Georges Léon Émile Balandier

Nachruf auf einen Dekolonisateur der Soziologie

„Ein Greis, der stirbt, das ist eine Bibliothek, die brennt“ – mit dieser vielleicht etwas pathetischen Sentenz wollte der malische Schriftsteller und Ethnologe Hampâte Bâ auf die Dringlichkeit einer Stärkung der oral history aufmerksam machen. Gottseidank hat uns Georges Balandier (21. Dezember 1920–5. Oktober 2016) aber auch Schriftliches, nämlich ein dreißig Bücher und hunderte von Aufsätzen umfassendes Werk hinterlassen, die er zwischen 1947 und 2013 schrieb. Sein Einfluss auf die französische Sozialwissenschaft insgesamt, aber besonders auf die mit Afrika befasste Forschung, ist kaum zu überschätzen.

Der Sohn eines sozialistisch orientierten Eisenbahners – über die Mutter wissen wir wie üblich nichts – wurde nach anfänglichem Philosophiestudium wie Hunderttausende andere Franzosen seiner Generation als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert. Im Verlauf des Krieges schloss er sich der Resistance an und gelangte 1946 nach Dakar, heute die Hauptstadt Senegals, damals Französisch-Westafrikas. Dakar, so zitiert die Überlieferung Balandier, wurde „meine Sorbonne“. Die Erfahrung der kolonialen Realitäten prägte ihn. Balandier studierte nach dem Krieg Ethnologie und wurde, typisch für seine Generation französischer Ethnologen, zu der Michel Leiris und Emmanuel Terray zählten, sofort ein scharfer Kritiker des kolonialen Projekts.

„La situation coloniale: approche théorique“, im Jahre 1951 erstmals erschienen, ist bis heute Balandiers bekanntester Text.1 Er ist jedoch weniger eine politische Kampfschrift wie zehn Jahre später Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde.2 Balandiers Werk zeichnet sich von diesen frühen Schriften an durch einen klaren soziologischen Stil aus, der alle Methoden kennt, sich ihrer frei bedient und zugleich keine Fachgrenzen duldet. Balandier argumentiert deshalb viel differenzierter als der dichotomisierende Fanon, weil er soziologischer, aber nicht weniger kritisch denkt.

Wie ideologisch die Legitimierung der „mission civilisatrice“ ist, wird in diesem Aufsatz ebenso deutlich wie die rasante soziale Transformation, die die koloniale Gesellschaft durch die Landnahme des Kolonialismus und die forcierte Monetarisierung erfuhr. Die Monopolisierung des Handels, die entstehende colour bar und die „radikale Heterogenität“ afrikanischer Gesellschaften werden ebenso zum Thema wie die Effekte, die der Kolonialismus für das Selbstbild und die institutionelle Ordnung Frankreichs, Großbritanniens oder Belgiens hatte –ein Thema, das erst in den 1990er-Jahren von der Forschung wiederentdeckt wurde.

Schon in diesem Text wird außerdem die Vorstellung fixer ethnischer Grenzen als soziologisch unwahr entlarvt, lange bevor Frederick Barth oder Ernest Gellner dazu Stellung nahmen. Trotz zahlloser Studien und theoretisch brillanter Kritik3 hat sich diese Vorstellung, es gebe konstante ethnische Gruppen auf dem afrikanischen Kontinent, aber nicht nur in der Publizistik, sondern etwa auch in Großforschungsprojekten der Politikwissenschaft unbeschadet erhalten. Sehr modern ist auch Balandiers Hinweis auf die Historizität afrikanischer Gesellschaften sowie auf die Varianz ihrer sozialen und politischen Formen. Auf deren Studium, sieht man von Ausnahmen wie Elias Canetti, Norbert Elias oder Christian Sigrist ab, verzichtet die Soziologie freilich bis heute.

Ungebrochene Aktivität bis ins hohe Alter mag ein Grund für Balandiers Prominenz in den französischen Sozialwissenschaften sein. Aber seine – nicht immer freiwilligen – Erfahrungen in einem hochgradig internationalisierten Kontext haben sicher ebenfalls dazu beigetragen. Balandiers epochaler Aufsatz erschien damals in den Cahiers internationaux de sociologie, einer Zeitschrift, deren Leitung Balandier in den späten 1950er Jahren von Georges Gurvitch (1894–1965) übernahm und innehatte, bis 2011 ihr Erscheinen eingestellt wurde. Schon dieser Arbeitszusammenhang verweist auf die starke Einbettung in die internationalen Zeitläufte: Der Rechtssoziologe Gurvitch hatte die Zeitschrift 1946 gegründet. Gurvitch, im Zarenreich geboren, hatte in Heidelberg und Leipzig studiert sowie in Berlin über den Philosophen Johann Gottlieb Fichte promoviert, um dann nach Frankreich zu emigrieren, wo er 1928 naturalisiert wurde. Er teilte Balandiers antikoloniale Haltung und trat für die Unabhängigkeit Algeriens ein, was ihm 1962 einen Bombenanschlag auf seine Wohnung durch die „Organisation de l’Armée Secrète“ der französischen Algeriensiedler einbrachte. Zu den Schülern des Soziologen Gurvitch gehörte neben Balandier auch Ali Shariati (1933–1977), ein Soziologe, der zu den „Hauptideologen“ der Iranischen Revolution 1979 gezählt wurde. Zu den Doktoranden Balandiers sollte später Abolhassan Banisadr zählen, der erste gewählte Präsident Irans nach der Revolution.

