Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld

Heike Buchter über BlackRock

Wenn in der öffentlichen Debatte das Wort „Investor“ fällt, ist allzu oft die Rede von Hedge Fonds oder Private Equity Firmen. Dabei machen diese Unternehmen, gemessen am verwalteten Kapital, nur einen geringen Teil der Vermögensverwaltungsindustrie aus. Viel wichtiger sind die breiter aufgestellten Vermögensverwalter, oder „Asset Manager“, die Investmentfonds aller Art betreiben. Allein die zehn größten Asset Manager verwalten Kapital im Wert von 17 Billionen US Dollar – nahezu sechs Mal so viel wie der gesamte Hedge-Fonds-Sektor. Dennoch entzogen sich die großen Asset Manager bisher weitgehend der öffentlichen Aufmerksamkeit. Es ist deshalb ein Glücksfall, dass Heike Buchter, die New-York-Korrespondentin der ZEIT, ein Buch über den Branchenprimus veröffentlicht hat.

BlackRock ist ein typischer Vertreter des Asset-Management-Sektors und somit, auf den ersten Blick, wenig aufregend. Das Unternehmen verwaltet Kapital im Auftrag von Individuen, vor allem aber von institutionellen Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherern. Diese Kunden haben bei BlackRock die Wahl zwischen einer Vielzahl von Fonds in unterschiedlichen Anlageklassen und mit unterschiedlichen Anlagestrategien. Das meiste Kapital fließt in BlackRocks Exchange-Traded Funds (ETFs) – ein Markt, den BlackRock mit seinen „iShares“-ETFs dominiert. Als Asset Manager lebt BlackRock dabei nicht von Kursgewinnen, sondern von den Gebühren, die für das Fondsmanagement anfallen.

Wie verträgt sich ein zunächst doch unspektakulär wirkendes Geschäftsmodell mit dem warnenden – bisweilen alarmistischen – Grundton von Buchters Studie? Die Antwort liefert eine Zahl: 4,7 Billionen Dollar. So viel Geld verwaltete BlackRock Ende 2014. Es dürfte die größte Konzentration von Finanzkapital sein, die die Welt je gesehen hat. Buchter gelingt es, die Bedeutung dieser unvorstellbaren Summe greifbar zu machen, indem sie die Allgegenwart von BlackRock anhand des Tageskonsums einer „Familie Normalverbraucher“ beschreibt. Jacobs-Kaffee von Mondelez, Nesquik von Nestlé, Rama-Margarine von Unilever, Nivea-Creme von Beiersdorf, etc. – bei all diesen Unternehmen zählt BlackRock zu den größten Aktionären. Daten des Economist zufolge gab es Ende 2013 unter den 14 weltgrößten Unternehmen kein einziges, das nicht BlackRock als größten oder zweitgrößten Aktionär gehabt hätte. Angesichts von BlackRocks dominanter Position auch im deutschen Aktienmarkt zieht Buchter berechtigte Parallelen zur früheren „Deutschland AG“. Dabei sind es nicht mehr die deutschen Banken, sondern ein amerikanischer Asset Manager, der in vielen Unternehmen die größten Stimmanteile hält.

Stimmrechte sind zwar ein zentraler, aber bei weitem nicht der einzige Kanal, über den BlackRock Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen ausübt. Anhand einer Reihe konkreter Beispiele zeigt Buchter auf, wie weit die Macht von BlackRock reicht. Besonders frappierend ist die enge Zusammenarbeit mit Regierungen und Zentralbanken. Im Zuge der Subprime-Krise von 2008 zahlte sich zunächst BlackRocks Expertise bei der Bewertung komplexer Kreditportfolios aus. Das Unternehmen erhielt den Zuschlag, mehrere „Problemportfolios“ zu verwalten, die im Zuge der Rettung der Investmentbank Bear Stearns und des Versicherers AIG verstaatlicht worden waren. Später, als sich die Finanzkrise nach Europa verlagerte, gingen auch dort die heikelsten öffentlichen Aufträge an BlackRock: zunächst Bankenstresstests in Irland, Griechenland und Zypern, dann die Unterstützung der Europäischen Zentralbank bei „Design und Umsetzung“ ihres Ankaufprogramms für Verbriefungen. Buchter argumentiert plausibel, dass solche Aufträge für BlackRock, einen der größten Investoren in den betroffenen Wertpapierklassen, beträchtliche Interessenkonflikte mit sich brachten.

