Eine moderne Obsession?

Richard Bessel fragt nach dem Ausmaß der Gewalt in der Gegenwart

In der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Krieg und Gewalt scheint sich derzeit ein gewisser Umschwung bemerkbar zu machen. Seit Mitte der 1980er-Jahre hatte man sich in häufig als „phänomenologisch“ titulierten Ansätzen einem genauen Blick auf die Gewalt verschrieben, was hieß, dass mikrohistorisch oder -soziologisch verfahren und diese Vorgehensweise dann – häufig implizit, manchmal aber auch explizit – mit anthropologischen Reflexionen zum Gewaltphänomen an sich verbunden wurde. Seit einiger Zeit wird nun ein gewisses Unbehagen an diesen Ansätzen artikuliert, weil derartig detailverliebte Herangehensweisen an die Gewaltproblematik fast unvermeidlich die Sensibilität für größere gesellschaftliche Zusammenhänge, in die das Gewaltgeschehen ja eingebettet ist, zu verlieren scheinen. In Reaktion darauf versucht man deshalb den vor allem im Soziologendeutsch so benannten Mikro-Makro-Gap zu schließen, und zwar durch die Heranziehung von Begriffen und Konzepten, welche die unmittelbare Akteursebene transzendieren. Die gerade bei Historiker/innen immer häufiger werdende Rede von „Gewalträumen“ oder „Gewaltmärkten“ ist hierfür ein Indiz. Darüber hinaus werden dem Publikum nun wieder – oft ganz spektakulär – ambitionierte Theorieentwürfe angeboten, die das große Ganze im Blick haben, sprich: die Strukturen und Strukturverschiebungen, welche die Veränderungen des Gewaltniveaus erklären sollen. Ein solcher großer und mit viel Aufmerksamkeit bedachter Wurf war sicherlich derjenige des US-amerikanischen Kognitionspsychologen Steven Pinker, der mit seinem „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“[1] aus dem Jahre 2011 schon durch die Titelwahl nicht in den Verdacht der Bescheidenheit geraten wollte (wobei freilich zuzugeben ist, dass der englische Titel sehr viel zurückgenommener klingt). Pinker behauptet mit Blick auf die Geschichte der Menschheit (die Plausibilität seiner Thesen ist hier nicht zu diskutieren)[2] einen sich über Jahrhunderte und Jahrtausende einstellenden, aber schubweise erfolgten Rückgang der Gewalt, der mit einer Veränderung des Emotionshaushaltes der Menschen und neuartigen bzw. stabilisierten institutionellen Arrangements erklärt wird. Es geht also – wie schon erwähnt – ums große Ganze.

„Klein“ sind auch die Themen und Thesen des hier zu besprechenden Buches nicht. Richard Bessels „Violence. A Modern Obsession“ stellt durchaus große Fragen, doch sein Stil und seine ganze Argumentationsweise sind wohl das genaue Gegenstück zur Verfahrensweise von Pinker: Während letzterer seine Thesen mit großer Geste und ohne viel Interesse für Gegenargumente verficht, ist Bessel sehr viel geduldiger, systematischer, empirischer, ohne doch den Blick für theoretische Zusammenhänge zu verlieren. Bessel – der US-amerikanische, aber schon seit langer Zeit in England lehrende Historiker und durch viele Standardwerke ausgewiesene Kenner gerade der deutschen Geschichte – kümmert sich auch nicht um die ganze Menschheit, sondern allenfalls um diejenige im 20. Jahrhundert. Und er hat auch nicht nur die Gewalt per se im Blick, sondern ganz besonders die Wahrnehmung dieser Gewalt und die vor allem im „Westen“ zunehmend zu beobachtende Sensibilität für Gewalttaten: Wie der Titel des Buches schon andeutet, sei gerade in den vergleichsweisen friedlichen Gesellschaften des „Westens“ die (mediale) Beschäftigung mit Gewalt zu einer Art Obsession geworden. Die Frage, warum in diesem „Westen“ eine solche Obsession und damit emotionale wie normative Abwehr und Abkehr von Gewalt zu finden ist und warum man somit bei der Interpretation von Gewalt in der Regel die Perspektive des Opfers einnimmt, treibt Bessel um. Seine Antworten darauf sind – um es vorwegzunehmen – zumeist überzeugend, immer aber bedenkenswert und anregend.

