Studien zur ‚Kameralwissenschaft der Globalisierung’

Ein neuer Sammelband gewährt Einblicke in die Innenwelt der Ökonomie

Lange Zeit pflegten Ökonomen[1] ein gewisses understatement – man behandelte den erheblichen Einfluss der Wirtschaftswissenschaften innerhalb der Kerninstitutionen des Staates mit einer gewissen Diskretion. Die derzeit aktive Generation hingegen stellt selbstbewusst das eigene Fach und ihren eigenen Einfluss zur Schau. Für diesen Wandel gibt es zahlreiche Indikatoren.[2] Hier sei nur ein besonders subtiles Beispiel erwähnt: 2016 veröffentlichten Markus K. Brunnermeier, Harold James und Jean-Pierre Landau den Titel The Euro and the Battle of Ideas.[3] Darin argumentieren die Autoren, dass politische Positionen und Entscheidungen in der europäischen Wirtschaftspolitik als Ausdruck bestimmter ökonomischer Ideen und Philosophien verstanden werden können. Ausgehend von dieser Grundannahme unterscheiden sie eine deutsche, an festen Regeln orientierte Philosophie von einer französischen, die flexibles Krisenmanagement präferiert. Die Botschaft lautet: Letztlich sind es ökonomische Ideen, die die Matrix politischer Positionen und Optionen definieren; und wenn die entsprechenden Diskurse und Verfahren rational verlaufen sollen, so braucht es ökonomische Experten, um Positionen zu vermitteln, Konflikte zu entschärfen und Lösungen aufzuzeigen.

Thesen dieser Art werfen eine Reihe interessanter Fragen auf, die ihrerseits aber nicht mehr ökonomischer, sondern eher wissenssoziologischer Art sind. Mit Blick auf das hier nur exemplarisch erwähnte o.g. Buch ließe sich etwa fragen, ob sich die von den Autoren besprochenen politökonomischen Konstellationen tatsächlich im Sinne konsistenter ‚deutscher’ und ‚französischer’ Positionen interpretieren und in so etwas wie eine wirtschaftswissenschaftliche ‚Volksgeistlehre‘ überführen lassen; oder inwieweit die durchaus interessanten historischen Analysen (etwa zu den Maastricht-Verträgen) von dem Anspruch gefärbt sind, selbst in das europäische Krisenmanagement einzugreifen.

Solche und andere methodologische und analytische Fragen adressiert der von den Soziologen Jens Maeße (Gießen), Hanno Pahl und Jan Sparsam (beide LMU München) edierte Sammelband über Die Innenwelt der Ökonomie. Den Herausgerbern geht es darum, ein interdisziplinäres Forschungsprogramm zu entwerfen, das ökonomisches Wissen zu einem Gegenstand „systematischer empirischer“ (S. 1) und „normativ unvoreingenommener“ (S. 3) Analyse macht. Dabei verstehen sie Ökonomik nicht nur im Sinne der akademischen, an Universitäten gelehrten Fächer ‚Volks-’ und ‚Betriebswirtschaftslehre’, sondern auch als ein in Institutionen und den Medien verankertes Expertentum sowie im Sinne der Wissensbestände in wirtschaftlichen Organisationen (Unternehmen, Banken etc.).[4]

Aufmerksamkeit verdient ein derartiges Unterfangen nicht allein aufgrund seiner evidenten Bedeutung für verschiedene empirische Forschungsfragen; auch in forschungsprogrammatischer Hinsicht markieren die Autoren interessante Schnittstellen: So finden in dem Band nicht nur wissenschaftssoziologische Perspektiven Berücksichtigung, sondern auch Diskurse über ökonomisches Wissen in der Wirtschaftssoziologie, in den social studies of finance und in der neueren politischen Ökonomie. Gerade weil sich diese unterschiedlichen Forschungsstränge bisher weitgehend unabhängig voneinander entwickelt haben, ergeben sich aus ihrer Verknüpfung interessante neue Problemstellungen. So könnte der primär in der Wirtschaftssoziologie verortete Diskurs über die Performativität ökonomischen Wissens von demjenigen Zweig der Wissenschaftsforschung profitieren, der sich detailliert mit der Architektur, Funktionsweise und dem Einsatz ökonomischer Modelle auseinandersetzt. Auch dürften Studien zur wirtschaftspolitischen Beobachtung, Prognostik und Planung diejenigen Praktiken des wirtschaftlichen Regierens erhellen, die in großangelegten (und zumeist gegen den ‚Neoliberalismus’ gerichteten) Projekten der Herrschaftskritik oft und gerne unterschlagen werden.

