Grenzverhältnisse

Vom „Umzug ins Offene“ zum „Rückzug ins Geschlossene“?

Erinnern Sie sich noch? 1998 fand in Freiburg ein Soziologiekongress mit dem Titel: „Grenzenlose Gesellschaft?“ statt. Achtzehn Jahre später gibt sich der Bamberger Soziologiekongress1 das Thema „Geschlossene Gesellschaften“. Angesichts dieser beiden thematischen Entscheidungen liegt der Schluss nahe, dass wir eine Entwicklung zu verzeichnen haben, die uns von einer offenen Gesellschaft in eine geschlossene Gesellschaft zurückführt. Allerdings war man sich bei der Rede von einer grenzenlosen Gesellschaft offenbar nicht sicher und versah das Thema deshalb mit einem Fragezeichen. Der Rückzug ins Geschlossene scheint dagegen unstrittig. Auf ein Fragezeichen haben die Programmgestalter jedenfalls verzichtet.

Ich werde im Folgenden argumentieren, dass wir es trotz des an die grenzenlose Gesellschaft angebrachten Fragezeichens mit einem überaus wirkmächtigen Diskurs zu tun haben, der über viele Jahre den Takt der Debatte vorgegeben hat und auch heute noch keineswegs verhallt ist. Darüber hinaus gilt es zu zeigen, dass eine Fülle von Anzeichen für den Trend zu geschlossenen Gesellschaften existieren, wir aber gut beraten wären, auch hinter diese Diagnose ein Fragezeichen zu setzen. Denn zwar haben wir es mit einer kaum übersehbaren Wiederkehr von Grenzbefestigungen und Grenzkontrollen zu tun – und zwar weltweit. Dennoch scheint es bisher keineswegs ausgemacht, dass damit alle in den vergangen Jahren bereits erreichten Öffnungen wieder rückgängig gemacht werden können. Meine These ist, dass wir es insgesamt eher mit einer Gemengelage aus Öffnungen und Schließungen zu tun haben. Gerade deshalb drängt sich das Thema Grenzen wieder so hartnäckig auf, sind diese doch für die Organisation von Öffnungs- und Schließungsprozessen zuständig.2

Umzug ins Offene?3

Der Begriff Globalisierung teilt uns vor allem anderen mit, dass die Grenzen fallen. Grenzen gelten im Globalisierungsdiskurs überwiegend als unerwünschtes Hindernis, das aus dem Weg geräumt werden muss, damit Geld- und Warenströme ungehindert fließen können. Grenzen werden in diesem Kontext folglich ausschließlich als lästige Hürden und Blockaden wahrgenommen, die der Durchsetzung einer ungehinderten Mobilität im Weg stehen. In vielen prominenten soziologischen Konzepten findet sich die Vorstellung von der ungehinderten Bewegung der Waren-, Kapital- und Menschenströme über alle Grenzen hinweg, die zu einer umfassenden Entterritorialisierung und Entgrenzung der Gesellschaft führen sollte: In Zygmunt Baumans4 behauptetem Übergang von der festen zur flüssigen Moderne, in Manuel Castells‘5 These von der Verdrängung des space of places zugunsten des space of flows ebenso wie in Ulrich Becks6 Überlegungen zum Kosmopolitismus wird Globalisierung in erster Linie als Entterritorialisierungs- und Entgrenzungsprozess gedacht. Wo Bewegung, Dynamik, das Fließen und die Auflösung alles Festen für ein Charakteristikum der Gegenwartsgesellschaft gehalten wird, scheint für Grenzen kein Platz mehr zu sein. Aus dieser Perspektive muten Grenzen wie ein Überbleibsel einer überwundenen Stufe gesellschaftlicher Entwicklung an. Schon 1990 wurde dementsprechend eine „Borderless World“7 in Aussicht gestellt, und noch im Jahr 2000 ist von „Vanishing Borders“8 die Rede.

