Souveränität und Hypertrophie

Zum Nachleben der „Kontrollgesellschaften“

Wohl keine andere Begriffsschöpfung des Philosophen Gilles Deleuze wuchert derart selbstverständlich in den popkulturellen und akademischen Selbstbeschreibungen der Gegenwart wie jene der Kontrollgesellschaften. Programmatisch skizziert werden sie von Deleuze im Post-scriptum sur les sociétés contrôle, das zuerst und durchaus symbolisch am „Tag der Arbeit“ 1990 in L’autre journal erscheint. Das Postskriptum ist die Skizze einer tiefgreifenden Veränderung. Es versetzt seine Leser auf die Nahtstelle eines historischen Bruchs, hinein in einen Moment, in dem sich die „endgültige Umwandlung“1 von einer Gesellschaftsform in eine andere vollzieht. Aus den Disziplinargesellschaften – ein von Michel Foucault nicht minder schöpferisch entworfener Begriff – werden Kontrollgesellschaften. Noch aber hat dieser Übergang nicht stattgefunden, in seinem Vollzug zeichnen sich sogar Rekursionen ab: „Die Disziplinargesellschaften, da gehörten wir schon nicht mehr dazu, wir waren schon dabei, sie zu verlassen.“2 Das Postskriptum also markiert eine Unschärfe über die aktuelle Form der Gesellschaft.

Diese Unschärfe gewinnt an Brisanz, bahnt sich doch in ihr eine neue Formation von Kräfteverhältnissen an, in der die Frage nach dem Menschen fundamental neu gestellt wird. Wenn also, so fragt Deleuze, „die Kräfte im Menschen eine neue Form nur bilden, indem sie in Beziehung zu neuen Kräften des Außen treten, mit welchen neuen Kräften werden sie sich jetzt einlassen, und welche neue Form kann hieraus entstehen, die weder Gott noch Mensch wäre?“3 Das Postskriptum skizziert die gegenwärtige Zukunft eben dieser neuen Kräfteverhältnisse, in denen sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Zusammenhänge von Ökonomie, Technik, Macht und Leben fundamental rekonfigurieren. Was sich schon erkennen lässt, ist erstens eine tiefgreifende „Mutation“4 des Kapitalismus: „Dieser Kapitalismus ist nicht mehr für die Produktion da, sondern für das Produkt, das heißt für Verkauf oder Markt. Daher ist sein wesentliches Merkmal die Streuung, und die Fabrik hat dem Unternehmen Platz gemacht.“5 Zweitens durchdringen digitale Netzwerktechnologien, von Deleuze als kybernetische „Maschinen der dritten Art“6 annonciert, zunehmend die alltäglichen Lebenswelten. Drittens zeichnet sich die Kontrolle, „kurzfristig und auf schnellen Umsatz gerichtet, aber auch kontinuierlich und unbegrenzt“7, als neue Machtform ab. Die Kontrollgesellschaften operieren insgesamt über Mechanismen, so Deleuze, „die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation.“8

Die Evidenz dieser Gesellschaftsbeschreibung ist für das Denken unserer Gegenwart, nicht erst seit den Enthüllungen von Edward Snowden, unmittelbar greifbar. Die Frage aber, worin nun konkret die Interferenzen von Kontrolle und Kommunikation, von Ökonomie, Technik und Leben bestehen, hat Deleuze dem ihm nachfolgenden Denken aufgegeben. So entschlüsselt Deleuze zwar Kontrolle als zentrale Funktion der neuen, sich abzeichnenden Gesellschaftsformation, eine Diskussion über das von ihm angesprochene Verhältnis von Kommunikation und Kontrolle lässt er jedoch offen. Ebenso bleiben die von ihm aufgeworfenen genealogischen Linien der Kontrolle, zum einen als Machtmechanismus in der Nachfolge des Panoptismus, zum anderen als Konzept der kybernetischen Kommunikationstheorie, unbearbeitet. Auch inwieweit die kybernetischen „Maschinen der dritten Art“9 und die Umstellung des Kapitalismus von Produktion auf Konsum dabei mit den tiefgreifenden Veränderungen „unserer Lebensweise und unseren Beziehungen zu anderen“10 zusammenhängen, bleibt im Postskriptum schemenhaft. Weil aber die Rezeption solche offenen Stellen nur selten als Aufgabe begreift, sollen im Folgenden mit Bernard Stiegler und Alexander Galloway zwei Aktualisierungen der deleuzianischen Kontrollgesellschaften im Mittelpunkt stehen, die an diesen Punkten weiterarbeiten.

