(K)ein Klassiker?

Aldon D. Morris streitet für W. E. B. Du Bois' Platz in der amerikanischen Soziologiegeschichte

Obwohl die Soziologie für sich in Anspruch nimmt eine empirisch-orientierte Gegenwartswissenschaft zu sein, kommt sie in ihren theoretischen Orientierungen augenscheinlich nicht ohne den Rückgriff auf die sogenannten ‚Klassiker‘ aus. Eine Kanonisierung von klassischen Autoren geht zwangläufig mit einer Differenzierung von „Eingereihten“ und „Ausgeschiedenen“ einher.[1] Nicht selten wird diese Auswahl korrigiert und vergessene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in Erinnerung gerufen, während andere aus dem kulturellen Funktionsgedächtnis des Faches verschwinden. Bei diesen Korrekturen können verschiedene Gründe wie die politische Passung an die Gegenwart oder die fachlich-inhaltliche Anschlussfähigkeit an aktuelle Debatten eine Rolle spielen.

Nun vertritt Aldon D. Morris in seinem Buch The Scholar Denied keine geringere These, als dass der afroamerikanische Sozialwissenschaftler William Edward Burghardt Du Bois (1868–1963) der eigentliche Begründer der amerikanischen Soziologie sei, dessen Werk und Wirken aber aufgrund seiner Hautfarbe bis heute nicht die Anerkennung erhalten habe, die es verdiene. Ausgehend von dieser These versucht Morris die Soziologiegeschichtsschreibung der Vereinigten Staaten von Amerika grundlegend zu korrigieren. Es geht ihm darum zu zeigen, dass im Umfeld von Du Bois bereits zwei Jahrzehnte vor der berühmten Chicago School[2] maßgebliche empirisch-soziologische Forschungen betrieben wurden. Morris präsentiert Du Bois als Oberhaupt einer eigenständigen soziologischen Schule – der ‚Atlanta School’ –, die jedoch aus einer an eine weiße ‚Mittelklasseerfahrung’ gebundenen amerikanischen Soziologie[3] und ihrer Theoriegeschichte ausgeschieden wurde. Dass sich seine wissenschaftliche Karriere nach einem vielversprechenden Beginn zumeist außerhalb der bedeutenden Forschungszentren der amerikanischen Soziologie abspielte, dürfte allerdings auch eine Rolle gespielt haben.

Um es gleich vorwegzunehmen: Du Bois, dessen Werk in den letzten Jahren aus verschiedenen Perspektiven zunehmend mehr Aufmerksamkeit erfährt,[4] ist ohne Frage eine hochinteressante Figur in der Geschichte der nordamerikanischen Soziologie: Aufgewachsen in finanziell eher dürftigen Verhältnissen an der Ostküste (Great Barrington, Massachusetts), studierte er von 1885 bis 1888 an der Fisk University in Nashville, bevor er 1890 nach Harvard ging und 1895 als erster Afro-Amerikaner seinen PhD in Geschichte verliehen bekam. Zwischenzeitlich, von 1892 bis 1894, studierte er – gefördert durch ein Stipendium – bei führenden Sozialwissenschaftlern seiner Zeit in Berlin. Nach kurzen Stationen in Ohio und Philadelphia nahm er 1897 eine Professur an der University of Atlanta, Georgia an, die er bis 1910 innehatte. In diesem Zeitraum führte er mehrere große Studien über die Lebensumstände der afroamerikanischen Bevölkerungsschichten durch und publizierte unter anderem 1903 sein bis heute viel beachtetes Hauptwerk The Souls of Black Folk.[5] 1909 war er an der Gründung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) beteiligt, in deren Vorstand er von 1910 bis 1934 mitwirkte und deren Zeitschrift The Crisis er herausgab. In dieser Zeit intensivierte und radikalisierte er sein vielfältiges politisches Engagement für eine uneingeschränkte Gleichstellung und Eigenständigkeit der afroamerikanischen Bevölkerung. 1919 bis 1945 organisierte er fünf Pan-Afrikanische Kongresse. 1934 zog er sich mit 66 Jahren von seinen Ämtern zurück und betätigte sich fortan vornehmlich als Bürgerrechtler, Publizist und Pazifist. 1961 wanderte er hochbetagt nach Ghana aus, um dort mit der Arbeit an einer Encyclopedia Africana zu beginnen.[6] Er starb 1963, kurz nachdem er die ghanaische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.