Nun ist es keineswegs so, als hätte es keine empirischen Grundlagen für Thesen dieser Art gegeben. Vielmehr lassen Letztere sich als Reaktionen auf gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen verstehen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Vorstellung von einer Welt ohne Grenzen beflügelten. Der Fall der Berliner Mauer, der Untergang der Sowjetunion und das Ende des Ost-West-Gegensatzes, gedeutet als „Ende der Geschichte“9, ließen die Aussicht auf eine grenzenlose Welt ebenso in greifbare Nähe rücken wie die Ausbreitung des Internet. Den Bedeutungsverlust der Grenzen hielt man zudem deshalb für plausibel, weil Nationalstaaten es zunehmend mit Herausforderungen zu tun bekamen, die sich von territorialen Grenzkontrollen nicht aufhalten lassen: dem Ozonloch, radioaktiven Wolken nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, neuen Krankheiten und Seuchen usw. Unter dem Eindruck der atomaren Aufrüstung und der Gefahr radioaktiver Niederschläge hatte Günter Anders schon 1979 von der „Antiquiertheit der Grenze“ gesprochen und damit einen wichtigen Anstoß für die sieben Jahre später erschienene Risikogesellschaft geliefert.10

Da spätestens seit der Etablierung der Nationalstaaten die Souveränität eines Staates u.a. an der Verfügungsgewalt über seine Grenzen gemessen wird, leiteten viele aus den grenzüberschreitenden Prozessen eine Schwächung und Krise ab, die Martin Albrow gar kurzerhand von einem „Abschied vom Nationalstaat“11 und Martin van Creveld von einem „Untergang des Staates“12 sprechen ließen. Auch bei Jürgen Habermas heißt es: „Gegenüber der territorialen Verankerung des Nationalstaats beschwört der Ausdruck ‚Globalisierung‘ das Bild von anschwellenden Flüssen, die die Grenzkontrollen unterspülen und das nationale Gebäude zum Einsturz bringen können. Die neue Relevanz von Fließgrößen signalisiert die Verschiebung der Kontrollen aus der Raum- in die Zeitdimension. Die Verlagerung der Gewichte vom ‚Beherrscher des Territoriums‘ zum ‚Meister der Geschwindigkeit‘ scheint den Nationalstaat zu entmachten.“13 Für Habermas ist das ebenfalls Grund genug, um von einer „postnationalen Konstellation“ zu sprechen. In einer solchen auf Bewegung und Geschwindigkeit ausgerichteten Welt, die ständig im Fluss ist, Mobilität zu einem Wert an sich erhebt und „Grenzverletzer“14 wie den Nomaden oder den Hacker zu vorherrschenden Sozialfiguren aufsteigen lässt15, in einer solchen Welt scheinen Grenzen in der Tat zunehmend überflüssig zu werden.

Denn was ist eine Grenze anderes als eine Einrichtung, die Bewegung aufhält, Mobilität reguliert und den Zugang zu bestimmten Orten erschwert? Ob nun Mauer, Zaun oder Schlagbaum: Sie alle sorgen für die Unterbrechung von Bewegung. Es stimmt schon, Grenzen sagen zugleich: „Halt und geh weiter!“, wie Peter Sloterdijk formuliert.16 Soziologisch entscheidend ist aber gerade, dass sie zu den einen „Halt!“ und zu den anderen „Geh weiter!“ sagt. Aber selbst diejenigen, die weiterdürfen, werden erst einmal aufgehalten, weil zunächst zu klären ist, wem Einlass gewährt und wer abgewiesen werden kann. Pässe müssen überprüft, Visa ausgestellt, Personen kontrolliert werden. Das aber kostet Zeit – und verschlingt damit genau dasjenige Gut, das in der beschleunigten Moderne am knappsten zu sein scheint.17 Und so ist es nur plausibel, dass der Grenze in immer neuen Entwürfen des globalen Zeitalters ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Wie erfolgreich die Rede von der Auflösung der Grenzen war und wie sehr sie sich zu einem feststehenden Topos der Globalisierungsdiskussion entwickelt hat, lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, dass die Grenze im 2009 erschienenen Lexikon der verschwundenen Dinge18 einen Eintrag erhalten hat – neben der Compact-Cassette, dem Mofa und der Telefonzelle. Die Grenze als Auslaufmodell. Welch ein Irrtum!

Rückzug ins Geschlossene?

