Ein Aktivist der Theorie

Ernesto Laclau im Porträt

Auf einer Konferenz im englischen Brighton, die sich fast genau ein Jahr vor dessen (sich am 13. April nun zum zweiten Mal jährenden) Tod mit dem Werk des selbst anwesenden Ernesto Laclau (1935–2014) befasste, kam es zu einem kuriosen Zwischenfall. Jemand hatte sich in Laclaus Emailkonto gehackt und an alle gespeicherten Empfänger geschrieben, Laclau sei irgendwo im Ausland gestrandet und brauche dringend (viel) Geld, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Laclau wandte sich an die Konferenzteilnehmer, von denen viele die Nachricht erhalten hatten, indem er betonte: „Ich bin hier!“ – und widmete der Angelegenheit auch im Weiteren mehr Aufmerksamkeit, als sie eigentlich wert schien.

Die Brightoner Episode illustriert, was den in Argentinien geborenen und sozialisierten, aber 45 Jahre lang in England lehrenden und lebenden Laclau als Wissenschaftler und als Menschen auszeichnete. Die Gestaltbarkeit sozialer Identitäten, auch der eigenen, bildete den Ausgangspunkt seines Denkens. Von hier aus hatte er – im Anschluss vor allem an Jacques Derrida – seine Diskurstheorie des Sozialen entwickelt: Ihr zufolge kann sich Bedeutung erst in einem System von Differenzen konstituieren, das aber niemals abschließend konsolidiert werden kann – weil es seine prekäre Einheit nur der Abgrenzung von einem mysteriösen Außen verdankt, dessen Unbestimmbarkeit die soziale Ordnung immer wieder unterminiert. „Gesellschaft ist unmöglich“, spitzt der studierte Historiker Laclau im gemeinsam mit seiner Lebens- und Arbeitspartnerin Chantal Mouffe verfassten Buch Hegemony and Socialist Strategy diese These berühmtermaßen zu1 – wobei das präzisere Zitat lautet, dass sie ebenso „unmöglich“ wie „notwendig“ ist.2

Denn die Unzuverlässigkeit sozialen Sinns war Laclau nie Anlass für Beliebigkeit oder Indifferenz. Stattdessen verstand er sie als Aufruf zu unermüdlichem Aktivismus. Der Streit um Identität, den er als Kern aller Politik ansah, hatte für ihn insofern nichts Ironisches oder Spielerisches – mit Derrida debattierte er deshalb über den Unterschied zwischen Akzidenz und Kontingenz, mit Richard Rorty über dessen Verständnis von Ironie – und mit den dunklen Kräften des Internets um die Kontrolle über sein Emailkonto. Derlei Konflikte, die er so klassisch wie unironisch „Antagonismen“ nannte, waren für ihn gerade wegen ihrer Grundlosigkeit bitterer Ernst: „Wenn ich mich mit etwas identifizieren muss“, schrieb er, „dann, weil mir eine intakte Identität von Anfang an abgeht“.3 Und: „Die Präsenz des ‚Anderen’ hindert mich daran, gänzlich Ich selbst zu sein. Das [antagonistische] Verhältnis entsteht nicht aus vollen Totalitäten, sondern aus der Unmöglichkeit ihrer Konstitution“.4 Sätze, die man den Propheten „rationaler“ Alternativlosigkeit zur Lektüre empfehlen – und all den Illusionisten des Identitären, die von Dresden bis Raqqah das Zeitgeschehen prägen, um die Ohren hauen möchte.