Bernard Stiegler fragt in Logik der Sorge (im Französischen: Prendre Soin. De la jeunesse et des générations) danach, wie eine durch das Marketing gesteuerte Kontrolle im Zeitalter des hyperindustriellen Kapitalismus das Individuum und das Soziale rekonfiguriert. Was die Kontrollgesellschaften hervortreten lassen, so Stiegler, ist die libidinöse Prägung des Kapitalismus. Die zentrale Figur der Libidoökonomie ist der Konsument, auf dessen Triebe das Marketing als zentrale Kontrolltechnologie einer von Stiegler als Psychomacht bezeichneten neuen Machtform zielt. Der Psychomacht geht es darum – in diesem Punkt konkretisiert Stiegler im Rückgriff auf Herbert Marcuses Arbeiten zum Eros der Industriegesellschaft sowie auf Gilbert Simondons Individuationstheorie den deleuzianischen Kontrollbegriff –, die Aufmerksamkeit des Bewusstseins systematisch zu deformieren und auszubeuten: „Die Dienstleistungsfirmen dieser Psychomacht verkaufen nichts mehr an Seelen, die deshalb auch nichts mehr zu bezahlen brauchen: Die betreffenden Seelen ‚geben sich‘ diesen Firmen ‚hin‘, oder anders gesagt: Die Firmen vereinnahmen und fangen sie ein als Zeit verfügbarer Hirne ohne Bewußtsein“11.

Kontrolle im hyperindustriellen Kapitalismus vollzieht sich damit wesentlich durch Psychotechniken. Diese lassen sich einerseits als neuartige „Kräfte des Außen“ dechiffrieren, andererseits besitzen sie eine medientechnische Historizität. Von der Schrift über das Buch bis zum Fernsehen und letztlich den digitalen Netzwerktechnologien unserer Gegenwart verfügt jede historische menschliche Formation über eine mediale Signatur, die in ihrer jeweils spezifischen Formierung von Aufmerksamkeit soziale und psychische Apparate beeinflussen. Die jeweils zu leistende Beschreibung dieser konstitutiven Einwirkungen der Medientechnik bezeichnet Stiegler als allgemeine Organologie.12 Er präzisiert Deleuze dahingehend, dass er das Technische als grundlegende Bedingung in die bislang weitgehend technikfrei imaginierten Prozesse von Individualisierung und Vergesellschaftung einführt.13 Der konkrete Ort des Technischen sind die Erinnerungen und das Gedächtnis des Menschen, die stets Techniken der Speicherung voraussetzen: „Weder das soziale noch das individuelle Gedächtnis bestehen einfach in den Gehirnen der Menschen: Sie liegen in den Artefakten und bestehen aus den Beziehungen, die unsere Körper und Geister zwischen den Artefakten knüpfen und durch die Artefakte hindurch auch zwischen sich selbst herstellen.“14

Das Fatale dieses Zusammenhangs von Lebensform und Psychotechnik unter den Bedingungen der heutigen Programmindustrien besteht für Stiegler nun darin, dass die Kanalisierung von Aufmerksamkeit durch das Fernsehen und die digitalen Netzwerktechniken, weil diese am Markt eines „finanziellen Kapitalismus“15 ausgerichtet sind und deshalb „das Kurzfristige und die unmittelbare Befriedigung bevorzugen“16, zur Zerstörung des Begehrens und des Wünschens führen. Indem sie den Konsumenten als bloß (über-)lebendes Triebwesen ansprechen, kommt es, so Stiegler, „zur Beseitigung der Lebenskunst und zu einer massiven Entwicklung von Dienstleistungsgesellschaften, die die Verbraucher von ihrer Existenz, das heißt von ihren vielfältigen Verantwortlichkeiten als mündige Erwachsene, entlasten.“17 Dagegen setzt Stiegler indes keine Mikropolitik, sondern eine „Therapeutik“18 demokratischer Staaten, die in einer Reformulierung des Kantischen Projekts der Aufklärung die Psychotechnologien vom Finanzkapitalismus in einem souveränen Akt übernehmen sollen, um sie erneut und unter neuen technischen Bedingungen in den Dienst der Bildung und einer neuen Form von Verantwortlichkeit zu stellen. Aus Psychotechniken sollen sogenannte „Nootechnologien“ werden, die den staatlichen Organen eine neue Verantwortlichkeit auferlegen, „zunächst in Form von Aufmerksamkeitsformierungen und -beschützungen der Kinder und Jugendlichen, die sich jedoch in die allgemeinere Problematik einer Wiederherstellung von Sorge-Systemen einfügt, aus denen eine zivile und zivilisierte Gesellschaft besteht.“19 Stieglers Aktualisierung der deleuzianischen Kontrollgesellschaft bereitet damit am Ende den Boden für das Auftauchen einer souveränen Macht, die die menschliche Psyche als ihren Schutzbereich definiert, für den sie Sorge zu tragen hat. Der Übergang in die Kontrollgesellschaften ist dann der Beginn einer „Schlacht für die Intelligenz“20, in der die Souveränität neue Anlässe und Begründungen findet.