Inzwischen lässt sich kaum mehr bestreiten, dass sich das Versprechen einer grenzenlosen Weltgesellschaft keineswegs erfüllt hat. Der Traum von der immerwährenden Mobilität währte nur kurz. Statt des angekündigten Abbaus von Barrieren müssen wir heute die weltweite Zunahme von befestigten Grenzanlagen zur Kenntnis nehmen. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, dass wir es sowohl mit einem Fortbestehen und einem Ausbau bereits bestehender Grenzanlagen als auch mit neu errichteten Grenzen zu tun haben: So verläuft zwischen Nord- und Südkorea nach wie vor ein „eiserner Vorhang“; die USA versuchen sich vor illegalen Einwanderern an der Grenze zu Mexiko mit einem über 3.000 Kilometer langen Grenzzaun zu schützen, der permanent weiter verstärkt wird; die Israelis errichten eine Sperranlage zwischen dem von ihnen beanspruchten Land und den Gebieten der Palästinenser; ein meterhoher Zaun trennt Indien von Bangladesch. Europa wiederum rüstet – in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko etwa – seine Außengrenzen derart massiv auf, dass Europa aus der Perspektive von Flüchtlingen immer mehr wie eine uneinnehmbare Festung wahrgenommen wird, in die sie gleichwohl verzweifelt zu gelangen versuchen.19

Hinzu kommen in jüngster Zeit die hastig errichteten Grenzanlagen innerhalb Europas als Reaktion auf den unerwartet großen Ansturm von Flüchtlingen: Mazedonien baut einen Grenzzaun zu Griechenland, Slowenien zu Kroatien, Ungarn zu Serbien und Kroatien, Griechenland zur Türkei – und in Calais wird derzeit ebenfalls ein Zaun errichtet, um die im sogenannten „Dschungel“ campierenden Flüchtlinge an einer Weiterfahrt nach Großbritannien zu hindern.

Nimmt man zur neuen Präsenz der Grenzen in Europa den Umstand hinzu, dass im Zuge des Ausbaus der Grenzanlage zwischen den USA und Mexiko plötzlich auch die bis dahin als völlig unproblematisch geltende Grenze zu Kanada ebenfalls hochgerüstet wird, in Israel neben dem weiteren Ausbau der Sperranlagen gegenüber Palästina auch die gegenüber Ägypten ausgebaut werden soll und in Indien neben der Grenze zu Bangladesch auch an einer zu Pakistan gebaut wird, dann ließe sich insgesamt ein wahrer Ansteckungsprozess diagnostizieren, in dessen Verlauf die Grenzbefestigungen an einem Ort zu weiteren Grenzbefestigungen an anderen Orten führen.

Das wäre insofern paradox, als die „Ansteckungen“20, von denen üblicherweise in der Literatur die Rede ist, sich auf grenzüberschreitende Prozesse beziehen. Was aber, wenn sich auch die begrenzenden Kräfte auf diese Weise ausbreiten? Angefacht und getragen wird dieser Prozess offenbar von der kursierenden Angst vor vorhandenen oder imaginierten Bedrohungen. Unterstützung erhält er durch die Sicherheitsindustrie bzw. „Verschlussindustrie“21, die weltweit enorme Gewinne einfährt. Der Aufbau und der Unterhalt von Grenzbefestigungen ist ein Milliardengeschäft! Schätzungen zufolge hat die Privatwirtschaft bereits vier Milliarden Dollar mit dem Schutz der EU-Grenze verdient.22 Die an diesem Geschäft beteiligte Berliner Firma rotec wirbt auf ihrer Homepage beispielsweise mit NATO-Stacheldraht als „Sicherheit von der Rolle“.

Die neue Ungeniertheit, mit der weltweit gerade der Stacheldraht wieder zum Einsatz gelangt, ist schon deshalb bemerkenswert, da er als das Symbol für Unterdrückung, Konzentrationslager und Folter gilt. In seiner Politischen Geschichte des Stacheldrahts (2000) schreibt Olivier Razac: „Selbst in den Auffanglagern wird versucht, so wenig wie möglich Stacheldraht zu verwenden, und er wird wahrscheinlich bald ganz verschwinden. Denn seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Image des Stacheldrahts nicht verbessert.“23 Kommt trotz dieses negativen Images Stacheldraht weltweit wieder verstärkt zum Einsatz, so muss man darin wohl einen radikalen – wenn auch letztlich hilflosen – Versuch erkennen, das bereits erreichte Maß an Offenheit mit Schließung zu beantworten.

