„It’s beautiful, but it’s wrong!“ – Bruno Latours „Reset Modernity!“

Bruno Latour probt den Neustart der Moderne mit ästhetischen Mitteln im ZKM in Karlsruhe und führt persönlich durch seine „Gedankenausstellung“

Nach Auffassung der modernen Philosophie besteht die Leistung ästhetischer Artefakte darin, für die sinnliche Erfahrbarkeit einer Idee zu sorgen. Es ist deshalb besonders interessant, wenn die ästhetische Anschauung dazu beitragen soll, das Programm der Moderne selbst neu aufzusetzen. Reset Modernity! heißt die von Bruno Latour kuratierte Ausstellung, die derzeit am Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe zu sehen ist.1 Wie Latour selbst erklärt, ist dieser Titel in Anlehnung an die Reset-Funktion digitaler Geräte zu verstehen. Wenn die Dinge nicht mehr rundlaufen oder sich aufgehängt haben, dann starten wir neu. Wir fahren das Programm herunter, um es noch einmal anlaufen zu lassen. Und genau das soll nun mit der Moderne passieren, in Karlsruhe, mit den ästhetischen Mitteln einer „Gedankenausstellung“.

Das Bild des Neustarts führt in seiner intuitiven Anschaulichkeit jedoch auch ein wenig in die Irre. Die angemessen komplexe Beschreibung des von Latour anvisierten Vorgangs findet sich stattdessen in seinem zuletzt erschienen Werk Existenzweisen.2 Darin möchte Latour nicht weniger als die Ontologie jener Wesen positiv bestimmen, die gemäß seiner früheren Diagnose nie modern gewesen sind.3 Dazu will er die Erfahrungen bergen, die dieser Existenz zugrunde liegen. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass diese Erfahrungen in der Selbstbeschreibung der Modernen Latour zufolge schlecht erfasst werden: Die „Berichte“, in denen die Modernen über sich „Rechenschaft ablegen“, seien in dieser Hinsicht unverständlich.4 Deshalb gelte es, die „Rechenschaftsberichte“ so zu revidieren, dass die Erfahrungen derjenigen, die nie modern gewesen sind, endlich angemessen zum Ausdruck kommen. Der projektierte Neustart der Moderne ist damit in Wirklichkeit eine Umschrift. Und es ist genau dieser Gedanke eines Neustarts als Umschrift, der durch die Ausstellung am ZKM sinnlich erfahrbar gemacht werden soll.

Das zu diesem Zweck entwickelte ästhetische Verfahren ist ebenso einfach wie schlagend. Die Ausstellung ist in sechs Prozeduren gegliedert, in deren Vollzug jeweils partielle Reartikulationen der Moderne angestoßen werden sollen. Jede Prozedur startet mit einer modernen Ästhetik, die im weiteren Verlauf der Prozedur auseinandergenommen und neu zusammengesetzt wird.

In beeindruckender Weise gelingt das gleich zum Auftakt des Ausstellungsparcours. Die Prozedur mit dem Titel „Relocalizing the Global“ beginnt mit dem Kurzfilm Powers of Ten von Charles und Ray Eames. Der im Jahr 1977 gedrehte Film zeigt einen bruchlosen Zoom zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos: Er beginnt mit der Szene eines Picknicks am Michigansee in Chicago, von der sich der Blick zunächst Schritt für Schritt mit einem Größenfaktor von jeweils 10 ins Universum entfernt, bis er sich anschließend wieder den irdischen Begebenheiten bis auf die Ebene des Kohlenstoffatoms annähert.

