L. Peter: Marx an die Uni

Was heißt „Marburger Schule“?

Lothar Peters Buch1 Marx an die Uni hat einen Nerv getroffen. Davon zeugt selbst eineinhalb Jahre nach seinem Erscheinen eine ständig wachsende Zahl von Rezensionen, die auch diese Besprechung noch vergrößern wird. Bemerkenswert ist der Umstand zunächst, weil die Studie bei einem wenig bekannten linken Spartenverlag herauskam und sich mit einer durchweg historischen Thematik auseinandersetzt. Dass Peters Darstellung der „Marburger Schule“, die bis dato eher unter dem Namen „Abendroth-Schule“ bekannt ist, auf ein solches Interesse stößt, hat sonach damit zu tun, dass das Buch eine wichtige Lücke schließt. Nach einer Reihe von Sammelbänden, Festschriften, Einzel- und Lexikonbeiträgen, die Peter teilweise akribisch in seine Sekundäranalyse einarbeitet, verschafft es einen ersten Überblick über eine außerhalb Marburgs zumindest in der jüngeren Vergangenheit kaum beachtete kritisch-marxistische Tradition. Der wohl größte Ertrag dieses Buches besteht dementsprechend darin, die bisher auf wenig prominente Verlagsadressen verstreute Forschung rund um die Marburger Politik- und Sozialwissenschaften erstmals monografisch zu bündeln.

Interessierte LeserInnen bekommen daher einen guten Einstieg in die Diskussion. Peter, der bis zu seiner Emeritierung eine Professur für Soziologie an der Universität Bremen innehatte, verfügt aufgrund seiner wissenschaftlichen Sozialisation in Marburg über eine privilegierte Innenperspektive auf die von ihm behandelten Akteure und Diskussionskontexte. Dadurch liefert seine Darstellung zudem ein außerordentlich wertvolles Zeitzeugnis. Der Aufbau des Buches ist einer historischen Abhandlung entsprechend chronologisch. Die einzelnen Kapitel bieten jeweils eine kurze Einleitung in den sozialgeschichtlichen Kontext. Peter vermeidet auf diese Weise die für Wissenschaftsgeschichtsschreibung keineswegs untypischen Verkürzungen. Er arbeitet die bedeutsamen Vermittlungen zwischen Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit heraus, womit die historischen Besonderheiten jener „theoretischen Praxis“, als die sich die „Marburger Schule“ verstanden wissen wollte, auch für Nachgeborene verständlich werden.

Da der Autor durchaus eigenständige programmatische Akzente setzt, ist die Lektüre seines Buches umso lohnenswerter. Schon die Entscheidung, nicht von der „Abendroth-“, sondern von einer „Marburger Schule“ zu sprechen, unter der gewöhnlich der in Marburg gepflegte Neukantianismus firmierte, korrigiert eine Vereinseitigung, hatte sich die Historiografie der Marburger Politik- und Sozialwissenschaften doch primär auf das Wirken Wolfgang Abendroths konzentriert. Indem Peter eine Begriffsprägung des Soziologiehistorikers Gerhard Schäfer aufgreift, macht er im Kontrast zum gängigen Bild ein „Marburger Dreigestirn“ namhaft, zu dem neben Wolfgang Abendroth, der bereits 1951 als Jurist und Politikwissenschaftler nach Marburg gerufen wurde, die beiden ebenfalls marxistisch orientierten Soziologen Heinz Maus und Werner Hofmann gehören. Die eigentliche „Gründung“ einer Schule kritisch-marxistischer Sozial- und Politikwissenschaft verlegt Peters somit in die 1960er-Jahre, das heißt in die Phase, in der die Marburger Politologie und Sozialwissenschaft am deutlichsten im Fokus der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik standen. Davon zeugen die von dort ausgehende Initiative gegen die Notstandsgesetzgebung, die intensive Politisierung der Universität im Zuge der Studentenbewegung, die wohl nur noch von den Universitäten in Frankfurt und Berlin überboten wurde, aber auch der von Marburg aus vorangetriebene Dialog mit gesellschaftlichen Kräften in der DDR, der sich zumindest in der Mitte der 1960er-Jahre noch nicht auf das parteipolitische Kalkül einer in Richtung Moskau und Ost-Berlin orientierten DKP und ihrer Suborganisationen reduzierte.2