Wie viele andere, so zeichnet sich auch der vorliegende Sammelband durch eine Zusammenstellung sowohl inhaltlich als auch qualitativ recht heterogener Beiträge aus. Die einzelnen Abhandlungen warten mit mehr oder weniger klugen Antworten zu verschiedenen Fragen auf. Ich greife im Folgenden drei Problemstellungen heraus, auf die sich jeweils mehrere der Texte beziehen. Eine erste Frage betrifft die gesellschaftliche Verortung wirtschaftswissenschaftlichen Wissens. Schon der Titel des Bandes – Die Innenwelt der Ökonomie – schlägt eine, allerdings zunächst rätselhaft bleibende Antwort auf diese Frage vor. Die Herausgeber geben an, damit auf den Zusammenhang von Ökonomik und Ökonomie verweisen zu wollen (S. 2). In der gewählten Form erweckt der Titel allerdings den Eindruck, als ob es sich bei der Ökonomik um ein Teilgebiet der Ökonomie handelte. Tatsächlich vertreten wird eine entsprechende Sichtweise jedoch allein von Christian Schmidt-Wellenburg (S. 315). Alle anderen Autoren des Bandes hingegen betrachten die Ökonomik als eine primär in der Wissenschaft verankerte Disziplin, deren Verhältnis zur Ökonomie differenzierungstheoretisch gedacht werden muss.[5] Andreas Langenohl und Sebastian Giacovelli zum Beispiel attestieren der verwissenschaftlichten und mathematisierten Ökonomik sogar explizit einen neuartigen Bezug zu ihrem Gegenstand, der sich nicht aus der empirischen Sättigung von Theorien oder ihrer intuitiven Praxisrelevanz, sondern aus den wissenschaftsintern erzeugten „Sinnüberschüssen“ (S. 35) ergebe.[6]

Zu der Frage der Situierung der Wirtschaftswissenschaft offeriert Fréderic Lebaron die überzeugendste, von Bourdieu inspirierte Perspektive: In seinem Beitrag votiert er dafür, die Wirtschaftswissenschaften als „starkes Feld“ zu definieren, das eng mit dem Metafeld der Macht verknüpft sei. Entsprechend unterscheidet Lebaron zwei Phasen der Entwicklung der Ökonomik: In einer ersten Phase, die sich bis in die 1960er-Jahre erstreckte, stieg die Ökonomik zur Kameralwissenschaft des expandierenden Nationalstaats auf; seit den 1970er-Jahren verwandelten sich ökonomische Theorien und Forschungsschwerpunkte im Zuge der Transformation von Machtverhältnissen im Neoliberalismus. Wirtschaftswissenschaft – das ist nach Lebaron heute vor allem die „Kameralwissenschaft der Globalisierung“.

Im Anschluss an diese Überlegungen argumentiert Jens Maeße für eine doppelte Kontextualisierung der Ökonomik – als eigenständiges, aber heteronomes akademisches Feld und als „zirkulierendes [...] diskusiviertes Machtinstrument [im] heterogenen Terrain der globalen kulturellen politischen Ökonomie“ (S. 279). Dabei betont Maeße, dass paradoxerweise gerade die Symboliken „wissenschaftlicher Exzellenz“ (sich manifestierend im jährlich vergebenen Nobelpreis, in Fakultätenrankings oder in der Hierarchie von Publikationsorganen) die gesellschaftliche Zirkulation ökonomischen Wissens begünstigten.

