Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet

Ein Abschiedsvortrag für das Hamburger Institut für Sozialforschung

»Es war drei Uhr nachmittags. Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen, Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein Lärm, der sich näherte und anwuchs…

›Mama, was ist das?‹, sagte Clara, die durchs Fenster […] blickte. ›All die Leute … Was haben sie?‹

›Mein Gott!‹, rief die Konsulin, indem sie […] angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. ›Sollte es … O mein Gott, ja, die Revolution… Es ist das Volk…‹«

Die Konsulin wird gleich den Diener rufen: »›Anton?!‹« – mit »bebender Stimme« – und ihn anweisen: »›Anton, geh hinunter! Schließe die Hausthür. Mach’ Alles zu! Es ist das Volk …‹«

Es ist das Revolutionsjahr 1848, der Schauplatz ist Lübeck, zitiert habe ich aus Thomas Manns Buddenbrooks. Und so beginnt die Schilderung:

»Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittelst Steinwurfes zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn Benthien mit der hohen Politik zu tun hatte.«1

Über das Fenster des Herrn Benthien wird später noch zu sprechen sein. Wie die Sache sonst abläuft – man wird sich erinnern. Die Bürgerschaft bleibt den Tag über belagert, am Ende, vor allem durch souveränes Agieren des Konsuls Johann Buddenbrook, entspannt sich die Lage, und die Ordnung wird wiederhergestellt: »›Nicht mal die Lampen sind angezündet … Dat geiht denn doch tau wied mit de Revolution!‹«2 Auch über Lampen wird noch zu sprechen sein.

Man fährt dann nach Hause, der Konsul Buddenbrook in der Kutsche mit seinem Schwiegervater Leberecht Kröger, dem die Sache schon zuvor auf sein aristokratisches Gemüt geschlagen war: »›Das kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht nahe, Vater?‹ Unter dem schneeweißen Toupé waren auf Leberecht Krögers Stirn zwei bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen Brillanten geschmückt auf seinen Knien. ›Papperlapapp, Buddenbrook!‹ sagte er mit sonderbarer Müdigkeit. ›Ich bin ennüyiert, das ist das Ganze.‹ Aber er strafte sich selber Lügen, indem er plötzlich hervorzischte: ›Parbleu, Jean, man müßte diesen infamen Schmierfinken « – gemeint sind die vermuteten Agitatoren – »den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib knallen … das Pack …! Die Canaille …!‹« – »Die Canaille« werden auch seine vorletzten Worte sein, denn: »Plötzlich – die Equipage rasselte durch die Burgstraße – geschah etwas Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in Halbdunkel getauchten Gemäuer des Thores, eine Ansammlung lärmender und vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgend eines Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Leberecht Krögers von dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke hinab und blieb am Boden liegen. ›Täppische Flegelei!‹, sagte der Konsul ärgerlich. ›Ist man denn heute Abend außer Rand und Band? … Aber er hat Sie nicht verletzt, wie, Schwiegervater?‹ Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend […] Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus … langsam, kalt und schwer, ein einziges Wort: ›Die Canaille.‹«3 Und schließlich, als es ans Aussteigen geht, nur noch »›Helfen Sie mir‹« – dann bricht er tot zusammen.

Die Canaille – als ich im Februar in diesem Hause den Abendvortrag von Fabien Jobard auf der Tagung »Politische Gewalt im urbanen Raum« kommentierte, kam ich auf die Formulierung des früheren französischen Innenministers angesichts der Pariser Vorstadtrevolten zu sprechen: »les racailles«, auf Deutsch etwa »Gesindel«. Mit dem Hinweis, »Gesindel« sei zweifellos kein soziologischer Begriff, wollte ich das Problem pointieren, das der Abendvortrag aufgeworfen hatte. Jobard hatte sich gegen eine Art überheblich-achselzuckender Bewertung der Träger der Unruhen gewendet, sie seien im Grunde sprachlos und hätten keine politische Agenda. Zwar sei die, auch gemessen an den sonderbar ziellosen, allenfalls symbolisch zu verstehenden Zerstörungs- und Plünderungsaktionen, angesichts der zwischen Rassismusvorwurf und eigenen rassistischen Wutaktionen sonderbar oszillierenden Affektlagen, tatsächlich nicht auszumachen – allerdings hätten diese Aufstände durchaus zuweilen politische Wirkungen – Verbesserung der Sozialfürsorge in manchen Stadtteilen etwa – zur Folge gehabt und könnten so wenigstens nicht als politisch funktionslos angesehen werden. In diesem Zusammenhang kritisierte der Vortragende das Überheblichkeitsvokabular aus der Tradition der klassischen Arbeiteraristokratie wie etwa »Lumpenproletariat« – also jene zu disziplinierter Organisation nicht fähigen proletarischen Schichten, die allenfalls spontane Zusammenrottungen zustande brächten. Der Ausdruck stammt bekanntlich aus dem »Kommunistischen Manifest« – schlagen wir nach: »Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen.«4 Hätte ich in meinem Kommentar erwogen, zum Verständnis von Vorstadtunruhen auf die Marx’sche Klassenanalyse zurückzugreifen, hätte die Süddeutsche Zeitung, die nicht die Tagung, wohl aber meinen Kommentar zum Gegenstand eines in jeder Hinsicht entgeisterten Artikels mit dem Tenor machte: ›Das schlägt ja dem Fass den Boden aus – der Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung zitiert zustimmend Sarkozy!‹, das für einen erwägenswerten Gedanken gehalten.

