Ugandas Budget und Kampalas Häuser

Zur Architektur als Zeichen internationalisierter Herrschaft

Ugandas Regierungsviertel: das Finanzministerium (Mitte vorne), das koloniale Schatzamt (Mitte hinten), das Statistische Amt (links) und der Rechnungshof (rechts). (Foto: Klaus Schlichte)

Wahrscheinlich1 erzählen die Gebäude jeder Hauptstadt die Geschichte ihrer Regierungen. Washington, London und Moskau, ja, auch Wien und Madrid haben Großbauten aus imperialer Zeit. Darüber haben sich, wie in anderen Städten, die baulichen Spuren späterer politischer Herrschaftsformen gelegt. Während Paris dafür bekannt ist, dass jeder Präsident der Fünften Republik sich mit einem beeindruckenden Bauwerk verabschiedet2, wird in Berlin auch noch zweieinhalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung der geschichtspolitische Kampf mit architektonischen Mitteln ausgetragen, wie die Streits um den Palast der Republik, das Stadtschloss und das Humboldt-Forum zeigen. Das Nebeneinander, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Gestalt von Staatsbauten verschiedener Epochen, wird dann regelmäßig zur touristischen Attraktion.

Afrikanische Hauptstädte sind keine Ausnahme von dieser Regel, nur sind sie zumeist viel jünger. Doch auch an den Bauten Kampalas, das erst nach der Etablierung des britischen Protektorats Buganda 1900 langsam zur kolonial gegliederten Stadt wurde, lässt sich globale Regierungsgeschichte ablesen. Das jahrhundertealte Königreich Buganda hatte Mengo, heute ein Stadtteil Kampalas, erst um 1880 zur Residenzstadt erkoren. In den fünfzig Jahren davor war der Sitz des Königs mindestens zehnmal verlegt worden.3 Östlich an Mengo angrenzend entstand dann ab 1900 Kampala, nicht atypisch für heutige afrikanische Hauptstädte, die in vielen Fällen auf koloniale Gründungen zurückgehen.4

Doch nicht die ganze Stadt, sondern vielmehr drei ihrer Gebäude sollen hier betrachtet werden: das im Kolonialismus entstandene Gebäude des Schatzamtes, das angrenzende, in den 1960er-Jahren erbaute „Ministry for Finance, Planning and Economic Development“ und das im Herbst 2014 eröffnete „Audit House“, in dem der „Auditor General of Government“ seinen Sitz hat. Diese drei Gebäude stehen für drei historische Abschnitte der Regierung Ugandas. Man kann sie aber auch als „sites“5 dreier internationaler Modi des Regierens auffassen: des Bilanzierens, des Planens und der Herrschaft der reinen Zahl. Sie zeigen sich in Uganda vielleicht sichtbarer als andernorts, was daran liegen mag, dass diese drei Gebäude in der Sir Apollo Kaggwa Road in einer Reihe stehen. Bevor die drei Modi des Regierens, die diese Gebäude repräsentieren, näher vorgestellt werden, möchte ich mit einem kurzen Blick auf die Topographie Kampalas ihren Kontext umreißen.

Der umgekehrte Blick auf drei Gebäude in der Sir Apollo Kaggwa Road, drei Regierungstechnologien: im Vordergrund das „Treasury“-Gebäude, rechts davon, in der Seitenansicht, das „Ministry for Finance, Planning and Economic Development“ mit dem dahintergelegenen „Statistics House“. Direkt hinter dem Treasury liegt das 2014 errichtete „Audit House“. Das Hochhaus im Hintergrund beherbergt den „National Social Security Fund“. (Foto: Klaus Schlichte, März 2016)

