Kritik der 'reinen Erfahrung'

Rezension zu "Experimentalismus und Soziologie. Von der Krisen- zur Erfahrungswissenschaft" von Tanja Bogusz

Seit einiger Zeit werden in der Soziologie Stimmen laut, die nach einem neuen Begriff von „Erfahrung“ für die Soziologie als Wissenschaft rufen. Im Anschluss an Henri Bergson, Gilles Deleuze, Donna Haraway, Helmuth Plessner und die amerikanischen Pragmatisten wird eine neue Weltbeziehung, eine Wiederentdeckung des Sinns fürs Affektive, eine Beschäftigung mit dem „Leben“ gefordert. In diesen Reigen stimmt nun auch die Soziologin Tanja Bogusz mit ihrer Habilitationsschrift ein. Sie beklagt, dass die Soziologie über keinen „erkenntnisleitenden Erfahrungsbegriff“ (S. 17) verfüge, fern aller Empirie operiere (S. 28) und einem „weberschen Bias“ (S. 33) verpflichtet sei. Theoriegeleitete empirische Forschung habe, insbesondere in Deutschland, Seltenheitswert (S. 18). Während die Gesellschaft grundlegende Metamorphosen durchlaufe, wie etwa die globale Ökologiekrise oder die „seit den 1980er Jahren einsetzenden geopolitischen Transformationsprozesse und die wissenschaftlich-technologische Entgrenzung durch die digitale Revolution“ (S. 263), stehe ein soziologischer Begriffsapparat, der diesen Entwicklungen analytisch gewachsen sei, nicht zur Verfügung. Würde überhaupt kategorisiert, so litten die verwendeten Kategorien unter „tradierten Vereinseitigungen“ (S. 55). Das drängende Bedürfnis nach einer „Empirisierung der philosophischen Erkenntnistheorie“ (S. 424) müsse folglich auch der Soziologie den Weg zu einer neuen Erfahrungswissenschaft weisen. Es sei höchste Zeit, „den selbstgewählten soziologischen Aussichtsturm zu verlassen und in den Strom des Geschehens einzutauchen“ (S. 33).

Aber wie taucht Soziologie in den „Strom des Geschehens“ ein? Den Schlüssel für die von ihr postulierte Neubestimmung der Soziologie liefert Bogusz der Philosoph John Dewey mit seinem Konzept von „Experimentalismus“. Eine „Erfahrungswissenschaft“ (S. 18) im Dewey‘schen Sinne sei geboten, weil allein der Experimentalismus sowohl „auf aktuelle Gesellschaftsprobleme einer fragmentierten Weltgesellschaft“ (S. 39) reagieren könne, als auch auf die „Folgen der Globalisierung, des Artensterbens und Klimawandels, sowie der neuen Kriege“ (ebd.).

Wie nun begründet Bogusz ihre starke Überzeugung? Das Buch hat sie in fünf Kapitel eingeteilt. Die Einleitung bereitet in einem kompakten Überblick die Grundzüge ihrer Argumentation vor. Sie liefert einen ersten, noch knappen Aufriss der sozialtheoretischen Ansätze, die von Bogusz favorisiert werden. Kapitel 1 ist dann eine Bestandsaufnahme der Philosophie von Dewey. Es präsentiert dessen für Bogusz so kostbaren Begriff von Erfahrung. Die wohl wichtigste Argumentationslinie führt die Leserin von Kant zu Weber, thematisiert also Methodologien der erklärenden Wissenschaften. Kant, so Bogusz in bemerkenswerter Zuspitzung, habe die Erfahrung „ausgelagert“ (S. 89), während Webers Begriff der Erfahrung „einer praxisabstinenten, exogenen Beobachterposition verpflichtet“ (S. 17) sei. Weber habe „die konkrete Bedeutung erfahrenen Wissens im Unklaren“ (S. 31) gelassen, womit er eine strikte „Trennung von Empirie und Theorie“ (ebd.) lizensiere. Demgegenüber gehen Dewey zufolge erfahrungsgestützte Versuche, Lösungen für auffällig gewordene Problemstellungen zu finden, stets experimentell vor. In Deweys Experimentalismus, in dem das Einspruchsrecht von Erfahrung, also ihre besondere kognitive Qualität, vor allem durch Differenzen (Störungen), Reflexionen und die beständige „Revisionsoffenheit“ (S. 56) der Begriffe zur Geltung komme, bleibe Erfahrung grundsätzlich auf das „forschende Handeln“ (S. 64) bezogen. Das Experiment erbringe die Problemlösung kraft einer Neuqualifizierung der vormals unbestimmten Situation. Erfahrung sei mithin gut beschrieben, wenn sie als Lernen im Medium von Versuch und Irrtum gefasst werde. Insofern hebe das pragmatistische Konzept von Erfahrung die Kant und Weber angelastete „Auslagerung von Erfahrung“ (S. 89) auf. Bogusz plädiert – mit anderen Worten – für die Stärkung einer qualitativen Sozialforschung, aus der ihr Einspruch gegen die kognitiven Ansprüche der „erklärenden Soziologie“ zwingend folgt. Was sie als den ausgezeichneten Begriff von Erfahrung anvisiert, der ihrem ambitionierten Programm einer Erneuerung der Soziologie das Fundament liefern soll, ist letztendlich „teilnehmende Beobachtung“. Also lautet das experimentalistische Credo: „Go into the district, get the feeling, get acquainted with people“! (S. 53)

Könnte Bogusz ihre Versprechen einlösen, müsste uns die in Aussicht gestellte Soziologie mit der mutmaßlich faszinierenden Empirie des „Stroms des Geschehens“ bekannt machen. Leider enttäuscht das Buch die hochgesteckten Erwartungen gründlich. Bis auf eine Ausnahme – ein eigens recherchiertes Fallbeispiel, das in loser, nämlich narrativer Form in einem Unterkapitel des Kapitel 4 (S. 372–404) vorgeführt wird, ohne die Spur einer methodologischen Reflexion auf das postulierte, formal-analytische Vorgehen – wird die „Soziologisierung des Experimentalismus“ (S. 97) in der dünnen Höhenluft reiner Theoriebildung durchexerziert, das heißt vom Standpunkt einer „epistemischen Außenperspektive“ (S. 417 f.). Wider alle Erfahrungsemphase bricht Bogusz keineswegs mit der so harsch gebrandmarkten Position eines „scholastischen Lehnstuhldenken(s) fernab vom Strom des Geschehens“ (S. 35). Die Arbeit, die zu leisten wäre, um Dewey ernsthaft zu „soziologisieren“, bleibt bedauerlicherweise liegen. Bogusz meint, sie dadurch erledigt zu haben, dass sie ein ganzes Bündel von Theorievergleichen zusammenstellt, in denen jeweils Denkfiguren Deweys bei anderen Autoren identifiziert werden. Freilich kommt man so wohl nicht in den Strom des Geschehens.