In der Gesamtbetrachtung folgte Du Bois glänzendem Karrierestart eine Serie von institutionellen Misserfolgen bei zunehmender Radikalisierung der eigenen Position, die schließlich auch zur Aufgabe seiner chronisch unterfinanzierten universitären wissenschaftlichen Forschung führte. Morris zufolge lässt sich diese Entwicklung nur im Kontext der mächtigen Gegenspieler verstehen, an denen Du Bois regelmäßig scheiterte. Er beginnt seine Monografie, der unter anderem umfangreiche Recherchen in diversen Nachlässen und Archiven zu Grunde liegen, mit einer persönlichen Einleitung. In ihr berichtet er von Segregationserlebnissen seiner Kindheit in den Südstaaten und vom Alltagsrassismus seiner Jugend in Chicago. Er schildert, wie er lediglich zu Beginn seiner College-Zeit durch Richard Maxwell mit dem Gedankengut Du Bois‘ in Berührung kam und schließlich, wie der von ihm geschätzte Lewis Coser Du Bois den Klassikerstatus absprach, da dieser keine systematische Theorie entwickelt habe. Daraufhin fasste Morris den Entschluss, dieses nun (ca. 35 Jahre später) erschiene Buch in Angriff zu nehmen, mit dem er sich nach eigenen Worten eine Lebensaufgabe erfüllt.

Hierzu wirft er zunächst einen Blick auf die Rolle des Begriffs der "Rasse" im Prozess der entstehenden nordamerikanischen Soziologie. Seiner Ansicht nach nahm Du Bois hier insofern eine Sonderrolle ein, als er im Gegensatz zum zeitgenössischen Mainstream einen von Morris als „sozialkonstruktivistisch“ (29) bezeichneten Rassebegriff verwendete. Die afroamerikanische Bevölkerung seinerzeit war demzufolge nicht deshalb gesellschaftlich schlechter gestellt, weil sie der weißen Rasse von Natur aus unterlegen war, sondern weil sie aufgrund sozialer Repressalien am gesellschaftlichen Aufstieg gehindert wurde. Im Anschluss rekonstruiert er die Geschichte der von Du Bois ins Leben gerufenen ‚Atlanta School of Sociology‘, die mit Monroe Work, Richard R. Wright, George Edmund Haynes und anderen eine ganze Generation vergessener afroamerikanischer Soziologen birgt, die den Sozialdarwinismus ihrer weißen Kollegen bereits überwunden hatten. Damit folgt Morris nicht der üblichen Darstellung Du Bois‘ als eines einsamen und isolierten Genies, sondern stellt dessen direktes Wirken auf Schüler und Kollegen chronologisch-systematisch dar. Durch seine – in Kreisen nordamerikanischer Sozialwissenschaftler zu dieser Zeit gar nicht so seltene – Ausbildung in Deutschland rund um die historische Schule der deutschen Nationalökonomie, insbesondere Gustav Schmoller und Adolf Wagner, war Du Bois obendrein methodologisch in den 1890er-Jahren auf dem neuesten Stand der empirischen Sozialforschung und schuf innovative Studiendesigns, die qualitative und quantitative Elemente enthielten. Auf diese Weise entstanden zum Beispiel mit The Philadephia Negro[7] oder The Negro Artisan[8] Studien, die – ähnlich den Enquêten des Vereins für Socialpolitik in Deutschland – die Lebensumstände der afroamerikanischen Bevölkerung systematisch dokumentierten. Im Gegensatz zum Verein für Socialpolitik, der bis in die Spitzen der preußischen Ministerialverwaltung vernetzt war und über entsprechende Ressourcen verfügte, fehlten der Black University of Atlanta jedoch zumeist die finanziellen Mittel, um ihre Forschungsvorhaben adäquat umzusetzen. Parallel zu diesen Arbeiten organisierte Du Bois alljährlich die viel beachteten Atlanta Conferences, die ein Bewusstsein für die Probleme der schwarzen Bevölkerung schaffen sollten, an denen aber auch weiße Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Jane Addams, Walter Willcox, Frank Sanborn oder Franz Boas partizipierten.