Zur Topographie Kampalas

Etwa 80 Prozent der heute 30 Millionen Einwohner Ugandas leben von der Landwirtschaft. Die Agglomeration der Hauptstadt mit ihren zwei Millionen Menschen bildet das eindeutige urbane Zentrum einer überwiegend agrarischen Gesellschaft. Kampala bündelt die Macht des Landes, aber seine Topographie verweist schon auf die polyzentrische Struktur politischer Herrschaft in Uganda: Auf jedem der neun Hügel im Stadtinneren findet sich eine bedeutende Institution – Rugaba ist der Hügel mit der größten katholischen Kirche, Namirembe trägt die größte anglikanische Kirche des Landes, und auf Kibuli steht dessen größte Moschee, die Mohammed Ghaddafi den ugandischen Muslimen schenkte. Auf Kasubi hat man die Gräber der Könige Bugandas angelegt, des alten und politisch immer noch einflussreichen Königreiches. Kabagala beherbergt die NGOs, mit angeschlossenem Vergnügungsviertel. Nördlich der Innenstadt liegen der Hügel Makerere, Sitz der ältesten ostafrikanischen Universität, und der benachbarte Hügel Mulago, auf dem das größte Krankenhaus des Landes angesiedelt ist.

Sowohl die Universität wie das Klinikum zeichnen sich durch ein architektonisches Gemisch aus dem kolonialen Stil der 1920er- und 1930er-Jahre einerseits und dem Modernismus der frühen 1960er-Jahre andererseits aus. Das Versprechen der Moderne sowie das Pathos der Dekolonisation finden in diesem Internationalen Stil ihren Ausdruck. Von Europa und Nordamerika war diese Architektur seit den 1920er-Jahren nach Brasilien und Palästina sowie in der Dekolonisationsperiode seit Ende der 1950er-Jahre auch nach Afrika gelangt.6

Das Hauptgebäude des staatlichen Krankenhauses Mulago. (Foto: Klaus Schlichte, Februar 2014)

Treppenhaus der Hauptbibliothek, Makerere University. (Foto: Klaus Schlichte, März 2016)

Dieser Stil spiegelt sich auf den beiden Hügeln, auf denen die politische Macht wohnt: Nakasero ist der Sitz des vom Präsidenten bewohnten „State House“, ein Gebäude, dessen Zufahrtsstraße bereits für das Publikum gesperrt ist und von dem keine Bilder im Internet existieren. Von Nakasero nur durch einen in der Senke liegenden Golfplatz getrennt wird Kololo, der Hügel mit den Botschaften und Residenzen der Diplomaten. Kololo ist der ruhigere der beiden Hügel und wird von Hausangestellten, Gärtnern und Sicherheitspersonal dominiert. Die Bewohner der Residenzen fahren ausschließlich SUVs mit getönten Scheiben; für die sonst so verbreiteten Mopedtaxis gibt es auf diesem Hügel keine Kunden.

Nakasero stellt das eigentliche Zentrum der ugandischen Politik dar. Neben dem Amtssitz des Präsidenten liegen das Parlament, erbaut zwischen 1958 und 1962, und die Gebäude der Ministerien. Auch die Weltbank und die EU haben dort ihre Büros. Wie um ihre Zwischenstellung zwischen dem ugandischen Staat und der sonstigen internationalen Gemeinschaft zu symbolisieren, hat sich die Botschaft der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien auf einem neuen Gelände zwischen Nakasero und Kololo, unweit der neuesten und teuersten Mall Ugandas, niedergelassen.7

Nakasero ist zugleich der Hügel der Finanzen. Auf ihm haben die wenigen Banken ihre lokalen Hauptquartiere, was für die größte Geschäftsbank Stanbic, mehrheitlich in südafrikanischem Besitz, ebenso gilt wie für die meist von indischstämmigen Ugandern geführten kleineren Geschäftsbanken und die Bank of Uganda. Auch das oberste Marktsegment der ugandischen Hotellerie ist auf den beiden Hügeln angesiedelt. Die große Zahl von ausländischen Beratern und die zahllosen Seminarteilnehmer, meist Beamte oder NGO-Mitarbeiter aus anderen Landesteilen, bringen mehr Einnahmen als der in Uganda überschaubare Safaritourismus. Die von internationalen Gebern finanzierten Schulungen von Staatsbediensteten und NGO-Mitarbeitern finden täglich in großer Zahl gleich in den dafür geschaffenen Seminarräumen der Hotels statt.

