„Denn ein Weg entsteht erst, wenn man ihn geht“

Leistung als Antwort auf die neue und alte Frauenfrage?

Die deutsche Rock-Band Jennifer Rostock veröffentlichte im Rahmen ihres Albums Genau in diesem Ton am 9. September 2016 den Song Hengstin und dazu einen Videoclip, in dem sie erfolgreichen Frauen aus unterschiedlichen Branchen eine Bühne gab, ihre Leistung zu präsentieren. Mit dieser Form des Empowerment erreichte sie bis Anfang März 2017 alleine bei YouTube über vier Millionen Aufrufe. In einem Facebook-Post erörterte Leadsängerin Jennifer Weist die politische Botschaft des Clips mit den Worten: Frauen haben "nach wie vor weniger Karrierechancen, verdienen in gleichen Jobs weniger als Männer und haben mit krasseren Vorurteilen zu kämpfen". Entsprechend wichtig sei es, "selbstbewusst und eigenständig zu sein, keinem Hengst hinterher zu rennen, sondern selber Hengstin zu sein". In den Passagen des Songtextes werden unterschiedliche Gesichtspunkte der Benachteiligung von Frauen aufgegriffen, die Gleichheitsfeministinnen in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet haben. Anlässlich des internationalen Frauenkampftages wollen wir die Forderungen der Gleichheitstheorie auf den Prüfstand stellen und erläutern, warum sie unserer Meinung nach nicht weit genug reichen. Die Aussagen des Songs nehmen wir zum Anlass, um uns kritisch mit den darin implizit verarbeiteten Diskursen und Praxen von Geschlechterverhältnissen auseinanderzusetzen.

Die ebenso klare wie einfache Botschaft, die der Song vermittelt, lautet: Um sich als Subjekte frei zu entfalten und ihren eigenen Weg zu gehen, müssen Frauen die an sie gerichteten gesellschaftlichen Zuschreibungen zurückweisen. Hier fällt eine Anlehnung an die Ursprünge des liberalen Feminismus und der sich mit ihr etablierenden Gleichheitstheorie ins Auge, hatte doch bereits Simone de Beauvoir als deren zentrale Vertreterin betont, dass die engen Vorgaben weiblicher Rollenmuster Frauen an der Entfaltung ihres menschlichen Potenzials hinderten.[1] Durch Sozialisation würden Frauen auf einen Objektstatus festgeschrieben, an den sie sich immer mehr gewöhnten, bis sie ihn schließlich selbst verinnerlichten. Häufig schon während der Kindheit, ganz deutlich in der Jugendzeit und spätestens im Erwachsenenalter manifestiere sich durch die Übernahme von Fürsorgeaufgaben im Leben vieler Frauen eine abhängige Position. Im Zuge dieser Prozesse würden Frauen nicht nur als vergeschlechtlichte Besonderheit gegenüber der zur Norm erhobenen männlichen Allgemeinheit gesetzt, sondern sie setzten sich schließlich selbst als Besondere.

Der Songtext thematisiert damit eines der zentralen Hindernisse weiblicher Emanzipation, nämlich den Beitrag der Frauen zur Dividende der Männer in den Chefetagen von Wirtschaft, Politik und Kultur. Das Argument, dem zufolge Frauen an ihrer eigenen Unterdrückung beteiligt und folglich mitverantwortlich für die Reproduktion einer hierarchischen Geschlechterordnung seien, ist nicht neu. Bereits in den 1980er-Jahren fragte Frigga Haug, warum sich Frauen nicht gegen die Positionszuweisung als Abhängige wehrten.[2] Damit benannte sie das Wechselverhältnis zwischen der Zuschreibung und der Aneignung sogenannter weiblicher Attribute und erhob dies zum Forschungsgegenstand. Eben dieses problematische Wechselverhältnis von Zuschreibung und Aneignung macht auch der Song zum Thema: Die Passage „Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist, ich glaube nicht daran, dass mein Körper eine Waffe ist“ kann als Plädoyer verstanden werden, zentrale Zuschreibungen an das weibliche Geschlecht zurückzuweisen: Weder sind Frauen schwächer als Männer, noch wird ihr Körper durch besondere Reize zu einer Waffe. Frauen haben keine „besondere“ Natur, sie sind allgemein menschlich, nackt wie angezogen, sofern sie es schaffen, Zuschreibungen, die an sie als Frauen gerichtet werden, zurückzuweisen. Die von Feministinnen mit Bezug auf die Differenztheorie immer wieder geforderte Umdeutung und positive Besetzung von Zuschreibungen hingegen laufe wie deren Aneignung und Verinnerlichung nur auf deren Bestätigung hinaus: „Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst“.

