Rückkehr nach Reims

Didier Eribon hat seine Familiengeschichte soziologisch aufgearbeitet

Glaubt man dem Klappentext und der Einleitung zu Didier Eribons nun endlich auch auf Deutsch erschienenem Buch Rückkehr nach Reims,1 dann geht dessen Grundidee auf einen kurz nach dem Tod des Vaters gemeinsam mit der Mutter über alten Familienfotos verbrachten Nachmittag zurück. Der damit aufgerufene Assoziationshorizont lässt einen an Roland Barthes‘ Die helle Kammer denken, einen reichhaltig illustrierten Band mit Betrachtungen über die Fotografie, dessen geheimes Zentrum das einzige nicht abgedruckte Bild darstellt, nämlich eine Aufnahme der Mutter des Autors als fünfjähriges Kind.2 Bei Barthes, auf dessen aus der Trauer über den Tod seiner Mutter entstandenes Buch Eribon gleich im ersten Kapitel verweist, findet sich unmittelbar nach der Beschreibung des Kindheitsbildes seiner Mutter wiederum ein Hinweis auf Marcel Proust,3 den bis heute wohl größten Autobiografen der französischen Intellektuellenlandschaft. Und wie folgerichtig eröffnet Eribon das hier zu besprechende Buch mit einem Satz, der sich als Hommage an den berühmten ersten Satz aus Prousts Suche nach der verlorenen Zeit entziffern lässt: „Lange ist es [i. e. das Dorf Muizon, in dem seine Eltern zuletzt gemeinsam lebten; C. M.] für mich nur ein Name gewesen.“ (9)4

Mit diesen dezenten Anspielungen auf zwei berühmte (und ebenso wie er selbst homosexuelle) französische Autoren tritt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon selbstbewusst in große Fußstapfen. Gleichzeitig gibt er damit aber auch bereits Hinweise darauf, wie er seinen im Hinblick auf das Genre schwer zu klassifizierenden Text verstanden wissen will, nämlich als eine Mischung aus Literatur, Autobiografie und soziologischem Essay. Man könnte auch sagen: als eine Familiengeschichte mit Fußnoten. Dass das Buch darüber hinaus auch dem Einfluss Pierre Bourdieus viel verdankt, macht Eribon ebenfalls deutlich, bezieht er sich doch immer wieder auf seinen akademischen Mentor, der wie er aus einfachen Verhältnissen stammte. So findet er in Bourdieus Soziologischem Selbstversuch5 nach eigener Aussage nicht nur eine weitere Anregung für sein autobiografisches Projekt, sondern sieht darin auch seine „eigenen Erfahrungen wie unter einem Brennglas vergrößert“ (152).

Traditionell steht die französische Soziologie dem Literarischen näher als die deutsche, deren Vertreter_innen doch in aller Regel Schwierigkeiten mit dem Ich-Sagen und der öffentlichen Erörterung biografischer Erfahrungen zu haben scheinen. Eribon geht aber sogar noch einen Schritt weiter. Er begnügt sich nicht mit der Überschreitung der Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, sondern versucht gewissermaßen das Gegenteil dessen, was der Journalist Christophe Boltanski 2015 mit großem Erfolg in seinem Buch La cache unternahm:6 Während Boltanski die weitverzweigten Lebensgeschichten seiner Familie, insbesondere seiner exzentrischen Großeltern, in einen Bestsellerroman verwandelte (in dem sein Vater, der Soziologe Luc Boltanski, lediglich eine Nebenrolle spielt), macht Eribon die sozialen Verhältnisse seiner Eltern und Großeltern zu einer Fallstudie, anhand derer er soziologische Betrachtungen zu Klassendenken, sozialer Ungleichheit und politischer Zugehörigkeit anstellt. Das Ziel, das er dabei verfolgt, ist ein doppeltes: So ist ihm daran gelegen, am Beispiel der Eribons sowohl seine eigene Ambivalenz in Klassenfragen als auch die Entwicklung der französischen Arbeiterschicht als solche seit der Nachkriegszeit zu erforschen. Das Buch soll somit gleichermaßen als Medium der Selbst- wie auch der Gesellschaftserkenntnis dienen. Nicht zuletzt – so kündigt es zumindest der deutsche Verlag an – soll der Band dem Publikum Aufschluss über den politischen Rechtsruck der französischen Arbeiterklasse geben.

