Becoming Mead

Sammelrezension zu Daniel R. Huebner und George Herbert Mead

Daniel R. Huebner, Becoming Mead. The Social Process of Academic Knowledge, Chicago and London 2014. 349 Seiten. $ 35,00. ISBN 9780226171401

George Herbert Mead, Mind, Self, & Society. The Definitive Edition. Edited by Charles W. Morris, Annotated Edition by Daniel R. Huebner and Hans Joas, Chicago and London 2015. 536 Seiten. $ 30,00. ISBN 9780226112732

Nach dem Tode George Herbert Meads im Jahr 1931 erschienen vier Bücher, als deren Autor er firmiert. Neben Mind, Self, and Society (1934) sind das The Philosophy of the Present (1932), Movements of Thought in the Nineteenth Century (1936) und The Philosophy of the Act (1938). Während die drei letztgenannten Bücher in der Soziologie bisher nur sehr wenig rezipiert worden sind, ist Mind, Self, and Society ein soziologischer Klassiker geworden. Gleichwohl ist allgemein bekannt, dass das Buch weder von Mead geschrieben noch von ihm selbst publiziert wurde, sondern aus studentischen Mitschriften von Lehrveranstaltungen posthum durch Charles W. Morris zusammengestellt wurde. Immer wieder wurde daher die Frage aufgeworfen, inwieweit der Text des Buches die Auffassungen Meads authentisch wiedergibt. Hans Joas nahm diese Problematik 1989 zum Anlass, jene Texte, die Mead selbst verfasst hat oder die aus seinem Nachlass stammen, aufzuarbeiten und zu rekonstruieren.1 Er umging also das Problem der Authentizität. Daniel Huebner, den Autor von Becoming Mead, interessiert hingegen gerade die Frage, wie es dazu kam, dass Mead, der sich selbst als Philosophen und nicht als Soziologen verstand, mit Mind, Self, and Society in den Kanon der Soziologie aufgenommen wurde – achtzig Prozent der Bezugnahmen auf Mead in wissenschaftlichen Zeitschriften gelten diesem Werk, wie Huebner mit Hilfe einer Web-of-Science-Recherche zeigt.

Das Buch Becoming Mead ist das Ergebnis eines Projekts, das Daniel R. Huebner an der University of Chicago durchführte. Jener Teil des Projekts, der die Konstruktion von Mind, Self, and Society als Zusammensetzung aus studentischen Mitschriften mit Textbearbeitungen und Textzusätzen von Morris analysiert, ist unter dem Titel „The Sources of Mind, Self, and Society“ als Appendix in der Neuausgabe von Mind, Self, and Society erschienen, die Huebner gemeinsam mit Hans Joas verantwortet.

Huebner versteht seine Untersuchung als Beitrag zur Wissenssoziologie. Er möchte ergründen, wie Wissen entsteht, akkumuliert wird und eventuell wieder verschwindet. Zur Beantwortung dieser Frage entwirft er ein Untersuchungskonzept, das über traditionelle wissenssoziologische Ansätze insofern hinausgeht, als es die Wissensproduktion konsequent als einen sozialen Interaktionsprozess behandelt. Er betont die eigenständige Perspektive der an der Wissensproduktion Beteiligten und berücksichtigt die situativen Kontexte, in denen ihre Interaktionen stattfinden.

Huebner gliedert seine Analyse des Prozesses, durch den Mead zu einem Klassiker der Soziologie geworden ist, in drei Teile mit insgesamt sieben Kapiteln. Zunächst befasst er sich in „Rethinking Mead“ mit dem sozialen Kontext, in den Mead eingebunden war, mit seinem öffentlichen Auftreten und der Bedeutung, die sein soziales Engagement für die Entwicklung seiner Sozialtheorie hatte. Die Anzahl der Dokumente, die Huebner zu Meads öffentlichem Auftreten gefunden hat, ist enorm: Knapp 200 Hinweise auf und Berichte über öffentliche Auftritte und Reden in Zeitungen liegen vor. Wie stark Meads öffentliche Auftritte mit seiner Publikationstätigkeit verbunden waren, zeigt sich darin, dass 16 von den 25 Beiträgen, die in dem Buch Selected Writings2 enthalten sind, auf Vorträgen beruhen.

