Quentin Tarantino, Heinrich Popitz und die „Wirkung von Gewaltdarstellungen in Fernsehprogrammen“

Zur Aktualität eines Aufsatzes von 1972

Nein, der neue Film von Quentin Tarantino lohne den Kinobesuch nicht, meint eine angewiderte Verena Lueken in der FAZ vom Januar dieses Jahres. The Hateful Eight feiere „blutige Orgien im Reich der Affekte, des Horrors und Splatters“. Luekens Antwort auf die selbst gestellte Frage, ob Tarantinos filmische Blutbäder ihre Zuschauer „emotional und intellektuell an einen Ort führen, an dem sich ein Aufenthalt lohnen würde“, fällt eindeutig negativ aus. Auch ein anderer Kritiker ließ kein gutes Haar am einstigen Feuilletonliebling: Sterbenslangweilig und ekelerregend sei das jüngste Zelluloid-Gemetzel, schreibt Frank Olbert in der Berliner Zeitung. Überdies habe der Film keinen Sinn „außer der Tatsache, dass Tarantino irre viel Spaß bei der Sache hatte, wie in all den Splattermovies, die er sich während seiner Sozialisierung in den Videoläden von Los Angeles reingezogen hat.“

Bemerkenswert an den Verrissen ist die heimliche Korrespondenz der Pointen: die Metapher vom Aufenthalt in emotional und intellektuell herausfordernden Räumen – wer ist schon gerne dort, wo Menschen einander abschlachten? – sowie der wenig subtile Verweis auf Tarantinos Kindheit. Eben noch Regiestar, jetzt ausgebrannter Filmemacher mit sozialamtsverdächtiger Kindheit und spätem Wiederholungszwang – Diagnose: zu viel Gewaltkonsum via Leinwand.

Ob die Rezeption von Gewaltdarstellungen in Kino und TV tatsächlich von Übel ist, darüber wird schon lange und bisweilen vehement gestritten; unter dem Eindruck zahlreicher Amokläufe an Schulen und Hochschulen in jüngerer Zeit auch im Hinblick auf das (interaktive) Computerspiel-Genre ‚Shoot ʼem up‘, zu Deutsch: ‚Ballerspiel‘. Hätte sich der kleine Quentin also besser nicht so exzessiv und noch dazu unbeaufsichtigt an jenen Plätzen herumgetrieben, an denen sich längere Aufenthalte womöglich emotional und kognitiv unerfreulich auf Persönlichkeitsentwicklung, Sozialverträglichkeit und so einiges mehr auswirken?

Schon die frühe Forschung zum Thema trat rasch über die Ufer und füllte dutzende Regalmeter. 1969 gab die in den USA von Präsident Lyndon B. Johnson nach den Attentaten auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy initiierte National Commission on the Causes and Prevention of Violence sogar einen Regierungsreport über die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien heraus1 – der kleine Quentin feierte im selben Jahr seinen sechsten Geburtstag, vermutlich im Videostore.

Über den Bericht der National Violence Commission wiederum schrieb wenig später der 2002 in Freiburg verstorbene Heinrich Popitz ein Diskussionspapier2, das sich auch knapp 45 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch ziemlich gut gehalten hat. Das liegt nicht nur daran, dass Popitz das kleine Einmaleins der empirischen Forschung beherrschte und die dem Report zugrunde liegenden Studien auf Augenhöhe beurteilen konnte, sondern überhaupt über Urteilskraft und ‚gesunden Menschenverstand‘, außerdem literarische Fähigkeiten verfügte – Zutaten, die vielen gegenwärtigen, methodenschweren und jargonbewehrten Arbeiten eindeutig abgehen.

Ohne Umschweife kommt Popitz zur Sache (in diesem Fall zu den problematischen Schlussfolgerungen eines deutschen Forschungsberichts): Welche Wirkungen Gewaltdarstellungen in den Medien auf einzelne Individuen, Gruppen und die Gesellschaft als ganze auch immer haben mögen – ‚aggressionsneutral‘ seien sie nicht (vgl. 5). Der Wirkungen aber gebe es viele, das sei bereits „aus der Alltagserfahrung ziemlich verständlich.“ (ebd.) Vielleicht hat das Kind aus schwierigen Verhältnissen im Splatterkino nur seine Affekte abreagiert und konnte sich so seines „aggressiven Aktivitätsdrucks“ entledigen? Möglicherweise hat ihm der Leinwandhorror jedoch so viel „Aggressionsangst“ eingeflößt, gar eine regelrecht kathartische Wirkung entfaltet, dass es von eigenen Gewaltausbrüchen lieber Abstand genommen hat. Denkbar ist freilich ebenfalls, dass seine „Sensibilität gegen Gewalttätigkeiten“ durch das Übermaß an medialer Gewalt „zugeschüttet“ wurde (4). Wie auch immer: Das Ausmaß der Wirkungen von Gewaltdarstellungen auf die Gesellschaft sei so groß, resümiert Popitz die Forschungsbilanz in den USA, „daß die meisten Menschen diese Wirkungen als Beschädigungen und als hohen Preis […] beurteilen würden.“

