Zur Aktualität Simone de Beauvoirs in der Geschlechterforschung

Ein Themenschwerpunkt zum 30. Todestag

Am 14. April 1986 starb Simone de Beauvoir (1908–1986) 78-jährig in Paris. Seitdem hat sich die Welt rasant verändert – nicht nur haben die digitalen Medien die Alltagskultur erobert, auch die politischen und gesellschaftlichen Gewichte haben sich merklich verschoben. Der Systemwettstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus ist beinahe bereits Geschichte, die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter scheint zumindest in Europa in weiten Teilen realisiert. Oder etwa nicht?

Was können wir im 21. Jahrhundert von einer Autorin lernen, die sowohl Literatin als auch Philosophin, sowohl Intellektuelle als auch Ikone der Frauenbewegung, sowohl unabhängige Kämpferin als auch Partnerin eines ebenso berühmten Mannes war? Und wie lesen sich die bisweilen altmodisch anmutenden, vereinzelt auch hochaktuellen Thesen aus Beauvoirs feministischem Klassiker Das andere Geschlecht von 1949 vor dem Hintergrund neuerer Denkansätze wie etwa dem Postkolonialismus oder der Queer Theory?

Um diese Fragen zu klären, haben wir drei Autorinnen um Beiträge zu unserem Schwerpunkt gebeten. Penelope Deutscher (Evanston) diskutiert Beauvoirs Gedanken im Kontext der neuesten, materialistisch orientierten Entwicklungen der Gendertheorie. Cornelia Möser (Paris) befasst sich mit Beauvoirs Begriff der Sexualität und dessen Einfluss auf die Frauenbewegung sowie auf die theoretischen Debatten der 1970er-Jahre. Karen Vintges (Amsterdam) interpretiert Beauvoirs literarisches Werk als Thesenromane, die sich nicht zuletzt im Hinblick auf den Neoliberalismus erstaunlich aktuell lesen lassen. Außerdem rekonstruiert Imke Schmincke (München) den Zusammenhang von Simone de Beauvoir und dem Feminismus in einer Rezension des gleichnamigen Buches von Ingrid Galster. Zu guter Letzt haben wir ein Experiment gewagt: In einer Collage berichten Feministinnen verschiedener Generationen und Nationalitäten von ihren ersten Begegnungen mit Simone de Beauvoir und damit letztlich vor allem Dem anderen Geschlecht.