Aber lassen wir das. Worauf ich hinweisen wollte, war, dass es eine gewisse Gruppe von Verlegenheitsvokabeln gibt – Marx: »passive Verfaulung«, Sarkozy: »Gesindel« –, die darauf zeigen, dass man sich mit denselben Schwierigkeiten herumschlägt wie Clara Buddenbrook: »Was ist das? All die Leute – was haben sie?« Diese Leute – bei Victor Hugo jene der Misérables, die sich, man weiß nicht wie, zusammentun, in einem Fall liefert das Begräbnis eines populären Generals den Anlass: »In dem Leichenzug kreisten die wildesten Gerüchte. […] Ein Mann, der unbekannt blieb, verbreitete das Gerücht, zwei Werkmeister, die man gewonnen habe, würden dem Volk die Tore einer Waffenfabrik öffnen. Die meisten Leute waren gleichzeitig begeistert und niedergeschlagen. Man sah in der Menge auch wahre Verbrechertypen, Leute, die es auf eine Plünderung abgesehen hatten. Wenn Sümpfe aufgewühlt werden, steigt der Kot an die Oberfläche.«5 Sarkozy sprach davon, den Abschaum »wegzukärchern«. Ob Hugo, ob Marx, ob Sarkozy – die Assoziationen sind dieselben: Abschaum, Fäulnis, Kot. Sapienti sat.

Oder falls nicht – gewiss ließe sich in der Tradition Freuds und seiner Ausleger dazu eine Menge sagen, aber das können andere besser. Ich will nur darauf hinweisen, dass ontogenetisch gesehen mit der Wahrnehmung des eigenen Kots als Schmutz der Schritt hin zum selbständigen, zu Individualität wie Vergemeinschaftung geeigneten Menschen getan wird – und phylogenetisch – nun, Thomas Mann lässt in seiner Moses-Erzählung »Das Gesetz« die Sauberkeitserziehung das Erste sein, was Moses seinem Volk, dem, wie es dort heißt, »Gehudel« und »Pöbel«, versucht, angedeihen zu lassen (noch vor dem Inzestverbot, den Speiserichtlinien etc.): »Wie es aussah in dem Gehudel, und wie sehr es ein bloßer Rohstoff war aus Fleisch und Blut, dem die Grundbegriffe von Reinheit und Heiligkeit abgingen; wie sehr Mose von vorn anfangen und ihnen das Früheste beibringen mußte, das merkt man den notdürftigen« – was für eine bedachte Wortwahl – »Vorschriften an, mit denen er daran herumzuwerken […] begann. […] Vorläufig waren sie nichts als Pöbelvolk, was sie schon dadurch bekundeten, daß sie ihre Leiber einfach ins Lager entleerten, wo es sich treffen wollte. Das war eine Schande und eine Pest. Du sollst außen vor dem Lager einen Ort haben, wohin du zur Not hinauswandelst, hast du mich verstanden? Und du sollst ein Schäuflein haben, womit du gräbst, ehe du dich setzest; und wenn du gesessen hast, sollst du’s zuscharren, denn der Herr, dein Gott, wandelt in deinem Lager, das darum ein heiliges Lager sein soll, nämlich ein sauberes, damit Er sich nicht die Nase zuhalte und sich von dir wende. Denn die Heiligkeit fängt mit der Sauberkeit an […] Das nächste Mal will ich bei jedem ein Schäuflein sehen, oder der Würgeengel soll über euch kommen. «6

Wie in dieser oder jener psychologischen Theorie solche emphatische Bindung an Ausscheidungen, Ausgeschiedenes und Auszuscheidendes interpretiert werden mag, es ist immer eine allererste zivilisatorische Unterscheidung: die zwischen Ordnung und Schmutz. Was wo hingehört, was sich keinesfalls gehört, was ekelhaft ist, was ver- und gemieden werden muss. Die anderen Unterscheidungen, die immer nach dem Muster verboten/erlaubt/(evtl.) geboten getroffen werden, und die dann Sexualität und Gewalt betreffen, kommen später. Der Kot (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) muss weggeräumt, vernichtet werden, weil er die zivilisatorische Bemühung als solche mit Vernichtung bedroht.

Die Ausdrücke, in diesem Zusammenhang besser: die Formulierungen – Kot, Abschaum – zeigen also eine radikale Emphase – aber wieso? Die psychoanalytische Theorie (und nicht nur sie) wird darauf hinweisen, dass alles, was abgewehrt, auch begehrt wird. Die Bedrohung kommt also nicht nur von außen, sie kommt auch von innen. In Anlehnung an einen klassischen Ausdruck können wir – vermutend – von einem Unbehagen in und an der Zivilisation sprechen.