Da die diffusen Ängste vor den Auswirkungen der Globalisierung mit den Flüchtlingen ein Gesicht bekommen, konzentrieren sich die Abwehrversuche gegenüber allem Fremden aktuell vor allem auf sie. Das Aufrüsten der Grenze wie etwa in Ungarn hat dabei zweifellos auch eine symbolische Botschaft, die nicht nur an die Flüchtlinge, sondern auch an die eigene Bevölkerung adressiert ist. Während sie den Flüchtlingen vermittelt, nicht erwünscht zu sein, verschafft sie der eigenen Bevölkerung ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Mit den martialisch wirkenden Sperranlagen kann einer verunsicherten und ängstlichen Bevölkerung zudem demonstriert werden, dass hier ein starker Staat am Werke ist, der zum entschlossenen Handeln in der Lage ist und sich auch gegenüber kritischen Stimmen von Bündnispartnern zu behaupten weiß. Eine solche Machtdemonstration soll vom Gefühl der Ohnmacht in zahllosen anderen Fragen ablenken.

Sichtbare und unsichtbare Grenzen

Hätten wir es allein mit dieser Wiederkehr der aus Mauern und Stacheldraht errichteten Befestigungsanlagen im klassischen Gewand zu tun, die inzwischen allabendlich in den Nachrichten zu sehen sind, läge es nahe, von einer Renationalisierung zu sprechen, die uns eine Rückkehr in durch bewachte Grenzen strikt voneinander geschiedene Nationalstaaten beschert. Derartige Tendenzen sind zweifellos vorhanden, aber das ist nicht alles. Neben der unerwarteten Rückkehr der stabilen Grenzanlagen in allen Teilen der Welt, aber eben auch innerhalb Europas, haben wir es gleichermaßen mit Grenzaktivitäten zu tun, die aufgrund ihrer geringeren Sichtbarkeit im wirkmächtigen Entgrenzungsdiskurs der Globalisierungserzählung fälschlicherweise mit einem Verschwinden der Grenzen gleichgesetzt wurden.

Was als Wegfall von Grenzen gefeiert wurde, kommt letztlich jedoch nur den privilegierten Europäern zugute, die über der neuen Freizügigkeit der offenen Grenzen innerhalb Europas vergessen sollten (und wohl auch tatsächlich vergessen haben), dass diese mit einem umso massiveren Ausbau der Außengrenzen der EU im Zuge des Schengenabkommens erkauft wurde. Dabei setzen die zuständigen Institutionen der EU im Einvernehmen mit den Mitgliedstaaten und der privaten Agentur Frontex eben nicht allein auf die sichtbaren, von Mauern und Stacheldrahtzäunen gesicherten, sondern auch auf die sogenannten „smart borders“ oder „intelligenten Grenzen“. Deren Kontrollen entziehen sich der Sichtbarkeit zwar weitgehend, ermöglichen dafür aber, umso effektiver zwischen unerwünschter und erwünschter Zuwanderung zu unterscheiden.

Die Grenze lässt sich insofern nicht länger als Linie im klassischen Sinne verstehen, als konkreter Ort, an dem ein Übergang organisiert wird. Sie besteht heute vielmehr aus einem ganzen Apparat von – wenn man so will – ‚harten‘ und ‚weichen‘ Kontrolltechnologien und Überwachungspraktiken, also aus Zäunen, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Wachtürmen, Tretminen, Hubschraubern, Spürhunden, Videokameras, Wärmebildkameras, Nachtsichtgeräten und Patrouillen ebenso wie aus Pässen, Visa, Gesundheitszertifikaten, Gesetzen, Vorschriften, Zoll- und Finanzbeamten sowie Gesundheits- und Einwanderungsbehörden. Diese Mischung aus sichtbaren und unsichtbaren, diskursiven und nichtdiskursiven Elementen legt nahe, die Grenze im Anschluss an William Walters als „Raumdispositiv“24 zu konzipieren. Damit wird sie zu einer biopolitischen Instanz der Macht, die dank der ihr eigenen Filterfunktion mit jedem Akt des Durchlassens und Zurückweisens eine eigene Bevölkerung konstituiert, indem sie immer wieder aufs Neue zwischen Einheimischen und Fremden unterscheidet. Da es sich um wiederholte Akte handelt, können wir alle für das Grenzgeschehen typischen Aktivitäten als Grenzpraktiken beschreiben.

