Bloggen im Rotationsprinzip

Eine Gastautorin des SozBlog im Interview

Die Redaktion: Der Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) wird in der Regel von Gastautorinnen gestaltet, die jeweils für einen festen Zeitraum von ein oder zwei Monaten die alleinige Gestaltung seiner Inhalte übernehmen. Viele, die für den Blog schreiben, haben bereits eine Professur inne. Wie lässt sich die Betreuung des Blogs, die ja nicht nur das Schreiben von Beiträgen, sondern auch das Reagieren auf Kommentare umfasst, mit dem Arbeitsalltag einer Professorin vereinbaren?

Eva Barlösius: Ach, das war eigentlich kein Problem, wir sitzen ja eh den ganzen Tag am Computer, sind im Netz. Außerdem war es für mich eine unterhaltsame Abwechslung. Zwei Monate kann man zudem gut überblicken.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen? Und waren Sie zuvor bereits Leserin des Blogs?

Ungefähr ein halbes Jahr zuvor wurde ich von einem lieben Kollegen aus dem Vorstand der DGS gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe gleich spontan zugesagt, was ihn – wenn ich mich richtig erinnere – ziemlich überrascht hat. Davor hatte ich keinerlei Erfahrung mit dem Bloggen. Aber mir war längst klar, dass das nicht mehr als Koketterie durchgeht, sondern ein Manko ist: Für die wissenschaftliche Kommunikation ist das Netz essenziell, aber noch wichtiger ist es als praktische Felderfahrung mit dem soziologischen Sujet „soziale Medien“.

Wenn ich ehrlich bin, war meine Vorstellung vom Bloggen von dem Film Julie & Julia (2009) bestimmt, der die Geschichten einer Kochbuchautorin und einer Bloggerin miteinander verknüpft. Bei einer Person, die zur Soziologie des Essens forscht, ist dies vielleicht verzeihlich.

Den SozBlog lese ich seit Langem, nicht regelmäßig, aber doch oft, wenn ich ein bisschen von der soziologischen Arbeit ausspannen möchte und etwas soziologische Unterhaltung suche. Allerdings habe ich bislang noch keinen Kommentar geschrieben.

Welchen Themen und Textformen, für die es in Ihren regulären Veröffentlichungen vielleicht bisher keinen Raum gab, konnten Sie sich als Blogautorin widmen?

Ja, sicher, das war der entscheidende Grund, weshalb ich zugesagt habe. Ich wollte von Anfang an zwei Themen behandeln, die sich nicht für andere Veröffentlichungsformen eignen, allenfalls für Workshops oder ad-hoc-Gruppen auf dem Soziologie-Kongress. Aus meiner Sicht befasst sich die (deutsche) Soziologie zu wenig mit dem Web als Forschungsgegenstand, als empirische Basis. Es findet mittlerweile eine Methodendiskussion darüber statt, wie man das Web für empirische Erhebungen nutzen kann, aber Fragen wie diejenige, ob sich dort neue Formen der Sozialität herausbilden, thematisieren wir meiner Meinung nach noch zu wenig.

Noch wichtiger war mir zu verdeutlichen, dass andere Disziplinen gegenwärtig methodische Werkzeuge entwickeln, mit denen sich das Netz systematisch für die Forschung erschließen lassen soll. Diese Werkzeuge genügen jedoch häufig nicht den methodischen Anforderungen der Soziologie. Dies fängt bereits damit an, dass uns bekannte Suchmaschinen nach ihren Vorgaben durch das Netz führen und sich so ihre inhaltlichen Prioritäten in unsere Forschung einschreiben. Außerdem zielen die meisten Werkzeuge auf möglichst große Datenmengen und vernachlässigen qualitative Festlegungen und Auswahlkriterien. Beteiligen wir uns nicht an der Entwicklung der Werkzeuge, lassen wir uns etwas aus der Hand nehmen, was unser Fach selbst gestalten sollte: die eigene wissenschaftliche Infrastruktur.

Wie hat sich Ihre Beschäftigung mit diesen Themen durch das Blogformat inhaltlich verändert? Haben Sie über manche Fragen neu nachgedacht?

Ja, ich habe gelernt, dass man seine Begrifflichkeit noch überlegter zu wählen hat. Es ist mir nämlich beim ersten Eintrag etwas Irritierendes passiert. Die Entwürfe für meine Beiträge habe ich einem Kollegen zu lesen gegeben, weil er viel mehr über das Netz forscht als ich, beispielsweise gemeinsam mit der Informatik Tools entwickelt etc. Er hat nur zur Veranschaulichung das Wort „big data“ eingefügt. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass sich beinahe alle Kommentare nur noch mit diesem Wort befassen würden. Was ich sagen wollte, was ich anregen wollte, war damit sogleich von einer Aburteilung dessen überdeckt, was die Leserinnen mit „big data“ assoziieren. Danach habe ich mich bemüht, Vergleichbares zu vermeiden, weil es aus meiner Sicht mein Schreiben vollkommen überflüssig machte.

