Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist

Martha Nussbaum über Politische Emotionen

In den späten 1960er-Jahren prägte die zweite Frauenbewegung den Slogan „das Private ist politisch“, was nicht ohne das implizierte „das Politische ist privat“ gedacht werden kann. Ihr Ziel war es, um ihrer Emanzipation Willen, die arbiträre Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre und korrespondierende Zuordnungen in Frage zu stellen und stattdessen auf die Interdependenz zu verweisen: Während Frauen im privaten Bereich verortet und für Emotionen ‚zuständig‘ definiert wurden, standen sie immer im Schatten der hierarchisch höher bewerteten und angesehenen männlichen, öffentlichen und politischen Sphäre. Die Frauenbewegung sah darin einen der Hauptgründe für die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen und die Machtungleichheit zwischen den Geschlechtern in der öffentlichen und in der privaten Sphäre.

Aber auch mehr als 40 Jahre später stehen sich heute beide Sphären scheinbar immer noch konträr gegenüber; ein Überdenken dieser Trennung ist weiterhin notwendig, wie die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum in ihrem neuen Buch Politische Emotionen postuliert. In diesem elaboriert sie die von ihr in Upheaval of Thoughts. The Intelligence of Emotions (Cambridge 2001) entwickelte Emotionstheorie weiter und überträgt sie auf die Politik. Auf konstruktive Weise verbindet sie die Sphären des Privaten und Öffentlichen miteinander.

Nussbaum stellt aber nicht allein die Unterscheidung der Sphären, die Trennung in zwei Welten und die Positionierung von Politik in der einen, Emotionen in der anderen in Frage. Vielmehr plädiert sie dafür, Beides zusammen und zugleich zu denken. Ihres Erachtens sei alles von Emotionen durchzogen. Dies zu berücksichtigen helfe dabei, die politische Ordnung, Phänomene wie beispielsweise Patriotismus, Nationalismus oder Diskriminierung, auf produktive Weise neu zu verstehen und einen blinden Fleck der politisch liberalen Philosophie, die Emotionen bisher vernachlässigte oder gänzlich ignorierte (vgl. bspw. S. 14ff.), zu überwinden.

Um dieses ambitionierte Unterfangen zu legitimieren und historisch zu verwurzeln, greift Nussbaum auf große Namen zurück. Sie setzt sich mit John Rawls' Emotionsbegriff auseinander (S. 23ff.), rekonstruiert dann in den Theorien Rousseaus und Herders den Zusammenhang von Gleichheit und Liebe (vgl. S. 47–89), bevor sie bei Auguste Comte und John Stuart Mill nach der Religion der Menschlichkeit fahndet (vgl. S. 90–129). Aus zwei Gründen werden diese Gewährsmänner aufgerufen und eingeführt. Der erste ist struktureller Art und eng mit dem oben angedeuteten Hintergrund der Frauenbewegung assoziiert: Frauen sind von Natur aus für Emotionen zuständig, weshalb eine wissenschaftliche Beschäftigung ihrerseits mit dieser Thematik oft nicht ernst genommen werde und sogar dazu beitrage, auch ihre sonstige Arbeit in Zweifel zu ziehen, wie von Nussbaum kürzlich in einem Radiointerview geäußert wurde.

Der zweite Grund ist inhaltlicher Art und bezieht sich auf die Herausforderung (vgl. S. 17ff.) und Grundfrage des Buchs: „Welche Art[en] von Liebe durch welche Medien und Institutionen vermittelt werden.“ (S. 31) Deren Untersuchung nimmt dann auch einen Großteil des Buches ein. Dass die Grundfrage trotzdem lange unklar bleibt, liegt nicht zuletzt an Nussbaums Verständnis der guten Gesellschaft als „Variante des ‚politischen Liberalismus‘“ (S. 18). Hiermit verbindet Nussbaum die Frage, wie es einer gutfunktionierenden Gesellschaft gelingen kann, gleichzeitig ihre eigene Stabilität und die Motivation ihrer Bürger mehr zu fördern, als Locke und Kant es in ihren Theorien nahelegen, ohne dabei illiberale und diktatorische Züge zu entwickeln, wie es von Rousseaus Theorie impliziert wird (vgl. S. 17ff.).

