„Demokratie ist Geschichte“

Pierre Rosanvallons Untersuchungen zur modernen Demokratie in praktischer Absicht

Die Verleihung des Niklas-Luhmann-Preises 2016 an Pierre Rosanvallon[1] kommt zur rechten Zeit: Sein neuestes Werk Die gute Regierung ist gerade ins Deutsche übersetzt worden, nachdem in kürzester Zeit drei seiner vorangegangenen Untersuchungen zu den Problemen der Demokratie in unserer heutigen Welt auch hierzulande erschienen waren.[2] Damit ist die Gedankenwelt eines der originellsten Theoretiker und Historiker der modernen westlichen Demokratie auch für Deutschsprachige endlich zugänglich. Seit 2002 lehrt Pierre Rosanvallon als Professor für die moderne Geschichte und Theorie des Politischen am Collège de France und verbindet so ein genuin historisches Forschungsvorhaben mit einem dezidiert gegenwartsorientierten Theorieprogramm. Damit steht er in einer langen Tradition disziplinsprengender intellektueller Projekte, die ihre institutionelle Verankerung sowie vor allem ihre akademische Freiheit und Unabhängigkeit im prestigeträchtigen Collège de France gefunden haben.

Pierre Rosanvallon gehört zugleich auch in jene illustre Reihe politischer Denker wie François Guizot oder Alexis de Tocqueville, die Verantwortung in der Politik mit deren wissenschaftlicher Reflexion verbinden. Rosanvallon, Jahrgang 1948, erlebte als junger Student den Mai 1968 und engagierte sich wie viele Linkskatholiken seiner Generation für eine radikaldemokratische Erneuerung der Politik und Gesellschaft Frankreichs. Konkret machte er als junger Intellektueller Karriere im Führungsstab der Confédération française démocratique du travail (CFDT), die sich gerade von einem christlichen zu einem linksunabhängigen Gewerkschaftsbund entwickelt hatte.

Die Auseinandersetzung um das totalitäre Erbe des Kommunismus innerhalb der sozialistischen Linken brachte ihn in Kontakt mit François Furet. Mit ihm arbeitete er in der Fondation Saint Simon zusammen, einer Art think tank der antikommunistischen Linken und Liberalen. Eine Dozentur an der École des hautes études en sciences sociales ermöglichte Rosanvallon den Einstieg in die akademische Welt, woraufhin seine Karriere 2002 mit seiner Wahl ins Collège de France gekrönt wurde. Seinem Interesse an gegenwärtiger Politik ist er aber treu geblieben, und so leitet er als Präsident das Internetportal und Diskussionsforum La République des Idées – eines der wichtigsten Foren für aktuelle Fragen zu Gesellschaft, Politik und Geschichte in Frankreich.

Pierre Rosanvallon hat sich nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik mit beeindruckender Beharrlichkeit einer zentralen Fragestellung gewidmet. Alle seine Untersuchungen kreisen um das Problem der „Demokratie“ als der dominanten, letztlich allein legitimen Form politischer Herrschaft in der Moderne. Demokratie ist für ihn die Form politischer Willensbildung, in der die Grundspannungen moderner Gesellschaften und deren Entwicklungsdynamik adäquat ausgestaltet werden können. Sie ist Ort par excellence der Geschichte, offen für Scheitern und gefährliche Pathologien, aber auch voller Experimente und erfolgreicher Lernprozesse. Die Geschichte Frankreichs und in vergleichender Perspektive der USA, später dann auch der anderen westlichen Nationen, bilden die konkreten Untersuchungsfelder, auf denen er die Widersprüche und Dynamiken dieser Herrschaftsform analysiert.

Rosanvallon schreibt die Geschichte der Demokratie nicht als Erfolgsgeschichte, sondern begreift sie als eine Problemgeschichte. Sie werde strukturiert durch eine Reihe von Grundspannungen, deren Dynamik ihre wechselnden Geschicke vorantreibe. Weder für die programmatischen Ansprüche von Freiheit und Gleichheit lassen sich ihm zufolge einfache Lösungen finden, noch für die Ausgestaltung demokratischer Herrschaft im Namen und Auftrag des einen Volkes, das zugleich eine Ansammlung höchst unterschiedlicher und miteinander konkurrierender Individuen und Kollektive ist. Kurz: Weder das intellektuelle noch das gesellschaftliche Fundament der modernen Demokratie hält Rosanvallon für fest gefügt, und die Beziehungen zwischen den demokratischen Institutionen und der Gesellschaft bedürften der ständigen Reflexion und Nachjustierung.