Kapitel 1 soll eine Brücke zwischen Deweys Erfahrungsbegriff und der Soziologie als neuer Erfahrungswissenschaft schlagen. Bogusz kündigt den Versuch „einer konsequenten ‚Soziologisierung‘“ (S. 23) des ihr so wichtigen, bei Dewey prominenten Begriffs des Experiments an. Dazu werden die Weichen in den Kapiteln 2, 3 und 4 gestellt. In ihnen nimmt die Autorin „Testdurchläufe“ vor, bei denen zentrale, in Kapitel 1 identifizierte Grundbegriffe Deweys auf die Soziologie angewendet werden. Die Trias dieser Grundbegriffe setzt sich aus „Erfahrung“, „Kooperation“ und „Prüfung“ zusammen (S. 109). Dabei diskutiert Kapitel 2 Deweys „Erfahrungsbegriff“ mit Blick auf die „Chicago School of Sociology“, die frühe Bourdieu‘sche Ethnografie in Algerien und den Laborstudienansatz von Karin Knorr-Cetinas. Kapitel 3 spielt den Begriff der „Prüfung“ – verstanden als „Präparieren“, Testen und Modellieren (S. 208) – in seinen Implikationen für Boltanskis und Thévenots De la Justification, für Luhmanns Theorie sozialer Evolution, für John Laws Organisationssoziologie, für die Akteur-Netzwerk-Theorie von Latour und Callon sowie schließlich für Shapin und Schaffers Studie über Leviathan and the Air-Pump durch. In Kapitel 4 steht „Kooperation“ auf dem Programm: Der Begriff wird auf Philippe Descolas komparative Anthropologie appliziert, für eigene Forschungen der Autorin im Rahmen einer meeresbiologischen Expedition fruchtbar gemacht und in seinen Konsequenzen für Deweys Vorstellung von kollektiven Lernprozessen entfaltet, das heißt im Rahmen von dessen Idee eines „demokratischen Experimentalismus“. In der Schule Deweys (und ihres Kasseler Kollegen Jörn Lamlas) macht Bogusz sich die Überzeugung zu eigen, eine Gesellschaft und ihr politisches Gemeinwesen konstituiere sich über die öffentliche Aushandlung allgemeiner Konflikte und Streitpunkte. So betrachtet gleicht die Etablierung einer politischen Ordnung kollektiven Lernprozessen, bei und mit denen sich ein Gemeinwesen auf die Suche nach Lösungen für die es beschäftigenden Konflikte begibt.

Die theoretischen Anstrengungen, die Bogusz unternimmt, um ihr ungeheuer ambitioniertes Programm der Grundlegung einer „neuen Soziologie“ zu realisieren, können jedoch – um es gleich zu sagen – leider nicht überzeugen! Da eine sämtliche Details würdigende Kritik der akademischen Qualifikationsschrift den üblichen Rahmen einer Besprechung sprengen würde, werde ich mich auf zwei neuralgische Punkte konzentrieren müssen. Sie lassen sich nach meinem Dafürhalten als methodisch-kompositorische Mängel im Denk- und Darstellungsstil von Bogusz respektive als theoretische Defizite ihres Vorhabens identifizieren.

 

Ein endlos geflochtenes Band. Bogusz‘ Verfahren der Analogieschlüsse

Das Buch hat mit einem prinzipiellen Kompositionsproblem zu kämpfen, das methodischer Natur ist. Bogusz bedient sich eines rhetorischen Kunstgriffs, den man ein synkretistisches Manöver nennen könnte. Die in Kapitel 1 vorgestellten Komponenten ihrer Rekonstruktion von Deweys Erfahrungsbegriff führen im weiteren Verlauf der Darlegungen weder zu einem fundierten Operationalisierungsvorschlag, der empirische soziologische Forschung aus sich entließe, noch zu einem stringenten Forschungszusammenhang. Stattdessen erfährt Deweys Philosophie unter der Perspektive von Bogusz eine Erweiterung, die ihr die synkretistischen Kombinationen und Rekombinationen unterschiedlicher Theorieentwürfe erlaubt. Eine Neuordnung, sagt die Autorin, sei „notwendig, um die soziologisch relevanten Teilgebiete des Experimentalismus inklusive ihrer jeweiligen empirischen Forschungsprinzipien besser zu differenzieren und an gegenwärtige Forschungsmodalitäten anzupassen“ (S. 58). Ihr Vorschlag weiche daher „an verschiedenen Punkten von Deweys eigener Konzeptualisierung der experimentellen Erkenntnis ab“ (S. 58). Faktisch dreht Bogusz die Grundbegriffe Deweys nicht nur aus ihrem ursprünglichen und bedeutungsgebenden Kontext heraus, vielmehr nutzt sie Deweys Konzept des Experimentalismus als eine Art Hyperanalogie. Damit verschafft sie sich eine Verfahrensweise, die ihr ermöglicht, den Experimentalismus mit immer neuen Semantiken zu verbinden und in immer wieder andere Theoriekontexte zu injizieren.