Dass es Du Bois nicht gelang zusätzliche Mittel zu akquirieren, lag Morris zufolge nicht nur an der ihn weitgehend ignorierenden weißen Wissenschaftselite, sondern auch an seinem Gegenspieler Booker T. Washington. Dieser war der seinerzeit führende Kopf der schwarzen Bildungsbewegung und verfügte über gute Kontakte zu den maßgeblichen Geldgebern. Washingtons am Tuskegee Normal Institute, Alabama, vertretenes Programm sah vor, die afroamerikanische Bevölkerung ihrer scheinbaren Veranlagung nach im Bereich handwerklicher Arbeiten auszubilden, um sowohl das Niveau behutsam dem weißen Standard anzunähern als auch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu fördern. Du Bois hingegen forderte, nicht nur den Zugang zur freien universitären Bildung zu ermöglichen, sondern der schwarzen Bevölkerung alle Bürgerrechte zuzugestehen. Nachdem Du Bois Washingtons Angebot, als sein Ghostwriter zu fungieren, abgelehnt hatte, da er sich dessen Kurs nicht unterordnen wollte, trat Robert E. Park diese Stelle 1905 an. In der Folgezeit entwickelte sich Park zu Du Bois' größtem Konkurrenten in Bezug auf die Definition der Rassenfrage. Wie Du Bois hatte auch Park in Harvard und in Deutschland studiert, u.a. in Heidelberg, wo er 1904 mit einer von Wilhelm Windelband betreuten Arbeit promoviert worden war. Während Du Bois in der Zielsetzung seiner wissenschaftlichen Arbeiten dem von Schmoller und anderen intonierten Grundtenor des Vereins für Socialpolitik treu blieb, insofern als er eine Vermischung von Wissenschaft und Politik für unumgänglich erachtete, trat Park, der zehn Jahre später in Deutschland gewesen war und dementsprechend eine veränderte Diskussionslage über die Grundlagen des Faches vorfand, für die Idee einer objektiven Wissenschaft ein.[9] In diese objektive Wissenschaft Parks – der 1914 von Tuskegee nach Chicago übersiedelte, wo er bis 1923 zum Full Professor aufstieg und die sehr einflussreiche Chicago School of Sociology aufbaute – hatten sich aber Morris zufolge eine gehörige Portion Sozialdarwinismus, Rassismus und die Privilegien weißer Männer eingeschlichen, wie er in einer ausführlichen Gegenüberstellung der Arbeiten Parks und Du Bois‘ nachzuzeichnen versucht.