Die Thematisierung von Zuschreibung und Aneignung wird in dem Song jedoch nicht ausschließlich in Bezug auf den weiblichen Körper thematisiert, sondern auch in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Zweifelsohne gehört zu der hegemonialen Vormachtstellung, die Männer in den Chefetagen genießen, auch das implizite Einverständnis vieler Frauen, die eben diesen Chefetagen fernbleiben. Die Frage, wer den Frauen eigentlich die „Ketten aus Silber und Gold“ auferlegt hat, ist deshalb ausgesprochen wichtig. Wenn Weist fragt: „Hast du das selber gewählt, hast du das selber gewollt?“, dann weist sie damit nicht nur auf die weibliche Beteiligung (und Mitschuld) an der gegenwärtigen vergeschlechtlichten Wirtschaftsordnung hin, sondern wirft die darüber hinausgehende Frage nach dem weiblichen Wollen, beziehungsweise Wollensollen auf. Was Frauen genau wollen und was sie wollen sollen, kann freilich nicht immer haarscharf getrennt werden.

Mit der Frage „Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst?“ wird ein weiteres zentrales Spannungsverhältnis im Verhinderungsmodus weiblichen Erfolgs angesprochen. Auch damit greift der Song ein Thema auf, das in feministischen Diskursen schon länger virulent ist. In ihrem 2013 erschienenen Buch Lean In erörterte Sheryl Sandberg warum es schwierig sei, als Frau sympathisch und dennoch kompetent und souverän aufzutreten.[3] Indem beruflicher Erfolg bei Männern als attraktiv gelte, Frauen aber vermeintlich unsympathisch mache, werde der weibliche Wille zur Macht häufig im Keim erstickt. Von Männern hingegen würden Abgrenzung, sozialer Rückzug und gelegentliche Aggressivität nicht nur akzeptiert, sondern nahezu sozial erwartet. Dem entgegen würden Frauen als „arrogant“ und „respektlos“ gebrandmarkt, wenn sie andere Menschen zurückweisen oder unterbrechen, weil sie selbst die besseren Argumente haben. Als Frau Selbstbewusstsein zu demonstrieren, ohne überheblich zu wirken, erscheint demnach fast wie ein Ding der Unmöglichkeit. Frau Sandberg zufolge sollten Frauen sich deshalb besser damit abfinden, nicht gemocht zu werden. Ihre persönlichen beruflichen Ziele sollte ihnen wichtiger sein als die gesellschaftliche Anerkennung als Frau.

Mit dem Refrain „Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät, denn ein Weg entsteht erst, wenn man ihn geht“ transportiert der Song eine ähnliche Botschaft und kommt dem Plädoyer von Sandbergs „hängt euch rein“, „bringt Leistung“ sehr nahe – mit dem Unterschied, dass dem Song zufolge „ein Weg erst dadurch entsteht“, dass er selbstständig gegangen wird. Ebenfalls eine wichtige Botschaft. Denn viele Frauen sind der Überzeugung einen Job nur dann machen zu können, wenn sie alle Voraussetzungen routiniert erfüllen, während männliche Bewerber häufig schon dann „Das kann ich!“ rufen, wenn sie damit nur meinen, sich das Geforderte aneignen zu können. Ebenso reicht der Hinweis, dass es arrogant rüberkommen könnte, sich auf die eigenen Erfolge zu beziehen, für viele Frauen aus, um diese klein zu reden oder ganz zu verschweigen, ganz nach dem Motto: Lieber erfolglos und beliebt als selbstgefällig oder gar hochmütig. Im Song wie in dem dazugehörigen Clip wird mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Weiblichkeit und Erfolg ein zentrales Moment der Verhinderung weiblicher Emanzipation brillant thematisiert. Indem er Frauen, die sich über ihren beruflichen Erfolg definieren, ehrt und in Szene setzt, wird das betreffende Spannungsverhältnis zumindest im Video denkbar simpel, aber anschaulich aufgelöst. Insofern reformuliert der Clip alle Appelle des Gleichheitsfeminismus, dem zufolge Frauen durch ihr eigenes Verhalten darauf hinwirken sollten, Geschlechterrollen und Praxen aufzubrechen, um in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt und auf Augenhöhe zu partizipieren. Die Chance, allen menschlichen Interessen und Möglichkeiten nachzugehen, sollten Frauen nicht ungenutzt lassen. Jede Frau, so die zentrale Botschaft, kann ihr Ziel erreichen, wenn sie es nur schafft, die an sie gerichteten Zuschreibungen zurückzuweisen – und sich auch nicht von den angenehmen Begleiterscheinungen der abhängigen Rolle, dem zur „Peitsche“ gehörigen „Zucker“, locken und „zähmen“ lässt. So sagt Frau Weist in einem Interview: „Eine Hengstin ist für mich eine Macherin. Eine, die ihr Leben in die Hand nimmt, macht was sie möchte und sich nicht beirren lässt.“