In dieser Form der Grenzkontrollen drückt sich der politische Wille aus, die Grenzen nicht immer restriktiver, sondern immer selektiver zu handhaben. Die Grenze ist nichts anderes als eine Selektionsmaschine, der die Aufgabe zukommt, den Zustrom von Waren und Personen gerade nicht rigoros zu verhindern, sondern zu kanalisieren und zu filtern. Es liegt nahe, dass die Souveränität eines Staates in Zukunft vor allem daran gemessen wird, ob er diesen Sortierungsvorgang auf der Höhe der technologischen Möglichkeiten gewährleisten kann. Nur so kann er garantieren, dass als gefährlich eingeschätzte Personen erkannt und zurückgewiesen werden, ohne den schnellen Grenzverkehr zwischen erwünschten Elementen zu behindern. Die Bestrebungen innerhalb der EU sind insofern nicht allein auf Abwehr und Abschottung ausgerichtet, sondern darauf, eine Schließung gegenüber allen unerwünschten und eine Öffnung gegenüber allen erwünschten Migrationen herzustellen. Dabei ist vor allem die Schließung so effizient zu organisieren, dass der Strom der erwünschten Güter, Dienstleistungen und Menschen durch die Schließungen nicht unterbrochen, aufgehalten und am Ende zum Versiegen gebracht wird. Trotz der sich aufdrängenden Bilder massiver Abschottung ist zu konzedieren, dass Europa sich an einer Art Spagat zwischen Öffnung und Schließung versucht.

Neben der räumlichen Verschiebung der territorialen Grenzen von den Rändern der Nationalstaaten an die Ränder der EU im Rahmen des Schengenabkommens lassen sich neue Grenzen auch im Inneren der Staaten beobachten, die man als mobile oder vagabundierende Grenzen bezeichnen könnte, weil sie sich jederzeit flexibel an verschiedenen Orten errichten lassen. Im Zuge des Ausbaus der „Kontrollgesellschaft“ im Sinne von Deleuze25 verbreiten sich Grenzkontrollen über ein gesamtes Staatsgebiet: An die Stelle der exklusiven Passkontrollen an den Staatsgrenzen tritt die umfassende elektronische Überwachung aller Bürger durch Videokameras, Mobiltelefone, Bildschirme und Geldautomaten mit Hilfe von Barcodes und Geheimnummern. Damit überziehen die ehemals exklusiv an den Landesgrenzen angebrachten Kontrollpunkte das gesamte Landesinnere.26

Mit der Übertretung einer staatlichen Grenze ist insofern keineswegs schon das Recht verbunden, sich innerhalb eines Landes überall frei bewegen zu können. Die im Binnenraum bestehenden Spaltungen27 sorgen vielmehr dafür, dass ein Grenzübertritt, selbst wenn er gelingt, nicht mit einem Komplettzugang zu einer Gesellschaft verwechselt werden darf. Er bedeutet vielmehr den Zugang zu weiteren Gatekeepern und Entscheidern, die über den Einlass zu den in zahlreiche Räume, Zonen und Areale gegliederten Gesellschaften wachen. Bahnhöfe, Shopping Malls und Freizeitparks stellen je eigene Hausordnungen auf und statten sich mit dem Recht aus, unerwünschten Personen das Betreten ihres Territoriums zu untersagen. Gegensprechanlagen, Drehkreuze, Türsteher, automatische Schließanlagen und biometrische Kontrollverfahren regulieren und kontrollieren die Zugänge zu begehrten Orten. Kein homogener Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts28 tut sich somit für einen Flüchtling am Ende seiner langen und entbehrungsreichen Reise auf. Vielmehr betritt er ein Labyrinth aus Lagern, Angsträumen, No-go-Areas, gated communities, Banlieues, Komfort- und Ruhezonen, Wellnessoasen, Fanmeilen, Bildungslandschaften und vielen weiteren räumlichen Figurationen, in denen nicht einmalig, sondern immer wieder neu über Zugangsberechtigungen und Ausschlussmöglichkeiten entschieden werden kann.