Demokratie ist Geschichte – dieser provokative Satz enthält das ganze Theorieprogramm Pierre Rosanvallons. Gerade die Instabilität der 1789 geschaffenen neuen politischen Ordnung macht Frankreich zu einem so spannenden Erfahrungsraum, ja zu einem Laboratorium der modernen Demokratie schlechthin. Die Geschichte der französischen Demokratie, von deren Sprache, Begriffen, Institutionen, aber auch deren großen wie fatalen Ereignissen hat er in einer Serie von Studien als exemplarische Problemgeschichte der modernen Demokratie neu gedeutet. Damit macht er sie auch für die Bewältigung unserer Gegenwartsprobleme fruchtbar. Dem ahistorisch-abstrakten Gestus deutscher und angelsächsischer Demokratietheorien setzt er die historisch fundierte Reflexion demokratischer Praxis und praxisorientierter Normen und Leitbegriffe entgegen.

Rosanvallons Weg durch die Geschichte der französischen Demokratie führt zu drei Schlüsselthemen: allgemeines Wahlrecht, Volkssouveranität und institutionelle Ausgestaltung demokratischer Repräsentation. Die Titel seiner drei Klassiker formulieren bereits die zentralen Befunde: „le sacre du citoyen“ (die Inthronisierung des Wahlbürgers), „le peuple introuvable“ (das unauffindbare Volk) und „la démocratie inachévée“ (die unvollendete Demokratie).[3] Was ist das Verdienst dieser Trilogie? Sicherlich eröffnet sie einen neuen Blick auf die französische Demokratietradition mit ihren Besonderheiten, Risiken und Stärken. Die Mühen und Umwege auf dem Weg zur „démocratie moyenne“ oder „imparfaite“ der Dritten Republik am Ende des 19. Jahrhunderts werden in den drei Bänden sorgfältig analysiert, aber zugleich auch als quasi notwendige Risiken moderner Demokratieentwicklung universalisiert.

Rosanvallon teilt nicht den blinden Glauben vieler westlicher Demokratietheoretiker an die universelle Heilkraft des gemäßigten (englischen oder amerikanischen) Liberalismus als ‚Normalweg‘ oder ‚best practice‘ westlicher Demokratien. In beiden Fällen sieht er unübertragbare Besonderheiten und Zufälle am Spiel, und er hält den doktrinären Wirtschaftsliberalismus mit seiner Marktutopie für ein ähnlich gefährliches Gedankenexperiment der Moderne wie die identitären Demokratietheorien mit ihren totalitären Gefährdungen. Beide Ansätze verhindern die Entfaltung jener institutionellen Phantasie. Letztere war, so das wiederkehrende Argument in Rosanvallons konkreten Fallstudien, immer in der politischen Ideenwelt vorhanden, um konkrete Instanzen für die Partizipation und Repräsentation der ökonomisch oder sozial schwachen Interessengruppen, für den Schutz der Minderheiten und die Sicherung der Menschenrechte jenseits der etablierten Verfassungsinstanzen zu etablieren. Seine Ideengeschichte der französischen Demokratie enthält zugleich auch ein Plädoyer für ein sozialgeschichtlich erweitertes Verfassungsverständnis moderner Demokratien.

Mit dem demokratischen Verwaltungs- und Sozialstaat nimmt der Autor zwei Konfigurationen moderner westlicher Demokratien in den Blick, die vor allem zwischen 1880 und 1980 einen enormen Aufschwung erlebt haben. Deren Geschichte hat Rosanvallon parallel zu seiner Arbeit an der Problemtrilogie bis zurück ins 19. Jahrhundert verfolgt. In einer atemberaubend produktiven Schaffensphase hat er so ein vielbändiges Gesamtwerk zur Entwicklung demokratischer Ideen und Institutionen in Frankreich vorgelegt, das zusammengenommen so etwas wie die reflektierte Erfahrungsgeschichte des demokratischen Experiments in Frankreich seit 1789 darstellt. Kein Historiker oder Politikwissenschaftler, der etwas über die Grundprobleme und langfristigen Prägungen aktueller Strukturen der französischen Politik erfahren will, kommt an diesem Werk vorbei.

