Vom trügerischen Glanz der US-amerikanischen Universität

„Die Undercommons“ von Stefano Harney und Fred Moten

Es steht nicht gut um die US-amerikanische Universität. Das Studium kann sich heute ein großer Teil der Bevölkerung kaum noch leisten und manche junge Erwachsene stürzen sich des akademischen Titels wegen in horrende Schulden. Derweil leiden Fakultäten nicht nur unter den Konsequenzen einer schädlichen Austeritätspolitik, sondern kämpfen auch mit steigenden Kosten für die Forschung und einer unergiebigen Verteilung der verfügbaren Mittel. Offenkundig sehen sich die USA mit einem weiteren Widerspruch zwischen Idee und sozialer Realität konfrontiert. Bereits George Washington (1732–1799) wies auf die „essenzielle Wichtigkeit von Institutionen zur Verbreitung von Wissen“[1] und deren Zugänglichkeit hin. Nur aufgeklärte US-Amerikanerinnen und -Amerikaner könnten diesem Ideal entsprechend frei sein. Jedoch treibt sie dieses Streben nach Freiheit heute zumeist in die ökonomische Abhängigkeit.

Obgleich dergestalt aufklärerische Ideen zu Washingtons Zeiten durchaus außergewöhnlich waren, erscheinen sie aus heutiger Sicht in einem anderen Licht. Ähnlich wie das demokratische Mitbestimmungsrecht stand auch die akademische Welt in der jungen Republik nur allen „freien“ Bürgern offen. Frauen und die versklavte Bevölkerung gehörten nicht zu dieser Gruppe – ärmere Bürger formal zwar schon, faktisch jedoch konnten sie ihre Bildung kaum finanzieren.

Vor allem in Bezug auf die Kategorie der „Rasse“ offenbart sich die Doppelzüngigkeit der idealistischen Forderung nach formaler Freiheit, waren doch ökonomische Verhältnisse und Rassenkonflikte in der Geschichte der USA schon früh miteinander verwoben. Abgeordnete hatten das Potenzial dieser Interrelation erkannt und mit entsprechender Gesetzgebung augenscheinlich arme, praktisch jedoch überwiegend schwarze Bürgerinnen und Bürger an ihrer gesellschaftlichen Partizipation gehindert. Damit in Gang gesetzte Dynamiken bestehen in ähnlicher Weise bis heute fort und haben nicht zuletzt Stefano Harney und Fred Moten zur Abfassung des hier zu besprechenden Bandes bewogen. Schwarze US-Amerikanerinnen und -Amerikaner sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und verdienen deutlich weniger als weiße. Etwa ein Viertel der schwarzen Bevölkerung gilt als arm. Entsprechend erweist sich die Idee des American Dream in Wahrheit als exklusives Recht der wohlhabenden, überwiegend weißen Bevölkerung. Nicht zuletzt schlägt sich aufgrund der finanziellen Belastung, die das US-amerikanische Universitätssystem mit sich bringt, dieses strukturelle Missverhältnis seit jeher auch in der Bildung nieder.

Gemäß dem US-amerikanischen Ideal sollte Bildung jedoch nicht nur der Allgemeinheit zugänglich, sondern auch weltanschaulich neutral sein. So betonte Thomas Jefferson (1743–1826) im Geiste seines Vorvorgängers Washington, dass die Aufklärung der US-amerikanischen Gesellschaft nur in strikt säkularen Bildungseinrichtungen zu bewerkstelligen sei, deren Inspiration nicht dem Glauben, sondern der „grenzenlosen Freiheit des menschlichen Denkens“ entstamme.[2] Heute wird diese Vision einer aufgeklärten Öffentlichkeit angesichts der zunehmenden Ökonomisierung US-amerikanischer Hochschulen und der Erschließung neuer Bildungsmärkte zum politischen Selbstbetrug. Da die Finanzierung der US-amerikanischen akademischen Einrichtungen mehr und mehr von der öffentlichen Hand an private Akteure übertragen wurde, erlangte Bildung gewissermaßen Warencharakter und obliegt damit zunehmend der Konsumentensouveränität. Entsprechend sind die Universitäten darauf bedacht, neue Studierende wie Kundschaft durch Exzellenz und attraktive Inhalte anzulocken, statt ihnen kritisches Denken zu vermitteln. Im selben Zusammenhang ließen sich eventuell auch jüngste Auseinandersetzungen darüber diskutieren, welche Lehrinhalte dem Wissensklientel Schutz vor möglicherweise schockierenden Erlebnissen ermöglichen.[3] Im Umfeld von Verfechtern dieser Logik sind im Übrigen auch Kritikerinnen und Kritiker an westlich aufklärerischem Wissen, das an geisteswissenschaftlichen Instituten vermehrt als vermeintlich rassistisch geprägte Ideologie aus den Syllabi gestrichen wird, innerhalb der Universitäten anzutreffen.