Nach welchen thematischen Kriterien haben Sie die Beiträge für den Gesamtzeitraum geplant oder angeordnet? Wie regelmäßig wurde ein neuer Text fertig?

Zu den Schwerpunktthemen habe ich oben schon etwas gesagt. Vor dem Start habe ich eine grobe Planung gemacht, mich auch mit anderen darüber ausgetauscht, welche Aspekte ich ansprechen könnte. Und so wusste ich, ungefähr alle fünf bis sechs Tage sollte ich wieder einen neuen Text hochladen. Teilweise habe ich auch zusätzliches Material für den Blog gesichtet und gelesen.

Wie bewerten Sie die Resonanz auf Ihre Beiträge? Kam eine inhaltliche Diskussion zustande? Gab es auch unseriöse oder aggressive Reaktionen?

Oh je, die Resonanz hängt auch und vor allem von an meiner Art ab, den Blog zu gestalten. Wie gesagt hatte ich Julie im Hinterkopf, die schreibt und schreibt… und erst spät merkt, dass sie mit ihren Einträgen mehr auf Austausch abzielen sollte. Nach mir hat Thomas Kron den Blog betreut. Er hat das Medium ganz anders „bedient“, die technischen Möglichkeiten des Bloggens mehr ausgeschöpft als ich. Vor allem hat er bereits mit seinem ersten Eintrag Kommentare und Reaktionen ausgelöst.

Ob es unerfreuliche Kommentare gab? Offenbar halten es einige Personen für nötig, andere stets zu kritisieren. Wenn man sich die Kommentare zu früheren Blogeinträgen anschaut, hat man schnell die „Namen“ der betreffenden Nutzerinnen zusammen und weiß damit umzugehen.

Mit welchen Themen oder Textformen sind Sie gescheitert? Was funktionierte besonders gut?

Was heißt Scheitern? Wenn Sie auf die Seite des Blogs gehen, können Sie sehen, wie viele Personen sich gerade die Seite anschauen. Kommentieren tun davon nur wenige. Woran kann man Gelingen oder Scheitern festmachen? An der Anzahl der Kommentare oder daran, ob man den Eindruck gewinnt, dass man mit seinem Anliegen verstanden wird? Ich weiß es nicht, aber die Anzahl der Besucherinnen lässt doch hoffen, dass die Einträge gelesen werden – vermutlich sogar häufiger als ‚normale Fachaufsätze‘. Beiträge, in denen ich klar Position bezogen habe, riefen im Allgemeinen mehr Resonanz hervor. Vielleicht gibt es die Erwartung, dass das Bloggen eine persönlichere Textform zu liefern hat, ganz ähnlich wie schriftliche Interviews, die ja auch persönlicher und lockerer verfasst sein sollen.

Kannten Sie viele Ihrer Leserinnen persönlich? Haben Sie eventuell auch Werbung für den Blog gemacht?

Die Leserinnen, die sich mit einem identifizierbaren Namen beteiligt haben, kannte ich zumeist. Aber ein Großteil nutzt „Nicknames“. Werbung habe ich gemacht, insbesondere bei den Kolleginnen der Web-Sciences, den Digital Humanities etc. Ich habe für den SozBlog vor allem auch deshalb geschrieben, weil ich jüngere Soziologinnen und Soziologen erreichen wollte. Allerdings bin ich nach den zwei Monaten unsicher, ob die den Blog lesen. Aber diese Erwartung fußte auf meiner Vorstellung vom Bloggen, vermutlich habe ich mich in diesem Punkt geirrt.

Was haben Sie durch Ihre Rolle als Gastautorin gelernt?

Ich hätte besser die technischen Möglichkeiten des Mediums nutzen sollen. Das nächste Mal würde ich das auf jeden Fall tun. Ob man so themengetrieben, wie ich das getan habe, den Blog betreuen sollte, dass bezweifle ich mittlerweile auch. Vielleicht sollte man einfach mehr wagen und spontaner schreiben.

Sollten und, wenn ja, wie könnten Wissenschaftlerinnen das Netz besser nutzen?

Als Wissenschaftlerinnen nutzen wir doch permanent das Netz: Wir korrespondieren per E-Mail, WhatsApp etc., gehen nicht mehr in die Bibliothek, sondern ziehen beinahe alle Texte aus dem Netz, schreiben von verschiedensten Orten aus gemeinsam Anträge, Bücher und Aufsätze und speichern die verschiedenen Versionen in der Cloud.

Was wir als Soziologinnen besser machen sollten, ist genau das, wovon meine Blogeinträge handelten, nämlich das Netz als Forschungsgegenstand anerkennen. Das Web ist Vieles, aber insbesondere eine soziologische Herausforderung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.