Ein eigenes Kapitel ist dem Verhältnis von Max Weber und Du Bois gewidmet. Morris rekonstruiert auf Basis aktueller englischsprachiger Sekundärliteratur[10] den Kontakt der beiden mit Blick auf Rassefragen und Klassenprobleme. Im Zentrum stehen dabei Webers frühe Aussagen zur Frage der ostelbischen Landarbeiter und der Überfremdungsgefahr durch polnische Immigranten, seine Ausführungen in der Diskussion nach dem Vortrag von Alfred Ploetz über die Begriffe "Rasse" und "Gesellschaft" im Rahmen des Ersten Soziologentages 1910, sowie sein vierseitiges Fragment über Stände und Klassen im posthum 1922 erschienenen Wirtschaft und Gesellschaft. Dass sich seine als rassistisch und darwinistisch interpretierbaren Aussagen aus den 1890er-Jahren wandelten und er 1910 in der Diskussion um Ploetz – in der er Du Bois den bedeutendsten soziologischen Gelehrten der amerikanischen Südstaaten nennt und als „Gentleman“ bezeichnet[11] – vehement antidarwinistische und antieugenische Ansichten vertrat und sich gegen die sozialwissenschaftliche Anschlussfähigkeit biologischer Rassebegriffe aussprach, sieht Morris in Webers Rezeption der Arbeiten von Du Bois begründet. Weiter beschäftigt sich Morris in aller Kürze mit dem Verhältnis der ‚Atlanta School‘ zu anderen intellektuellen Schulen in Nordamerika. Dabei thematisiert er insbesondere die Frage, ob eine Schule nach wie vor einflussreich sein kann, auch wenn sie ein Jahrhundert unterdrückt und ignoriert wurde. Denn so talentiert die Schüler Du Bois‘ gewesen sein mögen, ihrer Nachwirkung waren institutionelle Grenzen gesetzt. Um dies zu verdeutlichen, greift Morris auf Überlegungen Robert K. Mertons, Thomas S. Kuhns, Randall Collins‘ und Pierre Bourdieus hinsichtlich der Konsekrations- und Exklusionsmechanismen in der Wissenschaft zurück. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass Du Bois und seine Schüler nie eine ernstzunehmende Chance im wissenschaftlichen Feld ihrer Zeit hatten, weil sie mit dem Malus starteten, der vermeintlich minderwertigen afroamerikanischen Rasse anzugehören, und ihr konstruktivistisches Verständnis des Rassebegriffs sich nicht mit dem darwinistischen Mainstream vereinbaren ließ. Schließlich stellt Morris die Frage nach dem Erbe der ‚Atlanta School‘ of Sociology nach Du Bois‘ Ausscheiden aus der universitären Wissenschaft. Als letzte Episode beschreibt er das Scheitern der Umsetzung einer geplanten Encyclopedia of the Negro, die wegen Vorbehalten der Geldgeber gegen die Objektivität der Person Du Bois‘ nicht zustande gekommen sei. Stattdessen erhielt Gunnar Myrdals Konkurrenzprojekt An American Dilemma[12] die Förderung, das aber in einigen Punkten an Du Bois‘ Arbeiten anschloss.

Morris‘ Studie verfolgt, wie der Titel schon andeutet, ein politisches Ziel, das eng mit seiner eigenen Biographie verbunden ist. Dieses Vorgehen hat seinen Charme, reflektiert es doch persönliche Erfahrungen im Lichte einer Wissenschaftsgeschichte vergessener soziologischer Schulbildungen. Bereits mit diesem Fokus verfügt das Buch über ein Alleinstellungsmerkmal. Die dargestellten Studien der ‚Atlanta School’ bieten ohne Frage ein reichhaltiges Repertoire, um eine spezielle Frühform der Soziologie in Amerika kennenzulernen, die damals trotz der beschränkten Mittel ihrem nordamerikanischen Kontext in vielerlei Hinsicht weit voraus war. Dementsprechend ist es zweifellos ein gerechtfertigtes Anliegen, den Fokus auf diese Arbeiten zu richten. Denn sie sind, nicht zuletzt durch den konstruktivistischen Rassebegriff, der in der Forschung kontrovers diskutiert wird, an vielen Punkten auch in der Gegenwart anschlussfähig und erfüllen somit ein wichtiges Klassikerkriterium.