Die Architektur der Herrschaft

In Uganda wie in anderen Hauptstädten sind Architektur und Straßenführung auch immer Zeugnisse der Herrschaftsgeschichte. In Uganda signalisiert die Architektur von Regierungsgebäuden darüber hinaus aber vor allem, wie international dort politische Herrschaft war und ist. Was Deutschland und anderen souveränen Nationalstaaten unter der Ägide der EU als neue Zumutung der Globalisierung erscheint, ist in den postkolonialen Hauptstädten schon an der Architektur erkennbar: Herrschaftsansprüche und -mittel sind seit langem internationalisiert. Die Zeit, die sich im Raume zeigt8, war und ist in Uganda international.

Das offenbart bereits die Architektur des Kolonialstils aus dem britischen Empire, dessen ganze Herrschaftsstruktur vor-national war, wird aber auch im Internationalen Stil der Dekolonisationszeit und an den spätmodernen Glasfassaden der jüngsten Bürobauten Kampalas erkennbar. Am Beispiel der drei im Folgenden näher betrachteten Gebäude möchte ich erläutern, wie sich unterschiedliche Technologien des Regierens auch als Gebäude ausprägen: Das Schatzamt repräsentiert die Sorge, die Kolonien könnten die britische Krone finanziell belasten, das Finanz- und Planungsministerium steht für die Logik des Plans und der Projekte, und das „Audit House“ für die modernste Regierungstechnologie, die der reinen Zahl.

Treasury – das Problem der kolonialen Bilanz

Fast romantisch zwergenhaft erscheint neben den Bürohochhäusern das rote Ziegeldach des „Treasury“, des kolonialen Schatzamts, in den 1930er-Jahren erbaut. Es beheimatete die Hauptausgabe- und Haupteinnahmestelle des kolonialen Staates, der an seinem Budget gemessen wurde: Fast zeitgleich mit der Entstehung des Protektorats Buganda erschien im Jahr 1902 John Hobsons Imperialism: A Study.9 Die darin enthaltene liberale Kritik des britischen Imperialismus wurde nicht nur von Vladimir I. Lenin und Rosa Luxemburg aufgegriffen, sondern prägte bald auch die innerbritische Diskussion. Die Kolonien sollten sich rechnen, folgerte man, und nicht nur der steuerfinanzierten Bereicherung einer kapitalistischen Oligarchie dienen.

Im Protektorat Buganda wie in anderen britischen Kolonien wollte man dieses Ziel mithilfe der „mise en valeur“ erreichen – was zur Umstellung auf Agrarexporte, zum Bau eines Eisenbahn- und Straßennetzes mit indischstämmigen Kontraktarbeitern sowie zur Zwangsmonetarisierung führte. Kopfsteuern und Agrarexporte sollten das Protektorat in eine prosperierende Ökonomie verwandeln, in der der Kolonialstaat seine Kosten für Verwaltung, Zwangsmittel und Infrastruktur durch Besteuerung wieder einspielen konnte. Das „Treasury“-Gebäude diente der Erstellung dieser Bilanz. Finanziert sich die Kolonie selbst? Diese Frage begründete seine Existenz.

Selbst Verfahren der Stadtplanung, die in dieser Zeit eingeführt wurden, trugen die internationalen Züge des Empires – sie verbanden die britischen Erfahrungen in Indien mit solchen in der Karibik und den afrikanischen Kolonien. Der Terminus „planning“ tauchte erst nach 1906 im kolonialen Verwaltungsdiskurs auf, und nach den ersten Stadtplanungsgesetzen in Indien (1905) sowie Palästina (1920) kamen auch in Britisch-Ostafrika 1926 die ersten Stadtplanungsschemata zum Einsatz.10 Es scheint nur folgerichtig, dass das Gebäude des Treasury von britischen Kolonialbauten in Indien kaum zu unterscheiden ist. Seine Form ist schon ein Hybrid aus kolonialem Klassizismus und einer an tropische Verhältnisse angepassten Architektur.