Mittels einer Analogisierung lässt sich, das ist der unbestreitbare Vorzug einer Methode, die Ähnlichkeiten aufspürt und Verwandtschaften entdeckt, eine prinzipiell unbegrenzte Menge von Verbindungen herstellen. Nicht unverwandt der Prozedur, die eine Metapher prägt, gestattet Theoriebildung im Modus von Analogieschlüssen vielfältige Übertragungen. Gegebene Begriffe, wahrgenommene Formen, erkannte Strukturen lassen sich – mehr oder wenig beliebig – von einem Kontext in einen anderen übertragen. Tatsächlich beschränkt sich der Einsatz von Analogieschlüssen im Text von Bogusz nicht darauf, einzelne Kategorien miteinander in Beziehung zu bringen. Vielmehr werden die unterschiedlichsten Formen und methodischen Verfahren der Wissenschaft zum Objekt von Ähnlichkeitsbeobachtungen. Alle Ebenen, die in der Wissenschaft gewöhnlich sauber getrennt werden – etwa deskriptive versus normative Aussagen, Sach- versus Wertgesichtspunkte –, finden sich bei Bogusz zu einem weitgespannten Netz suggestiver Analogien verknüpft. Es ist der Experimentalismus, der Bogusz zufolge zu einem solchen Verfahren nicht nur einlädt, sondern es auch autorisiert. An zwei Beispielen sei das Prozedere im Folgenden vorgeführt, nämlich am Umgang mit den Begriffen „Reflexion“ und „Kooperation“.

Zunächst zum Begriff der Reflexion. Er betrifft laut Bogusz erstens die „Vorgänge des Handelns und des Denkens“ (S. 60). Kraft eines Anlasses, eines äußeren Reizes, werde auffällig, dass etwas nicht in Ordnung sei: „Erst die Gewahrwerdung eines Hindernisses oder eines Problems bewirkt demnach Reflexion.“ (S. 64) So weit, so bekannt. Um die ubiquitäre Anwendbarkeit dieser Entdeckung zu demonstrieren, entfernt Bogusz den Begriff nun aus dem Bedeutungszusammenhang, der seinen Sinn ursprünglich definiert hatte. Sie stellt nämlich zweitens fest, die These, dass „Materialitäten Impulsgeber für Reflexion sein können“ (S. 72), erfreue sich eines breiten Anwendungsgebiets. Auch „in den Heuristiken der Laborstudien in den STS“ (S. 72) habe sie bereits Fuß gefasst. Ob diese Beobachtung eines Begriffstransfers falsch oder richtig ist, steht hier wohlgemerkt nicht zur Debatte. Was uns allein beschäftigt, ist der Umstand, dass diese Analogisierung des Dewey‘schen Verständnisses von Reflexion mit demjenigen, das in den Science and Technology Studies oder in den wissenssoziologischen Laborstudien vorherrscht, Bogusz zu der völlig ungedeckten Schlussfolgerung führt, auch dort sei Dewey virulent, weshalb eine „gesellschaftstheoretische Verwandtschaft“ (S. 377) unübersehbar sei. Über die „materiale Seite des Experimentalismus“ (S. 73) wird dann drittens ein Bezug zu Werner Heisenbergs Theorie der Unschärferelation (S. 73 f.) hergestellt. Auch dort würden, so Bogusz im völlig unirritierten Vertrauen auf die Leistungskraft der Analogie, Objekte miteinander interagieren, also Reflexionen auslösen (S. 74). Deweys „reflexiver Erfahrungsbegriff“ (S. 84) wird viertens mit dem experimentellen Forschungsprozess (S. 83 f.) im engeren Sinne verknüpft: Ist Reflexion nicht überhaupt als Muster von Forschung auszumachen? Und unter der Maßgabe dieser Einsicht formuliert Bogusz fünftens ein (für sie dann neues!) soziologisches Erklärungsmodell „im Sinne des pragmatischen Experimentalismus“ (S. 87). Schließlich erkennt sie sechstens, dass Deweys Verständnis von in Reflexionsprozessen fundierter Erfahrung letztendlich mit der Luhmann’schen Konzeption gesellschaftlicher Evolution – mit dem Dreischritt Variation, Selektion, Restabilisierung (S. 220) – strukturidentisch sei. Nichts kann mithin näher liegen als der Schluss, dass sich „ein an Dewey orientierter sozialtheoretischer Experimentalismus mit den epistemischen Grundlagen des systemtheoretischen Konstruktivismus verbinden lässt“ (S. 224). Man kann, anders gesagt, auf diese Weise siebtens die „konstruktivistische Deckungsgleichheit in den Sozialtheorien Deweys und Luhmanns“ (S. 221 f.) nachweisen.

Die Sequenz dieser allein durch Analogiebehauptungen gewonnenen Einsichten ist bedauerlicherweise ebenso typisch wie signifikant für die Argumentationsweise von Bogusz insgesamt. Ein definierter Begriff wird auf eine über Analogien organisierte Reise geschickt, die ihn in alle möglichen, ähnlichen Bezüge stellt und dabei mit einem Hof von Bedeutungen ausstattet, der ihm am Ende jedes klaren und deutlichen Sinnes beraubt. Unterwegs treten zum Erstaunen, wenn nicht zur gänzlichen Verwirrung der Leserin, die verschiedensten Wirklichkeitsausschnitte miteinander ins Gespräch, weil sich plötzlich offenbart, dass Quantenphysik wie soziale Evolution eigentlich nur Instanziierungen von „Reflexion“ sind.

Weil Bogusz in der Ambition, einen soziologischen Experimentalismus mit Universalitätsanspruch auszustatten, einen ganzen Kosmos von Ähnlichkeiten evoziert, könnte man mit Umberto Eco meinen, ihr Buch sei keine wissenschaftlich-analytische Monografie, sondern gehöre vielmehr in die ebenso ehrwürdige wie esoterische Tradition des „hermetischen Denken[s]“, das – entschieden vormodern – fest an eine alle Dinge durchherrschende, universale Sympathie geglaubt hat.[1]

