Simone de Beauvoir und die Superfrau

Neue Mythen der Weiblichkeit in einem neoliberalen Zeitalter

Heute kennt man Simone de Beauvoir vor allem als feministische Philosophin und als Verfasserin von Das andere Geschlecht (Le deuxième sexe, 1949), doch sie verstand sich in erster Linie als Romanautorin. Dennoch ist sie für mich eher eine Philosophin als eine Literatin. Ihre literarischen Werke sind nämlich romans à thèse, die eine philosophische Position vertreten. Beauvoir selbst zeigte sich freilich verärgert, wenn ihre Bücher als Thesenromane bezeichnet wurden – ihr zufolge handelte es sich um metaphysische Romane. Sie nahm in Anspruch, mit ihren Romanen die ganze menschliche Existenz auszuleuchten: Leben, Tod, die / den Andere(n), Liebe, Leid sowie die Art und Weise, wie wir damit umgehen.

In ihren späteren Werken gelang ihr das besser, doch zu Beginn ihres Schaffens wirkte das noch einigermaßen bemüht. Zum Beispiel in Alle Menschen sind sterblich (Tous les hommes sont mortels, 1946) und Sie kam und blieb (L'invitée, 1943) – schlichtweg unlesbar. Ab Die Mandarins von Paris (Les mandarins, 1954) schrieb sie ihre Bücher dann mit einer – wie ich es nennen würde – eher ethisch-philosophischen Haltung. Ihr Ziel war es, die Unschärfe der Ethik offenzulegen: Es gibt keine Blaupausen, wir sind immer selbst für unser Tun verantwortlich. Indirekt ist das natürlich auch wieder eine These. Die Mandarins von Paris handelt von den Bemühungen französischer Intellektueller der Nachkriegszeit, einen dritten Weg auszuloten. Gibt es eine linksdemokratische Alternative zum westlichen Kapitalismus und dem Kommunismus der Sowjetunion? Beauvoirs Protagonistinnen ringen sichtlich mit ihren moralischen Überzeugungen: Sie wissen nicht, welche Art von Sozialismus erstrebenswert ist, sie verfügen weder über absolute Maßstäbe noch Modelle. Schritt für Schritt müssen sie ihren eigenen Weg finden.

Auch Die Welt der schönen Bilder (Les belles images, 1966) formuliert eine These. Die Geschichte handelt von der Superfrau, die alles schafft, Karriere macht, Mutter und Ehefrau ist, indem sie an allen Fronten des Lebens nach Erfolg strebt. Das konnte Beauvoir nun wirklich nicht ausstehen, woraus sie im Übrigen keinen Hehl machte. Die Werbegrafikerin Laurence hat alles: ein schönes Haus, eine Familie, eine Karriere. Doch irgendwann wird dieses Leben fade. Sie fühlt sich mehr und mehr wie König Midas, dem alles, was er berührt, zu Gold erstarrt. Laurence nimmt überall solche belles images wahr – und was ihr Blick auch erfasst, es erstarrt zu einer Welt schöner Bilder, selbst ihr Mann und ihre Tochter. Als Werbegrafikerin weiß sie genau, wie ein anziehendes und erfolgreiches Bild produziert wird, und bald unterwirft sie auch ihr eigenes Leben diesen Kriterien. Eines Tages bemerkt sie jedoch, dass ihre Tochter nicht einschlafen kann und anfängt, existenzielle Fragen zu stellen. Warum leben wir, warum sterben wir? Warum gibt es arme Menschen? Warum gibt es Hunger in der Welt? Erst dadurch wird sich Laurence der Leere in ihrem Leben bewusst, vor der sie ihre Tochter nun bewahren will.

Beauvoir hatte das Phänomen der Superfrau bereits in den USA kennengelernt. Ihr Buch zeigt, wie die Pariser Oberschicht den amerikanischen neoliberalen Lebensstil übernimmt, um das eigene Leben wie ein erfolgreiches kleines Unternehmen zu führen. Die Welt der schönen Bilder scheint mir eine höchst aktuelle Kritik am effizienten neoliberalen Subjekt zu sein, zu dem wir alle heute bereits geworden sind (oder noch werden sollen) und das sich als Leitmodell für die Persönlichkeitsbildung zunehmend in aller Welt verbreitet.

Auch in Eine gebrochene Frau (La femme rompue, 1967) wird die Superfrau thematisiert. In diesem Buch beschreibt Beauvoir, warum Frauen nicht in Abhängigkeit von ihren Männern geraten sollten. Die weiblichen Hauptfiguren in den drei Novellen, die dieser Sammelband umfasst, trauen sich nicht, Verantwortung für ihre eigene Existenz zu übernehmen. Beauvoir will zeigen, wie vernichtend ein derartiges Dasein ist. Die Geschichten sind jeweils aus der Perspektive der Figuren erzählt, doch es sind entsetzliche Gestalten, was die Lektüre nicht einfach macht. Die Autorin geht mit ihren Protagonistinnen hart ins Gericht, und trotzdem tun sie einem Leid – mir zumindest. Aber auch die Superfrau, mit ihrem Bemühen um persönlichen Erfolg, tritt wieder auf. Diese Frauen »sind in allen Sätteln gerecht. Und im Grunde geht ihnen nichts unter die Haut«,1 lässt Beauvoir eine ihrer Figuren urteilen. In der posthum erschienenen Erzählung Missverständnisse an der Moskwa (Malentendu à Moscou, 1967, Erstveröffentlichung 1992) begegnen wir der Superfrau erneut, auch hier in einer negativen Darstellung.