Diese Überlegungen möchten vielleicht eine Reihe von Hörerinnen und Hörern unwillig machen. Sie erwarten eine soziologisch-historiografische Antwort auf die Frage, was es mit der Straßengewalt auf sich habe, und nicht ein Räsonieren darüber, welche psychische Aufladung hinter unqualifizierter politischer Polemik steckt. Einem solchen Einwand möchte ich mit der Frage begegnen, ob dieses Erklärungsbegehren nicht vielleicht ein etwas zivilerer Ausdruck desselben Affektes ist: Man möchte ein Rätsel gelöst bekommen, das nur darum eines ist, weil wir uns Offensichtliches durch Verrätselung vom seelischen Leibe halten möchten.

Warum brennen in den Vorstädten Autos – ohne dass gleichzeitig Proklamationen erscheinen, die dafür einen politischen Grund angeben? Warum macht sich eine Handvoll Bürgerinnen und Bürger mit der Unterstützung von ein paar Dropouts daran, Menschen zu entführen, zu erschießen und Bomben zu werfen? Warum zieht – ausgerechnet – ein Rapper aus Köln in den Irak, um als Dschihadist zu kämpfen und vor laufender Webcam Leute zu ermorden?

Ich möchte hingegen fragen, warum wir so fragen. Warum meinen wir, die Soziologie, die Psychologie und in gewissem Sinne die Historiografie könnten uns etwas »erklären«, soll heißen: uns sagen, was dahintersteckt, in Wirklichkeit passiert, die wahren Gründe/Motive/wasauchimmer sind – und so weiter? – Lassen Sie uns banal miteinander werden. Wenn einer irgendetwas tut, nehmen wir an, dass er das tut, weil er es tun will. Wir fragen ihn manchmal, warum er das tut / tun will – und dann fragen wir nach Gründen, oft nach Legitimationen. Wir fragen, wie er, was er tut, begründet und legitimieren kann. Das tun wir, weil es uns betrifft und wir uns möglicherweise mit seinem Tun befassen wollen, mit ihm, der das tut. Wir sondieren das Terrain, auf dem wir uns befinden. Wenn jemand uns anrempelt, und wir sagen: »Was fällt Ihnen ein?«, und er sagt: »Ich hab’s eilig!«, nehmen wir es entweder hin oder wir sagen: »Das ist noch lange kein Grund!« Eine Reaktion à la »Ja, das sagen Sie so, aber warum tun Sie’s wirklich?« würde uns als Sonderlinge ausweisen.

Jemand trinkt gerne sehr nach Torffeuerrauch schmeckenden Maltwhisky. Warum in aller Welt tut er das? Na, es schmeckt ihm eben. Wenn er diesen Geschmack nicht schätzte und wenn er nicht Alkohol schätzte – er tät’s nicht. Ja, aber das Zeug schmeckt doch abscheulich – wie Moorleiche! Und auch noch Schnaps! Ja, du magst das nicht, er schon. Aber warum? – Wann ist das eine sinnvolle Frage? Zum Beispiel dann, wenn er sich, nachdem er ein Glas getrunken hat, stets erbricht, weil er keinen Alkohol verträgt, und immer sagt: Eigentlich trinke ich viel lieber Gin Tonic, aber den vertrage ich auch nicht. Das wäre ein guter Anlass zu fragen, was hier eigentlich los ist. – Nur sind die Probleme, vor die man gestellt ist, selten dieser Art.

Einwand: Das mag für die meisten Alltagsprobleme gelten, aber hier geht es doch um wissenschaftliche Problemstellungen. Aber warum sollte es sich in der Wissenschaft anders verhalten? Ich denke, weil es keine wissenschaftlichen Fragen gibt, sondern nur wissenschaftliche Antworten. Das wissenschaftliche Reden über Sachverhalte unterscheidet sich vom Alltagsreden nur durch größere Komplexität. Es ist nicht dazu da, Verborgenes aufzuspüren, sondern aus einem großen Fundus von Kenntnissen, aus genauem Nachdenken heraus, darzustellen, was der Fall ist.

Ich bin, einige unter Ihnen wissen das bereits, den anderen ist es nun vielleicht deutlich geworden, kein Freund Platons. Ich gehöre nicht zur Spezies derer, die Nietzsche die »Hinterweltler« nannte, also zu den Betreibern von Gedankenläden, in denen man Secondhand-Platonismus angedreht bekommt. Die Öffentlichkeit liebt diese Läden, sucht sie auf und wird dementsprechend bedient. Ich will hier nicht ausführen, wie es zu dieser Neigung gekommen ist, etwas über irgendeine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit herauszufinden und erklärt zu bekommen, was »die wahren Ursachen « oder »die wirklichen Motive« sind. Ich lasse es mit dem Hinweis sein Bewenden haben, dass diese merkwürdige Neigung Teil der Ersetzung der Religion/Theologie durch Geschichtsphilosophie ist, und Letztere haben wir, trotz aller profunden Kritik, noch längst nicht überwunden – im Gegenteil, sie ist öffentlicher Habitus geworden, heruntergekommen gewiss, darum aber durchaus, ähnlich wie Jeans mit hängendem Hosenboden, attraktiv, nach allem Anschein.