Zusammenfassend lassen sich aus diesen Beiträgen folgende Schlüsse ziehen: Erstens steht die Affinität der Ökonomik zur Macht nicht mit ihrem starken Anspruch auf Wissenschaftlichkeit in Konflikt. Vielmehr unterstützt dieser Anspruch die Machtstellung der Wirtschaftswissenschaftler maßgeblich. Zweitens besteht der Machtanspruch der Ökonomen nicht primär darin, eine Hilfswissenschaft für Kapitalisten zu entwickeln, sondern im Rahmen einer Marktgesellschaft das tauglichste universelle Steuerungswissen zur Verfügung zu stellen. Ausgehend von solchen Überlegungen sollte man den Buchtitel vielleicht am besten so interpretieren: Wer sich auf Ökonomik einlässt, affirmiert zumindest in epistemischer Hinsicht eine ‚Innensicht’ auf die Ökonomie – als Ansammlung von Regeln des klugen Verhaltens, als Set von Gesetzmäßigkeiten im Umgang mit Knappheit, und/oder als System, dessen internen Dynamiken die moderne Gesellschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Eine zweite zentrale Frage des Bandes ist, wie und mit welchen Folgen sich die Volkswirtschaftslehre zu einer Disziplin entwickeln konnte, deren stark integrierter Mainstream sich an einem einzigen theoretischen Paradigma, nämlich dem allgemeinen Gleichgewicht, orientiert. Arne Heise reformuliert diese Problemstellung in seinem Beitrag mit einer interessanten vergleichenden Perspektive: Den Ausgangspunkt für Heises Überlegungen bildet die Beobachtung, dass John Maynard Keynes’ General Theory einen radikalen Paradigmenwechsel in der Makroökonomik der 1930er- bis 1950er-Jahre auslöste, indem sie die Gleichgewichtsannahmen neoklassischer Ökonomie im Lichte der Weltwirtschaftskrise infrage stellte. Ab spätestens den 1970er Jahren wendete sich die Volkswirtschaftslehre im Zuge der berühmten „Lucas-Kritik“ vom Keynesianischen Paradigma ab und kehrte zu Modellen zurück, in denen Märkte ein allgemeines ökonomisches Gleichgewicht ‚selbsttätig’ erzeugen können. Erst mit dem Einsetzen der Weltfinanz- und -wirtschaftskrise wurden diese Axiome und Theorien wieder infrage gestellt – was manche Ökonomen und Beobachter auf eine Rückkehr zu Keynes hoffen ließ. Doch was bisher als Paradigmenwechsel ausgegeben wurde, erweist sich Heises beispielhafter Analyse zufolge lediglich als Anpassung innerhalb des makroökonomischen Mainstreams. Vor allem haben Ökonomen ihre Orientierung an einem theoretischen Ideal aufrecht erhalten, das optimale Allokation unter den Bedingungen perfekten Wettbewerbs verspricht.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Hanno Pahl und Jan Sparsam in ihrer Analyse der workhorse-Modelle in der empirischen Makroökonomik – den sogenannten dynamic stochastic general equilibrium Modellen. Aus ihrer Sicht haben Ökonomen mit diesen Modellen ein „Spielfeld“ (S. 153) geschaffen, das verschiedene Kernaxiome und -theoreme (rationale Erwartungen, Markträumung etc.) in einer komplexen Modellarchitektur (definiert durch geschlossene Systeme, die externen Schocks ausgesetzt sind) zu integrieren erlaubt. Diese Modelle wurden in der Folge der Finanzkrise vor allem durch Forscher aus dem Umfeld der Zentralbank erweitert (etwa durch ‚Einbau’ eines Finanzsektors) und/oder adaptiert (etwa durch Änderung der Annahmen zur Erwartungsbildung), aber nicht grundsätzlich infrage gestellt. Damit bleiben endogen erzeugte Finanzkrisen unerklärbar – Ungleichgewichte sind weiterhin lediglich als „Friktionen“ oder kurzfristig auftauchende Fehlallokationen denkbar.