Angesichts dieses Gleitens durch die logarithmischen Skalen und der Imagination einer so totalen wie unsichtbaren Perspektive zeigt sich Latour beim Durchgang durch die Räume des ZKM allerdings unversöhnlich: „It’s beautiful, but it’s wrong!“ Die anschließenden Exponate der Prozedur sind dann auch so ausgewählt, dass sie die „Falschheit“ des Films erfahrbar machen: Zu sehen sind die Dokumentation eines Versuchs, Powers of Ten mit theatralen Mitteln aufzuführen; Auszüge aus dem Comic Cosmic View5, der Charles und Ray Eames inspiriert hatte; oder die Zusammenstellung verschiedener Architekturen des Globalen, welche die Konstruktionsprinzipien der nur scheinbar totalen Gebilde hervorheben. Die Werke korrigieren auf jeweils partikulare Art die modernistische Metaphysik eines allsehenden Blicks aus dem Nichts, der „God’s eye view“, wie er in Powers of Ten zum Tragen kommt. Sie machen die Zwischenschritte, Übersetzungen und Transformationen erfahrbar, die notwendig aus situierten Perspektiven folgen und stets mit spezifischen medialen Verfahren vollzogen werden müssen.

Einen zentralen Stellenwert nimmt in der gesamten Ausstellung jenes Thema ein, das auch Latours wissenschaftliche Arbeit zunehmend bestimmt: der planetarische Kosmos von Gaia und die Herausbildung eines neuen Nomos der Erde.6 Insbesondere die Notwendigkeit, im Horizont der ökologischen Krise eine neue Form des Weltbezugs zu entwickeln, steht im Zentrum mehrerer Reset-Prozeduren. „Without the World or Within“ startet zum Beispiel mit einer Fotografie, die Besucher des Louvre vor Théodore Géricaults Gemälde Das Floß der Medusa (1819) zeigt. Das Foto stellt primär das Dispositiv des Museums selbst aus, das einen distanzierten Blick auf die Katastrophe der Schiffbrüchigen erlaubt. Die Subjektposition der Betrachter gleicht hier derjenigen von Touristen, die eine fremde Welt in Augenschein nehmen, ohne ein Teil von ihr sein zu müssen.

Weil man heute aber immer schon mittendrin ist, handelt es sich auch bei der modernen Wahrnehmung des Erhabenen um ein Auslaufmodell. Das Erhabene basiert nämlich auf einem Kontrast: Der sublime Schauer bei dem Gefühl, dass Naturgewalten wie Vulkanausbrüche, Stürme oder Fluten die Kräfte des Menschen übersteigen, wird letztlich von der Gewissheit beruhigt, dass der menschliche Geist zur Transzendenz der Naturkräfte fähig ist. Diese Gewissheit aber verschwindet Latour zufolge in der Immanenz des Anthropozäns. Entsprechend lädt Tacita Deans Fotogravur „Quatemary“ zu einer post-spektakulären Kontemplation der neuen politischen Geologie ein, während die Prozedur „From Lands to Disputed Territories“ dem Ziel gewidmet ist, die dreidimensionale Tiefe des Erdbodens zur Geltung zu bringen. Die Ausstellung verzeichnet die Koordinaten einer territorialen Politik, die die neue Beweglichkeit von Küstenverläufen ebenso mit einbezieht wie Ressourcenkonflikte und Fragen der Subsistenz. Den Betrachter beschleicht dabei eine düstere Ahnung: Mit dem Neustart der Moderne steht offenbar eine Form der Geopolitik auf der Tagesordnung, die an der Schnittstelle von Biopolitik und Kosmopolitik navigiert. Unter den Bedingungen der globalen ökologischen Krise werden Konflikte um das gemeinsame Überleben in einer neuen Beziehung zum Erdboden ausgetragen.

Tacita Dean, Quatemary, 2014 (rechts im Bild). Fünf gerahmte Fotogravuren in zehn Teilen auf Somerset-White-Satin-Papier 400 gr, 239,5x709,5 cm. Courtesy: die Künstlerin und Marian Goodman Gallery New York/Paris. © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Jonas Zilius.