Beim Lesen wird allerdings rasch deutlich, dass die vollmundige Werbung7 für den Band vor allem dem Kalkül des deutschen Verlags entspringt, das Buch im Zuge des aktuell in Europa zu beobachtenden Aufstiegs der Rechtspopulisten erfolgreich zu vermarkten. Damit soll weder die literarische Qualität des Essays noch die Stichhaltigkeit von Eribons soziologischen Betrachtungen in Frage gestellt werden. Doch wollte man das Buch in erster Linie als wissenschaftliche Abhandlung verstehen, täte man dem Autor schlicht unrecht. Die Passagen zum Rechtsruck der teilweise noch bis zum Beginn der 1980er-Jahre dem Kommunismus verpflichteten französischen Arbeiterschaft sind durchaus interessant, umfassen aber nur ein knappes Fünftel des schmalen Bandes und lassen sich in drei Thesen zusammenfassen: 1) Die französische Linke hat im Zuge der neokonservativen „Umstrukturierung“ und des „Sozialabbaus“ die Arbeiterschaft im Stich gelassen (120f.) und den Klassenkampf für erledigt erklärt, woraufhin die enttäuschte Anhängerschaft aus Protest zum Front National überlief. 2) Da klassenkämpferische Begründungen für ihre eigene Benachteiligung nicht mehr in Umlauf waren, gingen die Angehörigen der Arbeiterschaft in ihrer Frustration dazu über, anhand des Gegensatzes von „Franzosen“ und „Ausländern“ ein neues „Wir“ zu konstruieren (124). 3) Das graduelle Überlaufen zu rechtsextremen Parteien ist kein ganz neues Phänomen, sondern lässt sich auf einen bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren virulenten Rassismus der Arbeiterklasse zurückführen, die die Einwanderer aus den (ehemaligen) Kolonien als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt betrachtete (134f.). Diese Beobachtungen Eribons, die sich übrigens aufgrund ihres sehr viel akademischeren Tonfalls stilistisch deutlich vom Rest des Buchs unterscheiden, sind durchaus plausibel und sorgfältig begründet. Dennoch wäre es ein Armutszeugnis für die französische Soziologie, wenn diese dreißig Seiten das Substanziellste wären, was die zeitgenössische Sozialforschung jenseits des Rheins zum Aufstieg des Front National zu sagen hätte.

Genauso gut könnte man das Buch als Schlüsseltext zum Verständnis des französischen Bildungssystems anpreisen, dessen Strukturen und Wirkungen Eribon im vierten Kapitel thematisiert. So zeichnet er anhand seiner eigenen Laufbahn eindrucksvoll nach, wie viele Türen einem Arbeiterkind im vermeintlich egalitären französischen Schul- und Universitätskosmos verschlossen bleiben – schlicht deshalb, weil es die in den bürgerlichen Familien tradierten Kenntnisse nicht besitzt, die es braucht, um beispielsweise schon auf dem Gymnasium die richtigen Entscheidungen zu treffen und die alten Sprachen, wenigstens aber Deutsch statt Spanisch zu lernen und auf jeden Fall das naturwissenschaftliche Abitur zu wählen (170f.). Zwar kann ein Schüler das Abitur auch ohne altsprachliche Bildung bestehen, doch um einen Platz in einer Vorbereitungsklasse ergattern und später an einer Grande École studieren zu können, braucht es zudem soziale Qualifikationen. (171) Nur Arbeiterkinder, die wie Eribon erst als Erwachsene von der Existenz solcher Institutionen erfahren (172), begehen den Fehler, diesen vermeintlichen Umweg für einen Studienplatz an einer gewöhnlichen Provinzuniversität auszuschlagen – um später festzustellen, dass ihnen jede ernstzunehmende Karriere aufgrund ihrer Hochschulwahl verbaut ist. Eribons ernüchtertes Fazit: „Wenn die Angehörigen benachteiligter Klassen glauben, sie hätten eine alte Zugangsschranke überwunden, müssen sie häufig feststellen, dass das Erreichte mittlerweile seinen Wert verloren hat.“ (173)

Auch dieses Kapitel ist instruktiv und liest sich mit Gewinn, taugt aber ebenfalls nicht zum Zentrum des Buches. Was dafür sorgt, dass man auch sieben Jahre nach dem Erscheinen des Originals für dessen Übersetzung dankbar ist, ist in erster Linie Eribons ebenso klare wie mitreißende Schilderung seines eigenen intellektuellen Werdegangs. Im Hinblick auf die Ergründung seiner individuellen, aber für seine soziale Rolle typischen emotionalen Widersprüche hat sich Eribon nicht geschont. Der Soziologe, der als Kind eines Hilfsarbeiters sowie einer Fabrikarbeiterin in einem Vorort von Reims zur Welt kam, verdankt seinen Zugang zum Gymnasium sowie später zur Universität hauptsächlich den Mühen seiner sich vergeblich nach Bildung sehnenden Mutter. Dennoch gibt er unumwunden zu, dass ihm schon als Schüler daran lag, sich von seiner Familie zu distanzieren. (52) Auch die beißende Ironie des Umstands, dass er – im Kielwasser von Karl Marx – die Arbeiterklasse idealisierte und für deren Rechte demonstrieren ging, um allen Repräsentanten dieser Schicht mitsamt ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihren finanziellen Sorgen in seinem privaten Umfeld nur umso sorgfältiger aus dem Weg zu gehen (81), verschweigt er der Leserin keineswegs.