Direkt im Anschluss an seine Studien zur Problem- und Begriffsgeschichte der französischen Demokratie hat Rosanvallon Untersuchungen zu Problemlagen und Formwandel der aktuellen Demokratien im Westen in Angriff genommen. Der Untersuchungsgegenstand ist eigentlich derselbe, doch die Auswahl der konkreten Objekte erfolgt anders: Der Autor weitet den Blick und bezieht die politischen Entwicklungen in vielen Demokratien unserer Gegenwart mit ein, betrachtet aber immer wieder die amerikanischen, britischen und französischen Erfahrungen der Vergangenheit, um die Krise der gegenwärtigen Demokratie besser analysieren und vor allem überzeugendere Korrekturen bzw. Verbesserungen vorschlagen zu können. Wie viele andere Sozial- und Politiktheoretiker sieht auch Rosanvallon in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Umbruchphase. Die Dynamik, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Ausgestaltung der westlichen Demokratien in ihrer typischen Kombination von parlamentarischer Verfassungsordnung, Rechtsstaat, einer starken öffentlichen Verwaltung und einem kostenintensiven Wohlfahrtsstaat geführt habe, sei verebbt, woraufhin sich ganz neue Konstellationen im Verhältnis von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik abzeichnen würden.

Rosanvallon geht es in den vier Büchern, die er bislang dem krisenhaften Wandel der westlichen Demokratien in der Gegenwart gewidmet hat, darum, Auswege aus den Ernüchterungen und Enttäuschungserfahrungen mit den etablierten Institutionen parlamentarischer Demokratie aufzuzeigen. Zu diesem Zweck müssten die bereits erkennbaren Muster von Bürgerkritik, Protest, unabhängiger Kontrolle und zivilgesellschaftlicher Gegenmacht institutionell gebändigt und zur Stärkung der demokratischen Ordnung genutzt werden. Wiederum sieht er Chancen und Risiken dicht nebeneinanderliegen. Das größte Risiko besteht für Rosanvallon eindeutig darin, dass das nachlassende Vertrauen der Bürger in die Institutionen der Demokratie die Abwendung von der Politik überhaupt nach sich ziehen könne, sodass dem Politischen als Gestaltungsmittel und Konfliktarena der modernen Gesellschaften in Zukunft immer weniger Bedeutung zukäme. Damit würden die Eigengesetzlichkeiten von Wirtschaft und Gesellschaft ungebremst wirken; die demokratischen Werte nähmen Schaden.

Gegen eine minimalistische Definition der modernen Demokratie aus liberaler Skepsis heraus setzt Rosanvallon den Impetus der Demokratieerweiterung. In Contre-démocratie[4] zum Beispiel erstellt er ein Repertoire der Formen, in denen Machtträger kontrolliert, die Rechte von Minderheiten und Einzelnen geschützt und die Unabhängigkeit von (politischen) Entscheidungen gesichert werden können. Politics in the age of distrust lautet der programmatische Untertitel der englischen Ausgabe. Er drückt klarer als der bewusst ambivalente Titel „Gegen-Demokratie“ aus, worum es geht: darum, institutionelle Formen zu finden, in denen sich das Misstrauen der Bürger gegen die von ihnen selbst gewählten, legitimierten Machtträger und Institutionen artikulieren kann. Die demokratische Grundfigur des „Volkes“ manifestiere sich, so Rosanvallon, in den drei „Figuren des Wächter-Volkes, des Veto-Volkes und des Richter-Volkes“ (Letzteres bilde den „Kontrapunkt zu der des verdrosseneren „Wähler-Volkes“).

Um geeignete institutionelle Formen zu finden, analysiert er ältere Kontrollinstanzen samt deren Rezeption in der politischen Theorie und Praxis seit der Aufklärung. Die Etablierung von Vetopositionen sowie die Stärkung der symbolischen Sichtbarkeit politischer Entscheidungen erscheinen ihm als mögliche Auswege aus der Spirale schwindenden Vertrauens in die demokratischen Institutionen und deren Gestaltungskraft. So sieht er kein anderes Mittel, das Politische zu stärken, als den Einbau aktueller Formen der Bürgerkontrolle, der unabhängigen richterlichen Überprüfung politischer und administrativer Entscheidungen und Amtsträger in die demokratischen Verfassungen.