In Kapitel 2 des ersten Teils eruiert Huebner die Quellen, aus denen Mead für die Entwicklung seiner Sozialpsychologie schöpfte. Auch hier bezieht er bisher unbekannte Dokumente ein. Mead war an Datenerhebungen über soziale Verhältnisse in Chicago beteiligt, arbeitete in der Frühphase seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in psychologischen Labors und beschäftigte sich mit komparativer psychologischer Forschung. Seine Begriffe und Konzepte hat er also nicht allein durch abstrakte Lektüre gewonnen, sondern auch auf der Grundlage seines Interesses an experimenteller Forschung und Literatur sowie in Interaktionen mit anderen Wissenschaftlern wie Hermann Ebbinghaus, William James, John Dewey, W. I. Thomas oder John B. Watson.

Einen Einfluss auf Meads Theorieentwicklung, der in der bisherigen Forschung nicht berücksichtigt worden ist, hatte seine Beschäftigung mit Hawaii (Kapitel 3). Mit der Insel kam er über seinen Studienfreund Henry Castle in Berührung, dessen Eltern auf Hawaii eine der größten Zuckerrohrplantagen besaßen und dessen Schwester Helen Kingsbury Castle Mead 1891 heiratete. Er setzte sich mit der Geschichte, der autochthonen Kultur Hawaiis und den aktuellen sozialen Verhältnissen auseinander, engagierte sich für den Bau von Schulen sowie die Schaffung sozialer Einrichtungen. Diese Erfahrungen beeinflussten, wie Huebner zeigt, seine wissenschaftliche Arbeit, indem sie sein Interesse an sozialpolitischen und sozialpsychologischen Fragen verstärkten.

Der zweite Teil „Notes and Books“ befasst sich mit der Lehrtätigkeit Meads (Kapitel 4) und der posthumen Herausgabe von Mind, Self, and Society (Kapitel 5). Auf der Grundlage von 75 studentischen Mitschriften, die er im Archiv der University of Chicago entdeckte, dokumentiert Huebner Meads Lehrtätigkeit. Trotz aller Gemeinsamkeiten der Mitschriften stellt er viele Unterschiede, Mehrdeutigkeiten und Unklarheiten zwischen ihnen fest. Insbesondere weist er nach, dass auch das stenografische Manuskript von 1928, die wichtigste Grundlage der Konstruktion von Mind, Self, and Society, unvollständig ist. Huebner vertritt die wissenssoziologische These, die Rezeption von Wissen sei immer auch eine Produktion von Wissen, wobei diese Produktion durch den Zweck bestimmt werde, den das rezipierte Wissen für den Rezipierenden erfüllt. Die Mitschriften wertet Huebner als einen Beleg für seine These. Für die Studierenden habe der Zweck der Mitschriften darin bestanden, sie als Unterlagen für die Vorbereitung ihrer Prüfungen und das Verfassen schriftlicher Arbeiten zu nutzen. Dies werde durch die Korrespondenz von Studierenden belegt, aus der hervorgehe, dass sie die Mitschriften untereinander austauschten und sie zur Grundlage von Diskussionsgruppen machten.

Huebner kommt es bei der posthumen Herausgabe von Mind, Self, and Society vor allem darauf an, den Konstruktionscharakter des Buches zu belegen. Er rekonstruiert bis ins kleinste Detail den Entstehungsprozess der Textsammlung: Morris' Verhandlungen mit Meads Schwiegertochter, die Beschaffung der Mitschriften und des stenografischen Transkripts, die Qualität dieses Materials sowie die Veränderungen, Auslassungen und Einfügungen, die Morris vorgenommen hat. Im Anhang der Neuauflage wird die Zusammensetzung des Textes dokumentiert. Die gravierendste Veränderung, die auf Morris zurückgeht, ist wohl die Charakterisierung von Meads theoretischem Ansatz als „social behaviorism“ sowie die Unterstellung, Mead habe seinen Ansatz als eine Erweiterung des Behaviorismus Watson'scher Prägung verstanden. Der Terminus „social behaviorism“ findet sich, so Huebner, in keiner der studentischen Mitschriften und in keinem der von Mead selbst stammenden Texte. Dieser Erkenntnis verdankt sich Joas' und Huebners Entschluss, den Untertitel „From the Standpoint of a Social Behaviorist“ in der Neuausgabe des Buches wegzulassen.