Doch werden durch Peters Darstellung nicht nur die Anfänge der Marburger Schule vor-, sondern auch ihr Ende umdatiert, also nicht – wie zumeist üblich – durch die Emeritierung Abendroths definiert. Dank der revidierten Chronologie kann die These von einer relativen Kontinuität eines Marburger Paradigmas verfochten werden, das zeitlich mindestens bis ins erste Jahrzehnt der 2000er-Jahre hineinreicht. Einerseits macht Peter die von ihm behauptete Kontinuität am Fortbestehen der marxistischen Orientierung fest, andererseits an der seit Abendroth existierenden praktisch-politischen Ausrichtung, für die ein vitales Interesse an der Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften zentral gewesen sind.

Diese Orientierung markiert Peter zufolge auch die entscheidende Differenz zur wesentlich prominenteren kritisch-marxistischen Tradition der „Frankfurter Schule“. Ihr widmet Peter einen knappen Exkurs, der so etwas wie das konzeptionelle Herzstück des Buches darstellt. Im Anschluss an Luc Boltanski und Ève Chiapello ordnet er die kritische Theorie der „Frankfurter Schule“ einer Version von „Künstlerkritik“ zu, die „auf individuelle Selbstverwirklichung, persönliche Handlungsautonomie, Kreativität und kulturelle Optionsfreiheit“ (96) ausgerichtet sei. Demgegenüber sei in der Stoßrichtung der Marburger Schule eine Version von „Sozialkritik“ wirksam, die sich durch ihre Verortung in der Arbeiterbewegung und das Festhalten an einem „emphatische[n] Begriff von Arbeiterklasse“ (82) signifikant vom Theoriestil der Frankfurter unterscheide.

Plausibel erscheint diese Gegenüberstellung aus mehreren Gründen: Zunächst trifft sie zweifelsohne das Selbstverständnis der Marburger Politik- und Sozialwissenschaften, die eindeutig parteipolitisch und gewerkschaftlich engagiert waren. Ihnen rechnet sich Peter selbst zu, wurde er doch, wie erwähnt, während seiner Marburger Studienzeit in dieser Tradition intellektuell sozialisiert. Darüber hinaus sagt die Differenzierung zwischen einer Marburger Sozialkritik und der Künstlerkritik Frankfurts auch etwas über die geografische Nähe beider Städte aus. Sie bringt Spannungen zwischen beiden „Schulen“ auf den Begriff, die allerdings, abgesehen von dem kurzen Exkurs im Buch, insgesamt etwas zu kurz kommen. Insbesondere wäre zu fragen, ob das Rubrum „Künstlerkritik“ dem Typus eines nicht zuletzt durch Max Weber geprägten Marxismus gerecht wird, der die kapitalistische Moderne ja als eine Epoche der instrumentellen Vernunft begreift, die in Auschwitz gipfelt. Im Vergleich zur Situation an der Frankfurter Universität bleiben die Marburger Verhältnisse überschaubar, um nicht zu sagen provinziell.3 So spricht einiges dafür, dass die Marburger Schule – gerade auch nach Auskunft der Selbstbeschreibung ihrer Akteure seit den 1970er-Jahren – letztlich nur in und aus der Abgrenzung von der Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz begriffen werden kann. Zweierlei ist in diesem Zusammenhang wohl mehr als eine Randnotiz wert: Zum einen haben jüngere Marburger Protagonisten wie Frank Deppe oder Georg Fülberth ihr Studium in Frankfurt begonnen, zum anderen siedelt sich das auf eine Marburger Initiative hin gegründete Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) ausgerechnet in Frankfurt an, was von Frankfurter Seite durchaus als eine Provokation empfunden wurde. Weitaus bekannter ist hingegen, dass Wolfgang Abendroth, der in Frankfurt aufgewachsen ist, nach seiner Emeritierung auch an den Main zurückkehrte und an der universitätsnahen Akademie der Arbeit lehrte, den in Frankfurt abgewiesenen Jürgen Habermas mit seiner Arbeit über den Strukturwandel der Öffentlichkeit habilitiert hat.

