Ist Gewalt historisierbar?

Erster Kommentar zu Jan Philipp Reemtsma

Auch die Geschichtsschreibung gehört zu den zivilisatorischen Techniken der Sublimation. Denn analog zur menschlichen Grunderfahrung, dass es ein Vorher und ein Nachher, also Zeit, gibt, ordnet sie Geschehen in einem Zeitbogen sinnvoll nacheinander. Mit dem suggestiven Satz, dass nur, wer die Vergangenheit verstanden habe, in der Lage sei, die Zukunft zu gestalten, stellt die Historiografie Sinnzusammenhänge in der Zeit her und behauptet, sie seien wichtig, um die Aufgaben in der Gegenwart zu bewältigen.

Ja, in früheren Zeiten, als der Glaube an die Steuerung und Planbarkeit von gesellschaftlichem Handeln noch geholfen hat, konnten sich Historiker als Fortschrittsdeuter ausgeben, die verlässliche Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Geschichte treffen konnten.

Doch selbst heute, wo niemand mehr so recht an die Gesetzhaftigkeit der Geschichte glaubt, ist das Entwicklungsparadigma der bürgerlichen Gesellschaft beziehungsweise – heruntergebrochen auf das Individuum – der biografischen Selbstbeobachtung wie Selbstdeutung verbunden mit der Aufforderung, jeder und jede von uns müsse sich ständig entwickeln, so mächtig, dass Geschichtsdeutungen, also Interpretationen von Entwicklungen, nach wie vor hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit genießen.

Die Frage: Wie konnte es dazu kommen?, wird unausweichlich, sobald es um das Gewaltgeschehen des 20. Jahrhunderts geht. Warum konnten, eine Frage, die insbesondere im vergangenen Jahr diskutiert wurde, zivilisierte Nationen sich in einen verheerenden Weltkrieg stürzen? Gierig nach der Weltmacht greifend, antworteten die einen, schlafwandlerisch, die anderen – und wieder einmal den Koch vergessend, den auch die Cäsaren des 20. Jahrhunderts bei sich hatten.

Oder eine andere Frage, die derart drängend, vielleicht bedrängend ist, dass sie offenbar durch keine Antwort befriedigt werden kann, vielmehr sich stets aufs Neue stellt: Warum konnten ganz normale Männer – und auch Frauen – solche Massenverbrechen wie den Holocaust verüben? Welches Motiv besaßen die Täter? Beziehungsweise, die wissenschaftliche Schule wechselnd: Welche Umstände mussten gegeben sein, damit Menschen solche Taten begehen konnten?

Dahinter steckt neben der individuellen Wissbegierde – ein schönes Wort, weil es die Emotionen, mitunter Obsessionen von Wissenschaft zu erkennen gibt – vor allem der pädagogische Impuls, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und damit vergangene Katastrophen unwiederholbar zu machen. Geschichtswissenschaft soll dabei helfen, die Massengewalt des 20. Jahrhunderts zu erklären, um sie zu bannen. »Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!« – an diesem großen Projekt hat die Geschichtsschreibung einen wichtigen Anteil.

Aber die Beharrlichkeit, mit der nach den NS-Tätern gefragt wird, die Unbeirrbarkeit der Fragenden, die alle Antworten als letztlich unzureichend verwerfen – ich kenne Studenten, die sich ihr gesamtes Studium hindurch nur mit NS-Tätern beschäftigen –, verweist doch auf ein Surplus, einen Überschuss, der mit den Regalmetern an Holocaust-Literatur nicht abgegolten werden kann. Steckt in der Abwehr zugleich auch eine Anziehung, wie es Jan Philipp Reemtsma auf den Schultern von Freud vermutet hat, wäre dann nicht zu überlegen, ob in der Beschäftigung mit NS-Tätern nicht allein das Problem, welche Begrenzungen nötig sind, um solche Massenverbrechen künftig zu verhindern, behandelt wird, sondern auch eine offensichtlich starke Faszination wirksam ist, sich dem unbedingten, scheinbar grenzenlosen und präzedenzlosen Gewalthandeln zu widmen?

Wohlgemerkt, einen solchen Gedanken meine ich nicht denunziatorisch; er entwertet keineswegs das Wissenwollen oder das Nachdenken über gesellschaftliche Strukturen, die solche Gewalttaten unmöglich machen sollen. Aber ich finde, dass uns, insbesondere Historiker wie mich, die sich mit der Massengewalt des 20. Jahrhunderts beschäftigen, die Überlegungen von Jan Philipp Reemtsma zur Selbstreflexion auffordern. Neben der Ächtung von Gewalt darf deren Potenzial zur Selbstermächtigung, das über das Tun hinaus bis hin zur Geschichtsschreibung wirkt, nicht aus dem Horizont der Analyse verschwinden.

Reemtsma hat in seinem Buch Vertrauen und Gewalt immer wieder darauf hingewiesen, dass die Moderne eine Epoche ist, die von sich beansprucht, eine friedliche zu werden, die Gewalt zu zähmen und letztlich zum Verschwinden zu bringen – und zugleich eine der gewalttätigsten Phasen der Menschheitsgeschichte darstellt. Die beabsichtigte Verbannung der Gewalt aus den sozialen Beziehungen führt dazu, so Reemtsma, inadäquat über die Gewalt zu reden und die Tatsache zu verdrängen, dass Gewalt für jeden von uns eine jederzeit zur Verfügung stehende Ressource bildet.

