Neue Väter und verunsicherte Männer – Männlichkeit in geschlechtersoziologischer Perspektive

Michael Meuser im Gespräch mit Anna Buschmeyer

Anna Buschmeyer: Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, mit uns heute über Männlichkeitsforschung, Männlichkeit und Männer zu sprechen. Fangen wir vorne an: Was verstehen Sie unter Männlichkeitsforschung, und ist das überhaupt eine angemessene Bezeichnung?

Michael Meuser: Ich spreche von der Soziologie der Männlichkeit und begreife diese als zentralen Bestandteil der soziologischen Geschlechterforschung. Konkret handelt es sich also nicht um ein eigenes neues Feld, sondern um Geschlechterforschung mit dem Fokus auf männliche Lebenslagen sowie auf der Konstruktion von Männlichkeit.

Forschung zur Männlichkeit findet natürlich auch in anderen Disziplinen statt, in der Geschlechtergeschichte zum Beispiel liegen mittlerweile sehr viele historische Arbeiten zur Männlichkeit vor. Zudem findet man Männlichkeitsforschung in der Literaturwissenschaft, die spezifische Sujets der Literatur wie z.B. die Darstellung des Vaters in Romanen betrachtet. Aber auch solche Aktivitäten gelten als Teil der entsprechenden (literaturwissenschaftlichen oder historiografischen) Geschlechterforschung.

 

Welche Schwerpunkte oder Themen beschäftigen die Soziologie der Männlichkeit aktuell?

Das Themenfeld umfasst potenziell alles, was die Geschlechterforschung auch interessiert. Gleichwohl stellen sich der Männlichkeitsforschung derzeit neue Fragen, die sowohl mit dem Wandel der Geschlechterverhältnisse als auch mit darüber hinausgehenden gesellschaftlichen Veränderungen zusammenhängen. Zunächst betrifft das den Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Männlichkeit – schließlich ist die kulturelle Konstruktion von Männlichkeit in der Tradition der modernen Gesellschaft, insbesondere der industriegesellschaftlichen Moderne, eng mit Erwerbsarbeit und beruflicher Karriere verbunden. Angesichts zum Teil gravierender Veränderungen im Feld der Erwerbsarbeit ist zu klären, inwieweit Letztere tradierte Männlichkeitspositionen, männliche Subjektpositionen, betreffen, bedrohen oder herausfordern. Ich denke etwa an Prekarisierungstendenzen und die Diskontinuität von Beschäftigungsverhältnissen, manche sprechen sogar von der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses. Verändern sich damit die institutionellen Voraussetzungen männlicher Lebenslagen? Diese meiner Einschätzung nach zentrale Thematik wird inzwischen in der Literatur verstärkt behandelt.

Ein zweites, damit zusammenhängendes Themenfeld liegt im Bereich der Familie, nämlich der Wandel von Vaterschaft. Zum einen tangieren die angesprochenen Veränderungen der Erwerbsarbeit auch die traditionelle Figur des Mannes als Ernährer der Familie, zum anderen stellt der Wandel der Geschlechterverhältnisse in den vergangenen vier bis fünf Jahrzehnten aber auch die familiäre Arbeitsteilung infrage. Letztere mag sich nicht grundlegend verschoben haben, doch sie wird nun zumindest thematisiert; die Anforderungen ändern sich. Schaut man sich den politischen sowie den allgemeinen kulturellen Diskurs an, hat sich auch das normative Bild von Vaterschaft deutlich weiterentwickelt. Der männliche Alleinernährer der Familie, obwohl er in vielen Familien immer noch existiert, hat auf der kulturellen Ebene deutlich an Legitimität und Vorbildcharakter verloren. Gefordert ist nun die neue Väterlichkeit eines eben auch fürsorgenden, in die Kinderbetreuung sich einbringenden Vaters. Obschon die Forschung zu Vaterschaft aktuell stark zu boomen scheint, betreiben die entsprechenden Wissenschaftler_innen übrigens nicht immer Geschlechterforschung bzw. Forschung, die sich in diesem Sinne auch mit Männlichkeit als sozialem Konstrukt und dem Verhältnis von Vaterschaft und Männlichkeit auseinandersetzt.

