Die Republik auf der Couch

Maik Tändler untersucht den Psychoboom in den siebziger Jahren

Maik Tändler behandelt in seiner gründlich recherchierten Göttinger Dissertation den Aufstieg der Psychowissenschaften in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre. Er beschreibt einen Prozess „therapeutischer Selbstermächtigung“ (S. 450), bei der die linksalternative Subjektkultur der 1970er-Jahre eine gewisse Avantgardefunktion wahrnahm. Der Vorgang reichte aber weit darüber hinaus – vom Aufstieg der Psychologie als Profession über den sich rasant entwickelnden Zeitschriften- und Büchermarkt in diesem Bereich bis zu Veränderungen in der Arbeitswelt mit Feedback-Seminaren, Coachings und Assessment-Centern. Die Aufforderung zu emotionaler Selbstreflexion und kommunikativer Öffnung, zu Eigenverantwortung und kreativer Selbstgestaltung, zur Arbeit am Selbst aus eigenem Antrieb verlor dabei ihre ursprünglich emanzipatorischen Verheißungen. Schon in den 1980er-Jahren traten revolutionäre Veränderungsabsicht und gesellschaftliche Solidarität in den Hintergrund. Aus kapitalismuskritischer Selbstverwirklichung wurde eine wettbewerbsorientierte und kommerzialisierte Selbstoptimierung, so die zentrale These.

Das Buch gliedert sich in drei große Teile. Im ersten Teil (S. 47–186) findet sich eine Abhandlung über die verschiedenen Varianten der „Psychowissenschaften“ in Deutschland nach 1945, samt einer Berücksichtigung ihrer Traditionen im frühen 20. Jahrhundert. Der langfristige Prozess der Verwissenschaftlichung des Psychowissens seit der Redekur der Psychoanalyse nahm vor allem in den 1960er-Jahren an Fahrt auf – durch die virulenten Demokratisierungs- und Humanisierungsversprechen sowie den wissenschaftlichen Steuerungs- und Modernisierungsoptimismus dieser Zeit. Hatte es die Psychoanalyse als Exilwissenschaft auch nach 1945 nicht einfach, wie der Autor verdeutlicht, so verbreitete sich seit den späten 1960er-Jahren in Politik und Wissenschaft der Eindruck, dass in der Bundesrepublik ein Mangel an psychotherapeutischer Grundversorgung bestehe. Schließlich war die Zahl der psychotherapeutischen Behandlungen in den wenigen Jahren von 1968 bis 1973 auf rund das 15-fache angestiegen (S. 90). Die übersichtliche Zahl von Universitätsprofessoren für Ganzheitspsychologie, Charakterologie und Gestaltpsychologie, die bereits in der NS-Zeit wehrpsychologisch tätig gewesen waren, wurde nun um neue Arbeitsgebiete für jüngere Psychologen erweitert.

Kirche, Schule und Jugendgemeinschaften sowie Erziehung im Allgemeinen entwickelten neue Felder für psychologische Expertise: Berufs- und Erziehungsberater, Psychologen für die Eignungsuntersuchungen bei Kraftfahrern, Werbepsychologen, Arbeits- und Betriebspsychologen für die Mitarbeiterführung und Motivierung der Belegschaft. Auf dem Büchermarkt erschienen immer mehr Titel, die in irgendeiner Form Psychologie und Psychotherapie zum Inhalt hatten: Ihre Anzahl verdreifachte sich während der 1970er-Jahre (S. 174). Mit der Bildungsexpansion verzeichnete man durch die überschießenden gesellschaftlichen Erwartungen an die Psychologie einen „Ansturm“ (S. 111) auf das Fach. Im Zeitraum von 1960 bis 1980 übertrafen die Steigerungsraten im Psychologiestudium die allgemeinen Entwicklungen sehr deutlich (S. 117). Bei den Interessen der Studierenden rangierte an erster Stelle die Motivationspsychologie, gefolgt von der Sozialpsychologie und der Psychotherapie. Die Klinische Psychologie wurde zum dominanten Lehrgebiet an den Universitäten, während die Psychoanalyse in der deutschen Universitätspsychologie keine nennenswerte Rolle spielte. Die Psychologie passte sich in eine „Sensibilitäts-Welle“ seit Mitte der 1970er-Jahre ein, von der auch die westdeutsche Linke ergriffen worden war. Zu gleicher Zeit kam die Selbsthilfebewegung auf, die einen dezidiert system- und expertenkritischen Anspruch erhob. Dies korrespondierte mit den Selbstverwirklichungsversprechen im linksalternativen Milieu.