Politische Gewalt, Besatzung und Widerstand waren auch dem anderen Milieu vertraut, in dem Balandier engagiert war: Die Schriftsteller Albert Camus, Jean-Paul Sartre und André Gide gehörten zu den prominenten Unterstützern der Zeitschrift Présence africaine, an deren Gründung Balandier 1947 beteiligt gewesen war. Sie wurde das wichtigste Sprachrohr der jungen afrikanischen Denker in Frankreich. Balandiers politische Soziologie ist in diese langen und internationalen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts eingebettet, im Zuge derer sich nicht nur intellektuelle, sondern auch politische Bewegungen in Paris kreuzten.

In den 1950er-Jahren arbeitete Balandier vor allem in Französisch-Zentralafrika, aus dem später die Staaten Zentralafrikanische Republik, Gabun und Kongo-Brazzaville hervorgehen sollten. Hier entstanden seine dichtesten Beschreibungen afrikanischer Gesellschaften unter dem Einfluss kolonialer Herrschaft und des sozialen Wandels, seine Sociologie actuelle de l’Afrique Noire (1955) und die programmatische Schrift Afrique ambiguë (1957). In dieser Zeit übernahm Balandier auch Forschungsaufträge für den Gouverneur des Kolonialgebiets, Bernard Cornut-Gentille, der Balandier später auch als Berater engagierte, als er unter Charles de Gaulle Überseeminister wurde.

In einem seiner letzten Werke, Carneval des apparences (2012), versucht Balandier nicht nur die Ethnologie zu beruhigen, die sich mehr und mehr ihres Gegenstands beraubt sieht.4 Das Gegenteil sei der Fall, argumentiert Balandier. Die Soziologie könne von den Leistungen und der Perspektive der Ethnologie nur profitieren. Neue Formen der Sozialität seien ohne eine Phänomenologie des Körpers, der Riten, der Techniken und Imaginationen gar nicht erforschbar. Mit einer pointierten Betrachtung der Handynutzer als der „Generation Däumling“ konnte der über Neunzigjährige in knappen Federstrichen und prägnantem Stil noch zeigen, wie solche Beiträge aussehen könnten.5

Daneben war Balandier auch in der Organisation der Sozialwissenschaften überaus aktiv. Er hat in seinem Leben über 200 Promotionen betreut, galt als charismatischer Lehrer und war einflussreiches Mitglied unzähliger Berufungskommissionen. Er gründete 1957, unterstützt von Fernand Braudel, das Centre d’Etudes Africaines, das 2014 im Institut des mondes africains (IMAF) aufging. Und schließlich war Georges Balandier Professor an der Sorbonne, wo er den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie von 1962 bis 1985 innehatte.

Zusammen mit Alfred Sauvy ist Balandier auch der Urheber des Begriffs „Dritte Welt“. Diese Begriffsschöpfung sollte, anders als in der postkolonialen Kritik häufig behauptet, keine Nachrangigkeit der ehemaligen Kolonien bezeichnen, sondern war als analoge These zur Bedeutung des „Dritten Standes“ in ganz emanzipatorischer Absicht gemeint. Wie viele andere französische Afrikanisten hat Balandier ein zwiespältiges Verhältnis zu den Postcolonial Studies entwickelt, deren Beiträge aus einer anderen kolonialen Erfahrung, nämlich dem britischen Indien, heraus entwickelt wurden. Mit Recht hat sich Balandier daher auch gegen die Denunziation der Ethnologie als bloße koloniale Hilfswissenschaft gewandt.6

Balandier war immer ein starker Gegner disziplinärer Schließung, vor allem einer Grenzziehung zwischen Ethnologie und Soziologie. Das mag daran liegen, dass ihm selbst die Zufälligkeit dieser Grenzen bekannt war. Ohne die koloniale Struktur der Welt in der Zeit, in der sich die Soziologie als Fach formierte, wäre diese disziplinäre Trennung wohl kaum entstanden. Durch diese Trennung fungiert die Ethnologie als Ersatz für eine Soziologie des kolonialen und des postkolonialen Raumes. Die Soziologie Afrikas, des der Fläche und der Einwohnerzahl nach zweitgrößten Kontinents, wird zum Beispiel in der deutschen Soziologie mit lediglich zwei Lehrstühlen bedacht. Die Dekolonisierung, um die sich Georges Balandier 65 Jahre lang bemühte, war seinem eigenen Fach auf der anderen Seite des Rheins noch nicht gelungen, als er am 5. Oktober 2016 im Alter von 95 Jahren in Paris starb.

Fußnoten

1 Eine gekürzte deutsche Version ist erschienen in Rudolf von Albertini (Hrsg.), Moderne Kolonialgeschichte, Köln 1970, S. 105–124. Die Originalversion ist wie viele Veröffentlichungen Balandiers durch die Klassikersammlung der Université du Québec im Internet frei zugänglich, vgl. Georges Balandier, La situation coloniale. Approche théorique. EXTRAITS, in: Cahiers internationaux de sociologie 110 (2001), S. 9–29.

2 Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, übers. von Traugott König, Frankfurt am Main 1966 (Originalausgabe: Les damnés de la terre, Paris 1961).

3 Vgl. Jean Loup Amselle / Elikia M’bokolo (Hrsg.), Au cœur de l’ethnie. Ethnies, tribalisme et Etat en Afrique, Paris 1985.

4 Vgl. Thomas Bierschenk / Matthias Krings / Carola Lentz (Hrsg.), Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie der Gegenwart?, Wiesbaden 2013.

5 Georges Balandier, Carnaval des apparences ou nouveaux commencements?, Paris 2012.

6 Vgl. ders., Préface, in: Marie-Claude Smouts (Hrsg.), La situation postcoloniale. Les „postcolonial studies“ dans le débat français, Paris 2007, S. 17–24, hier 23; vgl. auch Jean-François Bayart, Les Études postcoloniales, un carnaval académique, Paris 2010.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.