Schwarze Gauloises und strickende Hausfrauen

Wissenschaftlerinnen und Autorinnen verschiedener Generationen über ihre erste Begegnung mit Simone de Beauvoir

Tatsächlich war meine erste Begegnung mit de Beauvoir 1962 so nachdrücklich, dass ich mich noch heute, 54 Jahre später, ganz genau erinnere, als sei es gestern gewesen. Ich war zu der Zeit Mitglied im Sozialistischen Studentenbund (SDS) und verbunden mit der Gruppe um die Zeitschrift Das Argument. Da gab es Gespräche um neue Bücher, man lernte das Rezensieren und nahm teil an öffentlichen Diskussionen. Ein Durchbruch war die große Veranstaltung zum Themenbereich „Sexualität und Herrschaft“, eine damals ganz verrückte Zusammenstellung, ebenso wie „Emanzipation der Frau“, wie die Argument-Hefte dann hießen. In diesem Kontext lasen wir Beauvoirs Das andere Geschlecht, welches mir fremd und verschlossen war und zugleich rätselhaft berührend, weil es mir selbst blitzhaft Bedeutung gab, auf unerhörte und nicht gedachte Weise. Sie sprach zu uns zugleich akademisch-philosophisch und doch sinnlich-leiblich und gerade dies verschmolz zum Politischen.

Aus dem so geweckten Geist, der nicht davor zurückschreckte, sich selbst in große Politik zu mischen, entzündete sich die „Zweite Frauenbewegung“ um die Kampagne gegen den § 218, also die staatlich-rechtliche Verfolgung der Entscheidung von Frauen, nicht jede Verbindung von Samen und Zelle in sich wachsen zu lassen und auszutragen und Kinder zu gebären.

Dieser Geist bleibt unerschrocken, gegenwärtig und notwendig.

 

Frigga Haug, Soziologin und Philosophin, emeritierte Professorin der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, Jahrgang 1937

 

***

Das erste Buch, das ich von Simone de Beauvoir in den Händen hielt, ist in der Tat auch das Buch, was ich am intensivsten und in einigen Passagen wiederholt gelesen habe und sicher immer wieder lesen werde: Das andere Geschlecht. Ich habe es Mitte der 1990er Jahre, kurz nach dem Abitur, von meiner ehemaligen Deutschlehrerin geschenkt bekommen. Sie hat damit – ohne es zu ahnen – eine Beziehung gestiftet, die über die Jahre durch die Lektüre von Romanen, Erzählungen, Essais und der autobiografischen Schriften immer enger geworden ist. Meine feministische Haltung zu dieser Zeit war bestimmt durch eine von Frauen* geprägte Kindheit in Ost-Berlin, die Politisierung der Wendejahre und Wut über die Beschneidung der Selbstbestimmungsrechte von Frauen* im Einigungsprozess. Es handelte sich jedoch eher um ein Bauchgefühl als um eine theoretisch fundierte Überzeugung. Es hat dann auch einige Jahre gedauert, bis ich über die Einleitung des Buches hinausgekommen bin und vor allem die Frage Beauvoirs, „Was ist eine Frau?“, in ihrem revolutionären Gehalt verstehen konnte. Indem Beauvoir diese Frage stellt, öffnet sie den Weg der Dekonstruktion des kulturellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit, den folgende Generationen von Feminist*innen weiter gegangen sind. Bei jeder neuen Lektüre bin ich wieder überrascht von den weitreichenden Aussagen, die sie beispielsweise über die Bedeutung des Körpers für diese Frage trifft („den Körper von der Existenz her definieren“; „die biologischen Gegebenheiten [nehmen] die Werte an, die der Existierende ihnen gibt“) oder wie umfassend sie die Erfahrung einer historisch spezifischen Form von Weiblichkeit rekonstruiert. Allerdings überrascht oder besser gesagt schockiert mich auch immer wieder die ungebrochene Setzung des Westens als Zentrum aller zivilisatorischer Entwicklung und die Gegenüberstellung von Orient und Okzident, die das Buch auf subtile Weise durchzieht. Das Andere Geschlecht ist damit beides, wegweisend für die feministische Theorieentwicklung und zutiefst verankert im Orientalismus des 20. Jahrhunderts. In jedem Fall ist es ein Buch, dessen Lektüre für mich noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Aline Oloff, Doktorandin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin

 

***

I first read Simone de Beauvoir's The Second Sex some four, five years ago. I instantly knew that I was reading a book that would change my perspective on womanhood, femininity, feminism and sexuality. I was already a huge fan of her fiction, but her theoretical writing has inspired me to probe deeper in my own writing, and to strive to tackle issues with candid observation. Few philosophers and theorists are able to use the history of ideas in a way that illuminates pressing situations in the present as authoritatively as de Beauvoir. She is still one of a kind.

