Welchen Wert haben Methodenbücher von Studierenden für Studierende?

Zwei Neuerscheinungen wecken Zweifel

Die Zahl nützlicher und reflektierter Methodenbücher im Bereich qualitativer Methoden in den Sozialwissenschaften ist in den vergangenen 30 Jahren sowohl national als auch international gestiegen. Mit den beiden von Jeannine Wintzer herausgegebenen Bänden[1] kommt nun eine neue Sorte Methodenbücher auf den Markt, die von Studierenden für Studierende geschrieben worden sind. Die Herausgeberin kündigt an, dass dadurch die sprachlichen Hürden herkömmlicher Methodenbücher verringert und darüber hinaus die Praxisnähe der Methodenliteratur erhöht werden könnten (Wintzer 2016a: V). Auf einen Call for Papers für ein derartiges neues Buch habe sie 80 Beiträge erhalten, von denen sie 30 ausgewählt und in einem ersten Band veröffentlicht habe (ebd.); in einem thematisch leicht variierten zweiten Band (Wintzer 2016b) wurden dann noch einmal weitere 19 Artikel veröffentlicht. Da beide Bände sich in Stil und Ausrichtung nicht wesentlich unterscheiden, werden sie hier gemeinsam besprochen.

Die Besprechung erfolgt in drei Schritten: Zunächst wird das allgemeine Anliegen eines Methodenbuches von Studierenden für Studierende gewürdigt und auf die Arbeit der Herausgeberin eingegangen; anschließend werden exemplarisch acht Beiträge der beiden Bücher diskutiert, bevor schließlich am Ende ein knappes Resümee erfolgt.

Die Berechtigung, die Methodenbücher von Studierenden für sich beanspruchen können, ergibt sich nicht aus der spezifischen Sachkenntnis ihrer AutorInnen, berichten diese doch nicht selten, zum ersten Mal mit qualitativen Methoden gearbeitet zu haben. Das unterscheidet sie eindeutig von den fachkundigen VerfasserInnen herkömmlicher Methodenbücher, die in der Regel viele Forschungsprojekte durchgeführt, Qualifikationsarbeiten betreut und didaktische Konzepte erprobt und verbessert haben. Nicht wenige der für die deutsche Methodenliteratur maßgeblichen Lehrbücher stammen von renommierten WissenschaftlerInnen (wie z.B. Bohnsack, Nohl, Rosenthal, Wohlrab-Sahr oder Wernet), denen die qualitative Forschung wichtige Innovationen verdankt. Das Wissen und die Kompetenz dieser AutorInnen dürfte deshalb unbestritten sein. Dieser Umstand wird implizit auch von den für die o.g. Bände schreibenden Studierenden anerkannt, da in fast allen Beiträgen auf die einschlägige (in der Regel allerdings nur deutschsprachige) Methodenliteratur ausführlich hingewiesen wird.

Der Zweck eines Methodenbuches von wenig erprobten MethodenanwenderInnen für unerfahrene potentielle MethodennutzerInnen kann daher nur ein ergänzender sein: Wer kompetente Antworten auf komplexe methodische Fragen sucht, wird nicht als erstes und auch nicht ausschließlich zu den von Frau Wintzer herausgegebenen Bänden greifen, sondern wird eher neben bewährter wissenschaftlicher Literatur auch einen Blick in diese Bücher werfen, in der Hoffnung, hier die eine oder andere Verständnishilfe zu finden. Die Gleichrangigkeit von AutorInnen und LeserInnen könnte sich vor allem dort als vorteilhaft erweisen, wo es darum geht, eine offenere und unkompliziertere Form der Kommunikation zu ermöglichen, steht doch zu vermuten, dass studentische VerfasserInnen eher bereit sein werden, ehrlich über Unklarheiten und Forschungsprobleme zu berichten, als renommierte ForscherInnen, von deren Eingeständnis methodischer Probleme man ungleich stärker irritiert wäre. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit vermeintlich „einfachen“ Problemen fühlen sich Studierende, und damit die als Zielgruppe angesteuerten prospektiven LeserInnen dieser Bücher, häufig allein gelassen, da sie in hierarchischen Betreuungssituationen das Gefühl haben, sich mit entsprechenden Fragen zu blamieren. Peer-Konzepte von MentorInnen spielen deshalb schon viele Jahre eine wichtige Rolle bei der Ausbildung in qualitativen Methoden, etwa im Rahmen von Forschungswerkstätten für Promovierende.