Auch die von Peter in Anschlag gebrachten theoretischen Vorbehalte beleuchten das spezifische Spannungsverhältnis zwischen Marburg und Frankfurt. Der theoretizistische Rückzug der Kritischen Theorie von den „Waffen der Kritik“ auf eine „Kritik der Waffen“, den man in den 1930er-Jahren schon an der von Horkheimer formulierten „Verabschiedung“ der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt ablesen kann (freilich nicht muss), ist bekanntlich auch schon von Jürgen Habermas in einer folgenreichen Kritik der „Frankfurter Schule“ thematisiert worden. Der daraus abgeleitete intersubjektivitätstheoretische Neubeginn, der wieder einen Weg in die Praxis (wenn auch bei Habermas nach seiner diskursethischen Wende eher in die praktische Philosophie) weisen soll, schneidet gerade die marxistischen Traditionslinien der Kritik in einer beinahe bewundernswerten Konsequenz ab.

Dass diese Weiterentwicklung der Kritischen Theorie in der jüngeren Tradition der „Frankfurter Schule“ nicht ohne Widerspruch geblieben ist, belegen nicht zuletzt die Arbeiten von Axel Honneth.4 Da Peter jedoch einer ganzen Reihe durchaus heterogener Positionen, angefangen von Habermas bis hin zu dem in den USA verbliebenen und gerade in Fragen der Praxis in erheblicher Distanz zu Adorno und Horkheimer argumentierenden Herbert Marcuse, allzu pauschal das Etikett „Frankfurter Schule“ zuweist, lässt sein Buch wenig Raum für notwendige Differenzierungen innerhalb jenes vielschichtigen Projektes, das Horkheimer in den 1930er Jahren auf den Namen „Kritische Theorie“ getauft hatte. Ausgerechnet in Praxisfragen ein scharfes Abgrenzungsmerkmal erkennen zu wollen, bringt Marx an die Uni zumindest in die Gefahr einer Schieflage, die Peter doch eigentlich hatte von vornherein vermeiden wollen. Sein Einspruch galt ja der einseitigen Fixierung der „Marburger Schule“ auf eine „Abendroth-Schule“, also auf das Selbstverständnis derjenigen Akteure, die seit den 1960er-Jahren bei Abendroth studiert haben und entweder an Marburger Universität verbleiben sollten oder – wie Peter selbst – in enger intellektueller Anbindung an das Marburger Milieu ihre akademische Laufbahn an der Universität in Bremen fortsetzten.

An dieser Stelle wären interpretatorische Verfeinerungen hilfreich gewesen, die etwa hätten verdeutlichen können, dass Abendroths Orientierung an der Arbeiterbewegung keineswegs dogmatisch aufzufassen ist. In seiner berühmten Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung hält Abendroth gleich zu Beginn fest, dass die Arbeiterbewegung „Stadien durchlaufen [hat], in denen sich ihre jeweils aktuelle Realität und ursprünglicher Anspruch weit voneinander entfernt haben.“5 Symptomatisch hierfür ist Abendroth zufolge die Formierung einer inzwischen wohlfahrtsstaatlich integrierten Arbeiterklasse. Die Unterscheidung zwischen Arbeiterbewegung und Arbeiterklasse verfolgt mithin kritische Intentionen. Sie dient einer Kritik am faktischen Zustand der Arbeiterbewegung, die weder der skeptischen Diagnose Adornos und Horkheimers unähnlich ist, noch den Vorbehalten Hannah Arendts, die in ihrem am stärksten zeitdiagnostisch orientierten Buch Vita activa interessanterweise mit genau dieser Begrifflichkeit operiert.6 Fundamentalere Unterschiede ergeben sich so betrachtet womöglich erst aus dem Ort der Kritik – also aus der Frage nach den Modalitäten des intellektuellen, (partei-)politischen und gewerkschaftlichen Engagements.

Dass die Stellungnahmen der Marburger oftmals als strikte Gegenpositionen zu den Frankfurtern und anderen sozialwissenschaftlichen Schulen in der BRD verstanden worden sind, beruht wohl auch auf einer dogmatischen Verhärtung. Sie ist – wie Peter zeigt – nicht zuletzt das Resultat einer politischen Isolierung der Marburger Politik- und Sozialwissenschaften durch die Berufsverbotspolitik („Radikalenerlass“) der 1970er-Jahre gewesen.7 Wie sehr diese Stigmatisierung und Ausgrenzung sowohl zur inneren Dogmatisierung der „Marburger Schule“ beigetragen als auch zu einem Bruch zwischen den Generationen geführt hat, lässt sich an innerakademischen Reaktionen in Marburg ablesen. Heinz Maus bietet in den 1970er-Jahren Seminare an, die sich etwa mit der Dogmengeschichte des historischen Materialismus befassen, also offenbar versuchen, durch historische Aufklärung über Werk und Rezeption von Marx dem um sich greifenden Jargon und einer sich formierenden Orthodoxie zu begegnen.

