Theodor Geiger

Soziologischer Klassiker, Querdenker, Humanist

Der zunächst deutsche, ab 1948 dänische Soziologe und Rechtswissenschaftler Theodor Julius Geiger (1891–1952)1 ist heute als unstrittiger Klassiker der Rechtssoziologie sowie der Sozialstrukturanalyse und Mobilitätsforschung anerkannt.2 Darüber hinaus sind auch und gerade seine kultur- und wissenssoziologischen Arbeiten, insbesondere seine Untersuchungen zum Strukturwandel von Presse und Öffentlichkeit, in denen er beispielsweise bereits zentrale Aspekte von Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“3 prägnant skizzierte und vorwegnahm4, noch heute aktuell.5

Geigers Werk wurde häufig als ein von Brüchen gekennzeichnetes beschrieben. Dies mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass bis vor kurzem zahlreiche seiner dänischen und schwedischen Beiträge noch nicht ins Deutsche übersetzt waren.6 Inzwischen sind im Rahmen der kommentierten Gesamtausgabe des Werkes einige bisher in der Rezeption unberücksichtigte Arbeiten Geigers – wie etwa seine Kritik der Reklame7 oder seine Studie zur Konkurrenz als allgemeinem Phänomen8 – auf Deutsch erschienen und können in die Rezeption integriert werden. Seine Soziologie lässt sich vor dem Hintergrund der so erweiterten Werkslage als vielfältig, aber gleichzeitig „hochintegriert“9 rekonstruieren.

Geiger verstand Soziologie als theoriegeleitete, empirisch orientierte Erfahrungswissenschaft, gleichzeitig – nicht im Gegensatz dazu – auch als „gesellschaftspolitisch engagierte Problemwissenschaft“ sowie als „furchtlos-kämpferische, aber rational gezügelte Oppositionswissenschaft“.10 Er konzipiert Soziologie folglich als eine „strenge Wissenschaft, die empirische Gegebenheit[en]“ untersucht, indem sie Gesellschaft als Vergesellschaftungsprozess begreift und sie als „Funktion, nicht Ding“, unter Verwendung naturwissenschaftlicher Methoden erklärt.11 „Funktion“ lässt sich dabei sowohl als funktionalistischer Begriff wie auch als Referenz zu einer Beschreibung durch mathematische Funktionen verstehen und dient zur Erklärung der Wirkungsweise von gesellschaftlichen Mechanismen. Geiger reichte es demnach nicht aus, Gesellschaft und ihre Prozesse deskriptiv zu beschreiben oder retrospektiv zu verstehen. Vielmehr ging es ihm um ein theoretisches Verständnis der Grundprinzipien gesellschaftlicher Mechanismen und Dynamiken. Einen zielführenden Ansatz sah er in der evolutionstheoretischen Konkurrenztheorie, mit der sich auch soziale Dynamiken erklären lassen.12 Gleichzeitig sollte Soziologie in seinen Augen mehr als eine rein wissenschaftliche Funktion erfüllen. Es sei die Aufgabe der Intelligenz, sich immer wieder in die Opposition zu begeben, um die gegebenen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse (sozial-)kritisch zu hinterfragen und (über) diese aufzuklären.

Biografie und Werk

Geiger wurde am 9. November 1891 in München als Sohn einer Apothekertochter und eines Gymnasiallehrers geboren. Nach dem Schulabschluss am katholisch-humanistischen Gymnasium in Landshut studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in München und Würzburg. Seine wissenschaftlichen Arbeiten begann er, zunächst unterbrochen durch seine Militärzeit im Ersten Weltkrieg, in der frühen Nachkriegszeit als sozialkritischer Befürworter der Weimarer Demokratie bereits in seiner juristischen Dissertationsschrift auf soziologische Fragestellungen auszurichten. Darin untersuchte er die durch das damalige Recht begründete soziale Benachteiligung von unehelichen Kindern gegenüber ehelichen. In seiner über das gesamte Lebenswerk hinweg entwickelten Rechtssoziologie arbeitete Geiger heraus, dass das Recht eine soziale Interdependenzordnung, eine von den Machtverhältnissen gesteuerte Regulierungsform der sozialen Konkurrenz und, neben Moral, Brauch, Konvention usw., eine Sonderart sozialer Ordnung darstellt.