Gleichwohl versteht man die Machtverhältnisse in den hyperindustriellen Programmindustrien nur unzureichend, wenn man die digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien allein in ihrer Wirkungsweise, nicht jedoch gleichzeitig auch in ihrer Technizität und Organisationsform begreift. Es gilt mithin nachzuvollziehen, wie digitale Informationsnetzwerke konkret operieren und wer von ihnen profitiert. In dieser medienmaterialistischen Wendung, die nicht nach der Psychomacht, sondern nach der Hardware der Kontrollgesellschaften fragt, besteht der Ansatzpunkt von Alexander Galloway. Er aktualisiert die Kontrollgesellschaften indem er, besonders im Buch Protocol. How Control Exists after Decentralization (2004), den medientechnischen Zusammenhang von Kontrolle, Technik und Freiwilligkeit offenlegt. Die Ideologie des Digitalen leitet aus der globalen Implementierung neuer Kommunikationsnetzwerke, und der damit verbundenen Steigerung von Konnektivität, stets neue und manchmal auch normativ bessere Formen von Kollektivität ab. Indem das Internet alles und jeden miteinander in Verbindung bringt, so die Hoffnung, lässt es neue Möglichkeiten des Gemeinsamen und der Gegenseitigkeit entstehen. Dieser Ideologie neuer Kollektivitäten setzt Galloway ein Verständnis des Internet als technischer Infrastruktur entgegen, innerhalb derer technische Standards (OSI Reference Model), Netzwerktechnologien (wie HTTP) und auch Institutionen (IEEE, ISO) einen Informationsfluss regulieren und standardisieren. Das Internet ist mithin kein machtfreier Raum zwangloser Kommunikation, sondern eine höchst regulierte und in Form eines verteilten Netzwerks (distributed network) organisierte Kommunikationsmaschine.

Damit sich innerhalb dieses Netzwerks Kommunikation – im Sinne des Austauschs von Datenpaketen – vollziehen kann, muss geregelt sein, wie die Datenpakete von einem Computer über das Internet zu einem anderen gelangen und welche Informationen dafür vorhanden sein müssen. Diesen technischen Regelungsbedarf der Kommunikation zu organisieren, ist die Aufgabe des Protokolls. Internetprotokolle, durchaus im Sinne ihrer Vorläufer in der Diplomatie, stellen auf der Ebene des Codes, also der formalen Computersprache, ein Set von Regelungen bereit, in denen die Bedingungen und der Ablauf von digitaler Kommunikation festgehalten sind. Sie definieren, etwa in Form der TCP/IP-Protokolle, die Form und Anzahl der Informationspakete, in der eine Nachricht verschickt wird, damit füreinander fremde Technologien miteinander in Kommunikation treten können. Also regulieren Protokolle die Interaktionsbedingungen von digitalen Objekten: Protokoll ist immer ein Prozess zweiter Ordnung; es bestimmt die Architektur von Objekten.“21 Genau darin liegt die Kontrollfunktion des Protokolls. Galloway nimmt damit den von Deleuze angedeuteten Pfad eines kybernetischen Konzepts von Kontrolle im Sinne von Steuerung und Regelung auf. Protokolle sind demnach, so Galloway, ein „Managementsystem, das es der Kontrolle erlaubt, in einem Milieu heterogener Materialitäten zu existieren.“22 Das Protokoll ist mithin das zentrale Medium, das im Diagramm der Kontrollgesellschaften die Interferenzen von Freiwilligkeit, technischer Infrastruktur und Kontrolle, also die „ultraschnellen Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“23 organisiert. Mit Blick auf Deleuze schreibt Galloway: „Das Protokoll ist für die Kontrollgesellschaften das, was das Panoptikon für die Disziplinargesellschaften ist.“24