Angesichts solcher Beobachtungen wäre eine wissenssoziologische Studie im Geiste Karl Mannheims wünschenswert, die anhand der Arbeiten der „Marburger Schule“ stärker variierende „Denkstile“ unterschiedlicher Generationen herauszupräparieren hätte. Sie müsste die gesellschaftlichen Faktoren berücksichtigen, die an der Ausprägung divergierender generationaler Profile beteiligt waren, und würde der Wissenschaftsgeschichte damit auch bedeutsame sozialhistorische Kontexte erschließen. Eine derartige Studie könnte nicht nur eine tiefenschärfere Aufarbeitung der Geschichte der „Marburger Schule“ ermöglichen, sondern darüber hinaus auch ein helleres Licht auf die widersprüchliche Geschichte des marxistischen Denkens in Westdeutschland werfen. Zu klären wäre, welchen Anteil die Ost-Westspaltung, der im Nachkriegsdeutschland virulente Antikommunismus und die besondere Situation der Universitäten als akademische Ausbildungsstätten an der unübersehbaren Dogmatisierung gewisser Teile der bundesrepublikanischen Linken gehabt haben. Für eine solche Analyse der ideologischen Landschaft in der alten Bundesrepublik liefert Peters Buch bereits erste und ernstzunehmende Ansatzpunkte. Insbesondere das Kapitel über das Marx-Verständnis der ersten Generation der Marburger Schule ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, auch wenn noch ausführlicher auf die Marx-Bilder der sich anschließenden Generationen einzugehen wäre. Ob sich nach derartigen Sondierungen die von Peter vertretene Kontinuitätsthese noch aufrechterhalten ließe, ist eine ebenso interessante wie offene Frage.

Ein weiterer, keineswegs unproblematischer Punkt ist Peters Behandlung von Heinz Maus, dem dritten Vertreter des „Dreigestirns“. Er kommt als Schüler und ehemaliger Assistent Max Horkheimers nach Marburg, wo er im Gegensatz zum früh verstorbenen Werner Hofmann immerhin beinahe zwei Jahrzehnte gelehrt hat. Zwar wird Maus institutionell der „Marburger Schule“ zugeordnet, doch unterstreicht Peter dessen theoretische Orientierung an der „Frankfurter Schule“.8 Die in dieser – genau besehen – doch widersprüchlichen Zuschreibung anklingende Schwierigkeit schattet Peter dadurch ab, dass er Maus als eine Nebenfigur innerhalb der „Marburger Schule“ identifiziert. Vordergründig mag eine solche Verortung zutreffen. Tatsächlich hat sich kaum einer der vielen Doktoranden, die Maus seit dem Tod von Hofmann im Jahre 1969 gemeinsam mit Abendroth betreut hat, als ein Schüler von Maus bezeichnet. Dass Maus in Marburg nur wenig Ambition entwickelt, sich „als Wissenschaftler und Intellektueller zu exponieren“ (52), stellt Peter fest, doch bleibt fragwürdig, ob man darin den Ausdruck eines privaten Rückzuges erkennen muss. Genau genommen besetzte Maus eher intellektuelle Nischen, die bei den stark politikwissenschaftlich orientierten Schülern Abendroths und Hofmanns, zu denen Peter ja gehört, augenscheinlich so gut wie keine Beachtung gefunden haben.