Lassen Sie mich also an den Versuch gehen, Gewaltmilieus – grob schematisiert, zugegeben – zu beschreiben. Wobei ich natürlich vorausschicken muss, dass eine Vorstadtrevolte, eine Terrorgruppe wie die RAF und die Banden des »Islamischen Staats«, beziehungsweise ihre mitteleuropäischen Rekruten, selbstverständlich nicht dasselbe sind. Aber was heißt das schon? Nichts ist »dasselbe« wie ein anderes, doch kann es durchaus und in mancher Hinsicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Das ist eine triviale Feststellung, gewiss, nur muss man sie manchmal in Erinnerung rufen. Dieses Gemeinsame möchte ich, wie gesagt, nicht im Modus des Erklärens aufsuchen, sondern in dem der Beschreibung – nicht in Reaktion auf die Frage, was dahintersteckt, sondern als Antwort auf die Frage, was der Fall ist – und sehen Sie mir bitte nach, dass ich mit diesen Stichworten die Debatten, innerhalb derer sie geprägt worden sind, nur bezeichne, ohne mich erneut in sie hineinzubegeben.

Ich möchte mich dabei auf die Betrachtung des oben beschriebenen, Literatur und Politikparole gewordenen, Affekts beziehen. Affekte dieser Art sind Abwehr, wie die Psychoanalyse weiß, und als Abwehr sind sie als Detektoren zu gebrauchen: Was wird abgewehrt, wo liegt das Lockende, ist es mit einer einigermaßen tauglichen Beschreibung dessen, was Gewaltmilieus wie die angesprochenen tatsächlich bieten (oder doch zu bieten versprechen), zusammenzubringen?

Der Affekt, etwas Soziales als unrein, kotig, abschaumartig, auferstanden aus Kloaken zu schmähen, schmäht es als aus Zuständen vorzivilisatorischer Unordnung hervorgekommen, als etwas, das unsere zivilisatorische Reinheit bedroht. Nicht diese oder jene zivilisatorische Errungenschaft, nicht dieses oder jenes kulturelle Ordnungsprinzip – nicht diese oder jene Regelung unseres Sexuallebens, nicht unsere Ordnung des verboten/geboten/erlaubt hinsichtlich von Gewaltausübung (privat oder öffentlich), nicht, was wir so »kulturelle Werte« nennen –, sondern ganz grundsätzlich das zivilisatorische Prinzip, dass überhaupt etwas zu ordnen ist, wenn man zusammenleben will – zuallererst das Schäufelchen. Nun ist es natürlich nicht so, dass sich der Mensch im Grunde seines Gemüts nach Unordnung sehnte – keineswegs. Täte er das, hätte er sich nicht auf den langen historischen Marsch in die diversen Ordnungszustände gemacht, und dass es je einen Unordnungszustand – gefürchtet bei Hobbes, idealisiert bei Rousseau – gegeben habe, bezweifelten schon Hume (bei Hobbes) und Voltaire und Wieland (bei Rousseau) mit allerlei Spott. Gleichwohl gibt es Unbehagen und eine Instabilität, das und die von vielen Autoren unterschiedlich metaphorisch bezeichnet worden sind, wenn etwa von einer »dünnen Decke« gesprochen wird oder, um zu zeigen, was nötig ist, von einem »stählernen Gehäuse«.

Was passieren kann, zeigt uns der Lebensstil der römischen Cäsaren, den der Althistoriker Alexander Demandt ein historisch einzigartiges anthropologisches Experiment genannt hat. Ganz gleich, wie sehr die Biografien des Tacitus und Sueton von den Ressentiments eines entmachteten Standes (der Senatoren) getragen worden sind – was passieren kann, wenn ein Einzelner sittlicher Selbstverständlichkeiten weitgehend entbunden ist und über die Machtmittel verfügt, seinen Launen freien Lauf zu lassen, dokumentieren sie doch. Die Baugeschichte von Neros Domus Aurea – seine (übrigens abscheulich hässliche) Stadtvilla und ihre kompensatorische Überbauung durch Vespasian – zeigt das wie vieles mehr. Das Nero zugeschriebene Wort, vor ihm habe kein Sterblicher gewusst, was man sich herausnehmen könne, signalisiert, worum es geht, und die Überbauung der Domus Aurea mit öffentlichen Thermen, was man wieder ins Lot bringen wollte – die dramatische Selbstermächtigung zur Grenzenlosigkeit.

Man denke auch an die ja nicht stets und ständig vorkommenden, aber durch Kriegsbräuche immerhin lizenzierten mittelalterlichen Plünderungen von Städten nach einer gewissen Belagerungsdauer – Shakespeare lässt Heinrich V. so zu den ihre Stadt verteidigenden Bürgern von Harfleur sprechen (und Geschichtliches durchaus korrekt abbilden):

Ergebt euch unsrer besten Gnade;

Sonst ruft, wie Menschen auf Vernichtung stolz,

Uns auf zum Ärgsten […]

Der eingefleischte Krieger rauhen Herzens

Soll schwärmen, sein Gewissen höllenweit

[…] und mähn wie Gras

Die holden Jungfraun und die Kinder.