In Teil 3 von Becoming Mead untersucht Huebner die Transformationsprozesse, die Mead von einer Person, die von persönlich bekannten Kollegen und Studierenden zitiert wurde, in einen objektiven Bestand theoretischer Konzepte und Aussagen verwandelten. Besagten Übergang trieben zunächst ehemalige Studenten Meads, vor allem Charles Morris und Herbert Blumer, sowie deren Schüler voran. Bei der Rezeption durch Blumer und Morris, die er genauer analysiert, sieht Huebner abermals seine wissenssoziologische These bestätigt. Beide, so Huebner, interpretierten Mead aus der Perspektive ihrer eigenen wissenschaftlichen Projekte und erzeugten auf diese Weise neues Wissen über Mead. Sie verwendeten ihn, um ihre eigene Arbeit zu legitimieren. Für die Verbreitung von Meads Werken nutzten sie den Einfluss, den sie auf wissenschaftliche Verlage und Vereinigungen hatten.

Um zu untersuchen, wie Mead zu einem Klassiker der Soziologie werden konnte, führt Huebner eine differenzierte, nicht nur quantitative Analyse der Bezugnahmen auf Mead in wissenschaftlichen Zeitschriften im Zeitraum von 1894 bis 1955 durch (Kapitel 7). Damit knüpft er an das in der Literaturwissenschaft entwickelte Konzept der „Vorläuferselektion“ (predecessor selection) und „Legitimation“ an, derzufolge beim Zitieren nicht der Inhalt des zitierten Werkes an sich eine Rolle spielt, sondern die Beziehung des Zitierenden zu seiner scientific community: Zitate haben die Funktion, Reputation bei Kollegen zu erreichen, die institutionelle Zugehörigkeit zu zeigen und das eigene Projekt zu legitimieren. Ein weiterer Aspekt der Verbreitung von Wissen ist die „Entbettung“ (disembedding) von Konzepten aus einer wissenschaftlichen Disziplin in andere Disziplinen. Im Falle Meads wurden seine Konzepte von der Philosophie und Sozialpsychologie in die Soziologie transferiert, wie Huebner anhand der Zitationsanalyse zeigt.

Für die Zitationsanalyse hat Huebner alle digitalisierten wissenschaftlichen Zeitschriften zwischen 1894 bis 1955, insgesamt 1.152 Zeitschriftenhefte, ausgewertet. Das Besondere dabei ist, dass er mit Hilfe einer Volltextanalyse nicht nur Zitate und Hinweise auf bestimmte Textpassagen, sondern auch Bezugnahmen auf Mead registrieren kann, ohne dass ein bestimmtes Werk von ihm genannt würde. Solche informellen Bezugnahmen kommen im Falle Meads äußerst häufig vor, was Huebner vor allem bei dessen ehemaligen Studenten bis weit in die 1930er Jahre hinein konstatiert. Insgesamt arbeitet er folgende Trends heraus: Die Verweise nehmen anlässlich der posthum veröffentlichten Bücher deutlich zu, wobei der Anteil der Bezugnahmen in der psychologischen Literatur in den 1920er Jahren stark zurückging. Der Prozentsatz der philosophischen Bezugnahmen steigt bis in die Mitte der 1940er Jahre leicht an und stagniert dann. Die Verweise in der Soziologie nehmen jedoch ab Mitte der 1940er Jahre bis 1955 sprunghaft zu. Von diesem Zeitpunkt an habe sich Mead in der Soziologie etabliert und beginne zu einem Klassiker zu werden. Huebner führt drei Gründe für „the rise of the sociological Mead“ an. Zum einen kamen zu den direkten Schülern Meads deren SchülerInnen als neue Generation von SoziologInnen hinzu; genannt werden etwa Samuel M. Strong, C. Wright Mills, David L. Miller, Kimball Young, Howard P. Becker und Mapheus Smith. Weiterhin wurde Mead von Soziologen aufgegriffen, die aus Europa nach Amerika emigriert waren (Jacob L. Moreno, Alfred Schütz, Georges Gurvitch, Kurt H. Wolf, Muzafer Sherif). Und schließlich wurden Meads Konzeptionen in neuen Bereichen aufgegriffen, die mit der Entwicklung der Soziologie relevant wurden (Kommunikation und Sprache, Sozialisation, Interaktion in Gruppen, Rollenübernahme, Entwicklung sozialer Haltungen und von Persönlichkeit, soziale Kontrolle, Wissenssoziologie).