Womit sich Maus relativ ausdauernd befasste, ist die Etablierung und Pflege eines Diskussionszusammenhanges gewesen, der Fächer wie die Soziologie, Volkskunde, Sozialgeschichte und Erziehungswissenschaft in ein Gespräch miteinander brachte. Würde man ein kurzes historisches Gedankenexperiment durchspielen und anstelle von Abendroth in Maus das Gravitationszentrum der Marburger Variante einer dem Marxismus verpflichteten Sozialwissenschaft erkennen, ergäbe sich eine für die 1960er-Jahre erstaunlich aufschlussreiche Konstellation: Den thematischen Schwerpunkt bildeten deutlich sozialgeschichtlich ausgerichtete Monografien. Neben die von Peter ausführlich gewürdigten Werke wie Abendroths Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung und Hofmanns Ideengeschichte der sozialen Bewegung9 träte die von Maus verfasste Geschichte der Soziologie10, die zumal in ihrer englischsprachigen Übersetzung auf breite internationale Resonanz stieß. Hinzu käme der historische Überblick Deutsche Volkskunde zwischen Germanistik und Sozialwissenschaften, den die ebenfalls marxistisch orientierte Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann veröffentlicht hat.11 Alle diese Arbeiten berücksichtigen ausdrücklich „Prozesse transnationaler und globaler Vergesellschaftung und politischer Machtakkumulation“ (97) in teilweise methodisch innovativer Weise, so dass eigentlich nicht von „weißen Flecken in den Untersuchungen und Analysen [bis etwa 1970]“ (ebd.) gesprochen werden kann, wie Peter sie wahrnimmt.

Eine Lektüre dieser Arbeiten würde außerdem bemerkenswerte „schulinterne“ Differenzen zutage fördern. Beispielsweise setzt Abendroth angesichts des Zustands des US-amerikanischen Kapitalismus keine große Hoffnungen mehr in die Arbeiterbewegung der Vereinigten Staaten,12 während die sozialreformerisch und empirisch orientierten Sozialwissenschaften in den USA für Maus integraler Bestandteil einer Geschichte der Soziologie sind, die es in ihren Leistungen gerade auch gegen einen konservativen Antiamerikanismus zu verteidigen gilt. Erwähnenswert sind, was die angedeutete transnationale Perspektive der Marburger Sozialwissenschaften anlangt, auch die kulturwissenschaftlichen Untersuchungen mittelhessischer Hugenottendörfer, die Weber-Kellermann in dieser Zeit leitete. Diese Arbeiten gehen den historischen Prozessen transnationaler Migration nach, die von der Volkskunde weitgehend vernachlässigt worden waren.13 Hier wäre im Übrigen auch der 1965 in Marburg stattfindende Volkskunde-Kongress einzubeziehen, der sich unter Leitung von Gerhard Heilfurth dem Thema Arbeit – also einer zentralen marxistischen Kategorie – stellte und das „Mensch-Natur-Verhältnis“ (ebd.) explizit in den Blick nahm. Dass Weber-Kellermann, deren Arbeiten Peter bedauerlicherweise gar nicht zur Kenntnis nimmt, außerdem noch mit kulturwissenschaftlichen Studien zur deutschen Familie14 hervorgetreten ist und auch zum Frauenleben im 19. Jahrhundert15 publiziert hat, belegt schlagend, dass es um die Analyse von „Geschlechterverhältnis[sen]“ (ebd.) in der „Marburger Schule“ weniger schlecht stand, als Peter nahelegt.

Ein nächster Kritikpunkt Peters an der späteren „Marburger Schule“ betrifft den ausschließlich sekundäranalytischen Charakter ihrer Studien – also den Umstand, dass in Marburg kaum im engeren sozialwissenschaftlichen Sinne empirisch geforscht und gearbeitet wurde. In diesem Zusammenhang wäre jedoch zu würdigen gewesen, dass es gerade im Umfeld von Maus und in der Kooperation zwischen Soziologie und Erziehungswissenschaft genuin empirische Forschungsbemühungen gab, die allerdings seit den 1970er-Jahren – wohl auch als eine Folge des von Peter kurz erwähnten Streits zwischen Hofmann und Maus16 – fast völlig zum Erliegen kamen. Dass es keine Schule einer Marburger Sozialforschung gegeben hat, ist wohl auch durch den frühen Tod des Adorno-Doktoranden und Maus-Assistenten Gerhard Baumert zu erklären, der zu Lebzeiten sowohl im Rahmen der Darmstädter Gemeindestudie zwei Monografien zur Jugend- und Familiensoziologie vorgelegt hatte als auch in die vom Kölner Sozialforscher Erwin Scheuch geleitete Bundestagswahlstudie aus dem Jahre 1961 involviert war.