Das gleiche Prozedere widerfährt auch Deweys Begriff „Kooperation“. Er wird erstens in Deweys Theorie des Öffentlichen verortet (S. 94). Demnach verweist Kooperation auf öffentlich wahrgenommene und traktierte Probleme, die einer Lösung bedürfen (S. 301). So zugeschnitten lässt sich mit Deweys Verständnis von Kooperation der „Sprung von der Sozial- zur Gesellschaftstheorie wagen“ (S. 97). Kooperation führt zweitens unter dem Zugzwang, den öffentlich wahrgenommene, also gesellschaftliche Probleme auslösen – gedacht ist etwa an die Ökologiekrise– zur „Transdisziplinarität“. Im Zusammenschluss unterschiedlicher Disziplinen und Kompetenzen liege schließlich die Chance für „gemeinsame Problemlösungen“ (S. 310). Dank der „Vergesellschaftung der Ökologie- und Technikkrisen“ (S. 308), wie sie Ulrich Beck bereits diagnostiziert hatte, sei drittens eine neue Form von Kooperation im Entstehen, die auf den „Zusammenschluss sozial, ökonomisch und kulturell heterogener Akteure“ setze (S. 308). Kooperation leitet viertens zu Philippe Descolas „kosmopolitischer Sozialökologie“ über (S. 315). Denn die anthropologische Methode des Levi-Strauss-Schülers diene – indem eine „universale Taxonomie“ erstellt werde (S. 327) – einer „Verbesserung der Kooperation mit nichtwestlichen und nichtmenschlichen Kollektiven zur Bekämpfung der Ökologiekrise“ (S. 316). Ergo sei die „kooperative Bearbeitung der Ökologiekrise ermöglicht“ (S. 344). Descola arbeite zudem an der „Dekolonisierung des Denkens“ (S. 343), weil er sich die Frage stelle: „Wie könnte eine symmetrische Anthropologie dazu beitragen, aus jenem globalisierten Kollektivbegriff heraus die Beziehungen der Kollektive untereinander und zur Umwelt neu zu definieren?“ (S. 343) Schließlich, so Bogusz, fasse Deweys Begriff von Kooperation fünftens „eine ‚Kosmopolitik der Kooperation‘“ (S. 341) ins Auge. Auch nicht-menschlichen Akteuren müsse eine konstitutive Funktion im Rahmen einer derartigen Kooperation zugeschrieben werden: „Wasserfilter, Rettungsboote auf dem Mittelmeer oder Messgeräte […] verfügen über politische und moralische Kompetenzen“ (S. 360). Empirisch unbestreitbar sei, dass sowohl Bäume, als auch Kernkraftwerke imstande sind, „Öffentlichkeiten zu mobilisieren“ (S. 358). Damit kann Bogusz in der Spur ihrer Analogieschlüsse sechstens auf das Ideal der aufklärerischen bürgerlichen Öffentlichkeit („partizipative Demokratiebewegung“) zurückkommen, was in Gestalt eines Plädoyers für die Umwandlung abgehobener Expertenkommunikation in eine wirklich demokratisch organisierte öffentliche Sphäre geschieht (S. 346 f.).

Jetzt dürfte ein zweites Mal greifbar geworden sein, wie sich mit dem „Zauberstab der Analogie“, dessen virtuose Handhabung schon der Romantiker Novalis empfahl, die heterogensten Sätze, Methoden, Kompetenzen und Disziplinen miteinander artikulieren lassen. Die von Bogusz praktizierte, gewissermaßen surrealistische ‚bricolage‘ weiß mit den heterogensten Versatzstücken von Theorien zu hantieren. Sie werden im ersten Schritt entwendet, um im nächsten oder übernächsten mit wieder anderen Problemstellungen der Soziologie verschraubt, mit anderen Konzepten amalgamiert, auf anderen Problemschauplätzen zum Einsatz gebracht zu werden. Das Resultat mag für gewisse Gemüter ein befreiender dionysischer Taumel sein, der für diejenigen, die sich erfassen lassen, enthüllt, wie alles mit allem in Beziehung steht. Für andere ist es die Nacht, worin – um mit Hegel zu sprechen – alle Kühe schwarz sind.

Frappierend im Gesamteindruck ist zweierlei: Zum einen bleibt schleierhaft, warum die Verfasserin die Innovation eines für die Soziologie nutzbar zu machenden Dewey’schen Experimentalismus allein über Analogieargumente sicherzustellen versucht. Einen darüber hinausgehenden forschungsstrategischen Ertrag erwirtschaftet sie nicht. An keiner Stelle wird erkennbar, dass die vorgelegte Publikation im bisher Erarbeiteten der soziologischen Disziplinen eine Lücke ausgemacht und tatsächlich gefüllt hat. Entgegen der Selbsteinschätzung von Bogusz, mit ihrer ausgreifenden Recherche einen neuen soziologischen Zugang für die Erfahrungswissenschaften ausgearbeitet zu haben, fällt der innovatorische Gehalt bescheiden aus. Viele Ansätze, die uns in den von Bogusz präparierten Schaukästen als Neuheiten angedient werden – Bourdieu, Knorr-Cetina, Callon/Latour/Woolgar/Law, Shapin & Schaffer – werden in Wahrheit bereits seit Jahrzehnten rezipiert. Teilweise genießen sie, zumindest international, schon Klassikerstatus. Karin Knorr Cetina und Andrea Albrecht haben völlig zutreffend auf den opportunistischen Charakter von Analogie-Bildungen in der Wissenschaft hingewiesen.[2] Es gehe keineswegs darum, riskante Auseinandersetzungen mit offenen Problemen in Gang zu bringen, sondern um den in der Regel wenig originellen Versuch, einer bereits bewährten Lösung weitere Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen: „Das zuvor noch ungelöste wissenschaftliche Problem wird als Spezialfall einer etablierten Theorie erkannt.“[3]