 

Minna Salami, Journalistin und Feministin, London / Lagos

 

***

Den Zugang zu Simone de Beauvoir hatte mir meine Mutter, Helene Lenz (geb. Ranke), vermittelt. Als passionierte Leserin hatte sie sich mit Jean-Paul Sartre und mit Simone de Beauvoir beschäftigt und während sie las – oft beim Stricken – spazierte sie in alternativen Welten zu ihrem Alltagsleben als Hausfrau und Mutter von vier Kindern herum. So konnte sie die bürgerliche häusliche Enge überschreiten. Simone de Beauvoirs Bücher gab sie an mich weiter, weil sie mein stummes Unglück an der bleiernen Zeit der 1950er, dem verengten Denkraum eines bayrischen Mädchengymnasiums und dem Diktat der  vorherrschenden Weiblichkeit spürte. Mein Unbehagen heilte das nicht, aber mein Kopf und mein Horizont erweiterten sich radikal. Jenseits der Theorie bezog ich aus den Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, dass es freie und gleiche Liebes- und Lebenspraktiken gab, die von Frauen mitgestaltet werden (nicht zusammenwohnen und kochen… die Grenzen des Freien-Bett-Gebots und des Gemeinsamen-Kochtopf-Tabus wurden erst später klar). In Das andere Geschlecht faszinierten mich die vielfältigen wissenschaftlichen Zugänge von der Biologie über die Geschichte zur Philosophie zum nun unerwartet ungelösten Rätsel des Geschlechts um die Schlüsselfrage, was es heißen könnte, wenn wir nicht als Frau oder Mann geboren werden. Die doppelte Brisanz von Simone de Beauvoir heute liegt in dieser Frage wie auch dem nun weitgehend vergessenen interdisziplinären Wissensschatz, den sie erschlossen hat, um sie zu beantworten. Ich las de Beauvoir anders als meine Mutter, wie sie auch Jüngere zwischen etablierter Heldin, radikaler Dekonstruktivistin und zutiefst gelehrter Denkerin (hoffentlich trotz des breiten Gedächtnisverlustes um kritische Theorien) unterschiedlich lesen werden.

 

Ilse Lenz, Soziologin, emeritierte Professorin der Ruhr-Universität Bochum, Jahrgang 1948

 

***

De Beauvoir's work is an object lesson in controlled, utterly rigorous anger. Her careful thoroughness in The Second Sex reveals the limitations of Marxism, psychoanalysis and biology and the anti-feminist and anti-female qualities of history, myths and religion for any lived understanding of women's oppression then as now. It strikes me as deeply wrong that people today take the quote ‘one is not born, but rather becomes, a woman’ as evidence not of the imposed and oppressive qualities of femininity and womanhood, but of the supposed flexibility of gender. De Beauvoir reminds us that we have not come that far! Her other work in Philosophy, particularly the Ethics of Ambiguity, are key texts in existential and ethical thought, and serve as enduring reminders of the limitations of male-oriented philosophy, no matter how neutral the discipline believes itself to be. Her novels too do not shy away from the lived difficulties of life as a woman, and the burdens placed upon those treated in this way. De Beauvoir is a better and more timely philosopher than many of her male peers, and she should be studied and read just as much as they still are, if not more.

 

Nina Power, Philosophin, Senior Lecturer an der Roehampton University

 

***

Das andere Geschlecht habe ich in einem Antiquariat in Berlin-Kreuzberg erstanden, Ende der 1980’er Jahre; eine Ausgabe von 1963! Ich hatte grade im Ruhrgebiet Abitur gemacht und übte mich in Intellektualität ein. Konkret rauchte ich schwarze Gauloises (ohne!), lernte das Rotwein trinken schätzen, diskutierte viel und demonstrierte ab und zu, und ich kaufte ziemlich viele Bücher, vor allem Klassiker, die ich für wichtig hielt. Gelesen habe ich die Bücher tatsächlich, gemächlich nach und nach. Eher später als früher las ich dann Das andere Geschlecht, schon im – Achtung, old school – Hauptstudium der Sozialwissenschaften. Seitdem habe ich es immer wieder und in unterschiedlichem Lichte gelesen. Bei meiner ersten Lektüre, ca. 1993, war ich bereits ziemlich vertraut mit den damaligen Theoriedebatten im Kontext der ‚feminist theory’ und der Soziologie. Es ging dabei hoch her, denn die ‚Dekonstruktion’ hielt Einzug in die – Obacht, musealer Begriff – Frauenforschung und Michel Foucault bzw. der Post-Strukturalismus wurden, ebenso wie Bourdieu, in der Soziologie noch als ‚zu französisch’ abgewehrt. Damals las ich de Beauvoir als historischen Text, vor allem aber als Bezugsrahmen für das damals spektakuläre Unbehagen der Geschlechter von Judith Butler. Über Butler (und Bourdieu) schrieb ich 1994 nämlich meine Diplomarbeit unter den konstruktiv-kritischen Augen und dialogisch offenen Ohren von Ilse Lenz.