Heute ist das zweistöckige Gebäude ein bloßer Annex des Finanzministeriums. Auf seiner Auffahrt parken die SUVs höherer Finanzbeamter, und selbst die Inschrift „Treasury“ fiel 2015 der Renovierung durch eine chinesische Baufirma zum Opfer. Das Gebäude stand einmal für die Logik der Bilanz, mit der im kolonialen Staat eine Art volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Einzug hielt. Sie hat sich im unabhängigen Staat Uganda erhalten, wie an den jährlichen Budgetrechnungen deutlich wird. Diese gegenüber der vorkolonialen Regierung neue Technik der Bilanz wird später von anderen Logiken überlagert, wie sich schon am nächsten Gebäude, dem Sitz des „Ministry for Finance, Planning and Economic Development“ zeigt.

Plan und Projekt – die Logik des MOFPED

Neben die Bilanz des Handelskapitalismus trat bald der Plan als Signum des Zeitalters der Entwicklung. Diese Regierungstechnik kennzeichnet auch die jungen unabhängigen Staaten. Der erste Zehnjahresplan Ugandas wurde noch in Kolonialzeiten, 1944, beschlossen. Die Tradition setzte sich nach Erlangung der Unabhängigkeit 1962 fort, denn die erste Regierung des neuen Staates war von der Idee der „Entwicklung“ überzeugt. Damit hing sie einem Paradigma an, das direkt mit dem dominanten Keynesianismus der europäischen Staaten in den „trente glorieuses“11 verbunden ist. Der Fünfjahresplan war kein sowjetisches Monopol, sondern in Frankreich ebenso üblich wie in Uganda, weil man an die Herstellung von fortschrittlicher Entwicklung durch Planung mit dem Staat als Zentralagenten glaubte.

Auch diese international vorherrschende Idee hat in Uganda ihren architektonischen Ausdruck gefunden. Das „Ministry of Finance, Planning and Economic Development“ (MOFPED) verkörpert wie das Krankenhaus Mulago und die Bibliothek der Makerere University den internationalen Stil der 1960er-Jahre. Seine Treppenhäuser sind licht, die Lücken zwischen den schräg gemauerten Ziegeln lassen den leichten Wind durchziehen, nur in einzelnen Büros surren Klimaanlagen.

Innengang des „Ministry for Finance, Planning and Economic Development“ (MOFPED), Kampala. (Foto: Klaus Schlichte, Februar 2014)

Der Internationale Stil verstand sich als nicht-ideologisch, als Befreiung von historischen Banden und als Zeichen des Aufbruchs in eine gestaltbare Zukunft. Und auch wenn die Mehrheit der Bauten in Afrika in diesem Stil nicht von Einheimischen, sondern von Architekten aus Großbritannien, Frankreich, Polen, Jugoslawien und Israel ersonnen wurden, trafen sie damit doch den Geschmack auch der ersten Staatspräsidenten des unabhängigen Afrika. Der Stil schien die Aspirationen der Dekolonisation auszudrücken– eine neue, unbeschriebene Epoche sollte beginnen, der neue Stil markierte den Bruch mit der kolonialen Architektur.12

Nach der Unabhängigkeit 1962 fungierte das Ministerium als Planungszentrale Ugandas. Das änderte sich mit dem Putsch Idi Amins 1971. Das Ministerium verwaiste während dessen Gewaltherrschaft (1971–1979) mehr und mehr, weil Gehälter ausblieben und sich die Wirtschaft des Landes vollständig informalisierte.

Um 1990 herum wurde das Ministerium renoviert. Die neue, zunächst linksgerichtete Regierung einigte sich dann doch schnell mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond (IWF) auf eine wirtschaftliche Liberalisierung. So begannen die Jahre der Projektlogik, des neuen Modus der „Entwicklungshilfe“, deren Pläne und Berichte im Keller des Ministeriums in einer acht Meter langen Regalwand gesammelt sind. Heute hat das MOFPED zwar noch eine „Planning Unit“, deren Hauptaufgabe ist es allerdings nur noch, Haushaltsentwürfe zu erstellen.13 Eine gesellschaftliche Vision symbolisiert der Internationale Stil nicht mehr.