Aufgewachsen in liberalen, mittelständischen Verhältnissen im Buenos Aires der 1940er-Jahre, hatte sich Laclau als Student der peronistischen Linken zugewandt und wurde Redakteur der von der sozialistischen Splittergruppe Partido Socialista de la Izquierda Nacional herausgegebenen Parteizeitung Lucha obrera, bevor ihn der Putsch von 1966 in die Emigration zwang. Ab 1969 promovierte er auf Einladung des Historikers Eric Hobsbawm in Oxford, doch die Jahre seines politischen Engagements in Argentinien blieben prägend, wie er später in einem Interview erklärte:

„Wenn ich heute die Grammatologie, Sein und Zeit oder Lacans Schriften lese, stammen die Beispiele, die mir in den Sinn kommen, nicht aus philosophischen oder literarischen Texten. Sie verdanken sich einer Diskussion in einer argentinischen Gewerkschaft, einem Austausch von Schlachtrufen bei einer Demonstration oder einer Debatte während eines Parteikongresses. Sein ganzes Leben lang kehrte Joyce zu seiner ursprünglichen Erfahrung in Dublin zurück; für mich sind es diese Jahre des politischen Kampfes im Argentinien der 1960er-Jahre, die mir als Referenz- und Vergleichspunkt vor Augen stehen.“5

Das Politische war für Laclau insofern nichts, zu dem man sich entschließen oder dem man sich entziehen konnte, sondern etwas, dem man ausgesetzt war und das einen zur Stellungnahme zwang. Etwas, dessen Existenzialität er im polarisierten Argentinien, in dem er nicht bleiben konnte und in dem so viele andere verschwanden („als Abwesende anwesend“ war eine seiner prägenden Fomulierungen), am eigenen Leib erfahren hatte. Und so war „Hegemonie“, jenes prekäre Höchstmaß gesellschaftlicher Ordnung, dessen Begriff er von Gramsci übernahm, für ihn auch kein abwertender Begriff, sondern unausweichliches Ziel von Politik überhaupt.

1973 wurde Laclau an die Universität Essex berufen und traf dort die belgische Politologin Chantal Mouffe, die er zwei Jahre später in zweiter Ehe heiratete. In seinen Veröffentlichungen aus dieser Zeit, die sich an der Spannung zwischen marxistischer Theorie und lateinamerikanischem Populismus abarbeiten, geht er zunehmend auf Distanz zur klassenreduktionistischen Orthodoxie, bis er sich schließlich Anfang der 1980er-Jahre mit Mouffe an die „Dekonstruktion des Marxismus“ wagt und mit Hegemony das post-marxistische Gründungsdokument vorlegt, in dem er zugleich die Grundbausteine seiner Theorie – Diskurs, Antagonismus, Hegemonie – entwickelt.

Während Mouffe im Anschluss daran die demokratietheoretischen Motive vertiefte und die Konzeption radikaler Demokratie weiterentwickelte, konzentrierte sich Laclau ganz auf die Verfeinerung seines „sozialontologischen“ Instrumentariums. Nachdem Slavoj Žižek in einer wohlmeinenden Intervention den Antagonismusbegriff euphorisch als den „vielleicht radikalsten Durchbruch in moderner Sozialtheorie“ gefeiert hatte6, nahm Laclau im 1990 erschienenen New Reflections on the Revolution of Our Times und der 1993 veröffentlichten Aufsatzsammlung Emancipation(s) eine Unterscheidung der Erschütterung sozialer Selbstverständlichkeit als „Dislokation“ vom Versuch ihrer Wiederherstellung als „Antagonismus“ vor, um seinen Subjektbegriff im Übergang zwischen beiden zu entwickeln. Zudem machte Laclau Theoriefiguren des Psychoanalytikers Jaques Lacan sozialtheoretisch fruchtbar, um zu erklären, wie die imaginäre Stabilisierung von Bedeutung möglich wurde: nämlich durch „leere Signifikanten“, die die „Unmöglichkeit der Darstellung in die Darstellung der Unmöglichkeit“ verwandeln (Žižek).

