Die beste aller bisherigen Welten

Rezension zu "Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden" von Martin Schröder

„Wenn Sie zu einem beliebigen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte geboren werden könnten, welcher wäre Ihnen am liebsten?“ Mit dieser Frage beginnt das Buch des Marburger Soziologen Martin Schröder. Die aus Sicht des Autors „beste und zugleich überraschendste“ Antwort lautet: „Heute!“ (S. 7). Mit dieser markanten These ist der Takt des Buches vorgegeben. Anhand einer ganzen Reihe von empirischen Entwicklungen in Deutschland und der Welt versucht der Autor zu zeigen, dass die materiellen Lebensbedingungen und das gesellschaftliche Zusammenleben sich im Laufe der Zeit wesentlich verbessert haben. Das Buch versteht sich damit auch als Beitrag, das im öffentlichen Diskurs regelmäßig vermittelte Bild zunehmender gesellschaftlicher Probleme geradezurücken. Und obwohl sich das Werk an ein breites Publikum richtet, argumentiert es auf der Basis wissenschaftlicher Analysen, weshalb es auch für das Fachpublikum eine interessante Lektüre darstellt.

Der Ausgangspunkt der Argumentation wird in einer längeren Einleitung dargelegt. Mit Bezug auf die international mit viel Aufmerksamkeit bedachten Arbeiten des mit der weltweiten Erforschung und Bekämpfung von Krankheiten befassten Mediziners Hans Rosling[1] wird argumentiert, dass die Wahrnehmung über den Zustand der Gesellschaft deutlich negativ verzerrt ist. In den Urteilen der Menschen werden Probleme überschätzt und erzielte Fortschritte nicht berücksichtigt. Kurzum: Die westliche Fortschrittsgesellschaft ist eine Gesellschaft von „Pessimisten“ (S. 9). Der Autor sieht neben einigen psychologischen Wahrnehmungsfehlern vor allem zwei Gründe für die verzerrte Weltsicht: Zum einen ist das medial vermittelte Bild der Wirklichkeit zu sehr auf Probleme ausgerichtet. Einige Vertreter dieser Zunft haben aus Sicht des Autors eine regelrechte „Katastrophenlobby“ (S. 14) etabliert. Zum anderen steigen mit gesellschaftlichen Verbesserungen (z.B. Angleichung der Einkommen unterschiedlicher Geschlechter) immer auch die Ansprüche, weshalb die Probleme in der Wahrnehmung nicht kleiner werden. Der größte Teil des Buches besteht nun darin mit „objektiven Indikatoren [zu] dokumentieren“ (S. 7), dass es den Menschen entgegen der vorherrschenden Überzeugung zunehmender Verschlechterungen nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt in zentralen Lebensbereichen immer besser geht.

Im ersten Teil stehen empirische Entwicklungen in Deutschland im Fokus. Der Autor behandelt so unterschiedliche Themen wie Wohlstandsentwicklung, Einkommen, Ungleichheit, Zufriedenheit, Umweltprobleme, Kriminalität, Terrorismus, Einwanderung und sozialen Zusammenhalt. Das Vorgehen ist dabei fast immer identisch. Der Autor wählt einen messbaren Indikator, der über einen längeren Zeitraum verfügbar ist, und dokumentiert, welche positiven Entwicklungen im Zeitablauf zu verzeichnen sind. Am ausführlichsten widmet er sich hierbei der Wohlstandsentwicklung. Diese ist nicht nur aus der Perspektive einer so abstrakten Größe wie dem BIP positiv zu bewerten, sondern betrifft alle Einkommensgruppen. So kann eine Gesellschaft zwar durchaus durch Einkommensungleichheit geprägt sein, wichtiger ist aus Sicht des Autors jedoch, dass selbst einkommensarme Haushalte heute ein deutlich höheres verfügbares Einkommen als vergleichbare Haushalte im Jahr 1984 haben. Analog argumentiert er, dass Armut heute vor allem deshalb als Problem wahrgenommen wird, weil die Grenze, ab der eine Person als arm gilt, gestiegen ist. Würden etwa die heutigen Einkommensgrenzen für relative Armut auf die Vergangenheit angewendet, wäre Armut früher weitaus verbreiteter. Ungleichheiten bestehen laut Schröder zwar nach wie vor, werden aber gerade durch die Berichterstattung sehr viel problematischer dargestellt. Das hat zur Folge, dass gesellschaftliche Entwicklungen oft als Verschlechterungen aufbereitet werden, während die Menschen mit ihrem Einkommen und ihrer sozialen Lage relativ zufrieden sind.