Im Keller des MOFPED: Das Regal mit Projektplänen 1986-2014. (Foto: Klaus Schlichte, Februar 2014)

Keiner der Pläne und Berichte nach 1990 kommt ohne Zahlen aus. Deshalb ist das Gebäude des MOFPED durch einen ebenerdigen Gang verbunden mit dem „Statistics House“, das während der Jahre unter Idi Amin und im anschließenden Bürgerkrieg (1971–1986) seinen Sinn verloren hatte, seit den 1990er-Jahren aber wieder arbeitet. Für das neue Regime produziert es mit jedem Erscheinungsjahr an Volumen gewinnende Jahrbücher, die Statistical Abstracts. Allerdings zweifeln die Agenturen der Geber, die sich selbst „Partner“ Ugandas nennen, die Verlässlichkeit der Zahlen stark an, die darin aus allen Ministerien zusammenfließen.14 Sie verlassen sich lieber auf das Urteil der „Technical Advisory Service Unit“ der Weltbank in Washington, die alle nationalen Statistiken auf Plausibilität prüft.15 Dieses Misstrauen ändert jedoch nichts daran, dass die Geber auch die Arbeit des „Uganda Bureau of Statistics“ kräftig fördern, zuletzt 2014 anlässlich des nationalen Zensus, der mit dem Slogan„I count, you count, together we count!“ beworben wurde.16 Der Einfluss der Geber hat auch dazu geführt, dass die Art und Weise, wie „Uganda“internationalen Standards angepasst wurde. Folgt man Alain Desrosières, dann sind es diese Statistiken, die „Uganda“ als Form eines politischen Raums überhaupt erst erschaffen – die aggregierten Zahlen fassen zusammen und schaffen eine Einheit. Sie grenzen zugleich Bereiche aus, in denen nicht zusammengezählt wird. So entsteht die „nationale“ Ökonomie, die nationale Bevölkerung als Objekt des Regierens.17

Das „Statistics House“, mit dem MOFPED durch Gänge verbunden. (Foto: Klaus Schlichte)

Offenbar ist Uganda die Hoheit über seine Zahlen zugunsten internationaler Akteure ebenso abhandengekommen wie sein Plan. Entsprechend verweist die jüngste Architektur in der Sir Apollo Kaggwa Road auf eine neue Logik des internationalen Regierens, die Logik der reinen Zahl.

Die reine Zahl – zur Architektur des Auditing

Mit der Renovierung des Finanz-, Planungs- und Wirtschaftsministeriums war der architektonische Neubeginn der ugandischen Regierung nicht beendet. Das größte und jüngste Gebäude in der Reihe ist das „Audit House“, Sitz des „Office of the Auditor General“, eröffnet im November 2014. Es ist ein Geschenk des britischen Entwicklungsdienstes, und der Bau befindet sich nicht zufällig in der gleichen Straße wie das Finanzministerium und das Büro des Premierministers. Den Architekten ging es um die „symbolische Präsenz des Auditor General im Stadtbild“.18

Um die Logik der Institution zu verstehen, die hinter dieser Glasfassade in vollklimatisierten Räumen arbeitet, ist ein Blick aufs staatliche Budget nötig: Von 1986, als das heutige Regime nach dem Bürgerkrieg die Macht übernahm, bis ins Jahr 2012 kamen zwischen einem Drittel und einer Hälfte des Regierungsbudgets als Kredit oder Zuschuss von den sogenannten Gebern, vor allem von der Weltbank, den USA und Großbritannien, in zunehmendem Maße aber auch von Japan, Deutschland, der EU sowie Dänemark und Norwegen. Die konstanten Korruptionsskandale, die sogar das „Office of the Prime Minister“ erschütterten, haben zur Institutionalisierung – und man könnte sagen, zur Steinwerdung – der Idee der „accountability“ geführt: Der „Auditor General of Government“, dessen Amt auf Druck der Geber geschaffen wurde, ist eine von der Regierung nur noch über den Haushalt abhängige Instanz, die sämtliche öffentlichen Ausgaben Ugandas überprüft. Dreihundert Buchprüfer arbeiten ständig daran, für den Jahresbericht werden zusätzlich internationale Beratungsfirmen wie Ernst & Young angeheuert.19