Schade ist allerdings, dass Morris‘ Studie ihren implizit vorhandenen wissenschaftssoziologischen Anspruch nicht einlöst. Durch seine allzu persönliche Darstellung kommt Morris erst im siebten von insgesamt acht Kapiteln auf die bereits erwähnten wissenschaftssoziologischen Theorieansätze zu sprechen. Ferner bleibt die Auseinandersetzung sehr rudimentär und ohne systematische Einbettung. Statt die betreffenden Ansätze ernst zu nehmen und sich inhaltlich auf sie einzulassen, unterliegt Morris hier vorschnell der politischen Subsumtionslogik. Damit werden trotz der eindrücklichen Darstellung von Du Bois' Außenseiterrolle Prozesse der akademischen Machtbildung ihrerseits keiner eingehenderen soziologischen Reflexion unterzogen. Was bleibt, ist ein durch die Rekonstruktion von Du Bois‘ Karriereverlauf vermitteltes beeindruckendes sozialgeschichtliches Panorama der Vereinigten Staaten bis in die 1930er-Jahre.

Auch ideengeschichtlich bleibt das Buch leider unscharf. Als Symptom hierfür kann man bereits Morris‘ Ablehnung von Cosers vermeintlich reduktionistischer Lesart der Soziologiegeschichte als Theoriegeschichte interpretieren. Daraus ergibt sich bei der Lektüre der Eindruck eines generellen Affekts gegen die Betrachtung und Rekonstruktion systematischer Gedankengebäude, so dass das Buch alles in allem einen stark eklektizistischen Eindruck hinterlässt. Sucht man dennoch nach einem Leitmotiv in Morris‘ Buch, so wird man es am ehesten in Du Bois‘ berühmter Aussage in The Souls of Black Folk finden, das Problem der „color-line“ sei das Problem des 20. Jahrhunderts schlechthin.[13] Wenn sich Morris‘ inhaltliche Auseinandersetzung mit der Soziologie und ihrer Geschichte aber derart auf die Rassenfrage verengt, stellt sich wiederum die Frage, wer alles nicht mehr den klassischen Autoren zuzurechnen wäre und zu den neuen „Ausgeschiedenen“ gehören würde.

Die Darstellung des ‚konservativen’ Washington und seines ‚opportunistischen' Assistenten Park gerät ebenso verkürzt und parteiisch wie die Behauptung, Weber habe durch die Kenntnis der Schriften Du Bois‘ seine eigene Position in der Rassenfrage verändert. Dieses Argument funktioniert nur dann, wenn man die vielfachen, sich überschneidenden Beziehungsnetzwerke der beiden Wissenschaftler ausblendet und ihre Verbindung auf eine dyadische Beziehung reduziert. Dass Weber Du Bois 1904 auf seiner Amerikareise getroffen hat und einen Text von ihm über „Die Negerfrage in den Vereinigten Staaten“ für das Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik einwarb,[14] muss man zwar ohne Frage als Zeichen der Nähe interpretieren. Dass Weber in dieser Zeit ebenso begeistert Kontakt zu Washington hatte und die Pläne zur Übersetzung von The Souls of Black Folk durch Else Jaffé recht schnell im Sande verliefen, sind allerdings Indizien, die den Eindruck auch wieder relativieren.

Der gemeinsame Kontext der historischen Schule der deutschen Nationalökonomie und ihrer Nachwirkungen – auf zum Beispiel die ‚Atlanta School of Sociology‘ – bleibt ebenso weitgehend außen vor, wie eine differenzierte Darstellung der allgemeinen theoretischen Grundpositionen der Protagonisten. Das führt insgesamt zu einem begriffsgeschichtliche Abgrenzungsbewegungen einebnenden Begriff von Soziologie. Ersetzt wird dieser Begriff durch eine nicht immer zutreffende Personalisierung von wissenschaftlichen und politischen Grundpositionen. So wird die Konstruktion von verkürzten und historisch unsensiblen Freund/Feind-Schemata (Schwarz/Weiß, Konstruktivismus/Darwinismus etc.) dort tendenziell begünstigt, wo eine sachliche Auseinandersetzung wichtig gewesen wäre.