Ein weiteres Defizit, das Peter für die spätere Phase seit den 1980er-Jahren moniert, ist das Ausbleiben „theoretische[r] und methodische[r] sozialwissenschaftliche[r] Basisinnovationen“ (204). Als bedeutende Ausnahme lässt er nur die in den 1960er- und 1970er-Jahren verfassten Arbeiten des später nach Kassel gewechselten Soziologen Karl-Hermann Tjaden gelten. So ist es bedauerlich, dass Peter den ebenfalls in den 1970er-Jahren in Marburg lehrenden Philosophen Hans Heinz Holz nicht in sein Porträt einbezogen hat.17 Denn gerade Holz, dessen von Ernst Bloch unter schwierigen Bedingungen in der DDR angenommene Dissertation immerhin in der Luchterhand-Reihe Soziologische Essays erschienen ist,18 stellt mit seinen Arbeiten zur Naturphilosophie, zur Geschichte der Dialektik und zur Widerspiegelungstheorie eine bis heute nahezu völlig ignorierte Herausforderung für die politik- und sozialwissenschaftlichen Orientierungen der „Marburger Schule“ dar, insbesondere wenn man Marburg – wie Peter es tut – im Kontrast zur kritischen Theorie der „Frankfurter Schule“ charakterisiert, die ja stets reklamiert hatte, Sozialwissenschaften und Philosophie miteinander zu verschränken. Eben diese Aufgabe war in Marburg dem Philosophen Holz zugedacht, der nach seiner umstrittenen Berufung Anfang der 1970er-Jahre19 eigentlich eine marxistisch begründete Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften vertreten sollte, 20 sich aber schnell anderen Forschungsinteressen zuwandte, was ihm innerhalb des Fachbereichs eine „oppositionelle“ Position eintrug. Holz hielt an durch Marx und Engels vermeintlich „überwundenen“ Autoren wie Leibniz und Hegel fest, ging auch – philosophiehistorisch motiviert – dezidiert begrifflichen Problemstellungen nach, wodurch sich Differenzen mit den Schülern Abendroths ergaben, die ihren Niederschlag sogar im Namen eben des Fachbereichs 03 gefunden haben, der neben den Fächern Politikwissenschaft und Soziologie die Disziplinen umfasste, die das Spektrum der „Marburger Schule“ abdecken. Nicht zuletzt aufgrund der Intervention von Holz heißt er bis auf den heutigen Tag eben nicht, wie Peter anführt, „Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften“ (18), sondern „Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften und Philosophie“.

Es ist Rainer Rilling zuzustimmen, der in seiner Rezension bemerkt, Lothar Peter habe „ein präzises, höfliches, zutreffendes Buch geschrieben“.21 Die Fülle an Material und die gut strukturierte Darstellung lassen Marx an die Uni nicht nur zur Chronik eines politisch besonders bewegten Universitätsortes werden, sondern auch zu einem Musterbeispiel instruktiver Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Sozialwissenschaften. Dennoch gibt es, wie in dieser Besprechung ausgeführt, alternative Pfade zu Peters wissenschaftshistorischer Rekapitulation der „Marburger Schule“. Die Einheit ihres Namens steht offenbar nicht für die Einheit der Sache, die er bezeichnen soll. Wir haben es vielmehr mit einer abkürzenden Chiffre zu tun, hinter der sich noch Unklarheiten, Inkonsistenzen und aufklärungsbedürftige Fragen verbergen. Das Buch von Peter für ein abschließendes Fazit der vorliegenden wissenschaftsgeschichtlichen Forschungsbemühungen zu halten, wäre folglich ein Missverständnis. Es lädt eher dazu ein, das Knäuel heterogener und mitunter widersprüchlicher Traditionslinien, die sich an diesem universitären Ort ineinander verschlungen haben, durch weitere Forschungen zu entwirren. Sie werden zu klären haben, ob sich der Begriff „Marburger Schule“ als tauglich erweist oder eher von einer Pluralität marxistischer Ansätze die Rede sein sollte, aus der die „Abendroth-Schule“ als eine historisch und institutionell spezifizierte Gestalt herausragt. Sollte Peters Buch solche Forschungen animieren, ist es in seinem Wert für eine zeitgenössische Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Sozialwissenschaft kaum hoch genug einzuschätzen.

