Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution

Stefanie Pilzweger über die Emotionsgeschichte der bundesdeutschen 68er-Bewegung

Der erhobene Zeigefinger Rudi Dutschkes, der auf dem Cover des zu besprechenden Bandes abgedruckt ist, verweist auf den Interpretationsweg der Untersuchung: Stefanie Pilzweger hat eine kritische Männlichkeitsgeschichte der 68er-Bewegung geschrieben. Im Zuge der Erschaffung einer Gefühlsgemeinschaft entstand ihr zufolge ein neues Männlichkeitsideal, mit dem sich „die männlich-codierte 68er-Bewegung“ – so die wiederholt verwendete Formulierung – von der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft in der BRD abgrenzte. Dennoch entfaltete jene alternative Männlichkeit hegemoniale Wirkung. Dieser Widerspruch bleibt mit der Bewegung von 68 verbunden und ist Grund genug, sich mit ihr geschlechtergeschichtlich und machtanalytisch auseinanderzusetzen.

Das zu besprechende Buch ist aus Stefanie Pilzwegers Dissertationsschrift hervorgegangen, als zeithistorische Arbeit zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft angesiedelt und folgt dem Trend, Männlichkeitsanalyse mit Emotionengeschichte zu verbinden.1 Dabei fokussiert die Studie innerhalb der 68er-Bewegung konkret jene maskulin gegenderte Normativität, die sich im Sozialistischen Studentenbund (SDS) sowie den Kommunen I und II entwickelte. Gemessen an der Identifikationskraft der gesamten Bewegung ist das ein recht enger Rahmen. Allerdings stellt die untersuchte Akteursgruppe eben auch einen medial besonders effektiven Zirkel dar. Anhand von politischen Streitschriften, Selbstzeugnissen, Autobiografien und Bildern hat die Autorin untersucht, wie politischer Kampf sich öffentlich, privat und in Konfrontation zu einer als imperialistisch wahrgenommenen kapitalistischen Weltordnung in Szene setzte.

Ein ausführlicher erster Part verbindet Fragestellung, theoretische Leitlinien, den methodischen Zugang und einen Forschungsüberblick zu Männlichkeiten und Emotionen miteinander. Die Theorien von Raewyn Connell und Pierre Bourdieu werden im Zuge dessen erläutert und emotionstheoretische Zugriffe, beispielsweise der von Barbara Rosenwein, für die Untersuchung kollektiver Gefühlskulturen urbar gemacht. In diesem der Untersuchung vorgelagerten Teil ordnet die Autorin auch den Gegenstand 1968 in die boomende Literatur zum Thema ein. (53–68) In der Darstellung ihrer Quellen hebt Stefanie Pilzweger hervor, dass die Analyse von individuellen oder kollektiven Gefühlslagen ein Lesen „zwischen den Zeilen“ erfordere. (85) So sollen Selbstzeugnisse, aber auch die Interpretation von retrospektiven Sichtweisen aus dem Kreise der Protestierenden für die Analyse von Geschlechtsidentität und Gefühlskultur brauchbar werden. Liedtexte, Pamphlete, aber auch Bilder dienen als Quellen, die Einblicke in eine sonst nicht unmittelbar greifbare atmosphärische Dimension ermöglichen. (85–89)

Der Hauptteil der Untersuchung behandelt in neun Kapiteln systematisch Themengebiete, die für die Entstehung, Persistenz und das am Ende attestierte Scheitern der Bewegung sowie die Krise jener männlichen Codierung der 68er-Gefühlskultur aufschlussreich sind. Im ersten Kapitel wird der Bedeutung utopischer Vorstellungen nachgespürt. Die Rezeption von Herbert Marcuses Begriff einer „neuen Sensibilität“ durch die Aktivisten assoziiert Pilzweger mit einem – in ihrer Lesart – utopischen Anspruch, an die Revolution zu glauben. (100ff) Sie beschreibt die Amalgamierung maskuliner Attribute wie „Zukunftsorientierung, Kampfbereitschaft und Entschlossenheit“ mit femininen Codes durch eine „Aktivierung von Sinnlichkeit“, die im Zuge der Konstruktion des 68-Revolutionärs gegen eine „rücksichtslose und amoralische Leistungsgesellschaft“ ins Feld geführt wurde. (114)