Trotz dieser Schwächen erwartet den oder die Leser/in ein sehr kenntnisreiches, lesenswertes Buch, das ein bislang verdrängtes, aber wichtiges und interessantes Kapitel der Soziologiegeschichte aufschlägt und gleichzeitig insbesondere die orthodoxe Darstellung der Chicago School in Frage stellt. Das geschieht jedoch, wie schon erwähnt, in einer Darstellung, die wiederum selbst eine Relativierung nötig macht. Cosers Einwand hinsichtlich der fehlenden Systematik bleibt bestehen und so stellt sich die Frage, welchen Mehrwert eine intensive Auseinandersetzung mit Du Bois als Klassiker heute bieten kann, wenn man von wissenschaftsexternen Faktoren absieht. Die Frage, ob Du Bois als Begründer der nordamerikanischen Soziologie gelten kann, lässt sich nicht abschließend klären, denn hierzu ist die Auseinandersetzung mit seinen Konkurrenten zu verkürzt und der Begriff von Soziologie zu verwaschen. Die Diskussion mit aktueller Forschungsliteratur erfolgt in einem wohldosierten Maß, sodass der oder die Leser/in den Diskurs verfolgen kann, ohne im Lesefluss durch die leseunfreundliche Triade ‚Text – Endnotenapparat – Literaturverzeichnis‘ allzu sehr gestört zu werden. 23 Fotografien genannter Personen im Mittelteil des Buches und ein gemischtes Personen- und Stichwortverzeichnis am Ende runden das Buch ab und erleichtern den Überblick.

Fußnoten

[1] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 279.

[2] Vgl. z. B. Martin Bulmer, The Chicago School of Sociology. Institutionalization, Diversity, and the Rise of Sociological Research, Chicago 1984

[3] Vgl. z. B. Alvin Gouldner, The Coming Crisis of Western Sociology, New York 1970.

[4] Vgl. z. B. Robert Gooding-Williams, In the Shadow of Du Bois: Afro-Modern Political Thought in America, Cambridge, MA 2011; David Levering Lewis, W. E. B. Du Bois: Biography of Race, New York 1993; David Levering Lewis, W. E. B. Du Bois: The Fight for Equality and the American Century, 1919-1963, New York 2000; Reiland Rabaka, Against Epistemic Apartheid. W. E. B. Du Bois and the Disciplinary Decadence of Sociology, Lanham, MD 2000; Adolph L. Reed Jr., W. E. B. Du Bois and American Political Thought: Fabianism and the Color Line, New York 1997.

[5] W. E. B. Du Bois, The Souls of Black Folk, New York 1994.

[6] Anthony Appiah (Hg.), Africana. The Encyclopedia of the African and African American Experience, New York 1999.

[7] W. E. B. Du Bois, The Philadelphia Negro: A Social Study. Publications of the University of Pennsylvania Series in Political Economy and Public Law, Bd. 14, Philadelphia 1899.

[8] W. E. B. Du Bois, (Hg.), The Negro Artisan: Report of a Social Study Made under the Direction of Atlanta University; Together with the Proceedings of the Seventeenth Conference for the Study of the Negro Problems, Held at Atlanta University, on March 27th, 1902. Atlanta University Publications, Bd. 7, Atlanta, GA 1902.

[9] Vgl. z. B. Dieter Lindenlaub, Richtungskämpfe im Verein für Socialpolitik. Wissenschaft und Sozialpolitik im Kaiserreich vornehmlich vom Beginn des „neuen Kurses“ bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1890-1914), Wiesbaden 1967.

[10] Maßgeblich: Lawrence A. Scaff, Max Weber in America, Princeton, NJ/Oxford 2011.

[11] Max Weber, Diskussionsbeitrag zu Alfred Ploetz, Die Begriffe Rasse und Gesellschaft und einige damit zusammenhängende Probleme, in: Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt a. M., Tübingen 1911, S. 164.

[12] Gunnar Myrdal, An American Dilemma. The Negro Problem and Modern Democracy, New York 1944.

[13] Du Bois, The Souls of Black Folk, S. V.

[14] W. E. B. Du Bois, Die Negerfrage in den Vereinigten Staaten, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 22 (1906), S. 31-79.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Oliver Römer.