Sitz des Auditor General of Government, seitlich das Gebäude des MOFPED. (Foto: Klaus Schlichte, März 2016)

Im Innern des Gebäudes herrscht, für Uganda untypisch, fast vollständige Stille. Der gläserne Fahrstuhl gleitet geräuschlos in die Chefetagen, in denen nur Ugander mit Universitätsabschlüssen und Zertifikaten aus dem Ausland arbeiten. Ihre Aufgabe ist es, Zahlen zu prüfen. Die früheren Prinzipien der Bilanz und des Plans finden sich hier als dialektische Synthese wieder, als Übereinstimmung, die zwischen der projektierten Ausgabe und der tatsächlichen herrschen soll. Nur noch um diesen Unterschied geht es, um die Aufdeckung von „unaccounted expenses“. Die Balance von Einnahmen und Ausgaben einer politischen Ökonomie wie noch im Kolonialismus ist nicht mehr die entscheidende Größe. Denn an ein jährliches Budgetdefizit haben sich alle gewöhnt. Es geht in diesem Regierungsmodus auch nicht um die Verwirklichung einer gesellschaftlichen Ordnungsvorstellung, sieht man von den „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen ab, an denen sich formell alle, ugandische und auswärtige Akteure, orientieren.

Die glatte Rationalität, die das „Audit House“ nach außen ausstrahlt und die Kühle, die in seinem Inneren herrscht, sind Ausdruck einer nur noch formalen Rationalität, die als neue Form bürokratischer Herrschaft auch die Teile der Welt erreicht, in denen man sie am wenigsten vermutet.20 Nicht das Gestalten des großen Ganzen, sondern die Prüfung der einzelnen Zahl ist das Ziel eines jeden Bereichs des ugandischen Staates. Sowohl die Definition der relevanten Größen wie die Technik der Prüfung wie die tatsächliche Durchführung erfolgt nach internationalen Schemata, genauso wie der Stil der Architektur vom Ausland geprägt ist.

Innenhalle des „Audit House“. (Foto: Klaus Schlichte, März 2016)

Schluss – Ist die Architektur eine Anatomie der Herrschaft?

Das „Audit House“ ist nicht der einzige Neubau in der Sir Apollo Kaggwa Road, und er ist auch kein Ausdruck westlicher Weltherrschaft. Wie überall sonst auf dem Kontinent ist die Volksrepublik China als Schenkerin und Kreditgeberin auch in Uganda aktiv geworden.21 Gleich gegenüber den drei oben beschriebenen Gebäuden liegt der Sitz des Premierministers, das „Office of the Prime Minister“. Dieses Zwillingshochhaus hat die Volksrepublik China dem ugandischen Staat 2012 auf ihre Kosten gebaut. Auch der Afrikanischen Union (AU) hat China in Addis Abeba einen Hauptsitz für 200 Millionen US-Dollar geschenkt.

Das „Office of the Prime Minister“, Sir Apollo Kaggwa Road, Kampala. (Foto: Klaus Schlichte, März 2016)

Westliche Beobachter, obwohl selbst in die Regierungsgeschäfte Ugandas stark involviert, betrachten diese Aktivitäten mit Argwohn. Nicht alles sei als Geschenk gemeint, und aus den von China gewährten Krediten würden neue Abhängigkeiten erwachsen.22 Die ugandische Regierung hingegen unterstützt den chinesischen Entwicklungsansatz und glaubt an die schon mittelfristig segensreiche Wirkung von „infrastructure“, womit zumeist der Bau von Straßen und Eisenbahnlinien gemeint ist – ganz wie in den Anfangsjahren des britischen Kolonialismus.

Internationale Baufinanzierungen sind vielleicht ein naheliegender Indikator für die Verteilung von Macht und Einfluss. Aber kann die Gestaltung von Regierungsgebäuden Aufschluss über die Anatomie politischer Herrschaft geben? Zwei Argumente legen es nahe, diese Frage zu bejahen.