Mir dämmerte bei der ersten Lektüre des Buches von de Beauvoir, was ich später systematischer heraus arbeiten und nunmehr seit Jahren auch in der Lehre vermitteln würde: Die irritierende und doch so plausible Ambivalenz in Bezug auf die Geschlechterdifferenz. Ihre heute sträflich anmutende Vermischung von Ebenen, wenn sie über das Geschlecht im Geflecht von Körper, Natur, Geschichte, Geschlecht, Freiheit, Erfahrung nachdenkt. Einerseits nämlich weist Beauvoir Naturalisierungen und allzu simple Biologismen im Namen der Selbstgestaltung und der individuellen Freiheit zur Transzendenz zurück – eine Freiheit, die ausdrücklich jedem und jeder als Pflicht und Lebenssinn gegeben ist. Andererseits jedoch zementiert sie simple Naturalisierungen, wenn sie z.B. über Schwangerschaft und Stillen, oder über den ‚männlichen’ Körper schreibt. Dann treibt sie eine „eigentümliche Bewunderung für das Männliche“ wie die Literaturwissenschaftlerin Toril Moi in ihrer ausgezeichneten Biographie von de Beauvoir formuliert. Das Prinzip der – beim Erwachsenen Menschen im Prinzip moralisch verwerflichen – Immanenz mutiert bei de Beauvoir faktisch zu etwas Weiblichem, das zwar den Mädchen sozialisatorisch angedient wird, sie werden – so der Duktus des Buches – dauernd verführt und gelockt, etwa den „Wonnen der Passivität“ zu verfallen. Doch auch wenn dies alles empirisch und historisch gemeint ist, unter der Hand sind es doch spezifisch ‚weibliche’ Körpererfahrungen, weibliche Seinsweisen, die die Frauen daran hindern, sich zu vollen Menschen zu entfalten. Aber dies muss wiederum kein Schicksal sein. Dagegen hilft: keine Kinder kriegen, aktiv einen Lebensplan verfolgen, Sinn machen, in der Transzendenz die Freiheit leben. Etwas werden wollen statt der Schimäre eines Seins zu verfallen.

Das diesem Imperativ zugrunde liegende epistemische Durcheinander im Anderen Geschlecht ist kaum zu überschätzen. Es mag den methodologischen Anforderungen heutiger Geschlechterforschung (bei Weitem) nicht genügen. Aber das Buch macht wie kaum ein anderes das Ringen um ein Verständnis der Geschlechterdifferenz als historische Natur deutlich, die auch in ihrer Materialität durch soziale Praxis und institutionell gerahmter Erfahrung gestaltet wird. Das entsprechende Problem der Geschlechterdifferenz zwischen Sein und Werden bleibt eine theoretische und empirische Herausforderung.

 

Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Jahrgang 1968

 

***

Zum ersten Mal begegnete mir Simone de Beauvoir, als wir im Französischleistungskurs ihren Roman Les belles images lasen. Es ist eine der wenigen Schullektüren, die ich heute noch auf Anhieb nennen kann, und sie ist für mich mit der beginnenden Erkenntnis verbunden, dass Literatur die Möglichkeit bieten kann, neue Fragen aufzuwerfen und Denkräume zu eröffnen. In meinem Studium hatte ich dann das Glück, dass meine ersten Begegnungen mit dem theoretischen Feminismus von Dozent_innen begleitet wurden, die uns vermittelten, dass ein Texte wie Le deuxième sexe nicht ein historisches Monument ist, sondern als klassischer Text gelesen werden sollte, der in seiner Zeit in bestimmter Weise Fragen aufwirft, die als Fragen unserer Zeit neu gelesen und reformuliert werden können. Simone de Beauvoir ist als Grenzgängerin zwischen Philosophie und Literatur, als intellektuelle Frau*, als Pionierin in den sich für Frauen* in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erst öffnenden Institutionen formaler Bildung eine der ganz wichtigen Figuren des Feminismus. Als solche gibt sie uns Fragen auf, die weiterhin aktuell sind: was es heißt, Frau* zu werden, wie Lebensweisen möglich und unmöglich werden, inwiefern intellektuelle Frauen* Grenzgänger_innen sind, deren Status als Erkenntnissubjekt und als Frau* besonderen Reibungen ausgesetzt ist, welche Bedeutung Sprache und Literatur für Erkenntnis und Erfahrung haben.

