Der Körper in der Enhancement-Gesellschaft

Dierk Spreen über Upgradekultur

Dierk Spreens in der Reihe X-Texte des transcript-Verlags erschienenes Buch bietet einen überaus lesenswerten Einstieg in das sowohl in theoretischer als auch in phänomenologischer Hinsicht unübersichtliche Thema der technischen Körpermodifikationen. Unter dem Titel Upgradekultur sind in sich thematisch schlüssige, aber durch eine theoretische Klammer verbundene Essays versammelt, die sich mit zentralen Begriffen, Topoi und Genres des aktuellen Technikdiskurses beschäftigen, aber auch mit dessen Konsequenzen für Gesellschaft und Subjektivierung. „Maschine“, „Cyborg“, „Prothese“, „Erweiterte Realität“ und „Weltraum“ heißen jene Kapitel, die eine Landkarte der Figuren der Debatten rund um enhancement und Optimierung zeichnen. Die letzten drei Kapitel („Science-Fiction“, „Normalisierung“, „Sozialtheorie“) konzentrieren sich hingegen auf Genres und Theorien des Verhältnisses von Leiblichkeit / Menschlichkeit und Technik.

An keiner Stelle vergisst Spreen dabei, dass sich über das Verhältnis von Körpern und Technik gar nichts sagen lässt, wenn man es nicht als ein zutiefst historisch, politisch und gesellschaftlich geprägtes begreift. Er konstatiert zwar, dass man seit etwa hundert Jahren eine immer tiefere Durchdringung zwischen Leiblichkeit, Technik und Politik beobachten könne, macht aber in den einzelnen Kapiteln klar, dass sich daraus keine Teleologie ableiten lässt: Gerade weil die Technisierung des Körpers ein Phänomen der Moderne sei, müssten wir sie als ebenso kontingent (wenngleich historisch spezifisch) und ergebnisoffen denken wie die Moderne selbst.

Es geht ihm „weder um eine Kritik des Neoliberalismus noch um eine Kritik der Biopolitik am Beispiel der Optimierung des Körpers“ (10), nichtsdestotrotz hat Spreen ein kritisches Buch vorgelegt. Er positioniert sich klar, wann immer er den Umschlagpunkt zwischen Technik als Ermöglicherin und Technik als Trägerin von Normen benennt, spürt aber ohne Scheuklappen den ambivalenten Versprechungen (und Realitäten) aktueller Mensch-Maschine-Verhältnisse nach. Als besonders fruchtbar erweist sich seine Entscheidung, mit Helmuth Plessners philosophischer Anthropologie zu operieren. Letztere ermöglicht Spreen, die Realität technischer Mitwesen sozial- und subjekttheoretisch anzuerkennen, ohne gleich alle Unterschiede in der agency zwischen Menschen und Nichtmenschen zu nivellieren (wie es die Akteur-Netzwerk-Theorie [ANT] in manchen Ausprägungen tut) oder sich in apokalyptische oder rationalitätsselige Futurismen zu versteigen. Mit Plessners These der „natürlichen Künstlichkeit“ des Menschen als Leitmotiv argumentiert Spreen, dass in der Upgradekultur – einer Kultur, die an den Einzelnen appelliert, sich selbst auf technischem Wege zu verbessern – zwar viel auf dem Spiel steht, das Spiel aber längst nicht verloren ist.

Als erkenntnisstiftend erweist sich, besonders in den Kapiteln „Prothese“ und „Krieg“, die historische Einbettung und Kontrastierung aktueller Technologien. Indem Spreen z.B. die Idealisierung eines martialischen, soldatischen Technokörpers nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs mit heutigen vernetzten, kommunikativen, kybernetischen, „femininen“ Versionen (75, 103) modernen SoldatInnentums vergleicht, veranschaulicht er, wie sehr sich nicht nur die Kriegstechnik gewandelt hat, sondern das ganze Milieu des Militärischen: Zum weltpolizeilichen Interventionskrieg passe Ernst Jüngers äußerlich gehärteter Spezialist mit den schmalen Augen und dem stählernen Blick nicht mehr. Vielmehr sei der/die vernetzte Cyborg gefragt, die im Team arbeitet, aber dabei ständig überwacht und sanft dirigiert wird.