Leistungsschwäche als Hindernisgrund voller Gleichberechtigung?

Die vom Clip propagierte Form des Empowerment, das darauf abzielt, Frauen zur Übernahme von Verantwortung zu ermutigen und darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, bewegt sich allerdings auf einer individuellen Ebene. Indem er beruflich erfolgreiche weibliche Vorbilder aus unterschiedlichen Branchen zeigt, entsteht der Eindruck, als müssten Frauen lediglich genug Leistung erbringen und schon würde sich die geschlechterbedingte soziale Benachteiligung ganz von alleine erledigen. Durch die Ausblendung struktureller Faktoren sozialer Ungleichheit aber bleiben die Hauptursachen, die eine gleichberechtigte Partizipation von Frauen am gesamten öffentlichen Leben verhindern, unberücksichtigt. Was fehlt, ist die Einsicht, dass individueller beruflicher Erfolg ebenso wie das bestehende kapitalistische Wirtschaftssystem auf einer zentralen Voraussetzung basiert: der Liebe, Fürsorge und Versorgung durch Andere. Die Tatsache, dass mehrheitlich Frauen diese Versorgung leisten, hindert sie daran, ein selbstbestimmtes Leben nach den Normen eines fürsorgebefreiten Mannes zu führen. Erst die Notwendigkeit, jenseits der eigenen Selbstverwirklichung im Beruf auch noch Fürsorgearbeit erbringen zu müssen, führt also zu den geschlechtlichen Zuschreibungen, deren Aneignung und Verinnerlichung der Song und der dazugehörige Clip problematisieren. Obgleich das Streiten für die Freiheit von Frauen ein nach wie vor notwendiges und ehrenwertes Anliegen ist, hat das Plädoyer an Frauen, für ihr eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen, ohne einen zusätzlichen Hinweis auf den Umstand, dass die Verantwortung für Andere in unserer Gesellschaft überwiegend von Frauen übernommen wird, den faden Beigeschmack von Ignoranz. Insofern skandalisiert der Clip zwar die Männerdominanz in unterschiedlichen Branchen, hinterfragt jedoch nicht das als Maßstab dienende männliche Ziel des beruflichen Erfolgs. Das kommt nicht zuletzt sprachlich zum Ausdruck, indem der Terminus „Hengst“ in die weibliche Form der titelgebenden „Hengstin“ überführt wird – ein Neologismus, mit dem offenbar vor allem durchsetzungsstarke Frauen adressiert werden sollen. Tatsächlich ist es in der Tierwelt aber die Stute, welche die Richtung vorgibt und eine Herde leitet.