Zum anderen sticht ins Auge, dass Bogusz es für unnötig erachtet, einzelne Elemente derjenigen soziologischen Theorien, die sie zum Zweck ihrer Analogisierungen herausgreift, kritisch zu beleuchten. So schlägt sich der tatsächlich opportunistische Charakter ihres Verfahrens in dem bemerkenswerten Umstand nieder, dass zwar viel behauptet, ausgebreitet, erzählt und historisch rekapituliert wird, aber im Grunde nicht analysiert. Von einer diskursiven Kontrolle der Argumente, die Bogusz in ihren Quellen ausfindig macht, nimmt sie Abstand. Was die Bausteine adelt, mit denen im Haushalt der Analogien hantiert wird, was ihre Geltungs- oder Wahrheitsansprüche rechtfertigt, scheint ihre jeweilige Herkunft zu sein. Deren Güte soll dafür bürgen, dass wir die dargebotenen Analogieschlüsse wie selbst-evidente Wahrheit aufgreifen. Es muss reichen, die noble Abkunft zu betonen. Warum, um ein bereits angetipptes Beispiel noch einmal zu erwähnen, materielle Dinge „über politische und moralische Kompetenzen“ (S. 360) verfügen, wird mit Latour zwar als These in den Raum gestellt, jedoch an keiner Stelle ausführlicher diskutiert, obgleich zu dieser provokanten These eine umfassende Debatte existiert. Dass Objekte und Vorrichtungen „eindeutig politische Kompetenzen erlangen“ (ebd.), liegt für Bogusz daran, dass diese Behauptung eine „zentrale Prämisse von STS und mehr noch der ANT“ (S. 357) ist. Da bürgt Herkunft – wie im Feudalismus – für Status, nämlich Wahrheit. Auch dass es zu einem gestiegenen Kooperationsbedarf zwischen den Disziplinen gekommen sei, steht für die Autorin fest, weil „relevante Teile der STS“ (S. 310) einen solchen Bedarf konstatieren. Dass Dewey in puncto Materialität und Körperlichkeit mit Werner Heisenbergs Unschärferelation in Beziehung gesetzt werden kann, sei möglich, weil dieses Konzept „den Materialitätskonzepten in den STS“ (S. 74) entspräche. Kritik trete „heute überall“ auf (S. 346), weil dieser Befund der „von Boltanski und Thévenot begründeten ‚Soziologie der Kritik‘“ (S. 347) zu entnehmen sei. Dass Deweys Gesellschaftstheorie unsere besondere Aufmerksamkeit verdient, beruhe darauf, dass „deren Kernkategorie ‚Kooperation‘ ist“ (S. 413). Aber ist die Beobachtung von Kooperation nicht mindestens so zentral in Rational-Choice-Theorien, etwa bei Robert Axelrod? Woher soll seine vermeintliche innovatorische Brisanz also eigentlich rühren?

 

Theoretische Probleme

Was am Argumentationsaufbau von Bogusz irritiert, ist seine eklatante Selektivität: Argumente aus der Literatur werden, falls sie gelegen kommen, aufgegriffen, jedoch in aller Regel nicht systematisch in der Fachdiskussion verortet. Viele Sachverhalte, auf die sich das Buch konzeptuell stützt, würden sich im Lichte einer detaillierten Würdigung als wenig stichhaltig und fragwürdig erweisen. Drei Beispiele müssen genügen, um diesen Befund zu untermauern.

Fangen wir mit einer Begutachtung des Begriffs von Erfahrung an, der ja den roten Faden für die Monografie liefert. Laut ihres überpointierten Urteils war die Soziologie bisher nur eine Krisen-, aber keine Erfahrungswissenschaft. Konzentriert habe sie sich mit ihren Analysen auf die Krisen „da draußen“ (S. 17). Erfahrung und deren Potenzial werden aber nicht für das „eigene Forschungshandeln“ genutzt (ebd.) Was meint Bogusz mit dieser These? Was will sie der Zunft ins Stammbuch schreiben?

In der Absicht, einen neuen „erkenntnisleitenden Erfahrungsbegriff“ (ebd.) in einer „Theorie der Forschung“ (S. 36) zu entfalten, baut die Autorin, wie bereits angedeutet, einen Strohmann auf: Es seien Kant und Weber gewesen, die vermittels ihrer antiempiristischen Methodologie erklärender Wissenschaft dem Fach „einen Theorie/Empirie-Bias“ oktroyiert hätten, „von dem sich vor allem die deutschsprachige Soziologie nie richtig erholt hat“ (S. 19). Erst die Einbeziehung von Deweys experimentalistischer Rekonstruktion gelebter Erfahrungsprozesse könne derartige Tendenzen korrigieren. Weil erst mit Dewey „empirische Herstellungszusammenhänge“ (S. 87) relevant würden, ließen sich neue analytische Zugänge erschließen und Begriffe zu Forschungszwecken besser definieren und handhaben. „Deweys Experimentalismus besagt, dass die Qualität von Erfahrungen dann erkenntnisstiftend wird, wenn Erfahrungsdifferenzen erzeugt werden – wie im wissenschaftlichen Experiment.“ (S. 19) Solche in und durch Erfahrung markierten Differenzen würden im Forschungsprozess für „empirische Irritation“ (S. 86) sorgen, mithin eine Art Rückkopplung bewirken, die Reflexion freisetzt: „Ohne Erfahrung keine Reflexivität.“ (S. 60) Dieses via Störung und Reflexion erworbene Wissen, das seinerseits zu neuer Hypothesenbildung einlade, küre Deweys Experimentalismus zum wichtigsten Kandidaten für das Programm einer neuen empirischen Wissenschaft von der Gesellschaft. Es sei das Experiment, das Problemlösungen „durch Umformung und Neuqualifizierung einer unbestimmten Situation“ (S. 88) erwirtschafte.

Zweifelsohne ist Bogusz darin Recht zu geben, dass Kant und Weber keine Pragmatisten waren. Gleichwohl sitzt sie, was ihre wissenschaftstheoretische Einschätzung der Konzeption von Erfahrung in transzendentalphilosophischer oder neokantianischer Tradition anlangt, in mehrfacher Hinsicht einer Täuschung auf. Schlussendlich bleibt unklar, was an der Emphatisierung subjektiver Erfahrung, die den Generalbass zu Bogusz‘ beabsichtigter Innovation der Soziologie liefert, eigentlich einen spezifischen Neuigkeitswert beanspruchen darf. Jede/r dürfte mittlerweile in Kenntnis darüber sein, dass es qualitative Forschung und die ethnografische Methode als (weitgehend) unbestrittene Verfahrensweisen soziologischen Erkenntnisgewinns seit mehr als einem Jahrhundert gibt. Initiativen zu Neuaufbrüchen sind in diesem Feld ebenso unnötig wie grundlegende Revisionen der eingespielten Forschungspraktiken.

Befremdlich klingt es auch, wenn suggeriert wird, die kausal-explanatorisch vorgehende oder die empirisch-analytische Soziologie verzichte auf die Systematisierung von Erfahrung und liefere keine empirischen Daten. Auch in deren Forschungsalltag wie in empirischer Forschung generell werden die von Bogusz herausgestellten Kennzeichen experimenteller Wissenschaft – Erfahrungsdifferenzen, Revisionsoffenheit, Reflexion auf die Forschungshypothesen – als unumstrittene Standards vorausgesetzt. Ob eine normative Wissenschaftstheorie dabei tatsächlich den Alltag von Forschung erfasst, steht auf einem anderen Blatt. Aber solche Bedenken würden ja auch Deweys Normativismus in Sachen Forschung betreffen.