Aus dieser Welt erzählt das Anfang 2016 in deutscher Übersetzung erschienene Buch Die Undercommons: Flüchtige Planung und schwarzes Studium von Stefano Harney, Professor of Strategic Management Education in Singapur, und Fred Moten, Literaturprofessor an der Duke University. Angesichts der voranschreitenden Privatisierung US-amerikanischer Universitäten, der lange etablierten Kritik am aufklärerischen Korpus und der anhaltenden, strukturellen Verdrängung der schwarzen Bevölkerung aus dem universitären Geschehen versteht sich Die Undercommons als Manifest der vom Campus Vertriebenen und Ausgeschlossenen. Damit ist das Buch einem inhärent US-amerikanischen Ideal der freien und entideologisierten Bildung aus Sicht derer verpflichtet, die sich von dieser Idee vernachlässigt fühlen. Bereits 2013 erschien Die Undercommons in den USA und begeisterte junge Studierende der Liberal Arts wie auch große Namen des postmodernden Establishments. Schließlich traf es im Kontext einer aufblühenden „Black-Lives-Matter“-Bewegung und wachsender Proteste kritisch-weißer Studierender gegen Missstände im universitären Leben den Nerv der Zeit.

Inspiriert von schwarzer separatistischer und postkolonialer Theorie erörtert Die Undercommons Hürden und Voraussetzungen des „schwarzen Studiums“. Es beschreibt den Wissenschaftsbetrieb als politisch motivierte Institution, die vergleichbar mit einem „bewaffneten Einfallen der Siedler_innen“ (11) einem subalternen „Wir“ die Plattform entziehe. Zudem unterliege es einem „illusorischen Recht“ (12), das in den sogenannten Commons verankert und perpetuiert werde. Leider erläutern die Autoren diesen Begriff an keiner Stelle. Im Folgenden evoziert Die Undercommons in Anlehnung an Frantz Fanon Praktiken der Emanzipation und Selbstverteidigung gegen unbenannte, jedoch „übermächtige“ Eindringlinge und wirft Letzteren vor, sich die Universität durch Privatisierung und Professionalisierung für ihre Zwecke zu Eigen gemacht zu haben. Den Autoren zufolge ist eine neue Art des subversiven Denkens und Handelns innerhalb der Universität durch die titelgebenden Undercommons unerlässlich.

Bis zuletzt bleibt es dem Lesenden jedoch ebenso verwehrt zu erfahren, wer „die Undercommons“ wirklich sind. Dabei handelt es sich um kein Versäumnis von Harney und Moten: Die Undercommons definieren sie gerade in der Abgrenzung zu dem, was sie nicht sind. Sie sind ein „Ort der Aufklärung“ (21) innerhalb des Falschen. Sie erinnern damit an etwas, das bereits Friedrich Nietzsche mit seiner Episode vom „tollen Menschen“[4] zu beschreiben versuchte, nämlich eine Aufklärung, die sich als trügerisch erweist. Denn die auf aufklärerische Ideale gegründeten Commons, so die Kritik, seien nicht mehr als ein Gefängnis, das zur „Reduktion“ des Individuums beitrage, anstatt es zu befreien (46). Vor allem die Professionalisierung der universitären Arbeit, so die Autoren, verhindere aufgeklärtes Denken. Professionalisierte Akademikerinnen und Akademiker fügten sich widerstandslos in die Commons ein, indem sie zu überwindende Kategorien wie „Staat, Ökonomie und […] Zivilgesellschaft“ akzeptierten (37). Mangels der Fähigkeit, kritisch zu denken, verkämen sie so zu „harmlosen Intellektuellen“ (37). Die US-amerikanische Aufklärung werde in den Commons zur Farce, scheinbar aufgeklärte Intellektuelle zu unkritischen Statistinnen und Statisten.