Darüber hinaus gibt es natürlich weitere Themen, die die Männlichkeitsforschung derzeit beschäftigen: Ein Aspekt aus dem Bereich der Erziehungswissenschaften etwa ist die Forschung zu männlicher Sozialisation. Ein weiterer Punkt betrifft das Verhältnis von Gewalt und Männlichkeit. Immerhin weisen die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik darauf hin, dass zumindest die Mehrzahl der im öffentlichen Raum verübten Gewalttaten von Männern begangen wird, aber auch die meisten der von diesen Gewalttaten Betroffenen männlich sind.[1] In jüngerer Zeit hat sich die bereits sehr ausdifferenzierte Debatte zum Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit entsprechend weiterentwickelt.[2]

Ein zusätzlicher Forschungsbereich, in dem ich selbst aktiv bin, ist das Thema Körper und Männlichkeit. Männer sehen sich vermehrt dazu aufgefordert, sich der Ästhetik ihres eigenen Körpers zuzuwenden, sodass der Imperativ, einen perfekten Körper zu haben, eben nicht mehr nur Frauen, sondern vermehrt auch Männer adressiert. Inzwischen hat sich eine ganze Industrie entwickelt, die den Männerkörper als vermarktbares Objekt begreift. Eine geschlechtersoziologische Forschung zur männlichen Sexualität liegt bisher dagegen kaum vor. Die Verbindung von Sport und Männlichkeit wiederum spielt in der sportsoziologischen Geschlechterforschung durchaus eine Rolle, deren Analysen zeigen, dass vor allem der moderne Sport stark männlich konnotiert ist.

In jüngerer Zeit ist schließlich der Zusammenhang von Migration und Männlichkeit ins Blickfeld gerückt, also die Konstruktion migrantischer Männlichkeit. Natürlich kann man Männlichkeit auch aus religionssoziologischer Sicht betrachten oder aus techniksoziologischer Perspektive. Gleichwohl denke ich, dass der Schwerpunkt gegenwärtig auf den ersten beiden Themen liegt, also auf der Erforschung von Erwerbsarbeit und Familie.

 

Sollte es aus Ihrer Sicht zukünftig Lehrstühle oder gar einen Studiengang für Männlichkeitsforschung geben?

Ebenso wie die Geschlechterforschung sich nicht als spezielle Soziologie versteht, sondern in allen soziologischen Feldern die Dimension Geschlecht erforscht, arbeitet auch die Männlichkeitsforschung. Entsprechend würde ich weniger eine Professur mit der Denomination „Männlichkeit“ einfordern als dafür plädieren, dass bestehende Professuren für Geschlechterforschung auch diese Art von Forschung mehr, als dies bislang der Fall ist, betreiben. Einige Kolleginnen in der Soziologie und besonders auch viele Nachwuchswissenschaftler_innen machen das bereits. Einen eigenen Studiengang[3] zu Männlichkeit finde ich dagegen nicht notwendig. Aus der Strukturlogik einer Soziologie, die sich mit Geschlechterverhältnissen befasst, folgt für mich, dass sie auch männliche Lebenslagen erforschen muss.

 

Die Frauenforschung war stets eine sehr politisch geprägte Disziplin und ist es in vielerlei Hinsicht immer noch. Gilt das für die Forschung über Männer und Männlichkeit gleichermaßen?