Nach der Promotion (1919) und einer ersten Anstellung beim Statistischen Landesamt in München ging Geiger Anfang der 1920er-Jahre nach Berlin, um als Redakteur mit dem Spezialgebiet Skandinavien beim Nachrichtendienst Die fremde Presse zu arbeiten, der kurze Zeit später Insolvenz anmeldete. In den 1920ern wurde er Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule Braunschweig, leitete hauptberuflich – mehrere Jahre davon ehrenamtlich – die Volkshochschule Groß-Berlin und war zur zwischenzeitlichen Finanzierung seines Lebensunterhalts erneut bei einem Statistischen Amt, diesmal dem Statistischen Reichsamt, tätig. In dieser Zeit erlangte Geiger mit soziologischen Publikationen wie „Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolutionen“13 erstmals größere, auch internationale Bekanntheit.

Im Jahr 1928 wurde Geiger auf Empfehlung von Ferdinand Tönnies und Alfred Vierkandt an die Technische Hochschule Braunschweig auf deren erste Professur für Soziologie berufen. In Braunschweig veröffentlichte er seine statistische Untersuchung zur deutschen Sozialstruktur14, in der er die dominanten Schichtungskriterien untersuchte, zwischen materiellen und mentalen Aspekten – wie sie später auch in Pierre Bourdieus Konzepten des Habitus und des sozialen Raums bzw. Felds zu finden sein würden – unterschied und die Gesellschaft in fünf Schichten unterteilte. Den Mittelständen sowie ihren sozialen Auf- und Abstiegsmobilitäten widmete er hierbei einen politischen Exkurs, in dem er die ersten Erfolge der NSDAP problematisierte und deren Propaganda kritisierte. Angehörige der Mittelschichten seien, aufgrund von teils rationalen, teils irrationalen Abstiegsängsten und Aufstiegssehnsüchten, besonders anfällig für ideologische Manipulationstechniken.15

War Geiger zum Zeitpunkt seiner Berufung noch Mitglied der SPD und neben seiner wissenschaftlichen Eignung auch aufgrund dieser Mitgliedschaft berufen worden, trat er 1932 als Zeichen des Protests aus der Partei aus. In der Landesregierung des damaligen Freistaats Braunschweig war die NSDAP bereits ab 1930 als Koalitionspartner vertreten, und Geiger warf der SPD vor, mit ihrer Weigerung, sich der Mitte der Gesellschaft zu öffnen, den Nazis in die Hände zu spielen. Seine sozialkritische bzw. sozialdemokratische Haltung behielt er nach seinem Austritt aus der Partei nicht nur bei, sondern äußerte diese auch offen. In der Folge boykottierten Burschenschaftler seine Vorlesungen und hinderten andere, diese zu betreten, er wurde bespitzelt und ihm wurde Gewalt angedroht. So fand er eines Morgens seinen Kater, den er oft in Vorlesungen als Anschauungsbeispiel erwähnt hatte, aufs Schlimmste gequält und verstümmelt mit einem Drohbrief vor seiner Haustür. Vor diesem Hintergrund mag es verständlich werden, dass er in den letzten Monaten vor seiner Entlassung gewisse äußerliche Anpassungsversuche unternahm.

Als Geiger im September 1933 entlassen wurde, verließ er kurz darauf das Land und emigrierte nach Dänemark. Dort wurde er im Jahr 1938 in Aarhus auf die erste Soziologieprofessur Dänemarks berufen, seine dortige Forschungsarbeit konnte er aber erst nach Kriegsende aufnehmen. Die frühen 1940er-Jahre verbrachte er im schwedischen Exil, wohin er angesichts der deutschen Besatzung Dänemarks geflohen war. Dort pflegte er regen wissenschaftlichen Austausch mit der positivistischen Uppsala-Schule der Philosophie, zu der neben ihrem Kopf Axel Hägerström u.a. Karl Olivecrona, Alf Ross und Anders Vilhelm Lundstedt gezählt werden.