Aufstieg der Vermögensverwalter: Ein systemisches Phänomen

Im Vergleich zu den anderen ganz großen Namen der Finanzindustrie ist BlackRock ein Parvenü – das Unternehmen ist weniger als dreißig Jahre alt. Ihren Anfang nahm die Geschichte 1988 mit einem Joint Venture zwischen Laurence („Larry“) Fink und der Private Equity Firma Blackstone. Sechs Jahre später wurde Finks Abteilung, fortan BlackRock, verkauft. Zu diesem Zeitpunkt verwaltete Finks Team acht Milliarden Dollar. Der Verkaufspreis belief sich auf 240 Millionen Dollar. Heute ist BlackRock an der Börse 225 Mal so viel wert und verwaltet 600 Mal mehr Kapital. Larry Fink, noch immer an der Spitze von BlackRock, ist einer der bestverdienenden und einflussreichsten Manager der Finanzwelt.

Wie wurde BlackRock so schnell so groß? Buchter sieht den Schlüssel zu diesem Erfolg darin, dass BlackRock den Graben überwand, der die Wall Street seit jeher durchzog – der Graben zwischen den bestens informierten Investmentbankern, die Wertpapiere vermarkten und verkaufen, und den allzu oft hinterherhinkenden institutionellen Investoren und Kleinanlegern. BlackRock wirbelte diese Hierarchie nachhaltig durcheinander, indem es sich zwischen „sell side“ und „buy side“ positionierte.

Im Ergebnis führte die Geschäftspolitik, wie Buchter zutreffend feststellt, zu einer „Verlängerung der Investitionskette“. Sie verbindet Kapitalgeber (Sparer) und Kapitalnutzer (Unternehmen, aber auch Staaten und Haushalte). Das erste Verbindungsglied bildeten ab Mitte des 20. Jahrhunderts sogenannte institutionelle Investoren, die Ersparnisse bündelten und anlegten – Pensionsfonds in Ländern mit kapitalgedeckten Rentensystemen wie den USA, Großbritannien oder den Niederlanden; Versicherer in Ländern wie Deutschland, in denen das Bank- und Versicherungssparen dominiert. Doch investieren die institutionellen Investoren selten direkt in einzelne Unternehmen, sondern in die Fonds von Fondsgesellschaften wie Fidelity, Vanguard, oder PIMCO. Derart gigantische Vermögensverwalter – oder Asset Manager – bündeln somit das Kapital der institutionellen Investoren, die wiederum Kapital von einzelnen Haushalten einsammeln.

Die Beobachtung, dass es sich dabei um eine tiefgreifende Transformation handelt, wird an verschiedenen Stellen des Buches angedeutet, aufgrund der Engführung auf BlackRock jedoch nicht ausgearbeitet. Die Passagen, in denen Buchter über BlackRock hinausgeht – Exkurse etwa zum Weltwirtschaftsforum oder zur Frage der künstlichen Intelligenz – lenken eher vom Thema ab, als zur Aufklärung beizutragen. Als Leser würde man gerne mehr über die systemischen Hintergründe von BlackRocks Erfolg erfahren.

Entscheidend ist hierbei der Anstieg der globalen Ersparnisse. Der Trend zur Privatisierung von Rentensystemen, den Buchter notiert, ist ein wichtiger Faktor. Doch auch der demografische Wandel und der steigende Wohlstand in Schwellenländern tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen immer mehr Geld auf die hohe Kante legen. Die Suche dieses Geldes nach Anlagemöglichkeiten, zumal im Niedrigzinsumfeld der letzten Jahre, schafft eine stetig wachsende Nachfrage nach den Dienstleistungen der Asset Manager, die deshalb mit beachtlichen Gewinnmargen operieren.

Asset Management ist heute der Wachstumsmarkt des Finanzsektors. Das Verhalten der Banken illustriert diesen Sachverhalt besonders deutlich. Die Schweizer UBS war die erste globale Großbank, die ihre Investmentbanking-Abteilung kurzerhand schloss, um sich fortan vor allem auf die Verwaltung (großer) Vermögen zu konzentrieren. Goldman Sachs bleibt zwar Investmentbank, vergrößerte seinen Asset-Management-Arm jedoch ebenfalls massiv und brachte jüngst sogar seine ersten eigenen ETFs auf den Markt. Und dann gibt es da noch ein Technologieunternehmen, das vor drei Jahren untersuchen ließ, wie es in den Vermögensverwaltungssektor einsteigen könnte. Mitte Oktober wurde bekannt, dass der besagte Konzern Gespräche mit einem führenden Asset Manager führte, um die Möglichkeiten für ein Joint Venture auszuloten. Es unterhalten sich: BlackRock und Google.

BlackRock ist somit kein isoliertes Phänomen. Sein gigantisches Wachstum spiegelt das Wachstum einer Branche wider, das aufs Engste mit strukturellen, globalen Entwicklungen verbunden ist. Heike Buchter hat deshalb ein hochaktuelles und wichtiges Buch vorgelegt. In welche Richtung sich der Kapitalismus auch entwickeln wird –  Asset Manager wie BlackRock werden in den nächsten Jahren eine zentrale Position einnehmen. Buchters Buch bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, schon heute einen Blick in diese Zukunft zu werfen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.