Eribons Schilderungen der aus diesem Dilemma erwachsenden Konflikte lesen sich phasenweise nicht nur wie ein guter Krimi, sondern überzeugen auch in ihrer gedanklichen Durchdringung der sowohl in psychologischer als auch soziologischer Hinsicht komplexen und anspruchsvollen Problematik. Ebenso virtuos wie eindringlich beschreibt Eribon, wie seine Mutter daran verzweifelt, dass sie ihr gerade einmal elfjähriges Kind aufgrund der ihm durch Extraschichten in der Fabrik ermöglichten Gymnasialbildung nicht mehr versteht. (76) Mit einer gewissen Ambivalenz überlässt er ihr das letzte Wort, indem er sein Buch mit ihrer Frage „Soziologie, hat das was mit der Gesellschaft zu tun?“ (238) beschließt. Welche Übersetzungsleistungen ein sozialer Aufsteiger erbringen muss, um seiner Herkunftswelt zu erklären, womit er sich beschäftigt und was es etwa mit dem Buch des von ihr für einen Skandalautor gehaltenen Sartre auf seinem Schreibtisch auf sich hat (82), veranschaulicht die Rückkehr nach Reims auf sehr glaubwürdige Weise.

Gleiches gilt für die Verdrängungs- und Distanzierungsmechanismen, derer sich der Aufsteiger bedient, um seinen stets als prekär empfundenen sozialen Status zu schützen. Selbst als längst etablierter Professor, der offen über seine Homosexualität schreibt, schämt Eribon sich noch, seine Geburtsurkunde vorzulegen, da auf ihr die einfachen Berufe seiner Eltern vermerkt sind (49), obwohl diese sich doch für seinen Erfolg ‚krummgelegt‘ haben. Den Kontakt zu seinem Vater wie auch zu seinen Brüdern hat er schon als junger Mann abgebrochen. Vordergründig führt er das auf deren Ablehnung seiner Homosexualität zurück, muss jedoch nach dem Tod seines Vaters erfahren, dass weder Vater noch Brüder sonderlich voreingenommen gegen ihn waren. Seine diesbezügliche Ungerechtigkeit ihnen gegenüber gesteht er durchaus ein, obschon er bisweilen dazu neigt, seine mangelnde Loyalität – beispielsweise gegenüber den Großeltern – vorschnell mit seiner sozialen Außenseiterrolle im intellektuellen Paris zu entschuldigen (66).

Insgesamt kann man aus Didier Eribons Rückkehr nach Reims eine Menge lernen – nicht nur über den Autor, sondern auch über die Unsicherheiten von Aufsteigerkindern,8 über die innerfamiliären Gräben der sozialen Ungleichheit, über die Subkultur, auf die schwule Männer in den 1970er- und 1980er-Jahren insbesondere in den Provinzstädten angewiesen waren, aber auch über die soziale Durchlässigkeit, die sich ausgerechnet innerhalb ausgegrenzter prekärer Gruppen ergeben konnte. Schließlich verdankte der Absolvent Eribon, dessen Karriereweg sich aufgrund seiner ungünstigen Hochschulwahl und einer aus Geldmangel abgebrochenen Promotion zwischenzeitlich in eine Sackgasse verwandelt zu haben schien, seinen Erfolg nicht zuletzt der schwulen Szene. Über sie fand er den Einstieg ins Berufsleben als Publizist, das ihn – wenn auch über Umwege – schlussendlich doch noch zu einer Soziologieprofessur führte. Die besondere Ironie des Umstands, dass gerade seine sexuelle Differenz dazu beitrug, ihm, dem auch in sozialer Hinsicht Ausgeschlossenen, den Weg ins Zentrum des französischen Intellektuellenlebens zu eröffnen, ist Eribon nicht verborgen geblieben.

Fußnoten

1 Die französische Ausgabe Retour à Reims erschien bereits 2009 bei Fayard.

2 Vgl. Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, übers. von Dietrich Leube, Frankfurt am Main 1985, S. 73–80 (Original: La chambre claire. Note sur la photographie, Paris 1980).

3 Ebd., S. 73 u. 80.

4 Der erste Satz des ersten Bandes der Suche nach der verlorenen Zeit lautet: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1: Unterwegs zu Swann, übers. von Eva Rechel-Mertens, rev. von Luzius Keller, Berlin 2015, S. 5.

5 Pierre Bourdieu, Soziologischer Selbstversuch, übers. von Stefan Egger, m. e. Nachw. von Franz Schultheis, Frankfurt am Main 2002.

6 Christophe Boltanski, La cache, Paris 2015.

7 Das auf dem Klappentext zitierte Urteil des jungen französischen Schriftstellers und Soziologen Édouard Louis, der Eribons Buch „die wichtigste soziologische Arbeit seit Bourdieus Die feinen Unterschiede“ nennt, darf getrost als Übertreibung angesehen werden.

8 Heinz Bude – mit dem Eribon laut Verlagsankündigung am 12. Oktober 2016 über „European Angst“ diskutieren soll – weist daraufhin, dass der typische soziale Aufsteiger „in Angst vor jenen [lebt], denen er entkommen ist und deren Statusfatalismus er Lügen gestraft hat“, wohingegen er „da, wo er jetzt angekommen ist, ein Geduldeter und Fremder bleibt“. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014, S. 40f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.