergriffe nicht eine ähnlich kurzschlussartige Zurechnungsautomatik auslösen. Es waren sicher kriminelle Zeitgenossen, die da ihr Unwesen trieben, aber es waren eben nicht nur „Migranten“, sondern auch „junge Männer in prekären Lebensverhältnissen ohne Beschäftigung und ohne Zugang zu Frauen“. Dieses Merkmal der Lebenssituation der mutmaßlichen Täter darf nicht vernachlässigt werden – noch sollte es als mehr oder weniger selbstverständliches oder selbstverschuldetes Folgemerkmal des Flüchtlingsstatus abgetan werden.

Vielmehr ist es an uns, die Lebensbedingungen von Flüchtlingen zu verbessern. Beispielsweise ist offensichtlich, dass die derzeit in der Politik diskutierte Einschränkung des Familiennachzugs für Flüchtlinge die skizzierte Problemlage noch einmal verschärfen würde. Denn betroffen sind in den allermeisten Fällen Männer, die ihre Ehefrauen und gegebenenfalls Kinder nach Deutschland holen wollen, weil Männer den gefährlichen, illegalen Weg nach Europa oft als Erste absolvieren. Es ist aber schlechterdings unsinnig, die Zuwanderung von Männern zu gestatten, aber die Zuwanderung von Frauen und Kindern zu blockieren – auch das kann man aus den Ereignissen von Köln lernen. Die Devise müsste eher umgekehrt lauten (man denke an deutsche Discos, zu denen Frauen oft umsonst Zutritt haben): Lasst nicht nur Ehefrauen und Töchter nachkommen, sondern auch Schwestern, Nichten und Cousinen! Auf diese Weise könnten das Geschlechterverhältnis und die Familienbildungschancen unter Migranten halbwegs normalisiert werden. Auch mehr Kontakt zwischen Einheimischen und Flüchtlingen wäre sicher hilfreich – nicht nur zur Partnerschaftsgründung, sondern auch zur Etablierung von sozialen Netzen, sozialer Kontrolle und Sozialisationsgelegenheiten.

Dass der kulturelle Hintergrund bei all dem auch eine Rolle spielt, kann natürlich nicht bestritten werden und soll mit dem hier betonten Verweis auf Situationsfaktoren nicht bestritten werden. Wichtig ist aber eine ausgewogene Sicht der Dinge, und dafür muss im Moment der Blick eher weg von der Kultur und hin auf die Situation gerichtet werden. Der Kulturaspekt ist ohnehin nicht in Gefahr, übersehen zu werden – der Einfluss der Situationsbedingungen dagegen schon.

Fußnoten

1 Fritz Heider, The Psychology of Interpersonal Relations, New York 1958; Edward E. Jones / Richard E. Nisbett, The Actor and the Observer: Divergent Perceptions of the Causes of Behavior, in: Edward E. Jones u.a. (Hrsg.), Attribution: Perceiving the Causes of Behavior, Morristown 1972, S. 79–94; Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1984, S. 306ff.

2 Heribert Prantl, Wann Schweigen geboten ist, in: Süddeutsche Zeitung, 19.1.2016.

3 Henry Elkin, Aggressive and Erotic Tendencies in Army Life, in: American Journal of Sociology 51 (1946), S. 408–413; Samuel Stouffer u.a., The American Soldier. Volume II: Combat and its Aftermath, Princeton 1949, S. 131ff.; Ulrich Bröckling, Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion, München 1997, S. 10.

4 Z.B. US-Soldat zu 100 Jahren Haft verurteilt, in: Süddeutsche Zeitung, 19.5.2010; Till Mayer, Sexuelle Übergriffe in der US-Army: Der Feind in meiner Einheit, in: Spiegel Online, 31.7.2012.

5 Dies ist seit Louis Schneider / Sverre Lysgaard, The Deferred Gratification Pattern: A Preliminary Study, in: American Sociological Review 18 (1953), S.142–149, ein viel diskutierter Topos in der soziologischen und psychologischen Literatur.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.