Huebners Werk zeichnet sich durch eine durchdachte und präzise Analysearbeit aus. Die Konzeption seiner Untersuchung ist konsequent interaktionistisch und dynamisch: Texte entfalten nicht nur kraft ihres Inhalts eine Wirkung, sondern jedes Aufgreifen von Wissen ist gleichzeitig eine Produktion neuen Wissens. Mit Hilfe dieses Ansatzes lässt sich der Prozess, der Mead zu einem Klassiker der Soziologie gemacht hat, zeitlich gut nachvollziehen. Allerdings scheint mir der inhaltliche Aspekt von Wissen für die weitere Wissensproduktion in Huebners Ansatz zu kurz zu kommen. Kann das Bedürfnis nach Reputation und Legitimation des eigenen Projekts allein eine hinreichende Erklärung dafür bieten, dass gerade ein bestimmtes Wissen aufgegriffen wird? Lässt sich damit plausibel machen, warum die anderen posthum veröffentlichten Bücher Meads in der Soziologie im Gegensatz zu Mind, Self, and Society kaum rezipiert werden? Und können wir auf dieser Grundlage das „Disembedding“ von Konzepten und deren Transferierung in andere Wissenschaftsbereiche verstehen? Müsste also nicht auch untersucht werden, welche inhaltliche Funktion das aufgenommene Wissen für ein intellektuelles Projekt erfüllt? Ich kann mir vorstellen, dass das interessante interaktionstheoretisch und wissenssoziologisch orientierte Verfahren, das Huebner in Becoming Mead vorgestellt hat, mithilfe derartiger Fragen eine lohnende Erweiterung erfahren könnte.

Was nun die Neuausgabe von Mind, Self, and Society betrifft, profitiert sie erheblich von Huebners Analyse der Konstruktion dieser Textsammlung im Anhang. Unklar ist mir allerdings, was es mit der Bezeichnung des Buchs als „The Definitive Edition“ auf sich hat. Vielfach wird darunter eine „Ausgabe letzter Hand“ verstanden, was aber in diesem Fall nicht zutreffen kann. Das Werk hat ja keinen Autor im eigentlichen Sinn, wie Huebner nachweist. Auf Anfrage teilte der Verlag mit, diese Bezeichnung habe drei Gründe: das neue Vorwort von Hans Joas, der Anhang mit einer ergänzten Mead-Bibliographie und schließlich die Klärung der Frage, aus welchen Quellen und in welcher Weise Charles W. Morris den Text der Erstausgabe zusammensetzte. Zumindest Letzteres kann die Bezeichnung „Definitive“ rechtfertigen, wenn man davon ausgeht, dass mit der Forschungsarbeit von Daniel R. Huebner alle Fragen der Konstruktion aufgeklärt sind. Unbestritten ist, dass Daniel R. Huebner viel zur Klärung dieser Fragen beigetragen und die wissenschaftstheoretische Forschung bereichert hat.

Fußnoten

1 Hans Joas, Praktische Intersubjektivität. Die Entwicklung des Werkes von G. H. Mead, Frankfurt am Main 1989, S. 8.

2 Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Aufsätzen, die Mead in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hat und die von Andrew J. Reck 1964 in gesammelter Form herausgegeben wurden.

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Frithjof Nungesser.