Das ist schwer zu sagen. Die Geschlechterforschung ist ja aus der Frauenforschung heraus entstanden, die zunächst von einer engen Verbindung zwischen politischer Emanzipationsbewegung und wissenschaftlicher Forschung geprägt war. Meiner Wahrnehmung nach hat sich diese Verknüpfung inzwischen gelockert, zumal sich diverse politische Positionen in der Geschlechterforschung herausgebildet haben. Zwar sind im Kontext der Forschung zu Männlichkeit anfangs durchaus Initiativen entstanden, die eine Art Männerbewegung initiieren wollten und auch die Männlichkeitsforschung in diesem Zusammenhang verorteten. Im Gegensatz zur Geschichte der Frauenbewegung und Frauenforschung kam man aber zumindest in Deutschland schnell zu dem Schluss, Forschung und Politik voneinander zu trennen, insbesondere im universitären Bereich.

 

Kommen wir zum Thema Männlichkeit. Raewyn Connell hat in den 1990er-Jahren das Konzept der hegemonialen Männlichkeit entwickelt. Dabei prägte sie den Begriff der „patriarchalen Dividende“.[4] Gibt es die noch?

[lacht] Eine schwierige Frage. Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist ja 1985[5] entstanden und verweist auch in Connells Ausarbeitungen in Gender and Power (1987) und Masculinities (1995) noch ganz klar auf eine Geschlechterordnung industriegesellschaftlicher Prägung. Zieht man aber den Begriff der Hegemonie heran, was Connell mit Bezug auf Antonio Gramsci selbst tut, wird ersichtlich, dass hegemoniale Verhältnisse nie starr, sondern immer in Bewegung, immer herausgeforderte Verhältnisse sind. Die hegemoniale Position hält sich auch dadurch, dass sie sich verändert. Insofern reichen der Wandel der Geschlechterverhältnisse und die Infragestellung männlicher Macht und männlicher Herrschaft per se noch nicht aus, um der hegemonialen Männlichkeit ein Ende zu machen.

Connells Konzept der patriarchalen Dividende bezieht sich auf den Typus der komplizenhaften Männlichkeit (complicit masculinity). Ihr zufolge stützt auch die Mehrzahl der Männer, die aufgrund ihrer sozioökonomischen Situation nicht in der Lage sind, selbst die hegemoniale Männlichkeit zu verkörpern, gleichwohl dieses Ideal. Schließlich profitiert sie von ihm insofern, als es insgesamt die gesellschaftliche Dominanz der Männer bekräftigt. Empirisch wäre zu klären, ob im Zuge der genannten Zunahme sozialer Ungleichheit die Aussicht auf diese sogenannte patriarchale Dividende noch so realistisch ist.

Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit in der industriegesellschaftlichen Konstellation war immer auf die bürgerliche Kernfamilie gemünzt. Allerdings konnte beispielsweise der Facharbeiter, ohne selber die hegemoniale Männlichkeit zu verkörpern, deren zentrale Elemente verteidigen und übernehmen. Er begriff sich ebenfalls als Ernährer und Oberhaupt seiner Familie, was in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität auch realisierbar war. Zudem war gesellschaftlicher Aufstieg für ihn eine realistisch erscheinende Möglichkeit. Zu ergründen wäre also auch, ob diese soziale Anschlussfähigkeit heute noch gegeben ist und wie hegemoniale Männlichkeit sich im historischen Prozess verändert.

In neueren Arbeiten hat Connell den Begriff der sogenannten "transnational business masculinity"[6] aufgeworfen, den der international agierende Börsenmakler verkörpert. Bietet aber ein solches Modell der Männlichkeit einem in befristeten Arbeitsverhältnissen beschäftigten Industriearbeiter noch Anschlussmöglichkeiten? Man müsste empirisch herausfinden, ob das Ideal der hegemonialen Männlichkeit auch in veränderter Gestalt noch so wirkmächtig ist, dass es auch denen als Maßstab gilt, die es nicht erreichen können. Schließlich gehört zu hegemonialen Herrschaftsstrukturen auch das implizite Einverständnis der Untergeordneten mit ihrer untergeordneten Position, wenn sie der eigenen Wahrnehmung nach davon profitieren.