Damit Peer-Kommunikation gelingt, braucht es interaktive Situationen, in denen im Forschungsprozess aufgetretene Probleme offen geschildert und mögliche Lösungsstrategien gemeinsam erörtert werden können. Ob es in den beiden Bänden gelingt, derartige Peer-Kommunikation zu betreiben, wird später anhand ausgewählter Einzelbeiträge zu erörtern sein. Auffällig an beiden Büchern ist jedenfalls deren Sprachstil, der von herkömmlichen Methodenbüchern merklich abweicht. „Du interessierst Dich für qualitative Sozialforschung? Sehr gut!“ (Beule in Wintzer 2016b: 4) Mit solchen und ähnlichen lockeren Formulierungen wird versucht, über Duzen Distanz zu reduzieren, was auch in der studentischen Peer-Kommunikation üblich ist. Die Bewertung „Sehr gut!“ zeigt aber zugleich die seitens der AutorInnen eingenommene paternalistische Haltung an. Während Duzen ein nur in einigen Beiträgen benutztes Stilmittel ist, wird die sprachliche Befehlsform grafisch in sehr vielen Beiträgen hervorgehoben und als „Tipp“ rubriziert. Das liest sich dann beispielsweise so: „Tipp: Jede Person hat eine andere Arbeitsweise. Finde Deinen Weg heraus und verfolge diesen strukturiert!“ (ebd.: 8). Derartiges Rezeptwissen kann manchmal LeserInnen helfen, zerstört aber, wenn es zu häufig verwendet wird, die Gleichrangigkeit der „Betroffenen“, da es den Eindruck erweckt, dass die AutorInnen für alle Problemfälle bereits Lösungen parat haben. Die Kommunikation der Bücher ist deshalb in vielen Teilen paradox, weil sie sowohl Gleichrangigkeit als auch Überlegenheit vorspielen möchte.

Jeannine Wintzer hat als Herausgeberin der beiden Bände einerseits Hervorragendes geleistet, weil die Einzelbeiträge von ihrer Rechtschreibung und Zitierweise wie auch von ihrem knappen Umfang her weitgehend einheitlich gehalten sind. Auch die grafische Gestaltung der Bücher ist ansprechend und einladend unterteilt in unterschiedliche Rubriken. Andererseits unternimmt die Herausgeberin wenig, um die Lektüre der Bände in geeigneter Weise zu strukturieren: So sind die Einleitungen ausgesprochen knapp gehalten und auch die Gliederung der Beiträge folgt weder einer Logik des Forschungsprozesses noch einer gängigen Sortierung nach Formen qualitativer Forschungsmethoden. Bei der großen fachlichen Heterogenität der Beiträge, deren Bandbreite von Ethnologie und Gesundheitswissenschaft über Psychologie, Sozialarbeit und Sozialgeographie bis hin zu Soziologie und Politikwissenschaft reicht, scheint die Herausgeberin bei der Sortierung nach Themenblöcken eher assoziativen Vorstellungen gefolgt zu sein als einer sinnhaften Gestalt. Vollkommen unklar bleibt schließlich, was ein Beitrag, der sich ausschließlich mit quantitativer Forschung beschäftigt (Herinek in Wintzer 2016b: 141ff.), in einer Publikation zu qualitativer Forschung verloren hat.

Naturgemäß ist die Qualität von studentischen Einzelbeiträgen nach einem Call for Papers sehr heterogen. Besonders geglückt erscheinen mir mit Blick auf die vorliegenden Bände diejenigen Beiträge, die von echten Forschungsprozessen und deren Bearbeitung handeln. Wenn zum Beispiel Miriam Schäfer (in Wintzer 2016b: 159ff.) beschreibt, wie genau sie ihren Feldkontakt für Polizeiinterviews hergestellt hat; wie lange die Interviewgewinnung sich hingezogen hat, weil Gatekeeper ausgetauscht wurden; wie situationserschwerend Interviews in Dienststellen sind; und wie sie selbst in diesem Prozess ihren Forschungsfokus verändert hat; dann erhält man als LeserIn einen realistischen Erfahrungsbericht, der einem hilft, die eigenen Forschungspläne zu reflektieren. Der positive Eindruck dieses Beitrags wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass in ihm auch die Komplexität des ersten Auswertungsschritts ausführlich im Prozess (und eben nicht nur im Ergebnis!) dargestellt wird (ebd.: 165f.).