»Sie gehört zur Sorte femme totale«, sagte Nicole. »Es gibt jetzt viele davon in Paris. Man hat irgendeinen Beruf, man will sich gut anziehen, Sport treiben, sein Heim tadellos führen, seine Kinder vortrefflich aufziehen; man will sich beweisen, dass man es auf allen Gebieten schaffen kann. Tatsächlich aber verzettelt man sich, bringt nichts zustande. Das Blut erstarrt mir in den Adern bei dieser Art von jungen Frauen.«2

Was veranlasste Beauvoir dazu, dieses Thema wiederholt aufzugreifen? Das wird nur verständlich, wenn wir berücksichtigen, dass sich der Feminismus ihrer Auffassung nach nicht mit einer Gesellschaft verträgt, die von Wettbewerb und dem Prinzip des Survival of the fittest geprägt ist. Für Beauvoir ist der Feminismus vielmehr eine gesellschaftskritische Bewegung, die ganz andere Werte vertritt: Freundschaft und Liebe, aber auch Fürsorge und Anteilnahme am Schicksal von Mitmenschen, anstelle des Strebens nach persönlichem Erfolg und Karriere.

In Das andere Geschlecht hat sie aufgezeigt, dass Frauen in der Geschichte stets im Hintergrund standen, und prophezeit, dass sich dies mit der Möglichkeit von Empfängnisverhütung, Bildung und bezahlter Arbeit ändern werde. Doch eine wirkliche Verbesserung der Position der Frau setze eine grundlegende Umwälzung der Gesellschaft voraus, einschließlich eines Mentalitätswandels bei Männern wie Frauen. Dazu sei nicht nur eine Wende in der Wirtschaft erforderlich, sondern Gesetze, Institutionen, Sitten, Meinungen und das gesamte Sozialgefüge müssten verändert werden3. Es brauche insofern einen Mentalitätswandel, als Männer und Frauen anerkennen müssten, dass sie Menschen mit einer körperlichen und einer Bewusstseinsdimension seien – und dass diese Dimensionen als solche nicht geschlechtsspezifisch zugeordnet werden können. Erst dann könnten Mann und Frau einander als Individuen begegnen und seien echte Liebe und Freundschaft möglich.

Nur eine Gesellschaft, die Fürsorge und Betreuung ernst nehme, werde den nötigen Wandel herbeiführen. Ein sozialistisches Gesellschaftsmodell erscheint Beauvoir für diesen Zweck am besten geeignet, da es die entsprechenden Aufgaben als Teil gesellschaftlicher Prozesse definiere. Erst eine solche Gesellschaft könne auf lange Sicht kostenlose Kinderbetreuung, Mutterschaftsurlaub, Gleichbehandlung und gleiche Bezahlung für Frauen und Männer gewährleisten.4 Diesen Sozialismus gibt es jedoch nicht, stellt sie am Schluss von Das andere Geschlecht fest. Die befreite Frau lässt sich nirgends finden, auch nicht in den sogenannten sozialistischen Ländern. Es bedürfe eines neuen, demokratischen Sozialismus, der nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Kollektivität und Individualität schaffe, sondern in dem der Persönlichkeit des Menschen – einschließlich seiner Geschlechteridentität – auch ein gebührender Stellenwert zukomme.

Heute, da der Feminismus nahezu alles umfasst, vom Schokoladeessen über Pole Dancing bis hin zum Karrierismus, betrachte ich Beauvoirs Denken als Anregung, den Feminismus als globales kritisches Projekt weiblicher und zwischenmenschlicher Solidarität wiederzubeleben. Feministinnen könnten in diesem Zusammenhang einen Beitrag leisten zum Nachdenken über alternative Gesellschaftsformen, das aktuell wieder im Kommen ist. Idealerweise geschieht so etwas durch die schrittweise Entwicklung von Alternativen für bestehende Gesellschaftsformen, ohne dabei auf Modelle oder absolute Maßstäbe zurückzugreifen...

Beauvoir fand, dass beim Entwerfen neuer Alternativen auch die gängigen Mythen über Frauen über Bord geworfen werden sollten. Der neue Mythos der Superfrau sollte doch bitteschön gleich mit entsorgt werden,

Aus dem Niederländischen von Anne Middelhoek

Dieser Beitrag ist Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum 30. Todestag von Simone de Beauvoir (1908–1986). Weitere Texte finden Sie hier.

Fußnoten

1 Simone de Beauvoir, Eine gebrochene Frau, übers. von Ulla Hengst, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 16.

2 Simone de Beauvoir, Mißverständnisse an der Moskwa. Eine Erzählung, übers. von Judith Klein, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 13f.

3 Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, übers. von Uli Aumüller und Grete Osterwald, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 875.

4 Ebd., S. 875 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.