Der zweite große Teil (S. 189–360) befasst sich mit der praktischen Umsetzung in den „psychopolitischen Laboratorien“ (S. 249) der Kommunen, Kinderläden und Therapie-Seminare, innerhalb wie außerhalb der Universität. Nach einer kurzen Passage zum Abschied von der Massenpsychologie bespricht Tändler knapp die Diskussion um Mitscherlichs Bestseller „Die Unfähigkeit zu trauern“ und Theweleits „Männerphantasien“. Im Zentrum stehen jedoch die Neue Linke und die Diskussion um Psychoanalyse, Sexualität, Faschismus und Erziehung im linksalternativen Milieu. Angefangen bei der Rezeption der Kritischen Theorie und ihren Analysen zur autoritären Gesellschaft, bei Marcuses Werken „Eros und Kultur“ und „Der eindimensionale Mensch“ sowie Wilhelm Reichs Überlegungen zur „sexuellen Revolution“ zeigt Tändler, wie sehr die Studentenbewegung die bundesrepublikanische Gesellschaft als autoritär und potenziell faschistoid wahrnahm.

Der „subjektive Faktor“, der sowohl im Aktionismus anarchistischer Revolutionsvorstellungen als auch bei den antiautoritären Teilen der frühen Studentenbewegung um Dutschke diskutiert wurde, bildet den Einstieg in das Kernthema dieses zweiten Teils: Tändler beschreibt eindringlich die Erziehungspraktiken in den Kinderläden, die Diskussionskultur in den Kommunen, die Streitlust, die stundenlangen Gespräche und die aggressive Stimmung, die durch die therapeutische Rückkopplung nochmals gesteigert wurde. Das Scheitern des Anspruchs der Kommune I, eine „zärtliche Kohorte“ (S. 254) von Revolutionären auszubilden, die vielfältigen Versuche zur Selbsttherapie samt der autodidaktischen Rezeption psychologischer Schriften führten de facto zu „(Selbst-)Pathologisierungsprozessen“ (S. 282) in der Studentenbewegung und im linken Milieu. Im Anschluss an Pascal Eitler[1] behandelt Tändler sodann Prozesse der Somatisierung, Emotionalisierung und Orientalisierung an einigen ausgewählten, besonders radikalen Experimenten wie der Aktions-Analytischen Organisation (AAO) oder anhand der Bhagwan-Bewegung. Einige der von ihm so bezeichneten „Gefühlstherapien“ der Humanistischen Psychologie (etwa Transaktionsanalyse oder Gestalttherapie) werden eher en passant erwähnt.

Der dritte Teil (S. 363–447) ist fast gänzlich aus archivalischem Material erarbeitet und befasst sich mit der „Demokratisierung des Selbst“, wie sie durch die psychologische Technik der Gruppendynamik angestrebt wurde. Bekanntlich entwickelte Kurt Lewin in Bethel / Maine (USA) das Feedback-Verfahren nicht zuletzt als Gegenkur zu den psychologischen Nachwirkungen der NS-Erziehungsdiktatur.[2] Tändler untersucht anhand verschiedener bundesrepublikanischer Seminare die Weiterführung von der ursprünglich experimentellen sozialpsychologischen Kleingruppenforschung Lewins mit seinen politischen Ansprüchen als „democratic social engineering“ (S. 367) bis hin zur therapeutischen Selbstführungsökonomie unternehmerischer Subjekte im Coaching der 1990er-Jahre.

Von den ersten US-amerikanischen, gruppendynamischen Laboratorien in den 1940er-Jahren führte der Weg in die Bundesrepublik, so Tändler, über Friedrich Minssen, der nach dem Krieg Redakteur bei der kulturpolitischen Zeitschrift „Der Ruf“ war, später im Gründungszirkel der Gruppe 47 auftauchte und ab 1953 als Referent im Hessischen Kultusministerium tätig wurde. Sein rastloses Engagement setzte er seit 1962 im neu gegründeten Studienbüro für politische Bildung am Institut für Sozialforschung fort. Er war es, der Lewins Experimente durch gruppendynamische Seminare für Schullehrer 1963 an den Schliersee brachte. Minssen war, wie er sich später erinnerte, sogleich gefesselt gewesen von der „Atmosphäre eines herrschaftsfreien Dialogs“ (S. 371) und dem selbstgesteuerten Reflexionsprozess. Unmittelbare Fortsetzung fand dieses erste und teure Seminar zunächst nicht. Aber einige Jahre später gründete sich der „Deutsche Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik“, ab 1966 fand erstmals ein gruppendynamisches Seminar für Bewährungshelfer statt, und in den christlichen Kirchen kam es zu einem regelrechten Boom gruppendynamischer Angebote für den Erziehungs- und Bildungsbereich. Über die Laien-Selbsterfahrungsgruppen in den katholischen Pfarrgemeinden und evangelischen Seminaren verbreitete sich diese Technik seit Anfang der 1970er-Jahre immer weiter. Sie erschien als vielversprechende Methode zur Demokratisierung des Alltagslebens, die auf den Abbau autoritärer und aggressiver Verhaltensweisen mittels wechselseitiger Verhaltensbeobachtung und Feedback zielte. Hauptadressaten waren zunächst pädagogisch Tätige, dann auch Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung, die einen kommunikativen und kooperativen Führungsstil entwickeln sollten. Das stand ganz im Zeichen eines wissenschaftsoptimistischen, liberalen gesellschaftlichen Modernisierungsprogramms.