Als kritisch und subversiv erkennen die Autoren nur noch die Bewohnerinnen und Bewohner der Undercommons an, die der US-amerikanischen Aufklärung durch ihr revolutionäres Handeln neue Substanz gäben. Mit Blick auf Fanons Konzept der „absoluten Praxis“[5] beschreiben sie universitäre Bildung und ihre Professionalisierung als eine Unterdrückungsmaschinerie der „gewaltvollen Hegemonie“ (46), der sich lediglich Mittel der Entkolonialisierung, das heißt der absoluten Verweigerung und im Zweifelsfall der Gewalt, entgegensetzen ließen. Daraus erklärt sich auch die Idee der titelgebenden „flüchtigen Planung“. Die neuen subversiven Intellektuellen sind angehalten, die „Gastfreundschaft der Universität [zu] missbrauchen“ (21), deren Ressourcen zu stehlen und sich der sogenannten „Flüchtenden-Kolonie“ anzuschließen, also Zuflucht vor den Eindringlingen der Commons zu suchen (21). Dies halten die Autoren für das „einzig mögliche Verhältnis zur nordamerikanischen Universität“ (21). Am Ende dieser Argumentation stoßen wir auf die Kernthese des Buches. Die Undercommons handelten im Sinne der aufklärerischen Revolution, und dort sei „Revolution immer noch schwarz“ (22).

Das Buch setzt in einem Rundumschlag horrende Studiengebühren, voranschreitende Privatisierung, Weltkapital, Rassismus und die strukturelle Benachteiligung schwarzer US-Amerikanerinnen und -Amerikaner in ein kausales Verhältnis zueinander. Als gemeinsamen Nenner und Katalysator dieser Dynamiken identifizieren die Autoren ein weltweit agierendes, kapitalistisches System der „White Supremacy“. In der Tat ist die Thematisierung der genannten Problemfelder ebenso aktuell wie wichtig. Über die zunehmende Brisanz der Privatisierung von Universitäten zu sprechen, alternative Räume des kritischen Denkens zu diskutieren und rassistische Ressentiments wie auch soziale Widersprüche im Hinblick auf schwarze Bürgerinnen und Bürger aufzulösen, ist längst überfällig. Mit dem abstrakten Verweis auf ein vermeintlich weltweit agierendes System machen es sich die Autoren dann allerdings doch recht einfach.

Ungeachtet ihrer guten Absichten geht die Argumentation von Harney und Moten denn auch am eigentlichen Problem vorbei. So verengen sie ihre Kritik allzu sehr auf professionalisierte, systemtreue Akademikerinnen und Akademiker, obgleich die Tenure Positions, deren Inhaberinnen und Inhaber diesem Bild am nächsten kämen, seit Jahrzehnten sichtlich abgebaut wurden. Dabei wäre es fruchtbar, in diesem Zusammenhang über die wachsende Zahl der Adjuncts, das so entstandene wissenschaftliche Prekariat und dessen Konsequenzen für die akademische Profession zu sprechen. Zudem würde es sich lohnen, bisherige Verfehlungen der Affirmative Action an den Universitäten kritisch zu betrachten.