Bessel ist zwar thesenstark, dabei aber nicht unvorsichtig. So vermutet er, dass jene vor allem nach 1945 zu beobachtende zunehmende Sensibilisierung für Gewaltphänomene durchaus mit der Gewaltexplosion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun haben könnte, dass also gerade in Europa Lerneffekte eingetreten seien. Zudem hätten sowohl der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit, der für große Teile der europäischen und auch nordamerikanischen Bevölkerungen einen bis dato nie gekannten Wohlstand mit sich brachte, als auch die im Vergleich zur Vorkriegszeit sehr viel stabileren staatlichen Institutionen massiv die Gelegenheits- und Anreizstrukturen für individuelle und kollektive Gewaltakteure verändert (S. 93). Hinzu kommt, dass mit dem gewachsenen Wohlstand auch die Lebenserwartung dramatisch angestiegen ist, wodurch der Tod nun nicht mehr ein stets präsentes Alltagsphänomen sei und im Zusammenhang damit auch die Tötung (und körperliche Verletzung) auf immer mehr Unverständnis und Abscheu stoße. Die veränderte und letztlich verbesserte Stellung der Frau in westlichen Gesellschaften habe zudem zu einer Ächtung der Gewalt gegen sie geführt und damit den Trend einer zunehmenden Sensibilität für Gewalttaten weiter verstärkt.

Bessel benennt also eine ganze Reihe von Faktoren, die – miteinander interagierend und zumeist sich wechselseitig verstärkend – zu eben jener Gewaltreduktion einerseits und der damit einhergehenden Gewaltobsession andererseits geführt habe. So argumentierend nimmt er also durchaus Beweisführungen auf und ernst, die sich in ähnlicher Weise auch bei Norbert Elias (und eben bei Steven Pinker) finden. Allerdings, bei Bessel wird die thesenartige Zuspitzung immer wieder durch kluge Reflexionen und Gegenwartsbeobachtungen unterbrochen: Dann etwa, wenn er darauf hinweist, dass man in jenem „Westen“ mittlerweile wie selbstverständlich annimmt, dass der (zumeist) christliche Gott gegenüber der Gewalt genauso sensibel und damit ablehnend sei wie die Gläubigen selbst, weil von einem strafenden und rächenden Gott kaum mehr die Rede ist (S. 45). Oder wenn er fragt, ob Revolutionen heute noch in ähnlich monströse Gewaltausbrüche münden könnten, wie das noch in den Jahren nach 1789 in Frankreich und dann nach 1917 in Russland der Fall war. Bessel, hier durchaus wieder optimistisch, hält dies aus verschiedenen Gründen für eher unwahrscheinlich, letztlich auch deshalb, weil unter anderem prinzipiell anti-revolutionäre Gegenkräfte (wie die Kirchen) heute in dieser Form nicht mehr agieren, und nicht zuletzt gegen diese und ihre Vertreter massiv Gewalt ausgeübt worden war (S. 95). Oder aber wenn er fragt, ob sich das industrialisierte Töten wie im Holocaust in dieser Form wiederholen könnte. Auch hier ist Bessel, dessen Großeltern in diesem ermordet worden waren, verhalten optimistisch, kann er doch darauf verweisen, dass dieses „industrialized killing“ in eher staatsfernen Räumen stattfand, wenn auch natürlich organisiert von staatlichen oder parastaatlichen Akteuren. Aber die Staatsstrukturen hätten sich – zumindest in vielen Teilen der Welt – stabilisiert, weswegen diese Form der Gewalt so nicht mehr zu erwarten und zu befürchten sei (S. 272).

Nicht allen Argumenten Bessels wird man umstandslos zustimmen können und wollen; vor allem dann nicht, wenn man etwas weniger optimistisch gestimmt ist wie der Autor. Wenn etwa Bessel der Demokratie gewaltreduzierende Wirkungen zuschreibt, dann wird man ihm folgen. Wenn er klugerweise sofort einfügt, dass demokratische Verhältnisse noch keine hinreichenden Garantien für das Ausbleiben von Gewalt bieten, so dürfte auch dies auf wenig Widerstand stoßen. Aber Bessels Versuch des Aufweises weiterer zusätzlicher Bedingungen klingt gerade an dieser Stelle etwas vage und nährt einen gewissen Tautologieverdacht, etwa wenn neben Pluralismus dann auch Stabilität als eben jene weiteren Bedingungen genannt werden (S. 131): Stabilität und (funktionierender) Pluralismus sind ja wohl schon immer Teil dessen, was erklärt werden soll, und nicht Teil des Explanans. Aber diese kleine kritische Anmerkung kann und wird den Gesamteindruck nicht verändern: Richard Bessel hat nicht nur ein gut lesbares, sondern ein auch auf breiter Literaturbasis gearbeitetes Buch vorgelegt, das sowohl eine höchst stringente Argumentationsführung als auch eine Fundgrube kluger Einsichten und Beobachtungen bietet.