Spreens an den Arbeiten von Michel Foucault geschulte Analyse behält dabei im Blick, dass dessen „Führung der Führungen“ nicht weniger politisch ist als die harte Direktive der Zwischenkriegszeit. Wenn der US-amerikanische Präsident in Echtzeit den Einsatz gegen Osama bin Laden in Pakistan verfolgen kann, erlauben ihm zumindest die technischen Gegebenheiten, direkt auf das Geschehen Einfluss nehmen; Befehlsketten sind in Zeiten der Network Centric Warfare eben netzwerktechnischer Natur. Sie sind zwar in kommunikatives feedback eingebettet sowie flacher organisiert, was die hierarchische Struktur betrifft, aber umso schneller und effizienter, wenn es darum geht, einzugreifen, um beispielsweise den Tod eigener Soldaten zu verhindern. Schließlich wäre der resultierende Skandal Gift für die politische Kommunikationsstrategie. Die militärischen Mittel der Wahl sind folglich nicht mehr gigantische eigendynamische Kampfmaschinen (man denke an Stanley Kubricks Doomsday Machine), sondern flexible Halbautomaten (Drohnen, Satelliten, intelligente Kampanzüge), die einem kontinuierlichen Kontrolldispositiv unterworfen sind.

Überraschende Einsichten ergeben sich aus einem weiteren von Spreen arrangierten Kontrast, demjenigen zwischen Science-Fiction und Alltagstechnik: Begreift man Science-Fiction als Unterhaltungskultur, die sich an den Extremen des Technoimaginären delektiert und in der Möglichkeitskosmen durchgespielt werden, erweist sie sich als ziemlich verlässliches Resonanzfeld von Veränderungen im technosozialen Gefüge: Auch im Science-Fiction-Film wird seit den 1990er-Jahren der aus Stahlgewittern geborene Kämpfertyp à la Terminator zugunsten der kommunikativen, vernetzten, fluiden, androgynen oder weiblichen Cyborg verdrängt. Kaum begegnen uns noch die Schwarzeneggers und van Dammes mit ihren nach dem Modell der Maschine auftrainierten Körpern; vielmehr sind es gewiefte Trickster, geschmeidige Geeks, Gestaltwandler (die X-Men und -Women) und geschlechtlich ambivalente Cyborgs, die die zeitgenössische Science-Fiction prägen. Am deutlichsten wird dies vielleicht in der Neuauflage der postapokalyptischen Mad-Max-Filme der 1980er-Jahre. In Fury Road (2015) tritt die titelgebende männliche Rolle Max zugunsten einer weiblichen Prothesenträgerin (Imperator Furiosa, gespielt von Charlize Theron) völlig in den Hintergrund, und militante Frauenkollektive triumphieren über männliche Kriegstreiberei.

Im Gegensatz dazu erweisen sich für Spreen Alltagstechnologien im Rahmen von Risiko-, Individualisierungs- und Normalisierungsdiskursen selbst als Agenten projektiver Subjektivierung. Sie schüfen jene Plattformen (von Facebook bis hin zu quantified-self-Webseiten), auf denen sich der neoliberale Imperativ der Selbstverbesserung realisiere und permanente Selbstjustierungen im konkurrierenden sozialen Vergleich durch- und aufgeführt würden. Das Web 2.0 ist laut Spreen neben dem Fitnesscenter der paradigmatische Ort, an dem sich kulturelle Normalisierung und ihre Zumutungen artikulieren. Es gebe einer Subjektivitätsform Raum, die sich aus dem Angebot und der damit verbundenen Verpflichtung, Möglichkeiten auch umzusetzen, generiere. Gerne hätte man noch mehr über das Spannungsfeld von Behinderungen, Normalisierung und Technik erfahren, das mit dem Parasport kurz angerissen wird. Die damit zusammenhängende Frage nach Zumutungen und emanzipatorischen Aspekten technischer Teilhabe hätte sich so präzisieren lassen.