 

Wie sehen Sie den Zusammenhang von Männlichkeit und nationalistischen Bewegungen wie Pegida und der AfD? Offensichtlich sprechen rechtspopulistische Vereinigungen vor allen Dingen Männer an, die beispielsweise die Genderforschung ablehnen und ein traditionelles Familienbild predigen.

Damit habe ich mich nicht systematisch befasst. Aus Presseberichten lässt sich schließen, dass AfD, Pegida und die Identitäre Bewegung sich schon jetzt umfassend an vermeintlich stabilen Verhältnissen vergangener Zeiten orientieren, die durch den Wandel der letzten Jahrzehnte aber nicht mehr gegeben sind. Es scheint ein großes Interesse an klaren Grenzziehungen auf verschiedenen Ebenen zu bestehen, etwa an Grenzziehungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden, aber auch ganz klar zwischen den Rollen von Mann und Frau. Entsprechend wird Vielfalt als Bedrohung wahrgenommen. Mit Bezug auf das Geschlechterverhältnis lässt sich daher eine Sehnsucht nach vermeintlich klaren Formen von Männlichkeit beobachten. Historisch betrachtet ist zudem eine enge Verknüpfung von Männlichkeit und Nation durchaus nichts Neues. Der Diskurs der Nation und der einer wehrhaften Männlichkeit waren eng ineinander verwoben.

 

Schauen wir uns die Männer einmal genauer an. Die Krise des Mannes ist ja in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden, auch Sie haben einiges dazu veröffentlicht.[7] Was ist damit gemeint? Befinden sich die Männer tatsächlich in einer Krise?

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass von einer Krise des Mannes oder einer Krise der Männlichkeit geredet wird. Die historische Forschung belegt,[8] dass derartige Empfindungen immer dann aufkommen, wenn etablierte Positionen gefährdet sind. Typischerweise gab es in Zeiten hoher Massenarbeitslosigkeit, etwa während der Great Depression in den USA im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, auch einen Krisendiskurs. Sicherlich wird auch manches dramatisiert, etwa um mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen; dennoch wird deutlich, dass wir es mit herausgeforderten Lebenslagen zu tun haben. Eine wachsende Zahl von Männern kann im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Basis von Selbstverständlichkeiten agieren, sondern erlebt, dass ihre Positionen in vielfacher Hinsicht infrage gestellt werden. In der Wirtschaft und im Beruf sind sie immer mehr der Konkurrenz mit Frauen ausgesetzt, auch wenn die Führungspositionen nach wie vor in Männerhand sind. Allein die immer wieder geführte Diskussion um die Quote zeigt, dass männliche Dominanz nicht mehr als selbstverständlich wahrgenommen wird. Eine etablierte Position sieht sich daher herausgefordert, auch wenn sie oft noch erfolgreich verteidigt wird.

Gleiches gilt für die schon genannte Position des Vaters in der Familie als Ernährer oder Oberhaupt. Solche Herausforderungen verlangen neue Antworten, und das erzeugt bei vielen Männern Verunsicherungen, die sich in einem Krisennarrativ sehr gut darstellen lassen. Ob es sich um eine angemessene Beschreibung handelt, ist eine andere Frage.

 

Was genau verunsichert die Männer eigentlich so sehr? Massenarbeitslosigkeit steht derzeit nicht zu befürchten.

Nein. Allerdings ist ein normales, unbefristetes und finanziell auskömmliches Arbeitsverhältnis keine Selbstverständlichkeit mehr, obwohl die Mehrzahl der deutschen Männer immer noch solche Verträge hat. Für die jüngeren Männer gilt das dagegen schon nicht mehr. Sie haben die Sicherheit verloren, kontinuierlich beschäftigt zu sein. In der historischen Betrachtung wird deutlich, wie stark das männliche Selbstverständnis auf Erwerbsarbeit bezogen und karrierezentriert ist. Entsprechend können solche Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt durchaus Verunsicherungen auslösen. Gleiches gilt für die im Durchschnitt schlechtere Leistung der Jungen gegenüber den Mädchen in der Schule, die ebenfalls in einem Krisendiskurs verarbeitet werden kann.