Ähnlich informativ ist der Beitrag von Svenja Weitzig (in Wintzer 2016b: 133ff.), der einen Einblick in die Praxis partizipativer Forschung bietet und zeigt, wie Menschen mit Behinderung über das Machen und Kommentieren von Fotos zu Co-Forschern und ihre Bilder zu Informationsträgern werden können. Dass Einfühlungsvermögen auch Grenzziehungen benötigt, zeigt sehr schön der Beitrag von Rutishauser und Zimmermann (in Wintzer 2016b: 121ff.), die darlegen, welche Schwierigkeiten Interviews mit untergetauchten abgelehnten Asylbewerbern aufwerfen, deren Not die Interviewpartner mit dem Problem falscher Hilfsversprechen konfrontiert. Sehr überzeugend wird im gleichen Artikel beschrieben, inwiefern eine Forscherin im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung unter Sexarbeiterinnen durch die Differenz in der Kleidung Unterscheidbarkeit für die Situationsdefinition der Beteiligten herstellen kann. Der Beitrag von Klewes (in Wintzer 2016a: 273ff.) wiederum verdeutlicht sehr genau, wie sich mittels einer klaren Fragestellung auch ein komplexes Forschungsdesign mit einer Kombination quantitativer und qualitativer Methoden produktiv einsetzen lässt, um zu präzisen Ergebnissen – in diesem Fall zum Klimaschutzdiskurs – zu kommen.

Leider sind die genannten Beispiele nicht repräsentativ, überwiegen doch in beiden Bänden diejenigen Beiträge, bei denen Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Nicht selten stehen da hohe normative methodische Setzungen neben einer schwachbrüstigen Praxis, die den eigenen Ansprüchen nicht gewachsen ist. Wenn etwa die Ethnologin Johanna Ullmann (in Wintzer 2016b: 97ff.) interkulturell angelegte qualitative Sozialforschung einleitend als Innovation anpreist, um dann jedoch ihre Interviews mit FrauenrechtsaktivistInnen im arabisch- und französischsprachigen Tunesien auf Englisch zu führen, dann vermisst man professionelle Praxis. Gleiches gilt für die teilnehmende Beobachtung von feministischen Aktionen in Tunesien, die per se nicht begleitet wurden, wenn es sich um arabischsprachige Aktionen handelte – Aktionen also, von denen man annehmen sollte, dass sie die übergroße Mehrzahl des untersuchten Typs ausmachten (ebd. 103). Der normative Anspruch der Soziologin und Pädagogin Alicia Prinz (in Wintzer 2016a: 11ff.) lautet, partizipative Forschung mit Menschen mit Behinderung nach dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ (ebd. 17) zu gestalten. Allerdings wird im Artikel weder klar beschrieben, wie geforscht wurde, noch wird darüber reflektiert, warum die aus der Betroffenenforschung stammende Maxime dazu beitragen können sollte, die Wissenschaftlichkeit der Ergebnisse zu erhöhen.

In einer Reihe anderer Artikel bleibt die Beschreibung des methodischen Vorgehens diffus. Nach welchen Kriterien etwa Matthias Frösch (in Wintzer 2016a: 209ff.) seine Zeitungsartikel zum Diskurs über den Irak-Krieg ausgewertet hat, wird auch anhand zweier kaum verständlicher Schaubilder nicht klar. Gänzlich ohne eine Beschreibung der eigenen Forschung kommt schließlich Simone Beule (in Wintzer 2016b: 3ff.) aus, weswegen ihr Text, auch sprachlich, den Charakter einer Gebrauchsanweisung ohne Gebrauchsgegenstand aufweist. Er endet mit der Sentenz: „Applaus Applaus! Du hast es geschafft. Nun kannst Du wirklich stolz auf Dich sein!“ (ebd.: 12).

Insgesamt muss man sagen, dass in den von Jeannine Wintzer edierten Bänden das Versprechen einer sprachlich barrierefreien und nutzbringenden Peer-Kommunikation von Studierenden zu Studierenden über qualitative Methoden nicht eingelöst wurde. Zu heterogen sind die Beiträge, zu wenig strukturiert ist die Arbeit der Herausgeberin, zu ambivalent ist die Haltung der BeiträgerInnen, deren Kommunikation zwischen Gleichrangigen häufig in nassforschen Paternalismus umschlägt. Wie wenig der Anspruch eines nützlichen qualitativen Methodenbuches eingelöst wird, sieht man auch daran, dass die schwierigsten Phasen der interpretativen Auswertung von den wenig erfahrenen AutorInnen kaum thematisiert werden.

Vorerst also muss das Experiment eines qualitativen Methodenlehrbuchs von Studierenden für Studierende als nicht geglückt angesehen werden.