Emotionen sind der Schlüssel zur Bearbeitung der Herausforderungen und damit verbundener (Grund-)Fragen. Nussbaum definiert diese als Einschätzungen und Bewertungen beinhaltende Affekte (vgl. S. 18), was bedeutet, dass leibliche Reaktionen mit einer kognitiven Dimension der „wertbezogenen Wahrnehmung und/oder Gedanken“ (S. 36) vom „Standpunkt des Akteurs“ (S. 595) aus verbunden werden, die stets als intentional bzw. auf mindestens einen Gegenstand gerichtet zu verstehen sind. Liebe gilt Nussbaum dabei als Primärgefühl. In Anknüpfung an Rawls geht sie von Gefühlen aus, „die zunächst in der Familie entstehen“ (S. 23) und sich dann zu solchen entwickeln (können), die die Prinzipien einer gerechten Gesellschaft befördern, diesen zu Grunde liegen oder aber zumindest auf diese Gerechtigkeit gerichtet sind (vgl. S. 22ff.).

Bedeutend ist hierfür der Verweis auf Nussbaums Analyseeinheit, die Nation, auch wenn die globale Perspektive sich als zunehmend wichtiges Thema generieren wird (vgl. Kapitel 1). Auf die Nation zu fokussieren begründet Nussbaum dadurch, dass diese „die Lebensbedingungen für die Menschen auf der Basis der gleichen Achtung vor allen schafft“, dass es die „größte uns bislang bekannte Einheit darstellt“ (S. 35), innerhalb derer Rechenschaften sinnvoll und mit nachdrücklichem Erfolg verhandelt werden. Ebenso relevant sind aber auch soziokulturelle und historische Besonderheiten, die es erst ermöglichen, dass politisch erwünschte Emotionen gefördert werden können (vgl. S. 34ff.). Dies wird von Nussbaum vielfältig durch den kontrastierenden Bezug auf westliche und fernöstliche Kulturgüter illustriert; besonderen Raum widmet sie dabei Mozarts Oper Figaro (S. 47ff.), anhand derer sie Rousseau und Herder bzw. die Grundideen des politischen Liberalismus erläutert, sowie Rabindranath Tagore (vgl. S. 130ff.), mit dem sie vorführt, dass Gesellschaften spezifische Narrative und Symbole haben und brauchen, die an ihre Erinnerungen und Erfahrungen anschließen und nur in der jeweiligen soziokulturellen Kontextualisierung ihren vollen Sinn und ihre Kraft entfalten können (vgl. S. 24ff.).

Dass Nussbaums Buch keine leichte Lektüre ist – sowohl was den Inhalt als auch was den Umfang angeht –, ist ihr selbst bewusst, weshalb sie zu Beginn der Einleitung vier zentrale Punkte klären möchte, um Missverständnisse noch vor dem Hauptakt auszuräumen und damit ihr Ziel noch klarer zu unterstreichen: Sie will nicht einfach nur eine philosophische Abhandlung vorlegen, sondern sie will etwas erreichen; sie will pragmatische Vorschläge dafür machen, wie künftig mehr Gleichheit geschaffen werden kann und wie es gelingt, dem Gerechtigkeitsideal näher zu kommen. Daher muss, so Nussbaum, ein Stück weit normativ argumentiert werden, müssen konkrete Normen und Werte in der Erörterung herangezogen werden (vgl. u.a. Ende Kapitel 1). Inwiefern Nussbaum mit ihrem Buch diese Wirkung erzielt, bleibt von anderen und zu einem anderen Zeitpunkt zu beurteilen. Hier kann nur festgehalten werden, dass Nussbaum auf gut lesenswerte Weise ein interessantes Projekt mit potenziell großer Reichweite darlegt, das nicht nur im Kontext des ‚emotional turn‘, den Psychologie, Anthropologie, Neurowissenschaft und andere in den letzten Jahren erlebt haben (vgl. u.a. S. 32), Wellen schlagen und Wirkungen hervorrufen kann.