Jürgen Habermas hat schon in den 1970er-Jahren herausgestellt,[9] dass eine Krisendiagnose nicht nur einen Zustand beschreibt, sondern immer auch die Aufforderung enthält, etwas dagegen zu tun. Vielfach wird der Wunsch laut, die Zustände wieder herzustellen, die vor der Krise tatsächlich oder vermeintlich geherrscht haben. Insofern kann man diesen Diskurs der Krise der Männlichkeit auch als Waffe im Kampf um hegemoniale Männlichkeit begreifen.

Die Medienpräsenz des Diskurses lässt sich jedenfalls nicht bestreiten. Große Publikationsorgane wie Der Spiegel oder Die Zeit bringen seit einigen Jahren immer wieder Titelstories, die genau darauf anspielen. Auch das in den USA zum Bestseller gewordene Buch Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen (2013) der US-amerikanischen Journalistin Hanna Rosin gehört dazu.[10]

 

Sie haben ja in den vergangenen Jahren viel über die ‚neuen‘ oder engagierten Väter geschrieben. Werden die tatsächlich immer mehr? Statistiken legen nahe, dass zwar deutlich mehr Männer in Elternzeit gehen als vor 2007, wenn man sich die Anteile von Frauen und Männern an der Elternzeit, gerechnet in Monaten, anschaut, die Veränderungen aber nicht so groß sind, wie sie vielleicht erhofft waren[11].

Auf den ersten Blick scheint der Anstieg von 3,5 Prozent Elternzeit nehmender Väter im Jahre 2006 auf mittlerweile 34 Prozent dafür zu sprechen, dass sich mit der Novellierung des Elterngeldgesetzes das Verständnis von Vaterschaft stark verändert hat. Allerdings nimmt die große Mehrheit der Väter, die in Elternzeit gehen, nämlich 78 Prozent, lediglich die zwei Monate, die das Gesetz dem Elternpaar seit 2007 zusätzlich finanziert, wenn beide Partner Elternzeit nehmen. Diese Novellierung des Elterngeldgesetzes hat bewirkt, dass eine wachsende Zahl von Vätern das beansprucht, was zusätzlich möglich ist. Das allein scheint mir aber kein Indikator dafür, dass sich die väterliche Praxis grundlegend verändert hat.

Andererseits belegen gerade die Zeitbudget-Studien, die vom Statistischen Bundesamt alle zehn Jahre durchgeführt werden, dass zwar nach wie vor die Mütter deutlich mehr Zeit für Kinderbetreuung aufwenden als die Väter – egal ob sie berufstätig sind oder nicht. Dennoch ist der Anteil der Väter nicht zu vernachlässigen. Etwa 30–35 Prozent der Aufgaben der Kinderbetreuung werden von den Vätern übernommen.[12] Sie sind keineswegs die abwesenden Väter, von denen lange Zeit in der Medienberichterstattung die Rede war. Umfragedaten zeigen, dass die allermeisten jungen Männer an der Kinderbetreuung beteiligt sein wollen.

Offen ist zudem, in welchem Maße die von Vätern geleistete Kinderbetreuung eine Entlastung der Mutter darstellt oder väterliche Betreuung gleichzeitig mit der der Mutter geleistet wird. Für letztere Vermutung spricht, dass laut den Zeitbudget-Studien die für Kinderbetreuung aufgebrachte Zeit von Mutter und Vater an den Wochenenden nahezu identisch ist, aber an Werktagen noch eine größere Diskrepanz gegeben ist als im gesamten Wochendurchschnitt. Offensichtlich übernehmen Väter also zwar in ihrer Freizeit Betreuungsaufgaben, die täglichen versorgenden Aufgaben, die unter der Woche anfallen, bleiben aber weiterhin in der Hand der Frauen.  