Der Umstand, dass Laclau keinen Widerspruch zwischen der theoretischen Durchdringung politischer Praxis und seinem Bekenntnis zum Aktivismus sah, dürfte zu einem guten Teil die anhaltende Faszination seines Wirkens erklären. Der ungerechteste Vorwurf, den man ihm machen konnte, war dagegen der des „Abstraktizismus“, der theorieverliebten Praxisferne. Waren es doch gerade seine eigenen Erfahrungen als politischer Aktivist im peronistischen Argentinien, fern der vermeintlichen Epizentren von Klassenkampf und liberaler Demokratie, die ihm die Beschränktheit des begrifflichen Angebots politischer Theorie veranschaulicht hatten. Dagegen führte er seine originelle Kombination aus marxistischen und post-strukturalistischen Theoriefiguren ins Feld, um mit ihrer Hilfe die Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Konstruktion zu ermessen. Für den Post-Marxisten Laclau stand fest, dass es, um die Welt zu verändern, darauf ankam, sie anders zu interpretieren. Und so ist es gerade die Entschlossenheit seines Schritts zur Theorie, die den Laclau‘schen gegenüber all den halbherzigen Ansätzen auszeichnet, die sich in einem naiven Politikverständnis verzetteln, und ersteren eine Reflexionstiefe erreichen lässt, deren Potenzial längst nicht ausgeschöpft ist.

Das gilt insbesondere für seine letzte, bisher unübersetzt gebliebene Monografie On Populist Reason. Darin kehrt Laclau zum Thema seiner theoretischen Anfangsjahre zurück und legt eine fulminante Analyse des Populismus vor, hinter dessen Abwertung er „die Zurückweisung von Politik schlechthin“ erkennt.7 Gegen ein rationalistisches Politikverständnis, das Politik mit Verwaltung zu verwechseln tendiert, betont Laclau die zwangsläufige Unschärfe, Strittigkeit und Affektivität demokratischer Praxis („das soziale Band ist ein libidinöses“, erklärt er mit Freud8). Damit rehabilitiert er das unvermeidliche populistische Element jeder Politik, dessen es bedürfe, um Mehrheiten zu gewinnen und ein – mehr oder weniger – belastbares „Wir“ zu konstruieren. Im Detail vollzieht er die rhetorischen Mittel nach, derer sich Populisten bedienen, womit er die Populismen unserer Gegenwart einerseits als zwar nicht unbedingt erfreulichen, aber normalen Typus von Politik entzaubert. Andererseits wird Populismus bei ihm als Produkt hegemonialer Verhältnisse nachvollziehbar, die sich in maßloser Überschätzung ihrer eigenen Rationalität der Auseinandersetzung mit unabgegoltenen Forderungen viel zu lange verweigert haben. Am Ende steht aber keineswegs eine unterschiedslose Rechtfertigung aller populistischen Bewegungen, ganz im Gegenteil: Indem Laclau Populismus weder pathologisiert noch romantisiert, sondern dessen Logik offenlegt, schafft er erst die Voraussetzungen für inhaltliche Differenzierungen und strategische Erwägungen.

Anders als in Europa traf On Populist Reason die Leserschaft in Lateinamerika mit Wucht. Kurioserweise geriet Laclau dabei sein notorisches langsames Schreibtempo zum Vorteil: Als nach jahrelangem Ringen mit dem Text endlich die spanische Übersetzung La Razón Populista zeitgleich mit dem englischen Original 2005 erschien9, wurde das Werk von der soeben entstandenen Welle des lateinamerikanischen Populismus mitgerissen: Der venezolanische Staatschef Hugo Chavez empfahl das Buch live im Fernsehen seinen Anhängern zur Lektüre, und Laclau wurde zum „Lieblingsdenker“ der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner erklärt, deren Vorgänger und Ehemann Laclau in einem Nachruf als den „größten argentinischen Staatsmann der letzten 50 Jahre“ bezeichnet hatte.10