 

Hanna Meißner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin

 

***

An meine erste Lektüre des Anderen Geschlechts gegen Ende der 1970er-Jahre kann ich mich nicht mehr genau erinnern; das vollkommen zerfledderte Exemplar habe ich 1992 durch die Neuübersetzung ergänzt, die mittlerweile auch recht gebraucht aussieht. Mit beiden Exemplaren arbeite ich bis heute und ehre sie sehr, da mich Beauvoirs Analyse der patriarchalen Unterdrückung immer tief beeindruckt und überzeugt hat: Beauvoir analysiert den Frauenanteil daran klar und scharf, oft sogar bitter oder sarkastisch. Während in den ersten beiden Jahrzehnten meines feministischen Engagements vor allem die patriarchatskritischen Argumente zentral waren, stand für mich in den vergangenen 20 Jahren die existenzialistische Perspektive des Anderen Geschlechts im Mittelpunkt. Beauvoirs politische Anthropologie konturiert uns als Freiheitswesen, die stets zwischen dem Wunsch nach Freiheit, Aufbruch und Abenteuer und der Angst davor hin und her gerissen sind; dies scheint mir (allerdings nur in sicheren liberalen Gesellschaften!) eine treffende philosophische Beschreibung menschlicher Existenz zu sein. Beauvoir geht noch einen gedanklichen Schritt weiter: Patriarchale Herrschaft hat diesen Grundkonflikt jeder/jedes Existierenden vergeschlechtlicht und damit sowohl Frauen als auch Männer ihrer Menschlichkeit beraubt; erstere werden zurückgeworfen auf die Furcht vor der Freiheit, letztere auf eine geradezu ‚irre‘ Furchtlosigkeit. Dass der akademische Feminismus Beauvoir seit 25 Jahren meist nur durch Judith Butlers konstruktivistische Brille betrachtet, obgleich Beauvoir eine höchst kluge Materialistin ist, empfinde ich als starke intellektuelle Verkürzung ihrer Philosophie. Der gegenwärtige politische und wissenschaftliche Feminismus braucht mehr Freiheits- und mehr Materialitätsdenken.

 

Barbara Holland-Cunz, Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Jahrgang 1957

 

***

I came across Simone De Beauvoir’s Second Sex quite late in my life as a feminist: I read the Polish translation as a graduate student in the late 1990s during a course in gender theory taught by Polish philosopher Jolanta Brach Czaina at the graduate School for Social Science (Polish Academy of Science). I was already an active feminist at the time, so it was hardly a feminist ‘awakening’. Yet, the book’s central idea made a huge impression on me: woman is the „Other” in patriarchal culture, she is denied full human status which is reserved for man. I had studied various aspects of social and legal inequality and discrimination before, and I had been exposed to some social constructionism (including the work of Judith Butler) beforehand, but de Beauvoir’s thesis appeared to me as foundational and radical. Her style was strangely clear, uncompromising and dignified. I have since read and taught the Introduction to the book many times and I still admire it enormously. I have examined closely De Beauvoir’s analogy between woman and ‘the Negro’ (and her brief consideration that woman might be like the Jew, an idea she rejects) comparing it to similar analogies in US feminism. The passage that strikes me as strangely tragic and beautiful is the one where she predicts that no revolutionary women’s movement would ever be possible, because women ‘do not say We’, they lack a strong consciousness of themselves as a group with a history and with a common interest. She was wrong, of course – a mass women’s movement did, after all, develop, and we many are now aware that women have a history. But she was also fundamentally right. Generation after generation the story repeats itself – women choose subordination over freedom, are generally unaware of their history as women, and our solidarity with each other is notoriously hard to bring about and maintain. De Beauvoir remains a key reference point for me, because she addresses what I still think to be the core issue of feminist thinking and practice: patriarchal society denies full humanity to women and it is the business of feminism to make this fact visible and to change it.

 

Agnieszka Graff, Publizistin und Dozentin für Amerikanistik an der Universität Warschau, Jahrgang 1970

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.