Dennoch sollte man die Wünsche der Väter nicht als reine Lippenbekenntnisse abtun, wobei die Umsetzung dieses Wunsches durch verschiedene Faktoren erschwert wird. Insbesondere besteht immer noch ein hoher Widerstand aufseiten der Arbeitgeber. Eine eigene aktuelle Studie[13] hat ergeben, dass Väter, die mehr als zwei Monate Elternzeit in Anspruch nehmen wollen, was ihnen ja rechtlich zusteht, nach wie vor mit großen Schwierigkeiten kämpfen müssen. Zwei Monate werden mittlerweile akzeptiert, für die Unternehmen stellt sich das dar wie ein längerer Urlaub, das kann man managen. Geht es aber um mehr als zwei Monate, wird vielen dieser Väter klar gemacht, dass das eigentlich nicht gewollt ist. Ich spreche von strukturellen Barrieren gerade auch in den Unternehmen, die weiterhin voraussetzen, dass Männer prinzipiell verfügbar sind für den Arbeitsmarkt und für das Unternehmen. Dadurch wird es Vätern oft erschwert, sich mehr zu engagieren. Gleichwohl sollte man nicht verkennen, dass langfristige Habitualisierungen mit dazu beitragen, dass in Untersuchungen geäußerte Einstellungen nicht immer in die Tat umgesetzt werden.

Es verändert sich also durchaus etwas. Neu ist gegenwärtig jedenfalls die Anforderung, neben der Ernährerposition auch noch die Position des aktiven Vaters auszufüllen. Der Vater ist nicht aus seiner „Pflicht“, Ernährer zu sein, entlassen worden, sondern es ist diese zusätzliche Anforderung hinzugekommen.

 

Insgesamt nimmt noch nicht einmal die Hälfte der Väter Elternzeit. Schließlich haben sie auch die Möglichkeit, es nicht zu tun, während Frauen fast immer wie selbstverständlich mindestens für ein halbes Jahr aus dem Beruf aussteigen. Nutzen Männer ihre Verhandlungsposition anders?

Ja. Nach wie vor ist es für Männer leichter, nicht in Elternzeit zu gehen, als für Frauen. Andererseits hat eines meiner Forschungsprojekte[14] auch gezeigt, dass eine durchaus nicht geringe Zahl von Müttern gar nicht möchte, dass der Vater längere Zeit in Elternzeit geht. Eine große Zahl von Müttern scheint ihre Position in der Familie gegenüber Bestrebungen von Vätern, stärker beteiligt zu sein, gewissermaßen zu verteidigen. Eine engagierte oder involvierte Vaterschaft zieht schließlich eine Veränderung im Machtgefüge innerhalb der Familie nach sich. Etablierte Positionen und Einflusszonen müssen dann neu verhandelt werden.

Die Mehrzahl der Väter, die sich in der Kinderbetreuung nachhaltig (wenn auch meist nicht zu gleichen Teilen wie die Mütter) engagieren, akzeptiert allerdings die Position der Mutter als primary caregiver. Ein stillschweigendes Einverständnis zwischen Vater und Mutter über diese Rollenverteilung scheint recht verbreitet zu sein. Aufseiten der Mütter bedeutet das nicht unbedingt, dass sie die Väter nicht dabeihaben wollen. Vielmehr liegen diesem Verhalten, wie das Jean-Claude Kaufmann so gut geschildert hat,[15] inkorporierte Routinen zugrunde. Nehmen Väter für sich in Anspruch, aufgrund ihres Engagements auch über Abläufe der Familienarbeit, Standards der Kinderbetreuung und Erziehungsmethoden zu entscheiden, kann es durchaus zu einer neuen Konfliktkonstellation kommen.

Nicht zuletzt muss man neben der Konstellation Vater, Mutter, Kind auch das weitere Umfeld betrachten. In der Schule etwa adressieren die Lehrkräfte die Mütter und nicht die Väter. Auch wenn der Vater das Kind noch so regelmäßig von der Schule abholt, wird die Mutter als primäre Erziehungsperson angesehen. All das spielt eine Rolle.