Seine Hoffnungen setzte Geiger weiterhin in die Demokratisierung und Aufklärung, allerdings richtete er seine Erwartungen weniger an den Staat als mit seinem Konzept des Intellektuellen Humanismus an die Individuen in der Gesellschaft. Es sei die Aufgabe eines solchen Humanismus, den oder die Einzelne(n) zu intellektualisieren und dazu zu befähigen, selbst kritisch und selbstkritisch zu denken, damit er oder sie zu einer von Emotionen weniger beeinträchtigten, rationaleren und damit aufgeklärteren Lebensweise finden könne. In seinen in dieser zweiten Phase seines Schaffens veröffentlichten ideologiekritischen, kultur- und wissenssoziologischen Werken widmete er sich den verschiedenen Manipulationstechniken, mit deren Hilfe in Kommunikationsprozessen gesellschaftliche Konkurrenzsituationen zu Gunsten der Mächtigen manipuliert werden16. Propaganda war für ihn dabei sowohl ein politisches als auch ein ökonomisches ideologisches Instrument, gegen das nur eine immunisierende Intellektualisierung helfen könne. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen erscheinen seine theoretischen und empirischen Arbeiten zur Ideologiekritik17, zu den Aufgaben der Intelligenz in der Gesellschaft18 und zum Intellektuellen Humanismus in einer „Demokratie ohne Dogma“19 im 21. Jahrhundert relevanter denn je.

Diese Arbeiten lassen sich verknüpfen mit den übergeordneten allgemeinen gesellschaftlichen Prozessen, mit dominanten Strukturierungen, Auf- und Abstiegsprozessen, die Geiger zeitlebens in den Blick nahm, bis hin zu seinem Interesse an der Gefahr von Revolutionen und Diktaturen sowie an grundsätzlichen sozialen Dynamiken. Kommunikation war seiner Ansicht nach ein Instrument, das in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Machtverhältnissen benutzt werde, um die soziale Ordnung und Hierarchie aufrechtzuerhalten, um soziale Konkurrenz zu regulieren (und teilweise zu umgehen bzw. zu verändern) sowie um gesellschaftliche Strukturen und soziale Abgrenzungen zu etablieren. In ihrer manipulierten und damit manipulierenden Form, in Gestalt von Ideologie und Propaganda, kann Kommunikation, und damit auch die sie steuernden Machtverhältnisse, durch kritische Opposition und Aufklärung entlarvt werden. Somit kann die Analyse von Kommunikation zu einer an Sachaussagen orientierten intellektuellen Emanzipation beitragen. Dieses Ziel vor Augen bemühte sich Geiger in seinen Publikationen stets darum, auf Jargon zu verzichten, klar und verständlich für verschiedene Zielgruppen zu schreiben.

Theodor Geiger beim Vortrag in Braunschweig; Fotografin: Nelly Friedrichs, August 1948; © Theodor-Geiger-Archiv, Technische Universität Braunschweig.

Im Laufe seines Lebens internationalisierte er seine Arbeit immer weiter, war Mitbegründer der International Sociological Association und vertrat von 1949 bis zu seinem Tod die skandinavischen Länder in deren Exekutive. Als Mitglied des Committee on Social Research und dessen Chairman sollte er ab 1950 „cross-national[e] Untersuchungen“ leiten.20 Dabei „erwies sich Geigers weltanschauliche Askese von besonderer Fruchtbarkeit“. Er „betonte, dass internationale Kooperation nicht um den Preis des Leugnens nationaler Interessen und des Verwischens aller nationalen Differenzen zu erreichen sei, sondern einzig durch […] sachliche ‚Verständigung‘ [statt] durch ein doch unerreichbares gegenseitiges ‚Verstehen‘.“21