Im folgenden Kapitel rückt der Solidaritätsbegriff der Bewegung ins Zentrum. Unter anderem anhand von Flugblättern beleuchtet Pilzweger Vorstellungen von internationalem Widerstand, insbesondere gegen den Vietnamkrieg. (118f.) Aufgrund emotionsgeschichtlicher Analysen entsprechender Lieder, Liedtexte und atmosphärischer Aspekte argumentiert sie, dass jenes Gefühl für die Welt und die eigenen Umstände an der Ordinarienuniversität bzw. auf den Straßen der Bundesrepublik von einer „männerbündischen Gefühligkeit und Gemeinschaftssehnsucht“ getragen gewesen sei. (136) „Die Sprache des Protests“, das dritte Kapitel, markiert die Sprechakte innerhalb der Protestkultur als männlichen Habitus, der einschüchternd und zugleich attraktiv wirkte und wirken sollte. (150) Allerdings fand auch Humor in der politischen Auseinandersetzung verbreitet Verwendung, wie die Analyse rhetorischer Mittel aus dem Repertoire der Bewegung zeigt. (162)

Die folgenden beiden Kapitel – „Provokation“ und „Generationenkonflikte“ – lassen sich gut zusammen lesen. Zunächst beschreibt Pilzweger den Körper als Zeichenträger in der politischen Kommunikation und leistet jener quellentheoretische Überlegung Folge, die sie zuvor angestellt hat: „Körperzeichen der Protagonisten von ‚1968‘ […] lassen sich anhand von Bildmaterial besonders gut analysieren“. (89) Neben den Schwarz-weiß-Abbildungen deutscher Demonstrant_innen und prominenter 68er betrachtet sie auch die visuelle Aneignung von Ikonen wie Che Guevara geschlechter- und emotionstheoretisch äußerst überzeugend. (178f.) Im Anschluss an solche Analysen wäre es reizvoll, in weiteren Untersuchungen zum internationalen Transfer den Gebrauch und die kommunikative Aneignung von gegenderten Stilen in der Protestkultur weiterzuverfolgen.2

Diese Protestkultur stellt gewissermaßen das öffentliche Pendant zum im folgenden Kapitel beschriebenen „Generationenkonflikt auf mann-männlicher Ebene“ dar. (226) Es geht darin um die Auseinandersetzung mit Schuld und die Verstrickung der Elterngeneration in nationalsozialistische Verbrechen. Pilzweger belegt allerdings anhand retrospektiver Bekenntnisse, dass auch für Teile der 68er-Bewegung die Auseinandersetzung in den eigenen Familien schambehaftet gewesen sei – anders als die Vehemenz der öffentlichen Anklage vermuten ließe. (206–210) Hier erfährt man, dass Manche in der Rückschau von durchaus liebevollen Verhältnissen zu den Eltern berichteten, obwohl kritische Distanz und Misstrauen gegenüber den Eltern „eine verpflichtende emotionale Grundhaltung im Milieu der linken Protestkultur“ gewesen seien – so die bewegungskritische Interpretation der Autorin. (221f)

Die beiden Kapitel zur Bedeutung der Psychoanalyse einerseits sowie zum Zusammenhang von Sexualität und männlicher Gefühlskonstruktion Ende der 1960er-Jahre andererseits sind ebenfalls eng miteinander verknüpft. Zunächst wird die Bedeutung psychologischer Deutungsmuster für die Konstruktion hegemonialer Männlichkeit herausgearbeitet. Pilzweger zeigt, wie der „maskulinistische“ Teil der 68er das Spektrum der (politischen) Psychoanalyse für sich entdeckte und sich die Texte zu eigen machte. In diesem Kapitel stellt die Autorin überzeugend Verbindungen zum Topos der neuen Sensibilität aus dem „Utopie“-Kapitel sowie zum Generationenkonflikt zwischen Jugendbewegung und Nazi-Vätergeneration her. (231) Ein „pathogenes Klima“ in der Gesellschaft und insbesondere an den Universitäten, so die Einschätzung der 68er, habe zu gravierenden psychischen Problemen geführt. (249) Entsprechend wurden in Kommune I und II Therapierunden praktiziert, in denen sich die maskulin dominierten Gruppen weiblich codierten Emotionen und innersten Problemen öffnen wollten. (250) Mit „Sexuelle Revolution nur für Männer“ ist der zentrale Unterpunkt im Kapitel zur Sexualität überschrieben. Wie im Falle der Psychoanalyse sieht Stefanie Pilzweger – wenn auch kaum als erste – eine heterosexuell-männliche Dominanz in der „Sexuellen Revolution“. (268) Neue Gefühlsnormen hätten in Abgrenzung zum bürgerlichen Liebesideal die freie (genitale) Liebe als befreiende Praxis aufgewertet. Frauengruppen protestierten und prangerten ihre sexuelle Ausbeutung durch dominante Vorstellungen und Praktiken in der Bewegung mit sarkastischen Kastrationsphantasien an, die in Abbildungen Eingang in die vorliegende Analyse gefunden haben. (283/287) Wie an anderer Stelle erscheinen in diesem Zusammenhang die männlichen Protagonisten lächerlich und egoistisch. Diese Kritik ist für die dominante Strömung sicher gerade deshalb stichhaltig, weil das Dominanzverhalten sicher Gemeinsamkeiten mit jenem angeblichen Gegenmodell der patriarchalen bürgerlichen Maskulinität hatte. Ähnlich wie im Falle politischer Gewalt, die im vorletzten Kapitel vom Straßenkampf bis in den Terrorismus hinein beschrieben wird, scheint auch die sexuelle Befreiung mehr im Dienste hegemonialer Männlichkeit zu stehen, als dass sie diese unterlaufen oder gar gequeert hätte. Diese Tendenz verschärfte sich, je mehr Teile der Bewegung sich als oppositionell und radikal im Freiheitskampf engagierten. (319)