Stichwort „normative Wissenschaftstheorie“: Die These, Kant habe Erfahrung ausgelagert, muss jede Leserin der „Kritik der reinen Vernunft“ befremden. Was ist denn Kants Frage gewesen? Ermittelt werden sollten die Möglichkeitsbedingungen von „Gegenständen der Erfahrung“. Zu klären war für Kant folglich, was als gegeben vorausgesetzt werden muss, sollen sich Aussagen so auf erscheinende, das heißt erfahrbare Wirklichkeit beziehen, dass sie entweder wahr oder falsch sein können. Es ging dem Philosophen also exakt darum, empirische Wissenschaft als das besondere Unternehmen zu rechtfertigen, bei dem sinnvolle und revidierbare Sätze formuliert werden, die in wahrheitsfähiger Weise Bezug auf methodisch disziplinierte Erfahrungen nehmen. Wird bei einem solchen Projekt tatsächlich „Erfahrung“ ausgelagert? Das Gegenteil ist der Fall.

Weber hatte sich ein deutlich bescheideneres Ziel gesetzt. Er wollte, offenkundig durch Kants Modell geprägt, die qualitative Sozialforschung in ihren Eigenheiten begründen. Ihn trieb die Frage um, wie sich die Soziologie als erklärende Sozialforschung etablieren lasse. Aus diesem Grund betont Weber, dass es sich bei allen beobachteten subjektiven Sinnleistungen um typische, das heißt einem Durchschnittstyp entsprechende, wissenschaftliche Konstruktionen handle. Der Jurist und Soziologe war sich mit Kant (und zahllosen Forscherinnen und Forschern bis auf den heutigen Tag) einig darin, dass derartige Konstruktionen unabdingbar sind, soll empirische Erkenntnis überhaupt möglich sein. Und selbstverständlich war in dieser Überzeugung für Weber mitformuliert, dass die Soziologie nur als „Erfahrungswissenschaft“ auch „Wirklichkeitswissenschaft“ sein könne. Dass die Soziologie als eine solche Erfahrungswissenschaft ihre konstruierten Idealtypen stets nur als Hypothesen behandeln dürfe, die mit der Wirklichkeit zu konfrontieren seien, war Weber stets bewusst. Jeder Idealtypus ist als Instrument einer Forschungsheuristik Weber zufolge sofort zu verwerfen, wenn er keinen Anhalt in der empirischen Realität findet.

Als innovativ feiert Bogusz an ihren Forschungsprämissen, „dass sie dem Prinzip der Revisionsoffenheit folgen“ (S. 295). Auch diese Selbsteinschätzung kann eigentlich nur Befremden auslösen. Ziehen wir einen kurzen Passus zu Rate, der sich in Andrea Maurers und Michael Schmidts unlängst erschienenem Buch über die Forschungsprogramme der „erklärenden Soziologie“ findet:

„Alles, was wir tun können, um sicher zu sein, dass unsere Theorien keine fehlerhaften Annahmen enthalten, ist, sie zu testen, indem wir ihre (logischen) Implikationen mit der Absicht empirisch überprüfen, zu entdecken, welche ihrer Annahmen falsch sind und wie wir sie verbessern können. Um beurteilen zu können, ob die Erklärungsleistung einer Theorie verbesserungsfähig ist, ist es unabdingbar, aus ihr wiederholt Aussagen über bislang unbekannte Sachverhalte abzuleiten, die wir erfolgreich bestätigen können. Wir werden in diesem Buch keine Methodologie der Überprüfung vorstellen, glauben aber, dass es keinen erkenntnisförderlichen Zweck hat, unsere Theorien vor Widerlegungen zu bewahren, weshalb wir nachdrücklich dafür eintreten, unser theoretisches Wissen dem Risiko seines Scheiterns auszusetzen, indem wir es revisionsoffen (Hervorh. d. Verf.) halten und gegebenenfalls korrigieren und umformulieren.“[4]

Deutlicher kann man den Stand der wissenschaftstheoretischen Selbstthematisierung explanatorischer Soziologie kaum auf den Punkt bringen. Selbstverständlich ist die Soziologie jederzeit offen für Revisionen. Selbst der durch Karl R. Popper vertretene Kritische Rationalismus steht und fällt mit der Annahme, fallibles Wissen lasse sich nur in einem experimentellen Verfahren von Versuch und Irrtum ermitteln. Poppers Radikalismus schließt sogar aus, dass sich empirisches Wissen überhaupt bewahrheiten lasse. Sein Skeptizismus hebt hervor, Experimente könnten empirische Wissensansprüche allenfalls „falsifizieren“, das heißt nicht deren Wahrheit bezeugen, sondern bestenfalls negativ deren Falschheit. „Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen.“[5] Konsequenterweise lautete das Fazit dieses Theoretikers empirischer Forschung: „Wir wissen nicht, wir raten.“

Es gibt, anders gesagt, keine Vernunft, weder eine rein theoretische, noch eine, die empirischer Forschung nachgeht, die nicht fehlbar wäre. Es ist ein seit mindestens drei Jahrhunderten in den unterschiedlichsten Philosophien und Wissenschaftstheorien anerkanntes Kennzeichen rationaler Empirie, per definitionem revisionsoffen zu sein. Mit dem, was Bogusz an Deweys Experimentalismus als gute, wünschenswerte, innovatorische Forschung meint hervorheben und für eine erneuerungsbedürftige Soziologie ins Feld führen zu müssen, trägt sie Eulen nach Athen.

Ich behaupte, um bitte nicht missverstanden zu werden, keineswegs, dass es in puncto erklärender Soziologie nicht eine Vielzahl an Begriffen, methodologischen Frage- und theoretischen Problemstellungen gäbe, die es verdienten, diskutiert und kritisiert zu werden. So haben jüngere Studien, wie sie etwa im Bereich der historischen Soziologie von Larry Griffin, Andrew Abbott, Hans Joas, Wolfgang Knöbl, William Sewell und George Steinmetz vorgelegt wurden, die fragwürdige Neigung der Sozialwissenschaften kritisiert, ihr Ziel darin zu sehen, das Explanandum aus dem Explanans (und das bedeutet: aus einem Set nomologischer Sätze) abzuleiten. Unübersehbar ist mithin, dass es nicht nur berechtigte Zweifel an überzogenen kausal-explanatorischen Ansprüchen empirischer Soziologie gibt, sondern auch triftige Gründe dafür, den Sozialwissenschaften ganz generell nomologisches Wissen abzusprechen. Wahrscheinlich ist Gesellschaft, anders als Natur, eben nicht „Dasein unter Gesetzen“ – wie Kant sie noch mit Blick auf Newtons Physik definiert hatte. Im Kontext solcher Bedenken wimmelt es zweifelsohne von wissenschaftstheoretischen und epistemologischen Fragen, die den epistemischen Status der Soziologie betreffen. Doch geht Bogusz bei all ihrer Beschäftigung mit Dewey verblüffender Weise keiner dieser brennenden Fragen nach.