Erstens: Regierungsgebäuden werden Funktionen zugeschrieben, die nicht alle rein fiktional sind. Der globale Siegeszug bürokratischer Herrschaft drückt sich eben auch in Bürogebäuden aus, die Zwecken dienen und zugleich selbst Teil des Apparats sind. Zwar hat politische Herrschaft auch nicht-stationäre Formen gekannt. Das Reisekönigtum, die Patrouille oder die Inspektoren der Kolonialherrschaft sind Beispiele dafür. Aber in Hauptstädten konzentrieren sich die Dinge nicht ohne Grund in Bürotürmen. Der wichtigste Grund liegt wohl im bürokratischen Charakter politischer Herrschaft, der sich globalisiert hat. Aber Sehen und Gesehenwerden gehört ebenso zu den Funktionen der Architektur wie das Schaffen kurzer Wege für Akten und Menschen, vom internationalen Standard der Repräsentation von politischer Macht durch Architektur einmal ganz zu schweigen. Trotzdem schweigt sich die Herrschaftssoziologie über die Bürogebäude noch aus,23 obwohl das Material so leicht zu finden und weltweit verbreitet ist.24

Zweitens: Die Häuser bilden zusammen Ensembles. Nicht allein die historischen Veränderungen der Regierung werden in den Häusern anschaulich. Auch deren Anordnung zueinander, ihre Orte und ihr Stil sind Teil von Herrschaftsfigurationen, wie Norbert Elias25 am Beispiel des französischen Königshofes gezeigt hat. Selbst wenn die Bauten nur der „Markenbildung“ von Städten dienen26, drückt sich in ihrem Stil, in der Anordnung der Zimmer, in der gesamten Architektur wenigstens eine mehr oder minder explizite Vorstellung politischer Ordnung und Organisation aus.

Gebäude können keine Thesen beweisen. Aber sie sind unverzichtbares Material der Interpretation von gemeintem Sinn: Pierre Bourdieu erkannte das repräsentierende Büro als den Ort der „plena potentia agendi“ und des „sigillum authenticum“.27 Alle hier betrachteten Gebäude sind Orte der Offizialisierung, an denen bestimmte Repräsentationen hergestellt werden – so wie die Gebäude selbst auch etwas zu repräsentieren behaupten, was ohne sie vielleicht gar nicht existierte: politische Herrschaft. “Jedes Haus hat eine Bedeutung”, schrieb der Ethnologe Marcel Mauss.28

Fußnoten

1 Materialien für diesen Text wurden während zweier Forschungsaufenthalte gesammelt, nämlich im Februar 2014 (DFG-Projekt „Policing Africa“) und im März 2016 (Fellowship des Käte-Hamburger-Kollegs, Duisburg). Der Verfasser dankt beiden Einrichtungen und besonders den auskunftsfreudigen UganderInnen. Alex Veit und Thoralf Niehus danke ich für Kommentare zu früheren Versionen.

2 Vgl. Sue Collard, Mission impossible: Les chantiers du President, in: French Cultural Studies 3 (1992), 8, S. 97–132.

3 Bernard Callas, Kampala. La ville et la violence, Paris 1998, S. 34.

4 Äthiopien, die ganze Sahelregion und das südliche Afrika kennen jedoch auch ältere Städte, die an Handelsrouten als Marktplätze oder als Residenzen entstanden. Zur Siedlungsgeschichte Afrikas vgl. Till Förster, Land and Social Order in Middle Africa, in: Manuel Herz /Ingrid Schröder / Hans Focketyn / Julia Jamrozik (Hrsg.), African Modernism: The architecture of independence: Ghana, Senegal, Côte d’Ivoire, Kenya, Zambia, Zürich 2015, S. 615–624. Zur Geschichte und Struktur des vorkolonialen Buganda vgl. Walter Rusch, Klassen und Staat in Buganda vor der Kolonialzeit, Berlin 1975. Das heutige Uganda umfasst weitere Gebiete als dieses ehemalige Königtum.

5 Theodore R. Schatzki, The Site of the Social. A philosophical account of the constitution of social life and change, University Park, PA, 2002.