Das Fortschreiben der Erzählung vom „Scheitern“, welches Stefanie Pilzweger im letzten Kapitel ins Zentrum rückt, hat aus Perspektive einer kritischen Männlichkeitengeschichte jedoch ihre Tücken. Möglicherweise komplettiert sich hierin ein Narrativ, das meiner Ansicht nach selbst – und zwar als produktive Krisenerzählung – zum Gegenstand machtanalytischer Hegemoniekritik werden müsste. (321–341)3 Bergen Pilzwegers Erzählungen von Erschöpfung, Ernüchterung und Melancholie nicht selbst Spuren jener psychologistischen Muster, die die Autorin zuvor sehr konsequent als integralen Teil der männlich-codierten 68er-Bewegung und ihres Gefühlsaufwands dekonstruiert hat? Geht die am Scheitern orientierte Konzentration auf die Tragik jener Protagonisten nicht auf Kosten anderer Gruppen – etwa der Frauen, nicht-heteronormativ Begehrender oder Migranten? Wäre das Narrativ, das in die Diagnose einer Krise der 68er-Männlichkeit mündet, nicht gerade deshalb mit kritischer Distanz als Machtoperation einer sich immer wieder thematisierenden und re-zentrierenden weißen Heteromännlichkeit zu entziffern, weil die Akteure mit der Behauptung, eine Alternative verkörpert zu haben, schließlich grandios scheitern mussten und durften?

Diese kritischen Fragen zur Produktivität des Scheiterns können jedoch das Verdienst der vorliegenden Studie nicht schmälern. Pilzwegers Geschichte von dominanten Männern, Faszination und komplizenhaften Projektionen zeigt, in welchen Diskursfeldern sich jene weithin sichtbare emotionalisierte 68er-Männlichkeit materialisierte, die bis heute in Figuren wie Joschka Fischer erkennbar geblieben ist. Geschlechterpolitisch ist ihr Einfluss sicher kein unbedeutender.

Stefanie Pilzweger hat eine gut recherchierte, sehr überzeugend in kulturtheoretische Überlegungen eingebettete zeitgeschichtliche Arbeit vorgelegt, die mit kritischer Verve den Nexus von Männlichkeit und Emotionalisierung in der Bewegung von 1968 neu belichtet. Es wäre den Ergebnissen ihrer sehr anregend geschriebenen Sicht auf die Bewegung eine breite Rezeption in der Forschungsdiskussion zu kollektiver Emotionalisierung und Gender zu wünschen – vielleicht bis hinein in Polittalkrunden, in denen Sätze beginnen mit: „Wir hatten damals das Gefühl…“

Fußnoten

1 Vgl. Manuel Borutta / Nina Verheyen (Hrsg.), Die Präsenz der Gefühle – Männlichkeit und Emotion in der Moderne. Männlichkeit und Emotion in der Moderne, Bielefeld 2010.

2 Für den Kontext der USA hat die Frage nach „Style“ beispielsweise folgende Studie angeregt: Philipp Dorestal, Style Politics. Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943–1975, Bielefeld 2012.

3 Bspw. Ines Kappert, Der Mann in der Krise. Oder: Kapitalismuskritik in der Mainstreamkultur, Bielefeld 2008.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.