Das gleichheitsfeministische Anliegen, an die Selbstermächtigung von Frauen zu appellieren, genießt derzeit eine Monopolstellung. Die Position der liberalen Feministinnen repräsentiert die Perspektive und die Interessen des progressiven Bürgertums. Weil fast alle Beiträge aus diesem Lager eine offensive Stimmung des Aufbruchs verbreiten und Frauen ermutigen, sich gegen traditionelle Zuschreibungen zu wehren, hat diese Position Potenziale, auch Menschen aus anderen Schichten einzubinden und sozialen Aufstieg zu versprechen. Auffällig ist, dass eines der klassischen Themen des ,alten’ Feminismus, die Doppelbelastung von Frauen, vollkommen ausgeblendet wird. Der liberale Feminismus verbindet Elemente von Elitenförderung mit einer Flexibilisierung der Geschlechterhierarchien, wobei sich auch genau darin Klassenzugehörigkeiten bewähren. Er wendet sich gegen geschlechterhierarchische Strukturen und den nostalgischen Blick zurück auf die Hausfrauenehe. Die Emanzipation soll in neuer Form weitergeführt werden, beschränkt sich jedoch auf Maßnahmen, in deren vollen Genuss nur relativ Privilegierte kommen. Mit den Problemen der geringqualifizierten Angestellten, die ausgesprochen schlechte Aufstiegschancen haben oder die erst gar keinen Arbeitsplatz finden, befasst sich liberaler Feminismus nur am Rande. Die steigende Arbeitsbelastung, wachsende Prekarität, sinkende Löhne und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten sind als Themen ebenso abwesend wie die Entwicklung von alternativen Perspektiven persönlicher Entfaltung im Berufs- und Erwerbsleben.

Kritik am neoliberalen und wirtschaftsorientierten Charakter des an Frauen gerichteten Plädoyers, Leistung zu bringen und ihren eigenen Weg zu gehen, anstatt sich in „Ketten aus Silber und Gold“ legen zu lassen, kommt einzig von konservativer Seite. Dem zunehmenden Leistungsdruck begegnen die betreffenden Autorinnen allerdings nicht mit Forderungen nach einer Umstrukturierung des Arbeitsmarktes und nach anderen Arbeitszeitmodellen, sondern mit dem Plädoyer für eine Rückkehr zu den Geschlechterarrangements aus fordistischen Zeiten, in denen die gesellschaftlich notwendigen Versorgungsleistungen zwar auch mehrheitlich von Frauen erbracht wurden, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie für die betreffenden Tätigkeiten damals zumindest Anerkennung erfuhren.

Weil das Plädoyer „Frauen sollten Verantwortung übernehmen“ an der Lebensrealität vieler Frauen vorbeigeht, die tagtäglich nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen, sondern darüber hinaus auch für das Leben ihrer Kinder, Freund_innen und Verwandten, können sich die Vertreter_innen rechtskonservativer Positionen einmal mehr als die Stimme der ,schweigenden Mehrheit’ inszenieren.

Vereinfacht gesagt beobachten wir eine Frontstellung zwischen einem wirtschaftsliberalen Feminismus auf der einen und konservativen Forderungen nach der Anerkennung real erbrachter Fürsorgeverantwortung auf der anderen Seite. In dieser Konstellation erscheint Widerstand gegen Marktzwänge als konservativ, Gleichstellung der Geschlechter hingegen als Orientierung an elitären Lebensentwürfen. Der ehemals tonangebende linke Feminismus verfolgt derzeit kein klar erkennbares Projekt. Der aktuelle Blick auf Feminismus erhält somit insgesamt das Image eines ,Feminismus der Besserverdienenden’, während die Sorgen der Fürsorgeleistenden mit der Ideologie der ,Familienfreundlichkeit’ von konservativer Seite aufgegriffen werden. Hier wäre als dritte Position die eines linken Feminismus gefragt, der gleichermaßen gegen Geschlechterhierarchien wie auch gegen die Abwertung von Fürsorgearbeit und Versorgungsleistungen mobilisiert. Gebraucht und gesucht wird ein linker Feminismus der Zukunft, Differenzen als vielfältige Chancen von Freiheit begreift, die es nicht nach einer Seite hin aufzulösen, sondern sich im (Wider-)Streit entfalten zu lassen gilt.

Fußnoten

[1] Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Reinbek b. Hamburg 1968.

[2] Frigga Haug, Frauen – Opfer oder Täter?, Berlin 1981.

[3] Sheryl Sandberg, Lean In. Women, Work and the Will to Lead, New York 2013 [dt.: Frauen und der Wille zum Erfolg, übers. v. Barbara Kunz, Berlin 2013].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.