Das theoretische Vorhaben des Autors besteht darin, zu identifizieren, welche Erzählungen, Visionen, Theorien und Realitäten des Technischen die Weltoffenheit des Individuums, begründet in der exzentrischen Positionalität (Plessner) des Menschen, garantieren können (oder zumindest nicht einschränken). In der Bedrohung dieser Weltoffenheit sieht Spreen ein Risiko der technischen Körpermodifikationen, das andere liege in der Behinderung der Technik als Ermöglicherin. Spreen stellt klar, dass das zwar einfach klingt, aber im kultur- /medienwissenschaftlichen und soziologischen Technikdiskurs keineswegs unumstritten ist. Vielmehr könne man seriöserweise weder aus konkreten Technologien, noch aus einer Theorie der Technik Argumente ableiten, die eindeutig „für“ oder „gegen“ das technische Upgrade sprechen. Aber es ließen sich Navigationshilfen gewinnen, die eine differenzierte Bewertung von konkreten Technologien für konkrete Menschen erlauben. In diesem Sinn ist das Buch politisch: Es sucht nach diskursiven und konkreten Orten, von denen aus eine kritische Beurteilung der Gegenwart des Technischen, aber auch ihr Überdenken in neue Richtungen möglich wird.

Im abschließenden Kapitel prüft Spreen Sozialtheorien, die eine solche Suchbewegung unterstützen könnten, wobei er recht scharf über die ANT bzw. über Bruno Latour urteilt, dem er vorwirft, in seiner Techniktheorie adaptives Verhalten anzupreisen. Dem wäre entgegenzuhalten, dass in Latours Modell zunächst einmal die Möglichkeit angelegt ist, in Technologien eingeschriebene Verhaltensnormen zu beschreiben und nicht unbedingt zu affirmieren. Zudem widmen sich viele Netzwerktheoretiker_innen (namentlich Madeleine Akrich) den Gegenaneignungen und Umformungen von technischen Dispositiven. Spreens Plädoyer für ein Ernstnehmen der Erfahrungen und Alltagspraktiken von Menschen in technischen Gefügen hat mehr mit einer Ökologie der Praktiken gemeinsam, wie sie etwa Isabelle Stengers und Antoine Hennion innerhalb der ANT entwickelt haben, als man nach seiner Polemik gegen diese vermuten würde.

Upgradekultur bietet mehr als eine Orientierungshilfe und einen Einstieg in die Thematik. Spreens nuancierter und gleichzeitig einordnender Zugang ermöglicht vielmehr eine Sichtung gegenwärtiger Technokultur, die sich auf weitere Bereiche ausdehnen ließe. Pharmazie, Gentherapie und Reproduktionsmedizin drängen sich in diesem Kontext auf, aber auch das wachsende Feld sozialer und affektiver Vernetzungstechnologien. Dass das Buch sich auf bereits länger etablierte Technologiefelder konzentriert, ist kein Nachteil: Mit den Beobachtungen und modellhaften Analysen Spreens lässt sich weiterdenken. Eine etwas ausgedehntere Beschäftigung mit der feministischen Technikforschung hätte wohl an manchen Stellen zu mehr Tiefenschärfe geführt, denn von Autorinnen wie Judy Wajcman und Shulamith Firestone kann man viel darüber lernen, wie schmal der Grad zwischen Ermöglichung und Normierung werden kann, wenn der Körper mit seinen Lüsten und Schmerzen, seinen Vermögen und seinen Unvermögen auf dem Spiel steht.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stefanie Duttweiler.