Letztlich ziehen die Autoren jedoch nicht die Faktoren Ökonomie und soziale Klasse, sondern das „Weißsein“ und das Privileg zur Deutung sozialer Widersprüche heran und gelangen an manchen Stellen zu Trugschlüssen. So beschreiben die Autoren beispielsweise die moderne Logistik als Praxis, die „im atlantischen Sklav_innenhandel begründet“ sei (111). Laut Harney und Moten ist die Logistik eine „algorithmische Forschung“ in den „klassischen kapitalistischen Wissenschaften“, die mithilfe von „Diagrammen oder Flüssen, mit Kalkulationen oder Prognosen“ (104) das Ziel verfolge, auf das „Subjekt ganz und gar [zu] verzichten“ (104) und „unserer Arbeit mehr Arbeit abzupressen“ (103). Historisch ist es zwar zutreffend, dass der Sklavenhandel untrennbar mit wirtschaftlichen Expansionsbestrebungen sowie mit Innovationen in der Arbeitsproduktivität und Warenverteilung verbunden war; indessen wäre es schlichtweg falsch, daraus auf einen genuin rassistischen Kern der Logistik selbst zu schließen. Die Undercommons jedoch setzt cum hoc ergo propter hoc ebendiese Praxis der rationalisierten Güter- und Arbeitsorganisation recht unvermittelt mit der nicht weiter erläuterten Ideologie „materialistische[r] Eugeniker_innen“ (111) gleich. Ähnlich sehen die Autoren der Undercommons die kapitalistische Produktionsweise im Rassismus begründet, während man umgekehrt mit Karl Marx annehmen darf, dass es sich beim modernen Rassismus viel eher um ein falsches Bewusstsein handelt, das seinen Ursprung im „stumme[n] Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ hat.[6]

Die Stoßrichtung des Buches ist durchaus richtig und unterstützenswert. Denn sowohl die anhaltende Verelendung der schwarzen US-amerikanischen Bevölkerung als auch ihre strukturell stark eingeschränkte soziale Mobilität zählen heute zu den dringlichsten Problemen der USA. Eine umfassendere Öffnung der Universitäten für jene Bevölkerungsgruppen und die kritische Betrachtung der unterrichteten Inhalte wären außerdem Kernvoraussetzungen für die allumfassend kritische und aufgeklärte Gesellschaft, von der bereits die Gründungsväter träumten. Jedoch verspielt das Buch einen Großteil seines Potenzials schon früh durch übertriebenes Pathos, sprachliche Unklarheit und inhaltliche Versäumnisse. Hat man nach einiger Mühe das sprachliche Dickicht des Werkes durchdrungen, offenbart sich keine Revolution der Bildung, sondern eine Reproduktion postkolonialer Allgemeinplätze. Die Undercommons verstrickt sich in seiner Argumentation in monolithischen Kategorien von Weiß- und Nichtweißsein, Westen und Nichtwesten oder Besiedlung und Flucht, statt die konkreten Ursachen sozialer Widersprüche zu erhellen. An den ökonomischen Verhältnissen und rassistischen Ressentiments in der Gesellschaft selbst wird das nur schwerlich etwas ändern können.

Den Erfolg des Buches in den USA wird man sich wohl am besten durch sein Erscheinen zur rechten Zeit erklären können, das die Autoren zu Mahnern inmitten aufbrodelnder sozialer Missstände erhob. Scrollt man durch die Internetbewertungen des Buches, begegnet man enthusiastischen Undergraduates, die das Lesen des Textes teilweise als regelrechte Offenbarung erlebt zu haben scheinen. Mit quasi-religiöser Rhetorik und erschreckend unkritischen Reaktionen vieler Leserinnen und Leser muss bei postmoderner Theorie anscheinend  gerechnet werden. Eine Studentin bringt deren Fallstricke dankbar naiv auf den Punkt: Die Undercommons, schreibt sie begeistert, könne glatt zu einem heiligen Text für sie werden. Mit Hilfe der Sekundärliteratur habe sie immerhin „30% des Buches verstanden“.

Fußnoten

[1] George Washington, Washington’s Farewell Address to the People of the United States, 19 September 1796. 106th Cong. 2nd sess. Washington 2000.

[2] Thomas Jefferson to William Roscoe (Monticello, Dec 27th, 1820) In dem Brief geht es um die Gründung der University of Virginia.

[3] Vgl. u.a. Greg Lukanioff /Jonathan Haidt, The Coddling of the American Mind, in: The Atlantic Monthly, September 2015; Oliver Bateman, Why the 'Safe-Space' Debate Is a Problem for Adjuncts, in: The Atlantic Monthly, October 2016.

[4] Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, München 1959, S. 166f.

[5] Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von Jean-Paul Sartre, übers. von Traugott König, Frankfurt am Main 1981, S. 72.

[6] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Buch 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals, in: ders./Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, Berlin (Ost) 1971, hier S. 765. Vgl. auch Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, in: ders./Friedrich Engels, Werke, Bd. 6, Berlin (Ost) 1970, S. 397–423.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.