An diesem Diskurs der Moderne hat die Geschichtsschreibung einen eminenten Anteil, geht es ihr doch wieder und wieder darum, darüber aufzuklären, wie Gewalt entsteht, wie sie das Handeln von Menschen bestimmt, wie sie radikalisiert oder eingedämmt, besiegt oder überwunden wird. Während die Historiografie über die Phänomene und Praktiken der Entsublimierung spricht, will sie ihrerseits zur Sublimation beitragen – und geht gleichermaßen jener verführerischen Selbstsuggestion der Moderne, die Gewalt zum Verschwinden bringen zu wollen, auf den Leim. Um es mit Reemtsma und also etwas freundlicher zu sagen: Die Geschichtsschreibung trägt, indem sie ihre Schilderungen und Analysen des Entgrenzten der Ordnung der Form unterwirft, zur kulturellen Sublimation bei, ohne freilich die Komplexität, ja Abgründigkeit der Aufgabe zu reflektieren.

Denn die Fixierung auf die Gewalt bleibt bestehen, ebenso wie der Wille, dank einer Erklärung des Gewalthandelns in der Vergangenheit seine Aktualisierung in der Gegenwart zu unterbinden. Aber löste man sich von dieser Fixierung auf die Gewalt als einziges Praxisfeld der Entsublimierung, käme man nicht zu einer aufschlussreichen historischen Betrachtung der Entsublimierung in der bürgerlichen Gesellschaft? Gehört die Entsublimierung als Erfahrung nicht notwendigerweise zum Vermögen der Sublimation? Und wenn wir Aufgeklärten nach Nietzsche, Adorno und Zygmunt Bauman durchaus bereit sind, in der dunklen Seite der Moderne ihr Alter Ego zu erkennen – was heißt das für uns?

Eine solche Frage mag in unserer steuerungswütigen Zeit, in der eine elektronische Handfessel, die Körperdaten sammelt und an einen fernen Server sendet, als ein Mittel der Selbstherrschaft und der Selbstkontrolle gilt, bereits verwegen sein. Zuweilen gewinnt man den Eindruck, dass die unabdingbare Arbeit am Selbst in geradezu totalitärer Weise der Selbstformung nach gewissen normativen Vorgaben gehorcht.

Ich will Ihre Geduld nicht damit strapazieren, die vielfältigen kulturellen, längst vergangenen Formen von Initiationsriten zu erwähnen, in denen die temporäre Erfahrung des Ungeordneten, Unerwarteten, Unheimlichen dazu führen soll, sich bewusst für die jeweilige Ordnung der Gemeinschaft zu entscheiden. Oder gar den Gebrauch von jenen nicht bewusstseinsvernebelnden als vielmehr bewusstseinserweiternden Drogen, die – zeitlich begrenzt – dem Es alle Möglichkeiten der imaginativen Entfaltung bieten.

Für eine Geschichtsschreibung jedenfalls, die sich darum bemüht, zeitliches Geschehen in einen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, ist das Sinnlose eine Bedrohung. Wer analog zum Modell des bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsromans Meistererzählungen entwirft, in denen Vergangenheit und Gegenwart in einer kausalen Verbindung stehen, in denen das Gegenwärtige einen Ursprung besitzt und dann auch eine Geschichte bekommt, kann sicherlich einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit gewiss sein, wird sich aber schwertun, Diskontinuität, Kontingenz oder gar Sinnlosigkeit zu denken.

Eine Geschichtsschreibung, die Reemtsmas Überlegungen ernst nimmt, würde sich entschiedener mit Entsublimierungen, Entgrenzungen, dem Unordentlichen, Unangepassten und Gegenläufigen konfrontieren müssen – und das nicht nur in den Modalitäten der Gewalt. Auch den Praxisfeldern des Chaotischen und Unübersichtlichen, des Verworfenen, des Schmutzes, des Pöbels hätte sie nachzugehen und mithin Formen des Schreibens von Geschichte zu finden, die einerseits das Andere als die Projektion des Eigenen kenntlich machten, andererseits der tatsächlichen und unüberbrückbaren, möglicherweise sogar unübersetzbaren Fremdheit des Anderen in der Geschichte auf die Spur käme. Kurz, es wäre eine Geschichtsschreibung, welche die Erfahrung evoziert, dass es Fremdes, Unheimliches, Bedrohliches gibt, das sich, selbst wenn wir es unerträglich finden, nicht zum Verschwinden bringen lässt. Diese Wissenschaft genügte dem Ethos, sich auch und gerade im labyrinthischen Prozess des Erkennens unabsehbaren Gefahren auszusetzen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen, Herr Reemtsma, persönlich für die intellektuell ungemein anregende Zeit im HIS zu danken. Sie wissen, dass ich Ihre Wahl des Nachfolgers für ganz ausgezeichnet halte und sicher bin, dass das Institut mit Wolfgang Knöbl in guten Händen ist. Man muss nicht den Trivialautor Hermann Hesse bemühen, um daran zu erinnern, dass Abschiede zugleich Anfänge sind. Sie werden in der kommenden Zeit, entlastet von der Aufgabe als Wissenschaftsmanager, nun wieder ganz Philologe und Wissenschaftler sein können. Ich freue mich daher auf die – hoffentlich häufige – gemeinsame Arbeit an den Fragen, die wir nicht loswerden und über die nachzudenken sich deshalb lohnt!

Dieser Beitrag bezieht sich auf die Abschiedsvorlesung, die Jan Philipp Reemtsma am 5. Juni 2015 in Hamburg gehalten hat. Wolfgang Knöbl und Michael Wildt haben seine Argumentation aus soziologischer respektive geschichtswissenschaftlicher Perspektive kommentiert. Den Veranstaltungsmitschnitt finden Sie hier zum Nachhören. Alle drei Texte sind Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum Thema „Gewaltforschung“ - Sie finden die bisher erschienenen Aufsätze hier.