 

Was ist eine pragmatische Soziologie im Sinne Deweys?

Erklärtermaßen operiert die Soziologie, für die sich Bogusz stark macht, innerhalb eines pragmatischen oder praxistheoretischen Paradigmas. Sie vertrete eine „pragmatistische Theorieentwicklung“, ist ein Bekenntnis der Habilitationsschrift (S. 238). Aus der Quelle des Pragmatismus speisen sich ja auch alle Versuche, ihren Begriff von Erfahrung zu spezifizieren. Umso erstaunlicher ist es, dass die Schlüsselbegriffe „Pragmatismus“ respektive „Experimentalismus“ eigentümlich vage bleiben. Gerade in einem Buch, das seiner erklärten Absicht nach für einen neuen Experimentalismus in der Soziologie aus dem Geiste von „Deweys pragmatistischer Forschungstheorie“ (S. 45) plädiert, wäre die bündige Darstellung einer soziologischen Konzeption von Pragmatismus zu erwarten. Aber was Bogusz ihrer Leserschaft unter dem Rubrum „Pragmatismus“ offeriert, ist – genau besehen – ein wenig stimmiges Aggregat einzelner Behauptungen, Interpretamente und Theoreme. Sie werden auf ihrer Reise durch die heterogensten Kontexte moderner Soziologie begleitet, ohne dass eine synthetisierende Zusammenschau entstünde.

Sicherlich wird man neben Deweys Ansatz selbst, auch die „Chicago School of Sociology“ und den „Laborpragmatismus“ (S. 187) von Knorr-Cetina, bestimmte Impulse in Latours Oeuvre, den frühen Callon und einen Bourdieu, der Algerische Skizzen verfasst, in irgendeiner Weise dem Pragmatismus zurechnen dürfen. Dass sich diese Autor*innen in ihren Studien an den Methoden der ethnografischen und qualitativen Sozialforschung orientieren, ist zweifelsohne kein Zufall. Jedoch dürfte sich Bogusz nicht mit einer solchen, vergleichsweise oberflächlichen Beobachtung begnügen. Sie müsste Hinsichten namhaft machen, die eine viel tiefenschärfere Beobachtung zulassen, was die Familienähnlichkeiten pragmatistischer Gesellschaftsbeobachtung angeht. Doch ist auch hier die Enttäuschung vorprogrammiert: Faktisch reiht Bogusz heterogene Themen- und Theoriebestände wie beliebige Versatzstücke aneinander, ohne sinnfällig machen zu können, wie sich ein solcher Baukasten zu einer pragmatistisch ausgerichteten Soziologie zusammenfügen könnte. Exemplarisch sei nur noch einmal an die irrlichternde Bezugnahme auf Luhmanns Theorie sozialer Evolution erinnert (S. 214–236).

Auch Luc Boltanskis und Laurent Thévenots angeblich „pragmatische Soziologie“ (S. 290) hat in Wirklichkeit nichts mit Dewey zu tun.[6] Die Soziologie der beiden Autoren, die gelegentlich tatsächlich unter dem Label „neue pragmatische Soziologie“ geführt wird, behandelt ganz im Gegenteil vor allem Ordnungsregime der Rechtfertigung. Bei den entsprechenden Erörterungen springt freilich sofort ins Auge, dass die praktischen Verhaltensweisen der Menschen und die Modalitäten ihres Weltverstehens bestenfalls am Rande erwähnt werden. Im Übrigen sind die unterschiedlichen Praktiken von Kritik auch nicht in Organisationsformen eingebettet, also keineswegs als eine institutionalisierte Praxis bestimmt. Genau genommen rekonstruieren Boltanski und Thévenot bei ihrem „Rundgang durch die politische Philosophie“[7] Weisen der Rechtfertigung und Kritik, die als transzendentale Koordinationslogiken der Herstellung sozialer Ordnung fungieren. Es handelt sich de facto um normative Ordnungsmodelle – die Autoren sprechen von „Grammatiken“ –, die jeder Pragmatik vorgeschaltet sind, weil die Akteure sie als situative Schemata für die Handlungskoordination nutzen. Empirisch sind sie nur insofern, als sie sich im Falle eines unter Rechtfertigungsdruck stehenden Diskurses „in impliziter Form“ als interpretatorische Standards „in Argumenten verkapselt finden“.[8]

Selbstverständlich operieren die Akteure bei Rechtfertigungen reflexiv, können sie doch prinzipiell unter verschiedenen Rechtfertigungsgrammatiken wählen – je nach Kontext, innerhalb dessen Legitimationsbedarf anfällt. Die Situationen und Perspektiven für Interaktion sind ihrerseits aber immer schon durch vorgängige Strukturierungen determiniert. Zu Recht hat Axel Honneth diesem – wie man durchaus sagen könnte – an der Philosophiegeschichte geschulten Transzendentalismus vorgeworfen, dass unklar bleibe, wie die Methode beschaffen sei, der das Autorenduo die Entdeckung der unterschiedlichen Rechtfertigungslogiken verdanke.[9] Es ist angesichts des Honneth’schen Einwands auch nicht überraschend, wenn sich die laut Bogusz „pragmatische Soziologie“ (S. 290) von ihren Urhebern in jüngeren Publikationen als ein „strukturalistischer“ Ansatz identifiziert findet.[10] Von daher bleibt rätselhaft, was eine solche Theorie mit dem „soziologischen Experimentalismus“ (S. 272) im Sinne Deweys zu tun haben soll.