Konsequenzen

Der absolvierte Durchgang durch die verschiedenen Grenzaktivitäten, die sich derzeit beobachten lassen, sollte verdeutlichen, dass wir es nicht mit einer bloßen Widerkehr nationaler Grenzbefestigungen und Grenzkontrollen innerhalb Europas zu tun haben, wie das die mediale Berichterstattung oftmals suggeriert, sondern mit drei verschiedenen Formen von Grenzaktivitäten. Erstens zu nennen sind die Kontrollen der Außengrenzen der EU, zweitens die mobilen Grenzen im Innenraum Europas und drittens die neuen Grenzsicherungen der Nationalstaaten, die so lange wiederkehren und aufrechterhalten werden, wie die Sicherung der Außengrenzen nicht funktioniert. Hinzu käme viertens die Exterritorialisierung der europäischen Grenzen in Staaten wie aktuell die Türkei, die Flüchtlinge bereits vor Betreten des europäischen Raumes ‚abfangen‘ und an einer Weiterreise hindern sollen.

Es steht derzeit nicht zu vermuten, dass eine Form der Grenze zugunsten der anderen dauerhaft verschwindet: Vielmehr zeichnet sich die aktuelle Situation dadurch aus, dass alle Modi gleichzeitig eingesetzt werden können. Damit hätten wir es insgesamt mit einer Multiplizierung und Diversifizierung von Grenzen zu tun, die der Vorstellung von einer Welt ohne Grenzen nachdrücklich den Boden entzieht. Dass wir sowohl fest installierten als auch mobilen Grenzen, harten und weichen Kontroll- und Überwachungstechnologien begegnen, zeigt darüber hinaus, dass wir nicht länger von einem Übergang von der festen in die flüssige Moderne oder der Disziplinargesellschaft in die Kontrollgesellschaft ausgehen sollten. Die digital gesteuerten neuen Kontroll- und Überwachungsmechanismen lösen die alten Internierungs- und Einsperrungstechniken nicht einfach ab, die Videokamera tritt nicht an die Stelle der Lager. Statt der Ablösung des einen durch das andere können wir vielmehr zunehmend das parallele Existieren verschiedener Herrschaftsweisen und Machtpraktiken beobachten, die mit unterschiedlichen Grenzsystemen stabilisiert werden sollen.

Dieses Nebeneinander belegt einmal mehr, dass wir uns nicht auf einem linearen Zeitstrahl mühsam voranbewegen, sondern uns im „Zeitalter des Raumes“29 befinden, die sich durch das vielfältige, widersprüchliche und konfliktuöse Nebeneinander von Lebensweisen, Ordnungsvorstellungen und Machttechnologien auszeichnet.30 Ein Nebeneinander, das Grenzen nicht zum Verschwinden bringt, sondern Grenzziehungen aller Art auf den Plan ruft, die eine raum- und machttheoretisch informierte Soziologie der Grenze systematisch zu untersuchen hätte. Angesichts der neuen Relevanz geopolitischer Fragen, des anhaltenden Kampfes um Territorien und der konflikthaften Aneignung wie Besetzung von Räumen wächst der Bedarf an einer neomaterialistisch ausgerichteten „Geosoziologie“31, die sich diesen Entwicklungen in geeigneter Weise zuwendet.

Fußnoten

1 Dieser Essay ist aus einem Plenumsvortrag auf dem Soziologiekongress in Bamberg am 29. September 2016 hervorgegangen.

2 vgl. Michel Agier, Borderlands. Towards an anthropology of the cosmopolitan condition, übers. von David Fernbach, Cambridge 2016; Alexander C. Diener / Joshua Hagen, Borders. A very short introduction, Oxford 2012; Michel Foucher, Le retour des frontières, Paris 2016.

3 Vgl. den gleichnamigen Titel – allerdings ohne Fragezeichen – eines Sammelbandes: Tom Fecht/ Dietmar Kamper (Hrsg.), Umzug ins Offene. Vier Versuche über den Raum, Wien / New York 2000.