[…] Was für ein Zügel hält die freche Bosheit?7

Der Phase der kriegerischen Gewalt unter der Fuchtel des »Du sollst!« folgt – unter Umständen – eine unter der Lizenz des »Du darfst!«. Und dann ist der Teufel los. Bis nach ein, zwei Tagen wieder die Trompete bläst. Denken Sie an die Zustände in Lagern, wo der Willkürspielraum von Bewachern und Kapos einfach nicht mehr oder jedenfalls kaum begrenzt wurde. Es soll damit nicht behauptet werden, hier käme etwas wie der »wahre Adam« zum Vorschein, denn den gibt es nicht oder er ist alle Adams zusammen, das, wie es einmal hieß: »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse « (ergänze: durch die Zeiten). Aber es lässt sich – durch die Zeiten und sozialen Klassen – feststellen, dass dieses Moment der Versuchung durch Grenzenlosigkeit einfach existiert, und die Frage Warum? ist schlichtweg müßig. Und, das is entscheidend, dieses Grenzenlose erweist sich dann, wenn es auf Kosten des Nebenmenschen geht, eben als grenzenlos – es muss rücksichtslos und zerstörerisch sein, sonst wäre es nicht, was es ist. Der – mancher – Einbrecher stiehlt nicht nur und säuft die Hausbar leer, sondern schlägt die Möbel kaputt, reißt die Vorhänge runter und – ja, natürlich scheißt er auf den Teppich.

Die Attraktivität mancher Gewaltmilieus so zu beschreiben, mögen viele nicht. Oft bekomme ich zu hören, meine These sei, Gewalt lasse sich aus den »niederen Instinkten« der Menschen erklären. Dabei weiß ich gar nicht, was das sein soll. Mein Hinweis, zu dem Entschluss, einer Stadtguerilla beizutreten, gehöre, das Tragen von Waffen zu mögen – der Entschluss, eine Pistole mit sich herumzuschleppen hat weitreichende psychische, physiologische, verhaltensrelevante Konsequenzen –, wurde so referiert, als behauptete ich, Stadtguerilleros seien »Waffenfetischisten« – was etwas ganz anderes ist (abgesehen vielleicht von dem Umstand, dass Andreas Baader tatsächlich etwas von einem solchen hatte). – Mir geht es aber nicht darum, der Tatsache, dass entgrenztes Verhalten für Menschen eine Verlockung darstellt, noch eine zusätzliche psychologische Erklärung hinzuzufügen. Für eine Analyse der Attraktivität von Gewaltmilieus ist eine derartige Ergänzung nicht nötig, wobei gar nicht zu bestreiten ist, dass es stets individuelle Wege gibt, auf denen diese soziale antisoziale Versuchung wirksam wird. Ebenso wie es sehr individuelle Umstände sind, die dazu führen, dass der Lebensweg einen nicht dahin führt – nicht nur der Mangel an Gelegenheit nota bene.

Ferner resultiert das Nichtmögen der von mir favorisierten Beschreibung aus dem Wunsch, es möge für abscheuliches Verhalten doch irgendeine, letztlich moralisch akzeptable (wiederum:) Erklärung geben oder doch wenigstens ein einsehbares Motiv »hinter« dem schieren Destruktionsgeschehen. Also sind die urban riots wahrscheinlich doch die Rebellionen Zukurzgekommener, irgendwie ein, wenn auch ungelenk vorgetragener, Schrei nach Gerechtigkeit und Liebe. Wenn sie nur nicht so ritualisiert abliefen. Wenn man sich nur nicht auf ein Kalenderstichwort hin versammelte wie der Karnevalsverein – »Heraus zum Ersten Mai!«, was dann heißt: Autos anzünden. Oder die Scheibe des Tuchhändlers Benthien einwerfen oder Stereoanlagen abschleppen oder Bullenklatschen. Es ist die Selbstermächtigung zum großen »Du darfst!«

Natürlich wird immer auch geredet: Da ist die Legende vom Auslöser der urban riots das rassistische Agieren der Polizei (das hier gar nicht bestritten werden soll), da ist der Bankraub durch die RAF, der dazu dient, Sportwagen zu beschaffen, Waffen, konspirative Wohnungen und Sprengstoff, ein antikapitalistischer Avantgarde-Aufstand, da ist die Reise in den fernen Orient, wo das Köpfen und Frauenversklaven lockt, eine Pilgerreise im Namen des Propheten. Kaum ein Erpresser und Entführer, der sich nicht irgendwann einmal als Robin Hood ausgäbe. Nun, wir wissen, dass starkes Legitimitätsempfinden nicht nur die Erregbarkeit steigert, sondern auch die Grausamkeit. Schwache Legitimitätsempfindungen sind demgegenüber eher handlungshemmend.