Bei anderen Themen stellt der Autor statt der zeitlichen Entwicklung die statistische Wahrscheinlichkeit in den Vordergrund. So sind für ihn beispielsweise Sorgen über eine mögliche Betroffenheit von Terrorismus und Kriminalität übertrieben, da nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht Opfer zu werden. Je nach Sachkenntnis des Themenbereichs werden Leser*innen mehr oder weniger überraschende Entwicklungen aufgezeigt – etwa, dass die Menschen heute entgegen mannigfaltiger Berichterstattung zu sozialer Vereinsamung – sehr viel häufiger in Vereinen aktiv sind als früher, oder dass die Zufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Lage in den zurückliegenden 10 Jahren deutlich gestiegen ist.

Der zweite Teil des Buches, der sich mit Entwicklungen in der Welt auseinandersetzt, bietet ebenfalls Überraschungspotential, allein deshalb, weil das Wissen über die Lebensverhältnisse in anderen Teilen der Welt hierzulande bruchstückhafter ist. Schröder zeigt darin, dass zentrale Kennzahlen auf eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität auf der gesamten Welt hindeuten. Das betrifft die Kaufkraft, die Lebenserwartung, ebenso wie die Kindersterblichkeit oder die absolute Armut. In allen diesen Bereichen hat es in der jüngeren Vergangenheit substanzielle Fortschritte gegeben, die aber häufig aufgrund der „Anspruchsinflation“ (S. 118) nicht als solche wahrgenommen werden. Berichte über problematische klimatische Veränderungen sieht der Autor ebenfalls kritisch – zumindest wenn sie als bedrohliche Szenarien in der Linie des ‚Club of Rome‘ formuliert werden. Trotz einiger Anzeichen für einen Klimawandel sind große Veränderungen wie etwa das in den 80er Jahren prognostizierte Waldsterben ausgeblieben und einige Indikatoren (z.B. die Luftqualität in Deutschland und die Schwefeldioxidbelastung in der Welt) deuten sogar auf eine Verbesserung der natürlichen Lebensbedingungen. Entsprechend dem Anspruch, den Blick auf die Welt etwas optimistischer zu machen, zeigt der Autor anhand ausgewählter Indikatoren zudem, dass die Zahl der Kriegsopfer rückläufig ist und sich die Demokratie und Schulbildung in der Welt massiv ausbreiten. Abgerundet wird das Buch schließlich durch einige Ratschläge, wie sich die mediale Berichterstattung und unserer Blick auf die Welt verändern sollten.

Die große Stärke des Buches liegt darin, etablierte Sichtweisen auf verschiedene Themenbereiche in Frage zu stellen. Das erzeugt Überraschungsmomente, manch neue Einsicht, aber provoziert auch Widerspruch – insgesamt eine gute Mischung für eine populärwissenschaftliche Veröffentlichung. Das energische Votum für etwas mehr Optimismus regt dazu an, die tägliche Berichterstattung mit anderen Augen zu sehen und manch dramatische Darstellung etwas nüchterner einzuschätzen. Mit einer solchen Sichtweise ließe sich wohl auf die Liste der von Schröder identifizierten Bereiche relativ problemlos erweitern. Leser*innen, die mit dem Diskurs der Alterssicherung vertraut sind, können dabei etwa an das wiederkehrende Missverständnis denken, wonach ein sinkendes Rentenniveau mit sinkenden Rentenauszahlungsbeträgen gleichgesetzt wird oder an allzu dramatisierende Darstellungen verbreiteter Altersarmut trotz aktuell sehr geringer Quoten beim Bezug von Grundsicherung. Das Votum Schröders für einen sachlichen Optimismus wird deshalb vor allem bei Akteuren, die an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt sind und deren kleine und größere Erfolge in einer problemorientierten Berichterstattung oft untergehen, auf offene Ohren stoßen.

Die Kehrseite der betont optimistischen Grundausrichtung ist jedoch, dass an vielen Stellen notwendige Differenzierungen zu kurz kommen – zumindest wenn der Autor an seinen eigenen Ansprüchen, die Welt so zu zeigen, „wie sie wirklich ist“ (S. 181), gemessen wird. Mit diesen fehlenden Differenzierungen teilt das Buch paradoxerweise eine wesentliche Gemeinsamkeit mit den vom Autor kritisierten pessimistischen Zeitdiagnosen, wie beispielsweise die der „Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey. Da eine ganze Reihe von Themen bearbeitet werden, stellt sich beim Lesen zudem die Frage, nach welchen Kriterien der zwangsläufig selektive Zuschnitt erfolgte und ob nicht hier und dort ein anderer Indikator oder eine andere Bezugsgröße auch zu anderen Schlussfolgerungen hätte führen können. Das gilt vor allem, wenn ins Bewusstsein gerufen wird, dass Indikatoren eben nur Messinstrumente sind – über deren konkrete Auswahl in den Sozialwissenschaften zu recht viel gestritten wird.