Vollständig aus archivalischen Quellen gearbeitet ist im dritten Teil Tändlers schönes Kapitel über die gruppendynamischen Seminare der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, die unter der Leitung des reformfreudigen Kultusministers Ludwig von Friedeburg im Bereich der Lehrerfortbildung möglich wurden. Man erhoffte sich psychologische „Fundamentaldemokratisierungen“ (S. 429), die sich in der Praxis aber schon bald als Makulatur erwiesen. Bei seinen Ausführungen zum „Sensitivity-Training“ in Unternehmen folgt Tändler der Interpretation Ulrich Bröcklings, der das „unternehmerische Selbst“ von seinen Anfängen in der Studentenbewegung über die Management-Literatur hin zur neoliberalen Ich-AG der 1990er-Jahre untersucht hat.[3]

Maik Tändler analysiert mit prägnanten Formulierungen die „gesellschaftspolitische Verheißungskraft der therapeutischen Selbst- und Fremdzuwendung“ (S. 11), die in den 1970er-Jahren noch als Emanzipationsideologie und -technologie firmierte, aber in den 1980er- und 1990er-Jahren an gesellschaftspolitischer Sprengkraft verlor, da Kreativität und Selbstentfaltung von der kapitalistischen Arbeitswelt und Konsumgesellschaft einverleibt worden waren. Mit seinen souverän vorgetragenen Thesen reiht sich der Autor in diverse jüngere Arbeiten zur Subjektivierungsgeschichte ein,[4] die den Abschied von der Dominanz einer fordistisch geprägten Industrie- und Arbeitsgesellschaft unter kulturgeschichtlichen Vorzeichen untersucht haben, nämlich im Hinblick auf neue Formen der Subjektkultur. Er widerspricht dabei sehr einleuchtend den älteren und im Grunde bereits überholten Auffassungen, wonach der Psychoboom bloß ein unwesentliches Randphänomen aus Teestuben-Psychologie und skurrilen Sekten gewesen sei. Das Bemühen um die Vermittlung von Gesellschafts- und Selbstveränderung war, so verdeutlicht Tändlers anregende und immer gut lesbare Studie, viel mehr als nur ein vernachlässigbarer Ab- und Irrweg innerhalb der Linken. Es bezeichnete vielmehr einen grundlegenden kulturellen Wandel hin zu einem liberalen Subjektivierungsregime, welches emotionale Selbstreflexion und kommunikative Öffnung, körperliche Eigenverantwortung und kreative Selbstgestaltung zu Grundlagen der sozialen Anpassungsfähigkeit und der wettbewerbsorientierten Selbstoptimierung gemacht hat.

Fußnoten

[1] Pascal Eitler, Körper – Kosmos – Kybernetik. Transformationen der Religion im „New Age“ (Westdeutschland 1970–1990), in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 4 (2007), S. 116–136.

[2] Vgl. Ulrich Bröckling, Und… wie war ich? Über Feedback, in: Mittelweg 36 15 (2006), Heft 2, S. 27–44.

[3] Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007.

[4] Vgl. etwa die Studien zu den 1960er- bis 1990er-Jahren von Ulrich Bröckling, Timothy Scott Brown, Belinda Davis, Pascal Eitler, Jens Elberfeld, Philipp Felsch, Joachim Häberlein, Dagmar Herzog, Sabine Maasen, Silke Mende, Jörg Neuheiser, Andreas Pettenkofer, Andrew Plowman, Andreas Reckwitz, Sven Reichardt, Susanne Schregel, Detlef Siegfried oder David Templin. Siehe zusammenfassend Sven Reichardt, Zeithistorisches zur praxeologischen Geschichtswissenschaft, in: Arndt Brendecke (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, Köln 2015, S. 46–61, hier S. 54–59.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.