Sein enges und zuweilen unkritisches Verhältnis zur lateinamerikanischen Linken ist dabei vor dem Hintergrund der doppelten „Barbarei“ von Militärdikatur und enthemmter neoliberaler Elitenherrschaft zu sehen, deren Überwindung bei Laclau Euphorie auslöste. In einem Vorwort zu einer auf Spanisch erschienenen Aufsatzsammlung schrieb er 2008 von einem „einzigen Projekt“, dem er „seine ganze intellektuelle Kraft gewidmet“ habe: dem Vorhaben, „die politische Initiative wiederzugewinnen, was, aus theoretischer Perspektive, bedeutet, das Politische wieder denkbar zu machen. [...] Es ist für mich Anlass zu profundem Optimismus, dass, nach so vielen Jahren politischer Frustration, unsere lateinamerikanischen Völker im Begriff sind, sich im emanzipatorischen Kampf zu behaupten.“11 Dabei war Laclau, wie er etwa gegenüber Žižek betonte, kein Verfechter staatlicher Planwirtschaft, sondern durchaus ein Verteidiger liberaler Rechte – an erster Stelle standen für ihn jedoch Gleichheit und Demokratie, da die Erfahrung ihn gelehrt habe, dass sich aus diesen zwar eine bürgerliche Ordnung, ohne sie aber nichts Gutes entwickeln könne. Derartige Auffassungsunterschiede führten schließlich zum völligen Bruch mit Žižek, dem Laclau 2014 vorwarf, er vertrete einen „wildgewordenen ultra-linken Standpunkt, verpackt in einen Kindergarten-Leninismus“.12

Mithin verhielt sich Laclau keineswegs wie ein untertäniger Intellektueller am Kirchner‘schen Hofe. Vielmehr war Theorie für ihn immer schon politische Praxis – und so blieb Laclau auch als Akademiker Aktivist. Dementsprechend ausgeprägt war seine Bereitschaft zur Theoriepolitik, inklusive eines Hangs zur Schulbildung. Dieser frönte er vor allem als Gründungsdirektor des „Programme in ideology and discourse analysis“ an der Universität Essex, wo er seit 1986 – unterbrochen nur durch Lehraufenthalte im Ausland – Politische Theorie lehrte. Dort wurde er zum theoretischen Mentor einer zwar nicht unüberschaubaren, aber außergewöhnlich globalen und loyalen Gemeinschaft von Schülern, zu deren sorgsam gepflegten Ritualen das vielsprachige Singen der Internationale gehörte – und von denen viele auch 2013 in Brighton zugegen waren.

Genau ein Jahr nach der dortigen Tagung strandete Laclau schließlich tatsächlich im Ausland, diesmal für immer: Am 13. April 2014 erlag er im spanischen Sevilla, wo er sich gemeinsam mit Chantal Mouffe wiederum auf eine Konferenz vorbereitet hatte, einem Herzinfarkt. Ruhe in Frieden, das wäre ihm wahrscheinlich zu langweilig gewesen. Er selbst hatte in seinem Nachruf auf Néstor Kirchner die letzten Worte des uruguayischen Nationalhelden und Politikers José Gervasio de Artigas (1764–1824) zitiert: „Es dämmert, sattelt mir das Pferd.“

Fußnoten

1 Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemony and Socialist Strategy, 2. überarb. Aufl., London/New York 2001 (erste Auflage 1985), S. 114. (Übersetzungen, wenn nicht anders angegeben, von B.S.)

2 Ernesto Laclau/Judith Butler/Slavoj Žižek, Contingency, Hegemony, Universality, London/New York 2000, S. 58, vgl. auch Laclau/Mouffe, Hegemony, S. 129.

3 Ernesto Laclau, Emancipation(s), 1993, S. 92.

4 Laclau/Mouffe, Hegemony, S. 125.

5 Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Times, London 1990, S. 200.

6 Slavoj Žižek, Beyond Discourse Analysis, in: Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time, London 1990, S. 249.

7 Ernesto Laclau, On Populist Reason, London 2005, S. x.

8 Ebd., S. x.

9 Ernesto Laclau, La Razón populista, übers. von Soledad Laclau, Buenos Aires / Mexiko City 2005.

10 Ernesto Laclau, El legado de Néstor Kirchner, in: Pagina 12, 4. November 2010.

11 Ernesto Laclau, Debates y combates. Por un nuevo horizonte de la política, Buenos Aires 2008, S. 12.

12 Ernesto Laclau, Post-marxism – Populism – Critique, hrsg. v. David Howarth, London 2014, S. 271.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.