Auch wenn es, um nun noch schnell zur Sache zu kommen, beim Eintritt in das Gewaltmilieu neue Zwänge gibt – eine Guerilla braucht ein gewisses Maß an Disziplin, der Gotteskrieger muss beten –, so ist dieser Übertritt doch zunächst die Abkehr von vorher gültigen Verboten, hin zu unerhörten Lizenzen. An die Stelle der Stabilisierung, vielleicht gar Steigerung dessen, was Hegel »Sittlichkeit« nennt, tritt die Steigerung der Erlaubnis, das alles zum Teufel zu schicken, wie es im angeblich aus den Bauernkriegen stammenden Lied heißt, das aber ein Marschlied der Wandervögel war: »Wir sind des Geyers schwarzer Haufe, heia-hoho« und: »Des Edelmannes Töchterlein – heia-hoho – die schickten wir zur Höll’ hinein – heia-hoho«. Und das hat viele Facetten. Dies scheint mir die Grundlage:

1. Das bürgerliche Leben, nehmt alles nur in allem, zeichnet sich, wie seine Kritiker spätestens seit Schillers »Ästhetischen Briefen« wussten, durch irgendetwas aus, das diese Kritiker als Auseinanderfallen eines, wie immer auch fantasierten, Ganzen zu verstehen versuchten. Diese Einschätzung ist außerhalb des jeweiligen Jargons, in dem sie vorgetragen wird, schwer zu fassen. Lassen Sie es mich so versuchen: Das bürgerliche Leben wurde als eine Art Unterprämierung für die Anstrengung, es zu leben, empfunden. Man musste die Zumutung der Vereinzelung, der Ohnmacht, der a-personalen Abhängigkeit, einer generellen Zusammenhanglosigkeit (die Soziologie und Historiografie sind die Kompensations- respektive Trostwissenschaften ins Syn- und Diachrone) aushalten und bekam … ja, was? (Nun ja, vielleicht den Roman als die klassische bürgerliche Kunstform, die gleichfalls kompensiert oder Formen, es zu ertragen, vorführt.)

2. Das Gegenmodell ist das mit Überprämierung versehene Angebot, das bürgerliche Leben zu verlassen. Wie kommentierte Ulrike Meinhof Baader/Ensslins Brandstiftung? Unpolitisch beziehungsweise reaktionär, aber illegal, ergo tendenziell ein Vorbild. Was folgte, waren die Bekenntnisschreiben, in denen vornehmlich von der Menge an TNT-Äquivalenten die Rede gewesen ist.

Was sind die Facetten des Gegenmodells?

3. Das bürgerliche Leben gewährt selten Grandiosität. Wenn doch, wird das mit außerbürgerlichen Attributen versehen. Man sehe nach, wie über außerordentlich erfolgreiche Manager geschrieben wird. Wer die Scheibe des Tuchhändlers Benthien oder wie Hugos Gavroche die Scheibe des Barbiers einschmeißt, wird mit Schauder wahrgenommen. Die RAF okkupiert Nachrichtensendungen und Fantasien, stürzt die Regierung in Krisen, gewinnt Macht über Leben und Tod, richtet und richtet hin. Der IS bietet Mord und/oder Tod, die Leute kommen aus aller Herren Länder, um mittun oder doch wenigstens zusehen zu dürfen, wie ohne all dies ewige Bedenken geköpft, gekreuzigt, verbrannt werden darf und sogar soll.

4. Denn praktizierte Bedenkenlosigkeit ist auch die Gewährung äußerster Macht. Den Körper eines anderen zerstören zu dürfen. Und zwar auf Zuruf. Man ist ja nicht Beamter in der Todeszelle irgendeines Gefängnisses, wo es ohne Willkür, nach der Uhr und nach Ritual ohne jeden Anflug eines Machterlebnisses nur um den tödlichen Job geht. Bürgerliche Gesellschaft hat die direkte Macht, die in der Zerstörung des anderen Körpers ihren extremen Ausdruck findet, abgeschafft. Da gibt es Machtfragmentierung, da gibt es Prozeduren, Verrechtlichungen, Verzögerungen – der direkte Zugriff bleibt auf der Strecke. – Im urban riot, in der Terrorgruppe, im IS, ist der Einzelne in den Status der Machtwillkür eingesetzt.

5. Gemach: es gibt ja noch die Gruppe. Aber diese Gruppen verleihen solche Willkürmacht. In den riots durchs große Gewährenlassen, in der Terrorgruppe durch Delegation (»Du schießt!«), im IS vielleicht durch eine Art Henker-Casting. Die Gruppe (bei den riots die Masse) hebt die bürgerliche Vereinzelung auf. Wie Sebastian Haffner über die NS-Feriencamps für Jura-Referendare schrieb, sie seien für die ein Genuss, die zu schwach für die Anforderungen des bürgerlichen Lebens seien, so findet man in schlechthin allen Dokumenten, die Erlebnisse der von Gewaltmilieus Attrahierten bezeugen, diesen Genuss am Aufgehobensein in einer regressiven Gemeinschaft. Und dann verleiht diese Gemeinschaft das cäsarische Privileg, Herr über Leben und Tod zu sein.