4 Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, übers. von Reinhard Kreissl, Frankfurt am Main 2003.

5 Manuel Castells, Das Informationszeitalter: Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Band I. Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001.

6 Ulrich Beck / Edgar Grande, Das kosmopolitische Europa. Gesellschaft und Politik in der zweiten Moderne, Frankfurt am Main 2004.

7 Kenichi Ohmae, The Borderless World. Power and strategy in the interlinked economy, New York 1990.

8 Hilary F. French, Vanishing borders. Protecting the planet in the age of globalization, New York 2000.

9 Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, übers. von Helmut Dierlamm, München 1992.

10 Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986.

11 Martin Albrow, Abschied vom Nationalstaat. Staat und Gesellschaft im globalen Zeitalter, übers. von Frank Jakubzik, Frankfurt am Main 1998.

12 Martin van Creveld, Aufstieg und Untergang des Staates, übers. von Klaus Fritz und Norbert Juraschitz, München 1999.

13 Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie, in: ders., Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt am Main 1998, S. 91–169, hier S. 103.

14 Eva Horn / Stefan Kaufmann / Ulrich Bröckling (Hrsg.), Grenzverletzer. Von Schmugglern, Spionen und anderen subversiven Gestalten, Berlin 2002.

15 Vgl. Stephan Moebius / Markus Schroer (Hrsg.), Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart, Frankfurt am Main 2010.

16 Peter Sloterdijk, Sphären, Bd. 2: Globen, Frankfurt/M. 1999, S. 215.

17 Neben der Aufmerksamkeit, vgl. Markus Schroer: Soziologie der Aufmerksamkeit. Grundlegende Überlegungen zu einem Theorieprogramm, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 66 (2014), S. 193–218.

18 Volker Wieprecht / Robert Skuppin, Lexikon der verschwundenen Dinge, Reinbek 2010.

19 Vgl. Wilfried von Bredow, Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen, Darmstadt 2014; Dietrich Thränhardt, Neue Grenzen in der Globalisierung. Warum Staaten wieder Mauern bauen, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft (2012), 4, S. 14–22.

20 Gabriel Tarde, Masse und Meinung, übers. von Horst Brühmann, Konstanz 2015, S. 187; vgl. Sven Opitz, Verbreitete (Un)Ordnung: Ansteckung als soziologischer Grundbegriff, in: Ulrich Bröckling et al. (Hrsg.), Das Andere der Ordnung: Theorien des Exzeptionellen, Weilerswist 2015, S. 127–148.

21 Régis Debray, Lob der Grenzen, übers. von Nicole Neumann, Hamburg 2016, S. 16.

22 Christof Gertsch, Fragen zur Migration (I): Was, wenn alle Grenzen offen wären?, in: Neue Züricher Zeitung, 17. Januar 2016.

23 Olivier Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts. Prärie, Schützengraben, Lager, übers. von Maria Muhle, Zürich 2003, S. 76.

24 William Walters, Mapping Schengenland, in: Marianne Piper (Hrsg.), Biopolitik – in der Debatte, Wiesbaden 2011, S. 305–337, hier S. 322.

25 Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: ders., Unterhandlungen 1972–1990, übers. von Gustav Roßler, Frankfurt am Main 1993.

26 Vgl. Brian Massumi, Ontomacht. Kunst. Affekt und das Ereignis des Politischen, übers. von Claudia Weigel, Berlin 2010, S. 48f.

27 Vgl. Stephan Lessenich / Frank Nullmeier (Hrsg.): Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt am Main / New York 2006.

28 Europäische Union (Hrsg.), Europäischer Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts.

29 Michel Foucault, Von anderen Räumen, übers. von Michael Bischoff, in: ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. 4, hrsg. von Daniel Defert und François Ewald, Frankfurt am Main 2005, S. 931–942, hier S. 931.

30 Vgl. Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raums, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2012.

31 Vgl. Markus Schroer, Erde, Klima, Territorien – Konturen einer Geosoziologie, in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 69 (2015), 9, S. 93–102; ders., Geosoziologie, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie [im Erscheinen].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.