 

Lieber Herr Meuser, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.

Fußnoten

[1] Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik. Bundesrepublik Deutschland. Jahrbuch 2015, Version 3.0, Wiesbaden.

[2] Vgl. Michael Meuser, Geschlecht, in: Christian Gudehus/Michaela Christ (Hrsg.): Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar 2013, S. 209–214.

[3] In den USA, genauer gesagt an der Stony Brook University in Long Island, New York, wurde der erste Studiengang Masculinities ins Leben gerufen. Vgl. Susanne Mayer, Master masculinus, in: ZEIT Magazin, 7. Oktober 2015.

[4] Vgl. Raewyn Connell, Gender and Power. Society, the Person and Sexual Politics, Stanford 1987; dies., Masculinities, Cambridge 1995 (deutsche Ausgabe: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, übers. von Christian Stahl, Opladen 1999).

[5] Tim Carrigan/Robert Connell/John Lee, Toward a New Sociology of Masculinity, in: Theory and Society 14 (1985), 5, 551–604.

[6] Raewyn Connell/Julian Wood, Globalization and Business Masculinities, in: Men and Masculinities, 7 (2005), 4, 347–364.

[7] Siehe u.a. das Schlusskapitel in Michael Meuser, Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, 2., überarb. u. akt. Aufl., Wiesbaden 2006; ders., Hegemoniale Männlichkeit im Niedergang? Anmerkungen zum Diskurs der Krise des Mannes, in: Claudia Mahs/Barbara Rendtorff/Anne Warmuth (Hrsg.), Betonen – Ignorieren – Gegensteuern? Zum pädagogischen Umgang mit Geschlechtstypiken, Weinheim/Basel 2015, S. 93–105

[8] Jürgen Martschukat, „I relinquished power in the family“. Von Männlichkeits-, Sozial- und Wirtschaftskrisen in den 1930er Jahren, in: Methild Bereswill/Anke Neuber (Hrsg.): In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert, Münster 2011, 18–36; Jürgen Martschukat/Olaf Stieglitz, „Es ist ein Junge!“. Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit, Tübingen 2005.

[9] Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus, Frankfurt am Main 1973.

[10] Hanna Rosin, The end of men and the rise of women, New York 2012 (deutsche Ausgabe: Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen, übers. von Heike Schlatterer u. Helmut Dierlamm, Berlin 2013).

[11] 2012 nahmen 29,3% der berechtigten Väter Elterngeld in Anspruch. Die durchschnittliche Dauer des Elterngeldbezugs von Vätern betrug 3,2 Monate. 78,2% der Väter nahmen nur die zwei Partnermonate in Anspruch, die sonst verfallen würden. Vgl. Statistisches Bundesamt, Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung? Bildung, Arbeit und Soziales – Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Wiesbaden 2014.

[12] Siehe Statistisches Bundesamt, Zeitverwendungserhebung, Wiesbaden 2015.

[13] Benjamin Neumann/Michael Meuser, Changing Fatherhood? The Significance of Parental Leave in Work Organizations and Couples, erscheint in: Brigitte Liebig/Mechtild Oechsle (Hrsg.): Fathers in Work Organizations. Inequalities and Capabilities, Rationalities and Politics, Opladen/Farmington Hills 2017

[14] Diana Lengersdorf/Michael Meuser, Involved Fatherhood. Source of New Gender Conflicts?, in: Isabelle Crespi/Elisabetta Ruspini (Hrsg.), Balancing Work and Family in Changing Society. The Father's Perspective, Basingstoke/New York 2015

[15] Jean-Claude Kaufmann, La trame conjugale. Analyse du couple par son linge, Paris 1992 (deutsche Ausgabe: Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag, übers. v. Andreas Gipper, 2., unveränd. Aufl., Konstanz 1994).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.