Das zweite Buch Demokratische Legitimität“ entfaltet das Theorieprogramm einer zeitgemäßen Legitimation westlicher Demokratien, nachdem deren etablierte Begründungsfiguren wie ‚Volkssouveränität‘ und ‚Mehrheitswille‘ an Geltung verloren haben. Die Begründungsfigur, der zufolge demokratische Ordnung auf dem Verfahren der Mehrheitsentscheidung beruht, glaubt Rosanvallon erweitern zu müssen durch das Prinzip der Allgemeinheit, die konkret auf die Herstellung eines Konsenses ziele. Drei Elemente sollen dieser doppelten Legitimität demokratischer Ordnung konkrete Gestalt und damit institutionelle Absicherung geben: Unparteilichkeit, Reflexivität und Nähe.

Für alle drei Aspekte einer derart erweiterten und komplizierteren Legitimität von Demokratie liefert Rosanvallon in seiner Studie Beispiele: Die Unparteilichkeit sieht er historisch fundiert in den vielfältigen Bemühungen der Demokratien, die Verwaltungsmaschinerien des Staates mit dem Ethos des Allgemeinwohls und eines überparteilichen Dienstes zu durchdringen. Den zweiten, Aspekt der Reflexivität verortet Rosanvallon in Verfassungsgerichten und Instituten der Normenkontrolle, welche über die Einhaltung der Verfassungsregeln wachen, faktisch aber auch an der Weiterentwicklung der Verfassungsordnung beteiligt sind. Fundamentale Voraussetzung für die Wirksamkeit dieser Instanzen ist die Unabhängigkeit der Verfassungsrichter von den parlamentarischen Mehrheiten. ‚Bürgernähe‘ bildet die dritte Säule einer zeitgemäßen demokratischen Ordnung. Unter letzteren Begriff subsumiert er die vielfältigen Beiträge, welche die öffentliche Anerkennung von Partikularität und Anteilnahme für individuelle Situationen als immer stärker eingeforderte Kompetenz der Politik und von Politikern einfordern. Demokratische Institutionen stehen für Rosanvallon in der Pflicht, durch Präsenz und Nähe ihre Anteilnahme am Leben der Bürger nachvollziehbar zu machen.

Alle drei Formen der Legitimität verschieben und erweitern aus seiner Sicht den Horizont der westlichen Demokratie. Er plädiert für eine ‚Aneignungsdemokratie‘, welche das Ideal der Identifikation der Regierten mit den Regierenden überwindet, indem sie die Notwendigkeit einer Distanz zwischen Regierenden und Regierten akzeptiert, aber Schutz und Beteiligung der Bürger systematisch fördert. Die Ausweitung der Sphäre des Politischen statt einem Rückzug ins Unpolitische bleibt für Rosanvallon das Gebot der Stunde. Dass diese Stunde auch gesellschaftlich für die Demokratie keineswegs günstig ist, macht er in seinem dritten Buch Die Gesellschaft der Gleichen deutlich.

Darin analysiert er zwei prägende Phasen der westlichen Demokratie, die er als politische Organisationsform von Gesellschaften gleicher Individuen begreift. Während die Amerikanische und die Französische Revolution ihre demokratische Ordnung auf der Utopie einer Gesellschaft gleichberechtigter, weil wirtschaftlich hinreichend ähnlicher, vor allem jedoch selbständiger Individuen begründet hätten, basierten die westlichen Demokratien des 20. Jahrhunderts auf dem Prinzip einer politischen wie sozialen Egalisierung ökonomisch höchst ungleich gewordener Bürger durch Sozial- und Steuerpolitik. Das „Jahrhundert der Umverteilung“ in den sozialliberalen und sozialdemokratischen Wohlfahrtsdemokratien sei jedoch auf eine Phase gefolgt, in der sich die Ideale der egalitären Bürgergesellschaften des späten 18. Jahrhunderts im Zuge der kapitalistischen Dynamik als Illusionen herausgestellt hätten. Besagte „Pathologien der Gleichheit“ (eher der Ungleichheit) hatten weitreichende Folgen für die Demokratie des 19. Jahrhunderts: Die Klassenspaltung der Gesellschaften entzog ihr die sozialen Voraussetzungen. Mit der kommunistischen Gegenutopie, dem nationalistischen Protektionismus und dem Rassismus entstanden zudem starke politische Gegenströmungen, welche die liberal-demokratische Ordnung herausforderten und delegitimierten. Die „Gesellschaft der Gleichen“ ist – so Rosanvallons Schlussfolgerung – seit den Umbrüchen ab 1980 dabei, sich neu zu erfinden.