Womit wir schon bei Boltanskis Lehrer, das heißt bei Pierre Bourdieu, landen. Auch wenn Bourdieus spätere Soziologie in Bogusz` Studie nicht im Zentrum des Interesses steht, sei der Vollständigkeit halber Folgendes angemerkt: Er mag zwar als „Begründer der Praxistheorien“ (S. 152) gelten. Doch gehört Bourdieus spätere quantitative Soziologie sicherlich auf die Seite einer erklärenden Soziologie Weber`schen Zuschnitts, wie Bogusz durchaus anerkennt (S. 170). Auch eine solche Soziologie hat mit Deweys Pragmatismus wenig gemein. Bourdieus Konzept vom „Habitus“, das Bogusz teuer ist und auf das sie mehrfach Bezug nimmt (S. 192 f.), stellt wie Webers „Durchschnittstyp“ schlicht eine statistische Größe dar. Welchen Ort ein solches Konzept in einer „singulären Ethnosoziologie“ (S. 192) besetzen könnte, die im Sinne der Verfasserin wäre, bleibt ihr Geheimnis. Zwar zeigen sich die Dispositionen des Habitus bei Bourdieu tatsächlich in der Praxis. Freilich sind sie keineswegs als individuierte Handlungen zu verstehen. Das Handeln von Akteuren ist – bei Boltanski wie bei Bourdieu – eine raumzeitlich konkrete Aktualisierung situationsübergreifender Strukturen. Deshalb war es nur konsequent, dass sich Bourdieu bereits früh ausgesprochen kritisch zur Ethnomethodologie Garfinkels und zum symbolischen Interaktionismus geäußert hat. Er meinte, es handle sich bei der Ethnomethodologie um eine subjektivistische Handlungstheorie, die gesellschaftliche Strukturen ganz vom voluntaristischen Belieben der Akteure abhängig mache. Bourdieu erklärt, um es mit anderen Worten und ganz deutlich zu sagen, die Teilnehmerperspektive à la Garfinkel oder Dewey schlicht für eine Verkennung von Ethnografen, die das Geschäft der Sozialwissenschaft missverstehen. Eine Wissenschaft von der Gesellschaft darf sich nicht auf die subjektive Binnenperspektive von Akteur*innen bornieren, will sie veritable Wissenschaft sein. Die Phänomene und ihr Erleben auf Distanz zu bringen, ist nach Bourdieu das besondere Vorrecht einer kritischen Sozialwissenschaft. Zu ihr vermag sich die ungeschulte und methodisch unkontrollierte Beobachtung der in ihre jeweiligen Praktiken verstrickten Akteur*innen niemals aufzuschwingen.

Auch mit Blick auf Philippe Descolas strukturalistische Anthropologie wäre skeptisch zurückzufragen, ob sie sich überhaupt in eine pragmatisch orientierte Soziologie eingliedern lässt. Werden „Natur“ und „Kultur“ nicht essentialistisch verstanden, kann man Descolas anthropologische Sondierungen für „kulturalistisch“ erklären, nämlich als Arbeit an einer epistemologischen Komparatistik. Diese ermittelt „Wissenssysteme“ und kulturell variierende Vorstellungen davon, wie an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten zwischen Kultur und Natur unterschieden wird und wurde. An derartigen Ansätzen einer strukturalen Anthropologie wurde schon früh bemängelt, dass sie ein Rückschritt gegenüber pragmatischen Anläufen seien, kulturell variierende Semantiken und ihre impliziten Ontologien zu erfassen. Gerade im Rahmen der hochabstrakten Taxonomien, deren Leistung für Descolas Einschätzung darin besteht, die Diversität der Naturkonzepte systematisch zu strukturieren, gehe die alltagsweltliche Praxis verloren. Wenn Bogusz am Ende des Buches ihrerseits konstatiert, Descolas „praxistheoretische Epistemologie“ (S. 337) sei eher „am Erbe des Strukturalismus“ (S. 334) orientiert, scheint ihr für einen Augenblick aufzugehen, wie unvereinbar dieser Strukturalismus in Wahrheit mit der von ihr angesteuerten pragmatistischen Soziologie ist.[11] Allerdings löst selbst die Wahrnehmung dieser Diskrepanz keine Beunruhigung oder gar Irritation aus. So versorgt die unreflektierte Koexistenz derart eklatanter Widersprüche das Buch von Tanja Bogusz mit den Inkonsistenzen, die bedauerlicherweise durch ihre Darstellung geistern.

Fußnoten

[1] Umberto Eco, Die Grenzen der Interpretation, München 1995, S. 86.

[2] Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, Frankfurt am Main 1984, S. 107ff.; Andrea Albrecht, Analogieschlüsse und metaphorische Extensionen in der interdisziplinären literaturwissenschaftlichen Praxis in: Andrea Albrecht u.a. (Hg.), Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens, Berlin / New York 2015, S. 271–299, hier: S. 275ff.

[3] Albrecht, Analogieschlüsse und metaphorische Extensionen, S. 276.

[4] Andrea Maurer / Michael Schmid, Erklärende Soziologie. Grundlagen, Vertreter und Anwendungsfelder eines soziologischen Forschungsprogramms, Wiesbaden 2010, S. 26.

[5] Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 2005, S. XV.

[6] Luc Boltanski / Laurent Thévenaut, Über die Urteilskraft. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition 2007.

[7] Luc Boltanski /Laurent Thévenot, Die Soziologie der kritischen Kompetenzen, in: Rainer Diaz-Bone (Hg.): Soziologie der Konventionen. Frankfurt / New York 2011, S. 43–68, hier: S. 52.

[8] Ebd., S. 53.

[9] Axel Honneth, Das Ich im Wir, Berlin 2010, S. 137.

[10] Luc Boltanski / Axel Honneth, Soziologie der Kritik oder Kritische Theorie?, in: Rahel Jaeggi / Tilo Wesche (Hg.), Was ist Kritik?, Frankfurt am Main 2009, S. 81–116, hier: S. 93.

[11] An anderer Stelle sagt sie auch, dass Descola „die strukturalistische Tradition einer Suche nach allgemeinen Grammatiken der sozialen Organisation“ fortsetze, „wie sie durch Lévi-Strauss und Bourdieu vorexerziert wurde“ (S. 328). Ob es sich dabei um Prämissen handelt, die die Theorieschule des Pragmatismus repräsentieren, wäre zu bezweifeln.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.