Entsprechende Probleme in der Theoretisierung und Erforschung von endogenen Krisen zeigt auch Matthias Thiemanns und Mohamed Aldegwys Beitrag auf, der sich mit der Thematik des systemischen Risikos im Finanzsektor befasst: Solange keine formalisierbare, in mathematische Modelle übersetzbare Definition dieses Risikotyps vorlag, solange habe sich der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream auch nicht mit dem Thema beschäftigt. Alexander Lenger und Jan Kruse wiederum führen die methodologische Verengung der Disziplin in ihrem Beitrag mit einer ganz anderen, ‚experimentellen’ Vorgehensweise vor: Ihr Forschungsvorhaben bestand darin, Ökonomen zu qualitativen Methoden der Sozialforschung zu befragen und die Ergebnisse der Befragung in einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift zu publizieren. Beide Forschungsschritte erzeugten nicht zuletzt deshalb äußerst interessante Ergebnisse, weil den Autoren erheblicher Widerstand entgegenschlug. Befragte Ökonomen und Gutachter hielten die qualitativ-hermeneutische Forschungsstrategie der Autoren für grundsätzlich unwissenschaftlich.

Schließlich seien zu der Frage der Vereinheitlichung und Verengung des wirtschaftswissenschaftlichen Wissens noch zwei Beiträge erwähnt, die sich auf anwendungsbezogene Expertise konzentrieren: Werner Reichmann nimmt in seinem Beitrag das „dominante Schaubild“ der Wirtschaftsprognostik in den Blick. An diesem Beispiel macht er deutlich, inwiefern die konventionalisierte Ermittlung und Verwendung bestimmter Zahlenaggregate (vor allem die prozentuale Veränderung des BIP) und ihre Fortschreibung auf einer linearen Zeitachse (eingeteilt in Quartale) dazu beitragen, ‚Wirtschaft’ als einheitliches Wissensobjekt zu konstituieren. Der zweite erwähnenswerte Beitrag stammt von Matthias Schmelzer, der hier eine Kurzform seines preisgekrönten Buches The Hegemony of Growth präsentiert.[7] Schmelzer rekonstruiert in seinem Beitrag und dem erwähnten Buch die Geschichte der internationalen Wirtschaftsstatistik und die mit ihr verbundene Ideologie ökonomischen Wachstums seit dem Zweiten Weltkrieg. Spezifisch zeigt Schmelzer in seinem Buchbeitrag auf, dass die maßgeblichen Experten in der Entwicklung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung diesem Projekt zunächst vorsichtig bis kritisch gegenüberstanden: Man war sich der problematischen Ein- und Ausschlüsse bewusst, die sich aus dem Versuch der Erzeugung einer praktisch handhabbaren, international einheitlichen statistischen Systematik ergaben (etwa der Einschlüsse monetärer Leistungen mit negativen wirtschaftlichen Folgen oder der Ausschlüsse essentieller, aber nicht monetarisierter Leistungen wie häusliche Erziehung). Schmelzer zufolge trieben jedoch vor allem die in der Nachkriegszeit gegründeten internationalen Organisationen, insbesondere die OEEC (eine Vorläuferorganisation der OECD) und die UN, das Projekt trotz der Skepsis vieler Experten voran. Für sie waren vereinheitlichte und Vergleiche ermöglichende Statistiken die wichtigsten Ressourcen für die Koordination von Wirtschaftspolitiken im kapitalistischen Westen.

Eine dritte zentrale Fragestellung des Bandes betrifft die bereits eingangs erwähnte Diskussion um die Performativität ökonomischen Wissens. Angestoßen worden war diese Diskussion durch Michel Callon, der in einem erstmals 1998 veröffentlichten und seither vielbeachteten Beitrag behauptet hatte: „The economy is embedded, not in society, but in economics”.[8] Callon war es mit dieser provokanten These vor allem um eine perspektivische Neuausrichtung der Wirtschaftssoziologie gegangen, die er für das Phänomen der Formatierung ökonomischer Praktiken durch ökonomisches Wissen interessieren wollte. Callons Vorschlag wurde in den folgenden Jahren u.a. von Donald MacKenzie aufgegriffen, der sich in seinen Arbeiten mit der Performativität von Modellen in Finanzmärkten beschäftigte.[9] Nachdem die von Callons Thesen erzeugte Aufregung mittlerweile abgeebbt ist, bieten sich nun neue Chancen, die zugrunde liegende Frage nach der Konstitution und der koordinierenden Funktion von Wissen in ökonomischen Kontexten in komplexere Theorieperspektiven zu integrieren.