Jede Gesellschaft toleriere Gewalt, in gewissen Grenzen. Diese aber ließen sich (z.B. durch Gewaltkonsum via Mattscheibe) verschieben. Mediale Gewaltdarstellungen dehnten die Grenzen dessen, was als noch akzeptable Gewaltanwendung betrachtet werde, im Verhalten und Handeln der Menschen immer weiter aus – „und zwar weiter, als es mit den rechtlichen und sozialen Normen, die von der Mehrheit der Amerikaner vertreten werden, vereinbar ist.“ (5) Die „dauernde Berieselung“ mit gewalthaltigen Fernseh- und Kinobildern lasse Gewalt zunehmend als legitimes Mittel der Konfliktlösung erscheinen: Abstumpfung und Gewöhnung, mithin das Erlernen neuer Arten aggressiven Verhaltens, seien die erwartbaren Folgen (6).

Auf dieser Klaviatur spielt im Jahr 2016 auch eine Filmkritikerin der Süddeutschen Zeitung, die Tarantino jedoch alles in allem die Treue hält. Wenn man sich so sehr an exzessive Gewaltdarstellungen gewöhnt habe, schließt Susan Vahabzadeh, „dass sie einem nichts mehr anhaben können – dann bedeuten sie eigentlich nichts. Zwanzig Jahre nach ‚Pulp Fiction‘ wirkt ein typischer Tarantino-Film merkwürdig unzeitgemäß, im Positiven wie im Negativen.“

Der Fernsehzuschauer Popitz sah sich seinerzeit lediglich mit der gleichermaßen überschaubaren wie betulichen öffentlich-rechtlichen BRD-Fernsehlandschaft konfrontiert, in der Gewaltausbrüche à la Taxi Driver3 noch unbekannt waren. Dennoch lag schon damals wenig Prophetie in der Prognose, auch deutsche Sender würden künftig mehr und mehr dazu gezwungen, „weniger ‚zimperlich‘ zu unterhalten.“ (7) Auf Gewaltdarstellungen zu verzichten, sei freilich keine Alternative, so Popitz. Es wäre „absurd“, in den Medien eine „gewaltlose heile Welt [zu] fingieren“ (8) Für ‚harmlos‘ hielt der soziologische Fachmann für Macht- und Gewaltfragen das ‚Unterhaltungsgut‘ Gewalt jedoch keineswegs.

„Um weiterzukommen“, schreibt Popitz lapidar, „müssen wir versuchen, differenziertere Fragen zu stellen.“ Zum Beispiel, unter welchen Bedingungen Gewaltdarstellungen Aggressionen stimulieren – oder abschwächen. So sei es etwa gefährlicher, wenn positiv besetzte Heldenfiguren zu exzessiver Gewaltanwendung neigten, denn ihre Gewalthandlungen würden uns gerechtfertigter erscheinen – was die Übertragung dieser Rechtfertigung auf das eigene Aggressionspotenzial erleichtere. Insgesamt, und spätestens hier dürfen soziologisch interessierte Tarantino-Fans aufhorchen, seien realistische Gewaltinszenierungen ‚ansteckender‘ als „deutlich fingierte ‚Knallereien‘, die keinen Bezug zur eigenen Erfahrungswelt haben (z.B. Western).“ (9)

Vor allem eines aber gibt Popitz zu bedenken: „Die Wahrscheinlichkeit aggressiver Stimulation nimmt ab, wenn die Folgen der dargestellten Gewaltsamkeit – das Leiden der Betroffenen – anschaulich dargestellt wird [sic].“ (10) Wer dem Kinopublikum Schurken niedermähende Superhelden präsentiert, abgetrennte Gliedmaßen, gellende Schmerzensschreie und verkrüppelte Opfer hingegen lieber zensieren will, schneidet an der falschen Stelle. Heinrich Popitzʼ Kategorischer Imperativ des Gewaltfilms lautet: „Ist dieser Gewaltakt im Rahmen des Handlungsablaufs nötig? Wenn nein: dann laßt ihn weg. Wenn ja: dann zeigt auch die Folgen.“ (11)

Was immer er in den Videoläden und Vorstadtkinos von L.A. gelernt hat: Diesen Imperativ hat Quentin Tarantino stets beherzigt.

Fußnoten

1 David L. Lange/Robert K. Baker/Sandra J. Ball-Rockeach, Mass Media and violence. Staff report submitted to the National Commission on the Causes and Prevention of Violence (Band 9), Washington D.C. 1969.

2 Heinrich Popitz, Die Wirkung von Gewaltdarstellungen in Fernsehprogrammen, in: Soziologische Studien 5. Präsentation und Wirkung von Fernsehinhalten, Freiburg 1972, S. 1–13.

3 In Martin Scorseses Filmklassiker von 1976 entlädt sich die obsessive Wut des einzelgängerischen New Yorker Taxifahrers Travis Bickle (verkörpert von Robert De Niro) auf den ‚Schmutz‘ der Großstadt in einem exzessiven Gewaltakt, dessen explizite Darstellung seinerzeit für hitzige Debatten sorgte.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.