6 Ob es sich beim „Internationalen Stil“ um einen Stil oder aber um eine Verkürzung einer sozialreformerischen und ästhetischen Bewegung in der Architektur handelt, ist eine offene Frage. Die Bezeichnung geht zurück auf eine Ausstellung im Museum of Modern Art, in der die Kuratoren Philipp C. Johnson und Henry-Russell Hitchcock 1932 Bauten von Le Corbusier, Mies van der Rohe, Walter Gropius, Alvar Aalto und anderen unter diesem Namen zusammenführten und als neuen Stil der Architekturgeschichte ausgaben.

7 Lediglich die USA haben sich in den 1990er-Jahren eine neue Botschaft nach strengsten Sicherheitsstandards in einem weniger begüterten Viertel errichtet. Dem Bedürfnis der US-Amerikaner nach einem breiten Sicherheitsstreifen ist es zuzuschreiben, dass ihre Repräsentanz als einzige abseits des Hügels der Macht in einem ärmeren Stadtviertel liegt. Nun arbeiten die amerikanischen Diplomaten umgeben von „dwellers“, deren Gebäude man als „Architektur ohne Architekten“ beschreibt (Nnamdi Elleh, Perspectives on the architecture of Africa’s underprivileged urban dwellers, in: Social Dynamics 37 [2011], 1, S.43–77, hier S. 67). Amerikanische Diplomaten bezeichnen die Gegend informell als „dump ground“ (Forschungstagebuch des Autors, 11. März 2016).

8 Vgl. Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003.

9 John Hobson, Imperialism. A Study, London 1902.

10 Robert K. Home, Of Planting and Planning: the making of British colonial cities, London 2013, S. 179.

11Gemeint sind die etwa drei Jahrzehnte wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Frankreich als „dreißig glorreiche Jahre“ („trente glorieuses“) bezeichnet werden.

12 Förster, Land and Social Order, S. 620.

13 Interview mit dem „Head of Planning Unit” des MOFPED, 19. Februar 2014, Kampala.

14 Zur chronischen Unzuverlässigkeit afrikanischer Statistiken vgl. Morten Jerven, Poor Numbers. How we are misled by African development statistics and what to do about it, Ithaca, NY, 2013.

15 Interview mit dem „Head of Coordination“ einer westeuropäischen Botschaft, 13. Februar 2014, Kampala.

16 Vgl. Uganda Bureau of Statistics (Hrsg.), Census 2014 Final Results.

17 Alain Desrosières, Die Politik der großen Zahlen. Eine Geschichte der statistischen Denkweise, Berlin 2005, S. 10.

18 Interview mit der EU –Vertretung Kampala, 23. März 2016.

19 Interview mit leitendem Beamten des Auditor General, 24. März 2016, Kampala.

20 Vgl. Álvaro Morcillo Laiz / Klaus Schlichte, Rationality and International Domination: Revisiting Max Weber, in: International Political Sociology 10 (2016), 2, S. 168–184.

21 Vgl. Lloyd G. Adu Amoah, China, architecture and Ghana’s spaces: Concrete signs of a soft Chinese imperium?, in: Journal of African & Asian Studies 51 (2016), 2, S. 238–255.

22 Interview mit EU-Repräsentanten, 23. März 2016, Kampala.

23 Vgl. aber schon C. Wright Mills, White Collar. The American middle class, Oxford 1951.

24 Vgl. Klaus Schlichte, ‚Cubicle Land’ oder die Bürokratisierung der Welt, in: Renate Martinsen (Hrsg.), Ordnungsbildung und Entgrenzung: Politologische Aufklärung, Wiesbaden 2014, S. 175–200.

25Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft : Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie. Mit einer Einleitung "Soziologie und Geschichtswissenschaft", Frankfurt am Main 1990.

26 Vgl. Jens Dangschat, Architektur und soziale Selektivität, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25 (2009), S. 27–33.

27 Pierre Bourdieu, Rede und Antwort, Frankfurt am Main 1992, S. 176.

28 Marcel Mauss, Handbuch der Ethnographie, Stuttgart2013, S. 122.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.