So zeigt Hajo Holst etwa, dass das Konzept des business case im Zuge der Finanzialisierung der Automobilbranche in innerbetrieblichen Entscheidungsprozessen an Bedeutung gewonnen hat, und dass man diese Verwendung eines aus der Managementlehre und -beratung stammenden Konzepts mithilfe verschiedener theoretischer Ressourcen erhellen muss: Einerseits beschreibt Holst, wie die mit dem business case verbundenen Rationalisierungen von Investitionsentscheidungen auf externe strukturelle Veränderungen antworten; andererseits zeigt er auf, wie das Konzept in innerbetrieblichen Machtkämpfen symbolisch eingesetzt wird; und drittens beobachtet er, wie sich der business case als eigenständiges Artefakt im Unternehmen etabliert.

Der im Rahmen zweijähriger ethnografischer Feldforschung entstandene Beitrag von Stefan Leins wiederum schildert die Analyse von Aktienwerten in einer Schweizerischen Großbank. Dabei zeigt Leins auf, wie die Analysten von Unternehmenswerten ihren Expertenstatus mithilfe zweier widersprüchlicher Quellen des Wissens etablieren: Einerseits verwenden sie die üblichen, in Kennzahlen, Firmenberichten etc. aufgespeicherten Formen des Branchen- und Unternehmenswissens. Andererseits beziehen sich die Analysten auf den Markt selbst, sowohl in seiner Faktizität der täglichen Kursschwankungen als auch in seiner institutionellen Struktur, die sie vorteilhaft gegenüber ihren Kunden am „Puls des Geschehens“ positioniert. Gerade weil die Analysten auf eine für ihre Kunden undurchschaubare Weise zwischen diesen widersprüchlichen Wissensquellen changieren und sie kombinieren, können sie ihr Expertentum mit einer legitimationssichernden ‚Magie‘ umkleiden.

Resümierend lässt sich sagen: Manche Soziologen mögen empört darüber sein, dass es immer wieder die Ökonomen sind, die zu den kritischen Fragen unserer Zeit sowohl innerhalb der Institutionen als auch öffentlich zu Wort kommen. Der hier besprochene Band zeigt einen Weg auf, wie man diese Situation in eine produktive Forschungsfrage verwandeln kann: Man betrachtet ökonomisches Wissen und seinen gesellschaftlichen Einfluss als einen höchst erklärungsbedürftigen Sachverhalt. Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber, dass sie aufzeigen, an welche Perspektiven und welche Arbeiten man mit einem solchen Forschungsanliegen anschließen könnte. Nach meiner Wahrnehmung ist dies der erste Band im deutschsprachigen Raum, der eine Soziologie wirtschaftswissenschaftlichen Wissens entwirft und umreißt. Die Gliederung des Bandes erlaubt auch relativ schnell die Identifikation einiger Kernfragen in diesem Forschungsfeld: In meiner Besprechung habe ich mich vor allem auf die Frage der gesellschaftlichen Situierung der Wirtschaftswissenschaften, ihre interne disziplinäre Struktur und ihre Anwendung in Organisations- und Marktkontexten konzentriert. Alle drei dieser Themen sind zentral für die Beantwortung der Frage, was für eine merkwürdige Wissenschaft die Ökonomik eigentlich ist und wie sich ihr gesellschaftlicher Einfluss konstituiert. Es ist dabei sowohl forschungspragmatisch als auch in Bezug auf den Gegenstand selbst nachvollziehbar, dass die Autoren eher auf Multiperspektivität und konzeptuelle Pluralität setzen, als mit einer integrierenden Forschungsagenda aufzuwarten.