Die alten Logiken der Umverteilung und des Ausgleichs ökonomisch-sozialer Ungleichheit durch den bürokratischen Wohlfahrtsstaat greifen nicht mehr, denn sie sind politisch so delegitimiert wie ökonomisch unrealistisch. Stattdessen entwirft er ein Modell einer künftigen demokratischen Gesellschaft der Gleichen. Zum Ausgangspunkt seiner Neubestimmung demokratischer Gleichheit macht er die Abkehr von einer eng verstandenen statischen Umverteilungsgleichheit und deren Neubegründung als Qualität der Beziehungen zwischen Individuen beziehungsweise Bürgern. Sie beruhe auf der Anerkennung gesellschaftlicher Ungleichheit und Heterogenität, weshalb Gleichheit für Rosanvallon eine „demokratische Eigenschaft“ und nicht bloßes „Maß der Wohlstandsverteilung“ ist. Als sie stützende Pfeiler nennt er die Kategorien Singularität, Reziprozität und Kommunalität. Alle drei Begriffe bündeln Einzelaspekte von Maßnahmen und Bewegungen, die sich gegen die dominanten Prozesse wachsender Ungleichheit von Einkommens- und Lebenslagen sowie von wachsender kultureller und sozialer Segregation richten.

In seinem jüngsten Buch Die gute Regierung stellt er eine historische Reflexion über Formwandel und Rollenwechsel der Exekutive in der modernen Demokratie an. Angesichts des unaufhaltbaren Aufstiegs präsidialer Führerschaft sowie der Dominanz der Exekutive plädiert Rosanvallon für eine fortlaufende Regulierung der Machtausübung. Dabei fordert er auch neue Formen institutioneller Absicherung für all das, was seines Erachtens gutes Regieren in der Demokratie ausmacht: Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen, Verantwortlichkeit der Regierenden, Aufmerksamkeit für Probleme und Sorgen der Bürger. Dieser Fürstenspiegel für ein neues bürgernahes Regieren in der Demokratie liest sich wie das Programm einer gar nicht so kleinen demokratischen Revolution.

Das Œuvre Pierre Rosanvallons ist gekennzeichnet durch große programmatische Stringenz und eine ebenso große Leidenschaft für den Gegenstand. Normative Theorie und historische Analyse gehen dabei eine ganz enge Verbindung ein. Dies ist sowohl für die gegenwärtige englischsprachige als auch für die deutsche Debatte ungewöhnlich. Unverkennbar stammt sein Ansatz aus dem französischen Argumentationsraum, in dem seit dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte und deren Interpretation eine immer größere Relevanz für die Gesellschaftstheorie erlangt hat. Mit Raymond Aron ist der erste Vertreter einer solchen geschichtstheoretisch fundierten Reflexion genannt. Schließlich hat der Aufstieg des Marxismus zum ‚intellektuellen Horizont‘ der französischen Intellektuellen zwischen 1945 und 1975 eine geschichtsphilosophische Großtheorie in den Argumentationsraum der Demokratiedebatten gestellt, deren Überwindung ihrerseits eine Beschäftigung mit der Geschichte nötig machte.

Wichtige Inspirationsquellen waren mit Claude Lefort und Cornelius Castoriadis zwei Theoretiker, deren Denken ganz wesentlich durch das dialektische Entwicklungsdenken des 19. Jahrhundert (voran Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx) beeinflusst worden war. Für Rosanvallons politisches Denken sind sie insofern von ausschlaggebender Bedeutung, als sie erstens das Problem ‚totalitärer Entgleisung‘ ernst nahmen und als Herausforderung für eine linke Demokratietheorie identifiziert hatten. Zweitens haben sie eine Institutionentheorie entworfen, welche die Spannung zwischen der organisatorisch-funktionalen und der ideell-symbolischen Dimension von Institutionen in den Mittelpunkt rückte und als zwangsläufig ergebnisoffene Dynamik moderner Gesellschaften identifizierte.