6. Die Zugehörigkeit zur regressiven Gruppe garantiert keinen Lebensunterhalt. Das Bandenmitglied oder der Randalierer beziehen kein Einkommen. Aber sie werden gedeckt beim Beutemachen.

7. Die Deckung durch das Gewaltmilieu ist die Grundkontradiktion zur bürgerlichen Not-Tugend, der Kompromissbereitschaft. Der Einzelne in der Gewaltmenge schlägt zu und verschwindet, der Terrorist schlägt zu und verschwindet. Vielleicht hinterlässt er noch ein Flugblatt, auf dem zu lesen ist, dass der Bulle, um noch einmal Ulrike Meinhof zu zitieren, ein Schwein und kein Mensch ist. Auch dem Gotteskrieger ist der Kompromiss fremd, er kennt nur Gläubige und Ungläubige oder Ketzer. Der einem Gewaltmilieu Zugehörige hat also und genießt Identität. Demgegenüber findet sich der Bürger zur Individualität verurteilt, und seine Identität ist, da er als soziales Wesen lebt, diffus.

8. Die narzisstischen Gewinne aus Bürgerlichkeit fallen bescheiden aus. Sie sind schmal, stellen sich gelegentlich, nur hier und da ein, mögen sich aus der Bilanzierung von Handlungsfolgen ergeben. Triumphal sind sie allenfalls im Sport oder auf der Bühne, und auch dort hart erwirtschaftet. Demgegenüber sind die narzisstischen Gewinne aus der pe rmanent die Zugehörigkeit als Grandiosität wertenden Prämierung durch die Gruppe immens, nebst der Lizenz, Identität, sprich: Einzigartigkeit aus der existenziellen Aktion der Zerstörung zu gewinnen.

Rede ich über Bürgerlichkeit (sprich: das Leben in einer machtfragmentierten, verrechtlichten, auf Gewaltverminderung ausgerichteten Gesellschaft), als redete ich über ein Telos des Zivilisationsprozesses, und über die Gewaltmilieus, als seien sie die negierende Kehrseite dieses Prozesses, der altböse Feind, den man nicht von den Sohlen schütteln kann? So natürlich nicht. Es gibt in der Geschichte keine Teleologie, aber man kann sehr wohl sagen, dass es Entwicklungen gibt, deren Richtungen sich nachzeichnen lassen, auch wenn sie nicht gerichtet verliefen. Nicht: da sollte es hingehen, aber sehr wohl: da ist es hingegangen, und von unserer Beschreibungswarte aus gesehen, muss uns nichts daran hindern, diesen Ort als einen zu definieren, von dem aus das Ungerichtete normativ als Fortschritt angesehen werden kann. Es gehört nun zu diesem Fortschritt im Sinne der Bürgerlichkeit, dass ihm die Grandiositäts- und A-Zivilitätsangebote ausgehen. Zum Vergleich: Im antiken Rom war die Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse ein einziges Grandiositätsangebot, sogar eine Verpflichtung zur Grandiosität, der sich nur wenige – etwa der Freund Ciceros, Atticus – zu entziehen vermochten. Eine solche Offerte hält sich – nicht in diesem Extrem, aber doch – durch die Geschichte. Für den modernen Bürger besteht dieses Angebot freilich nicht mehr. Und wo doch, etwa in den Sturmzeiten zwischen ursprünglicher und geregelter Kapitalakkumulation, legen sich die Pioniere ein offensiv puritanisches Gehabe – siehe Rockefeller, ein virtuoser Unternehmer und gleichzeitig ein Bandenhäuptling – zu. Oder sie verlagern ihre Wünsche ins Symbolische, wie Philipp Reemtsma, der sich von Hans Domizlaff einen Wikingerschiffsbug als Firmenemblem entwerfen ließ und, ein homo novus und Neureicher in Hamburg, demonstrativ eine besonders avantgardistische Architektur für seine Privatvilla wählte.

Für die anderen Klassen existieren solche Angebote nicht, es sei denn in Kriegszeiten – und sozusagen an den Rändern: man geht irgendwo hin – meist aus Not – schlägt sich durch und bereichert sich, wenn’s klappt. Emily Brontë schildert so einen Fall in Wuthering Heights. Aber es gab meist so etwas wie Kolonien, später auch die Fremdenlegion, wo man hinkonnte, nahm das Unbehagen am unterprämierten Alltag überhand; siehe Ernst Jünger, für den dann gottseidank das Gemetzel auf dem Schlachtfeld die ersehnten Sensationen brachte. Und es gab immer die Möglichkeit der Räuberbande und der Piraterie. Das Echo solcher Attraktivität reicht bis heute ins Kinderbuch. Es waren immer wenige, wenige sind es auch heute, doch machen sie viel von sich reden – »das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen«, und der Geschichtsdozent in Jena wird mit Getrampel empfangen, der Hörsaal kann die Begeisterten nicht fassen, hat er doch mit einem Stück über eine Räuberbande am Theater debütiert.