Man würde sich allerdings wünschen, dass nun ein weiterer Schritt folgt. Denn will man sich kritisch mit der gesellschaftlichen Stellung der Ökonomik auseinandersetzen, bedürfte es in Zukunft einer stärkeren forschungsstrategischen Orientierung an bestimmten, gesellschaftlich relevanten Problemkonstellationen. Eine solche Problemkonstellation bietet etwa die gegenwärtige Lage der Europäischen Union. Hier lässt sich beobachten, wie stark transnationale governance-Projekte von dem universalistischen Anspruch ökonomischen Steuerungswissens getragen sind, und was passiert, wenn das Scheitern dieser Projekte und ihrer expertokratischen Grundlagen offensichtlich wird. So wäre etwa zu fragen, inwiefern ökonomisches Expertentum die Durchsetzung von Austeritätspolitiken in der EU gefördert und ermöglicht hat – Politiken also, die nicht nur an ihren eigenen Zielen gescheitert sind, sondern auch erhebliche gesellschaftliche Verwerfungen verursacht haben. Solche Fragen kann man nicht den Ökonomen überlassen, denn, wie das eingangs erwähnte Buch The Euro and the Battle of Ideas zeigt, tragen Ökonomen zumeist ein doppeltes Interesse an diese Problemkonstellationen heran: Als Beobachter und als Akteure in einem Wettbewerb um Einfluss auf wirtschaftspolitische Institutionen und Entscheidungen.

Grundsätzlicher gesprochen befinden wir uns gegenwärtig in einer Situation, in der sich die mit dem Schlagwort des „Neoliberalismus“ bezeichnete Symbiose zwischen bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Dogmen und den vom Westen verfolgten Wirtschaftspolitiken zu lockern scheint. Es wird in dieser Situation zunehmend schwieriger werden, den Zusammenhang und das Zusammenwirken zwischen politischen und ideologischen Kräften zu entschlüsseln. Der hier besprochene Band offeriert erste Analyseinstrumente für diese Entschlüsselung; die wesentliche Forschungsarbeit aber steht noch aus.

Fußnoten

[1] Mit „Ökonomen“ sind hier sowohl weibliche wie männliche Personen gemeint. Ich verwende entsprechend auch weitere Bezeichnungen wie „Experten“, „Analysten“ etc.

[2] Marion Fourcade/Etienne Ollion/Yann Algan, The Superiority of Economists, in: Journal of Economic Perspectives 29 (2015), 1, S. 89–114.

[3] Markus K. Brunnermeier/Harold James/Jean-Pierre Landau, The Euro and the Battle of Ideas, Princeton, NJ u.a. 2016.

[4] Siehe zu einer entsprechenden Definition von Ökonomik: Michel Callon, What Does it Mean to Say that Economics is Performative?, in: Donald MacKenzie/Fabian Muniesa/Lucia Siu (Hg.) Do Economists Make Markets? On the Performativity of Economics, Princeton, NJ u.a.2007, S. 311–356.

[5] Dies wird in den Beiträgen von Langenohl und Giacovelli sowie von Pahl und Sparsam mit den Mitteln der Systemtheorie getan; Heise, Lenger und Kruse sowie Lebaron und Maeße präferieren hingegen ein feldtheoretisches Vokabular.

[6] Siehe insbesondere das Kapitel zu den Vereinigten Staaten in: Marion Fourcade, Economists and Societies. Discipline and Profession in the United States, Great Britain, and France, 1890s to 1990s, Princeton, NJ u.a. 2009.

[7] Vgl. Matthias Schmelzer, The Hegemony of Growth. The OECD and the Making of the Economic Growth Paradigm, Cambridge 2016.

[8] Michel Callon, Introduction: The Embeddedness of Economic Markets in Economics, in: ders. (Hg.), The Laws of the Markets, Oxford 1998, S. 30.

[9] Donald MacKenzie, ‚An Engine, not a Camera'. How Financial Models Shape Markets, Cambridge, MA u.a. 2008. Zur Rezeption der Arbeiten Callons und MacKenzies und für einen Überblick über die maßgebliche Literatur vgl. die Beiträge von Stefan Leins, Katrin Hirte und Stephan Pühringer.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.