Fußnoten

1Für Hinweise zu dieser Besprechung danke ich Martin Bauer und Michael Weingarten.

2 Vgl. hierzu Reinhard Hübsch / Friedrich-Martin Balzer (Hrsg.), „Operation Mauerdurchlöcherung“. Robert Neumann und der deutsch-deutsche Dialog, Bonn 1994.

3 Vgl. hierzu insbesondere die autobiografischen Notizen von Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014, S. 9ff.

4 Vgl. hierzu bereits Axel Honneth, Arbeit und instrumentelles Handeln. Kategoriale Probleme einer kritischen Gesellschaftstheorie, in: Axel Honneth / Urs Jaeggi, Arbeit, Handlung, Normativität. Theorien des historischen Materialismus 2, Frankfurt am Main 1980, S. 185–233.

5 Wolfgang Abendroth, Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt am Main 1977, S. 7.

6 Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2007, S. 270ff.

7 Vgl. auch Georg Fülberth, Vierzig Jahre „Extremistenerlass“, in: Forum Wissenschaft 2012, 1, S. 49–51.

8 Ein weiterer, in der von Peter ausgemachten „Dichotomie“ von Frankfurter und Marburger Schule nicht eindeutig einzuordnender Fall ist der des Politikwissenschaftlers und Soziologen Kurt Lenk, der später an den Universitäten in Aachen und Erlangen lehren sollte.

9 Werner Hofmann, Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, Berlin 1971.

10 Heinz Maus, Geschichte der Soziologie, in: Werner Ziegenfuß (Hrsg.), Handbuch der Soziologie, Stuttgart 1956, S. 1–120.

11 Ingeborg Weber-Kellermann, Deutsche Volkskunde zwischen Germanistik und Sozialwissenschaften, Stuttgart 1969.

12 Vgl. hierzu auch Daniel Guérin, Die amerikanische Arbeiterbewegung 1867–1967, übers. von Urs Widmer, Frankfurt am Main 1970.

13 Weber-Kellermann, Volksleben in Hessen 1970. Arbeit, Werktag und Fest in traditioneller und industrieller Gesellschaft, Göttingen 1971, S. 115–126.

14 Dies., Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte, Frankfurt am Main 1978.

15 Dies., Empire und Romantik, Biedermeier, Gründerzeit, München 1988.

16 Vgl. hierzu auch den Bericht „Auf und ab“, in: Der Spiegel, 23.12.1968,
<http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/45865049> (15.09.2015).

17 Biografisches zu Holz enthält u.a. der Band von Hans-Günter Szalkiewicz (Hrsg.), Die Welt begreifen – organisiert handeln. Symposium: "Die Einheit von Politik und Philosophie im Kampf für den Kommunismus" anläßlich des 85. Geburtstags von Hans Heinz Holz (2013), Berlin 2013.

18 Vgl. Hans Heinz Holz, Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel. Zur Interpretation der Klassengesellschaft, Neuwied 1968.

19 Es ist durchaus bemerkenswert, dass der Titel von Peters Buch „Marx an die Uni“ auch der Name einer in seinem Buch nicht näher thematisierten Marburger Initiative ist, die sich gegen erheblichen landespolitischen Widerstand für die Berufung von Holz auf eine Philosophie-Professur ein- und schließlich auch durchsetzte. Das Berufungsverfahren ist ausführlich dokumentiert in dem leider nur im Privatdruck erschienenen Band von Friedrich-Martin Balzer & Helge Speith (Hrsg.), Deutsche Misere. Die Auseinandersetzungen um den marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz (1970–1974), Marburg 2006.

20 Einige interessante, wenn auch eher projektive Überlegungen hierzu stellt Holz in seiner Marburger Antrittsvorlesung vom 11. Mai 1973 an, die unter anderem in dem Band von Hermann Klenner et al. (Hrsg.), Repraesentatio Mundi. Festschrift zum 70. Geburtstag von Hans Heinz Holz, Köln 1997, abgedruckt ist (S. 3–16).

21 Vgl. Rainer Rilling, Marburger Schule, in: Zeitschrift Marxistische Erneuerung, <www.linksnet.de/de/rezension/31361> (15.09.2015).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephan Moebius.