Mit Pierre Rosanvallon ehrt die Universität Bielefeld einen der profiliertesten Vertreter eines historisch-sozialwissenschaftlichen Denkstils, der in der Tradition Max Webers steht. Für ihn sind die Sozialwissenschaften wie auch die Geschichte Wirklichkeitswissenschaften, deren Kerngeschäft in der gedanklichen Durchdringung und kritischen Reflexion konkreter Problemlagen unserer Welt liegt, nicht aber in der Entwicklung universaler Großtheorien. Es geht ihm darum, die Wege zwischen historischer Reflexion, theoretischer Verallgemeinerung und praktischem Handeln kurz zu halten. Sein Werk bietet programmatisch eingreifendes Denken auf der Grundlage historischer Reflexion.

Mit Pierre Rosanvallon wird darüber hinaus ein Denker geehrt, der ein klares Bekenntnis zu politischem Meinungsstreit als Essenz demokratischer Politik ablegt. Sie bleibt für ihn die einzig angemessene Form, in der die Zielspannungen unserer modernen Gesellschaften zwischen Freiheit und Gleichheit, zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Wissen und Betroffenheit in angemessener Form ausgetragen werden können. Eine Entpolitisierung und Verlagerung dieser Konflikte in wohlgeordnete liberale governance-Verfahren unter Beteiligung informierter und interessierter Kreise sei kein Ausweg. Demokratie bleibt deshalb für ihn die beste aller notwendigerweise unvollkommenen Formen von Machtausübung und Herrschaft. Gleichwohl sei sie belastet mit den größten Risiken und anfällig Missbrauch und Fehlentwicklungen.

Pierre Rosanvallon nimmt seinen Leser immer als Bürger und als zoon politikon ernst. Als politische Tiere sind wir zuweilen auch ratlos angesichts der von ihm kühl analysierten Risiken und Abgründe, aber immer kundiger als vorher. Womöglich werden wir der letzten Gewissheiten einfacher demokratischer Glaubenssätze beraubt, erhalten aber klare Aufforderungen zum eingreifenden Handeln. Demokratie ist für ihn und für uns nicht nur Geschichte, sondern auch – ob wir wollen oder nicht – unsere Zukunft. Darüber, wie wir sie gestalten können, kann man bei Pierre Rosanvallon viel lernen – und dann gern mit ihm darüber streiten. „So ist das halt in der Moderne“, würde skeptisch lächelnd selbst ein Niklas Luhmann zustimmen.

Fußnoten

[1] Pierre Rosanvallon, Die gute Regierung, übers. von Michael Halfbrodt, Hamburg 2016 (Original: Le Bon Gouvernement, Paris 2015); ders., Die Gesellschaft der Gleichen, übers. von Michael Halfbrodt, Hamburg 2013 (Original: La Société des Egaux, Paris 2011); ders., Das Parlament der Unsichtbaren, übers. von Jessica Beer und Irene Jancsy, Wien 2015 (Original: Le parlement des invisibles, Paris 2014); ders., Demokratische Legitimität. Unparteilichkeit – Reflexivität – Nähe, übers. von Thomas Laugstien, Hamburg 2010 (Original: La Légitimité démocratique. Impartialité, réflexivité, proximité, Paris 2008).

[2] Dieser Beitrag beruht auf der Laudatio, die Lutz Raphael anlässlich der Verleihung des Bielefelder Wissenschaftspreises an Pierre Rosanvallon am 15. November 2016 gehalten hat.

[3] Pierre Rosanvallon, Le Sacre du citoyen. Histoire du suffrage universel en France, Paris 1992; ders., Le Peuple introuvable. Histoire de la représentation démocratique en France, Paris 1998; und ders., La Démocratie inachevée. Histoire de la souveraineté du peuple en France, Paris 2000.

[4] Pierre Rosanvallon, La contre-démocratie. La politique à l’âge de la défiance, Paris 2006.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.