Theodor Geiger starb am 16. Juni 1952 völlig überraschend nach einer Forschungs- und Vortragsreise durch Kanada und die Vereinigten Staaten während der Rückfahrt nach Europa. Sein Werk hingegen ist bis heute lebendig, und sein Charakter kann noch heute als Vorbild dienen: „Fanatischer Wahrheitswille, äußerste intellektuelle Redlichkeit und unbeirrbare Leidenschaft zum Forschen und Lehren – das sind die wesentlichen Werte, die Geiger der Soziologie wiedergegeben hat, nachdem sie in der Gefahr stand, sich selbst zu verlieren.“22

Fußnoten

1 Die vorliegende biografische Skizze basiert auf: Nicole Holzhauser, Konkurrenz als Erklärungsansatz im Werk Theodor Geigers, in: Martin Endreß / Klaus Lichtblau / Stephan Moebius (Hrsg.), Zyklos 1. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2015, S. 195–222. Siehe auch Rainer Geißler / Thomas Meyer, Theodor Geiger, in: Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie. Band 1: Von Auguste Comte bis Alfred Schütz, 5. überarbeitete und aktualisierte Auflage, München 2006, S. 280–298.

2 Sandro Segre, Stratification theory and research in Weimar Germany, in: History of the Human Sciences 14 (2001), S. 57–86; Aage B. Sørensen, On the Usefulness of Class Analysis in Research on Social Mobility and Socioeconomic Inequality, in: Acta Sociologica 34 (1991), S. 71–87.

3 Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1990 [1962].

4 Horst Pöttker, Kritische Empirie. Zur Aktualität Theodor Geigers für die Medienforschung, in: Urs Fazis / Jachen C. Nett (Hrsg.), Gesellschaftstheorie und Normentheorie. Symposium zum Gedenken an Theodor Geiger 9.11.1891–16.6.1952, Basel 1993; Theodor Geiger, Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft, Stuttgart 1949; ders., Kritische Betrachtungen zur Reklame, Frankfurt am Main u.a. 2013 [1943].

5 Eine ausführlichere Behandlung dieses Aspekts findet sich in Holzhauser, Konkurrenz als Erklärungsansatz im Werk Theodor Geigers.

6 Paul Trappe, Einführung von Dr. Paul Trappe, in: Theodor Geiger, Arbeiten zur Soziologie, Neuwied am Rhein 1962, S. 13–41.

7 Theodor Geiger, Kritische Betrachtungen zur Reklame, Frankfurt am Main u.a. 2013 [1943].

8 ders., Konkurrenz. Eine soziologische Analyse, Frankfurt am Main u.a. 2012 [1941].

9 Paul Trappe, Theodor Geiger, in: Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker des soziologischen Denkens. Band 2: Weber bis Mannheim, München 1978, S. 254–285.

10 Geißler / Meyer, Theodor Geiger (1891–1952).

11 Theodor Geiger, Gesellschaft, in: Alfred Vierkandt (Hrsg.), Handwörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1931, S. 201–211.

12 Nicht zu verwechseln mit sozialdarwinistischen Vorstellungen, die er zu Recht kritisiert hat.

13 Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion. Ein Beitrag zur Soziologie der Revolutionen, Stuttgart 1926.

14 ders., Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage, Stuttgart 1932.

15 Ebd.; ders., Die Mittelschichten und die Sozialdemokratie, in: Die Arbeit 8 (1931), S. 619–635.

16 Hier lassen sich durchaus auch Bezüge zu Michel Foucault herstellen.

17 Theodor Geiger, Ideologie und Wahrheit, Stuttgart/Wien 1953.

18 ders., Aufgabe und Stellung der Intellektuellen, in: Emil Julius Gumbel (Hrsg.), Freie Wissenschaft. Ein Sammelbuch aus der deutschen Emigration, Straßburg 1938; Theodor Geiger, Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft, Stuttgart 1949.

19 ders., Demokratie ohne Dogma, München 1963.

20 Wilhelm Gehlhoff, Theodor Geiger (9.11.1891 bis 16.6.1952). Worte des Gedenkens auf der Plenarsitzung der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft am 16. Juli 1952, in: Abhandlungen der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft 5 (1953), S. 199–202.

21 René König, Theodor Geiger (1891–1952), in: Acta Sociologica 1 (1956), S. 3–9.

22 Ebd.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephan Moebius.