Radikal klassisch – klassisch radikal!?

Bemerkungen zur Rezeption und Aktualität von Deleuze

Vor zwanzig Jahren, am 4. November 1995, hat sich Gilles Deleuze in Paris umgebracht. An ihn muss man nicht erinnern, um ihn von den Toten auferstehen zu lassen. Seine Texte sind lebendig und präsent in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Arbeitsfelder und Wissensgebiete: von den Medien- und Kulturwissenschaften, über Design- und Kunstprojekte, Repräsentationskritik und Performance-Studies bis zu neueren Kapitalismustheorien; sie spielen eine wichtige Rolle für die Wiederentdeckungen von Baruch de Spinoza in den Diskursen um politische Macht, von Gabriel Tarde in der Soziologie, von Jean Wahl (und Alfred N. Whitehead) im Pragmatismus, von William James im „radikalen Empirismus“ oder auch von Gilbert Simondon in der Technik- und Kulturphilosophie. Wie die Diskussionen um Postmoderne, Psychoanalyse, Medientheorie, Feminismus und Postkolonialismus bereits vor Jahren sich immer auch um einige Bücher von Deleuze drehten, waren diese vor nicht allzu langer Zeit in den proklamierten „iconic “ und „spatial turns“ gegenwärtig: In seinen Kino-Büchern entwickelte Deleuze in den 1980er-Jahren eine semiologische Typologie der Bilder und gemeinsam mit Félix Guattari eine „Geophilosophie“. Aktuell bezieht man sich regelmäßig auf Deleuze im Kontext des „spekulativen Realismus“ und im Posthumanismus, in der Akteur-Netzwerk-Theorie ebenso wie in der Diskussion der„politischen Differenz“ oder in Auseinandersetzungen um die von Michel Foucault thematisierte Biopolitik.

Eine Abfolge in der Rezeptionschronologie ließe sich an den folgenden Schlüsselwörtern festmachen: In den 1960er- und beginnenden 1970er-Jahren stand die Differenz im Vordergrund. Anschließend dominierte bis in die späten 1980er-Jahre das Rhizom (beziehungsweise das Virtuelle), das sich dann zunächst in eine stärker politisch gefärbte multitude verwandelte und nach der Jahrtausendwende als Sozialmaschine oder gesellschaftliches Techno-Ensemble (assemblage) eine neue Gestalt annehmen konnte. Vom Strukturalismus zum Mediendiskurs – und von dort zu einer Mikrotechnologie des immanent Politischen und Sozialen: Differenz – Rhizom – Multitude – Assemblage.

Das ist natürlich eine unzulässige Vereinfachung. Und was im Trend liegt, steht nicht unbedingt für eine Aktualität, die aus der Konsequenz einer triftigen Problemstellung wie ihrer überzeugenden Ausarbeitung resultiert. In einem kleinen Text aus dem Jahr 1993 bezeichnet sich Deleuze als „klassischen Philosophen“ – während er in den Augen seiner gebildeten Zeitgenossen als „Radikaler“ gilt. Wie kommt es zu einem derartigen Missverhältnis der Auffassungen – und was sagt das über die eigentümliche Wirksamkeit der Philosophie Deleuzes aus?

Zwei kleine Begebenheiten veranschaulichen diesen Punkt: Vor etwa fünfzehn Jahren fand an der Marburger Universität eine Ringvorlesung statt, die sich den „großen Philosophen“ widmete. In der Vorlesung über Spinoza wurde mit keinem Wort auf die neueren politischen Lektüren einer breiten Leserschaft hingewiesen. Eine Bemerkung zu den Verirrungen der „Postmoderne“ musste genügen. Zehn Jahre später veranstaltete dann die deutsche Spinoza-Gesellschaft eine Tagung zu „Deleuze und Spinoza“. Damit reagierte man nicht lediglich auf eine stetig zunehmende (postmarxistische, über Umwege von Deleuze inspirierte) Rezeption Spinozas. Vor allem setzte man sich mit der  komplexen Spinoza-Lektüre von Deleuze auseinander, indem auch ihre philosophischen Voraussetzungen thematisiert wurden. Das merkwürdige Selbstbewusstsein einer philosophiehistorischen Tradition wurde mit der Zeit gleichsam ausgehöhlt. Der als „radikal“ ausgegrenzte Deleuze-Text, der bestimmte, vor allem implizit geltende akademische Regeln außer Kraft setzt, wird zum Gespräch eingeladen.

Das ist durchaus erfreulich. Und daraus lässt sich etwas lernen. Als „radikal“ diffamiert zu werden, kann schlicht heißen, „Abweichung“ zu diskriminieren. Akteure dieser Praxis sind beispielsweise Bedenkenträger, Pfründe-Verteidiger und der Jugendschutz. Woran sich fast schon ablesen lässt, dass die ins Feld geführten Gründe eher weniger plausibel sind. Eine (nicht unbedingt intendierte) Folge dieser Praxis liegt darin, dass das Radikale gefeiert wird – und der Ausschluss affirmiert. Schließlich kann die akademische Verurteilung nicht verhindern, dass das angeblich radikale Gedankengut intensiv rezipiert wird – außerhalb der traditionell konservativen Philosophie, im Rahmen der neu entstehenden, sich ausdifferenzierenden Kulturwissenschaften, in den Theorieabteilungen der Kunsthochschulen, im Feld der Medientheorie etc., oder auch hier und da als radikalisierte Fortsetzung kritischen Denkens nicht nur in den Instituten der Universitäten. Und das ist noch nicht die ganze Geschichte.

Die wahre Radikalität von Deleuze liegt womöglich in seiner Behauptung, ein klassischer Philosoph zu sein. Sie besagt im Kern, dass die Philosophie einem Anders-Werden ausgesetzt wird – das nicht von außen, sondern aus ihr selbst kommt. Die Philosophie ist anders, weil sie sich von alters her nicht mit den Gemeinplätzen der Daseinsbewältigung zufrieden gibt. Immanent, skeptisch, fragmentarisch, relational, analytisch und konstruktiv: so lauten die Stichworte ihrer unverbrauchten Klassizität. Sie ist nicht selbstgenügsam, kann aber nur autonom operieren: in ihrem unvermeidlichen und entscheidenden Bezug zur Nicht-Philosophie, das heißt zu heterogenen körperlichen, technischen, gesellschaftlichen Verhältnissen, aus denen sie hervorgeht – und die sie zugleich auf ihre Art zu bestimmen sucht. Damit widerspricht Deleuze dem konservativen Charakter der Philosophie ebenso wie ihrer modisch auftrumpfenden Erscheinung. Es ist vielleicht das Radikal-Klassische seines Denkens, das ihn in den letzten Jahren wieder stärker in den Fokus der Philosophie gerückt und zum begehrten Gesprächspartner anderer Disziplinen gemacht hat.

Dieser Beitrag ist Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum 20. Todestag von Gilles Deleuze (1925–1995). Weitere Texte erscheinen in Kürze.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christian Dries.