Ausgerechnet der Neustart der Religion bleibt demgegenüber vergleichsweise blass. Das liegt nicht am Anspruch der Prozedur „Secular at last!“, der ambitionierter kaum sein könnte: Denn sie soll dazu dienen, eine Umarbeitung des Verhältnisses zwischen Politik und Religion denkbar zu machen, die auf ikonoklastische Gesten verzichtet und zugleich die in beiden Bereichen generierten affektiven Energien bändigt. Der prominent platzierte Verweis auf das Wiederaufflammen religiöser Kriege wäre nicht einmal nötig, um die herausragende Bedeutung eines derartigen Unterfangens zu unterstreichen. Desto mehr muss aber überraschen, wie wenig stringent ausgerechnet diese Prozedur entwickelt wurde. Wo die Werke der übrigen Prozeduren miteinander in Kontakt treten, einander kommentieren, korrigieren oder stören, wirken die Exponate von „Secular at last“ eher disparat. Das liegt vor allem daran, dass die Prozedur mit einer kleinteiligen Sammlung von Filmszenen eröffnet. Ein guter Ausgangspunkt für die systematische Arbeit des Auseinandernehmens und Neuzusammensetzens ist das nicht. Selbst die Videoinstallation jener hinreißenden Rede Barack Obamas, die er nach einem Amoklauf vor der schwarzen Kirchengemeinde von Charleston7 gehalten hat („Obama’s Grace“), kann an diesem Eindruck wenig ändern.

Insgesamt leistet Reset Modernity! eine ästhetische Arbeit an der Ästhetik; die Ausstellung zielt auf eine Transformation jener „Aufteilung des Sinnlichen“, die für die Welt der Modernen maßgeblich gewesen ist.8 Wie sehr Latour dabei von einem politisch-didaktischen Motiv geleitet ist, wird den Besuchern noch einmal ganz am Ende der sechs Prozeduren bewusst – wenn sie in das räumlich wie thematisch fast nahtlos anschließende Museum of Oil geleitet werden. Unterstützt von Greenpeace wollen auch dessen Macher unsere Sinne für die Katastrophe des Anthropozäns schärfen. Doch während das Museum of Oil seine Botschaft in übergroße Monumente gießt, die zwar physisch so im Raum geneigt sind, dass sie den Betrachter zu erschlagen drohen, dabei aber eigentümlich opak bleiben, ist Latours Ausstellung in spezifischer Weise mitteilsam. Sie macht die Denkmotive ihres Machers greifbar, so dass ihr Besuch auch den Weg erhellt, den Latour mit seinem Werk in den letzten Jahren eingeschlagen hat. Nichts scheint ihm heute ferner zu liegen, als eine Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie zu schreiben. Vielmehr besteht Latours Mission in nichts weniger als in der kosmologischen Aufklärung seiner Rezipienten. Seine Arbeiten bilden Interventionen in das Weltverhältnis derjenigen, die sich von nun an als „Erdgebundene“ („Earthbound“) begreifen sollen, um ihr eigenes planetarisches Überleben zu sichern.

Fußnoten

1 Die Ausstellung im ZKM_Lichthof 8, Lorenzstraße, 76135 Karlsruhe, ist vom 16. April 2016 bis 21. August 2016 geöffnet. Vgl. auch den Katalog: Bruno Latour / Christoph Leclercq (Hrsg.), Reset Modernity!, Cambridge, MA, 2016.

2 Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, übers. von Gustav Roßler, Berlin 2015.

3 Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen, übers. von Gustav Roßler, Frankfurt am Main, 1995.

4 Latour, Existenzweisen, S. 22.

5 Kees Boeke, Cosmic View. The Universe in 40 Jumps, New York 1957.

6 Bruno Latour, Why Gaia is not a God of Totality, in: Theory, Culture & Society (2016), DOI: 0263276416652700; sowie ders., Telling Friends from Foes in the Time of the Anthropocene, in: Clive Hamilton / François Gemenne / Christophe Bonneuil (Hrsg.), The Anthropocene and the Global Environmental Crisis. Rethinking Modernity in a New Epoch, Abingdon 2015, S. 145–155.

7 The White House (Hrsg.), Remarks by the President in Eulogy for the Honorable Reverend Clementa Pinckney. College of Charleston, Charleston, South Carolina, 26. Juni 2015.

8 Vgl. Jacques Rancière, Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, übers. von Maria Muhle, Berlin 2006.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.