Die Abwehraffekte – »Fäulnis«, »Kot«, »Abschaum« –, die verzweifelte Suche nach Erklärungen in Gestalt der Suche nach etwas »hinter« dem Offensichtlichen, zeigen nicht nur das Erschrecken vor der, sondern auch die Versuchung durch die Möglichkeit, sich in dies scheinbar »Urtümliche « wenigstens zu »vergaffen«, wie es Professor Kuckuck im Speisewagen nach Lissabon Felix Krull gegenüber formuliert. Shakespeares Heinrich V. können erst die Krone, die ihm zufällt, und ein großer Krieg, den er anzettelt, wirklich von der Bande an Räubern und Randalierern loseisen, denen er sein Leben mit Sir John Falstaff zuvor geweiht hatte, und vor Azincourt lässt er den letzten der Bande, den man beim Plündern erwischt hat, mit leisem Bedauern, aber doch, henken. Bei Victor Hugo ist die einzig unambivalent sympathische Figur jener erwähnte Fensterscheiben und Straßenlaternen einschmeißende Gavroche. Schiller schreibt genussvollen Schauder in sein Stück, wenn er »Schufterle« auftreten lässt, der einen Säugling verbrennt. Adorno (in den Minima Moralia) hat dieses Genussvolle in dem Befehl »Amalia für die Bande« klar notiert. Brechts kalte Grausamkeit in der »Maßnahme« ist das Gegenstück zur Ballade mit dem Refrain »O Himmel, strahlender Azur« mit den Zeilen »und oft besteigen sieben Stiere eine geraubte fremde Frau«. Arno Schmidts Alter Ego in der Gelehrtenrepublik heißt »Bob Singleton« – Bob Singleton ist der titelgebende Name aus einem Roman von Daniel Defoe und ist dort ein skrupelloser und fürchterlicher Pirat. – Das mag zuweilen tatsächlich grenzgängerische Qualitäten haben – Arno Schmidt nannte den beim öffentlichen Vorlesen der Mordszenen aus seinen Büchern schier aus dem Häuschen geratenden Dickens einen »Nicht-Mörder« – aber doch ist es Sublimation. Noch die exzessive Schilderung des Entgrenzten unterwirft sich in der Literatur, der Malerei, der Musik (Sacre du Printemps) der Ordnung der Form.

Gewaltmilieus liefern die Möglichkeit exzessiver Entsublimation – die ihrerseits symbolisch geraten kann. In den urban riots werden gerne Scheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Es handelt sich um demonstrierte Zerstörungsmacht und Angriffe auf Körperrepräsentanzen, nicht um Krieg, aber doch nahe dabei. Nicht selten kommt sogar vor, dass Bibliotheken angezündet werden, mithin direkt attackiert wird, was unsere Kultur ausmacht. Während der Straßenkämpfe des 19. Jahrhunderts in Paris und Wien wurden immer wieder die Straßenlampen zerschmissen. Auch Gavroche, ich habe es erwähnt, tut das mit Lust. Auf die Fenster, in denen dann noch Licht brennt, wird geschossen. Es ist der Angriff auf Sichtbarkeit und auf, lassen Sie mich den französischen Begriff für »Aufklärung« nehmen: la lumière. Die RAF verfasst Kassiber in einer Art regressiven Lallens, das als Ausweis radikaler Antibürgerlichkeit gelesen werden soll. Der IS sprengt Altertümer in die Luft – die Zeichen unserer kulturellen Entwicklung. Vielleicht lässt sich derlei auf diesen Nenner bringen: Hass auf die Symbolisierungen der Fähigkeit zur Sublimation.

Dieser Beitrag dokumentiert die Abschiedsvorlesung, die Jan Philipp Reemtsma am 5. Juni 2015 in Hamburg gehalten hat. Wolfgang Knöbl und Michael Wildt haben seine Argumentation aus soziologischer respektive geschichtswissenschaftlicher Perspektive kommentiert. Den Veranstaltungsmitschnitt finden Sie hier zum Nachhören. Alle drei Texte sind Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum Thema „Gewaltforschung“ - Sie finden die bisher erschienenen Aufsätze hier.

Fußnoten

1 Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, hg. von Eckhard Heftrich, Frankfurt am Main 2002, S. 195.

2 Ebd., S. 209.

3 Ebd., S. 213.

4 Karl Marx / Friedrich Engels, »Manifest der kommunistischen Partei«, in: Karl Marx, Die Frühschriften, hg. von Siegfried Landshut, Stuttgart 1968, S. 536 f.

5 Victor Hugo, Die Elenden, München ohne Jahr, S. 453.

6 Thomas Mann, »Das Gesetz«, in: ders., Werke in zwölf Bänden, Die Erzählungen Bd. 2, Frankfurt am Main 1967, S. 651.

7 William Shakespeare, König Heinrich der Fünfte, übers. von August Wilhelm Schlegel, Wien 1825, S. 43.

Dieser Text erschien zuerst in Mittelweg 36.