Im Zeitalter der Durchdringung unserer Lebenswelt mit einer Vielzahl automatisch kommunizierender Objektkulturen – vom Smart Home über das selbstfahrende Auto bis hin zum Selftracking – operieren Protokolle an einer Quelle sozialer Ordnungsbildung. Indes gehen sie nicht in ihrer hauptsächlich kommerziellen Gebrauchsweise durch Internetkonzerne zur Generierung von Big Data auf. Es ist, so Galloway im Anschluss an Hans Magnus Enzensbergers Baukasten zu einer Theorie der Medien, durchaus möglich, sie in den Dienst eines „nichtentfremdeten sozialen Lebens“25 zu stellen. Diese Widerstandsbewegung allerdings verläuft nicht über den Staat. Vielmehr ist das Protokoll selbst der zentrale Agent eines immanenten, von Hackern und (Internet-)Künstlern durchgeführten und als Tactical Media bezeichneten Widerstandsprogramms. In experimentellen Manipulationen der formalen Codes und gezielten Produktionen von Störungen der Netzwerkkommunikation sollen die Regulationsmechanismen über sich selbst hinaus getrieben werden: „Tactical Media treiben das Protokoll in ein Stadium der Hypertrophie, stoßen es weiter in bessere und viel interessantere Richtungen.“26 Dann, so die Hoffnung, zeigt sich das Technische in einem verwundeten und ungeschützten Zustand und kann von dort aus in eine bessere Zukunft geführt werden.

Die neuartigen Kräfte des Außen, die mit den ebenso veränderten Kräften des Menschen die uns heute so vertraute und zeitgemäße Form des Menschen bilden, auch wenn hierüber noch Begriffsunsicherheit herrscht, sind damit in unterschiedlicher Stoßrichtung beschrieben. Dass das Technische in den hyperindustriellen Kontrollgesellschaften, sei es in Form von Psychotechniken, sei es in Form von Protokollen, sowohl der Ort ihres inneren Antriebs als auch ihrer größtmöglichen Verwundbarkeit ist, darin besteht Einigkeit zwischen Stiegler und Galloway. Die Frage, ob wir mittlerweile die historische Situation der Formunschärfe des Sozialen, zwischen Disziplinar- und Kontrollgesellschaft, verlassen haben, ist damit allerdings noch nicht beantwortet. Möglicherweise ist es gerade die vom Begriff der Kontrollgesellschaften eingefangene Erfahrung der Uneindeutigkeit, in der wir gegenwärtig leben, die das Postskriptum auch heute noch, 25 Jahre nach seinem Erscheinen, zu einem faszinierenden Text macht. Andererseits könnte sich in dieser Faszination auch eine Sehnsucht nach Vergangenem aussprechen, während sich zwischenzeitlich längst neue Kräfte formen und geformt haben. Dann wären wir schon im Begriff, die Kontrollgesellschaften zu verlassen.

Dieser Beitrag ist Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum 20. Todestag von Gilles Deleuze (1925–1995). Weitere Texte erscheinen in Kürze.

Fußnoten

1 Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Ders., Unterhandlungen. 1972–1980, Frankfurt am Main 1993, S. 254–262, hier: 254.

2 Ebd., S. 255.

3 Gilles Deleuze, Foucault, übers. von Hermann Kocyba, Frankfurt am Main 1987, S. 186. [Hervorhebung R.W.]

4 Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 259.

5 Ebd., S. 259f.

6 Ebd., S. 259.

7 Ebd., S. 260.

8 Gilles Deleuze, Kontrolle und Werden, in: Ders., Unterhandlungen, S. 243–253, hier: 250.

9 Ders., Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 259.

10 Ebd., S. 258.

11 Bernard Stiegler, Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien, Frankfurt am Main 2008, S. 63. Hervorhebung im Original.

12 Vgl. ebd., S. 36.

13 Vgl. Erich Hörl, Wunsch und Technik. Stieglers Genealogie des Begehrens, in: Bernard Stiegler, Hypermaterialität und Psychomacht, herausgegeben und mit einem Essay von Erich Hörl, Zürich 2010, S. 7–33, hier: 23.

14 Stiegler, Hypermaterialität und Psychomacht. Gespräche mit Philippe Petit und Vincent Bontems, in: ders., Hypermaterialität und Psychomacht, S. 37–120, hier: 42.

15 Stiegler, Die Logik der Sorge, S. 88.

16 Ebd.

17 Ebd., S. 76.

18 Ebd., S. 139.

19 Ebd., S. 85.

20 Ebd., S. 34.

21 Alexander Galloway, Protocol. How Control Exists after Decentralization, Cambridge/London 2004, S. 75. Diese und die folgenden Übersetzungen stammen vom Autor, R.W.

22 Ebd., S. 8.

23 Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, S. 255.

24 Galloway, Protocol, S. 13.

25 Ebd., S. 16.

26 Ebd., S. 176.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christian Dries.