Interessierten Zeitbeobachtern wird darüber hinaus durch das Buch vor Augen geführt, dass die Bewertung gesellschaftlicher Entwicklungen wesentlich davon abhängt, welcher Vergleichsmaßstab zugrunde gelegt wird. Der Autor setzt hier auf einen Vergleich in relativ langen Zeiträumen von 30 oder 70 Jahren. Dieser Zuschnitt ermöglicht klare Schlussfolgerungen, verdeckt aber, dass in der Gesellschaft andere Referenzrahmen ebenfalls große soziale Relevanz entfalten: etwa kurzfristige Trends oder die relationale Position innerhalb der Gesellschaft. Insbesondere das empirisch interessante Zusammentreffen von absoluten Verbesserungen mit einer relativen Schlechterstellung innerhalb einer Gesellschaft (i.E. die Zunahme sozialer Ungleichheit) würde eine differenziertere Argumentation erfordern.  

Insgesamt wäre es interessant gewesen, mehr darüber zu erfahren, welche Sichtweisen auf die behandelten Themen in der Bevölkerung kursieren, und worauf die Menschen sich beziehen, wenn sie heutige Zustände kritisieren. Eine Rezeption von Arbeiten zur Soziologie der Kritik[2] hätte dem Buch hier sicher spannende Impulse geben können. Das gilt nicht nur in Bezug auf die angesprochene Auswahl von Vergleichsmaßstäben, deren Relevanz sich mit der Sichtweise unterschiedlicher Beobachter wandelt, sondern auch in Bezug auf die Entstehungsbedingungen von Kritik. Mit Begriffen wie „Katastrophenlobby“ und „Anspruchsinflation“ verfällt das Buch bei allem Optimismus einem Pessimismus, der Lesern ein komplexeres Verständnis vorenthält. So steht hinter der „Inflation“ von Ansprüchen vermutlich mehr als eine verzerrte Wahrnehmung - sie ist auch Ausdruck gestiegener Handlungsspielräume und Ausgangspunkt für die Neubewertung gesellschaftlicher Verteilungsfragen. Ebenso wurden viele gesellschaftliche Verbesserungen erst auf der Grundlage einer kritischen Bestandsaufnahme der Ist-Situation erwirkt. In Anspielung auf den Titel könnte man auch sagen: Wir reden auch deshalb so ausgiebig von Krisen, damit es uns in Zukunft besser geht. Hier greift der einseitige Blick auf steigende Ansprüche, derentwegen wir vergessen, wie gut es uns geht, etwas zu kurz. 

Zusammenfassend handelt es sich bei dem Buch von Schröder um ein lesenswertes und gut geschriebenes populärwissenschaftliches Werk, in dem eine Kontrastperspektive zur gängigen medialen Berichterstattung geboten wird. Auf der Basis nachvollziehbarer Indikatoren wird aufgezeigt, dass es in vielen gesellschaftlichen Bereichen in der jüngeren Vergangenheit substanzielle Verbesserungen gegeben hat. Gerade weil man nicht alle Schlussfolgerungen teilen wird, fordert das Buch zum Nachdenken auf. Für eine Neuauflage wäre es wünschenswert, wenn das Buch um ein Kapitel zur Zukunftssicht der Bürger ergänzt würde. Denn in vielen aktuellen Krisendiskursen spielen die Zukunftsaussichten, darunter auch Ängste und Sorgen, eine zentrale Rolle. Um herauszufinden, weshalb wir „ständig von Krisen“ reden, sollte der gesellschaftliche Umgang mit Zukunft nicht fehlen. Oder, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, würden Sie nicht auch den Zeitpunkt ihrer Geburt in Abhängigkeit davon wählen, was Sie für die Zukunft erwarten?

Fußnoten

[1] Vgl. unter anderem Hans Rosling, H. / Anna Rosling Rönnlund / Ola Rosling, Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Berlin 2018.

[2] Vgl. etwa Georg Vobruba, Die Gesellschaft der Leute. Kritik und Gestaltung der sozialen Verhältnisse, Wiesbaden 2009.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.