Dezemberrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Im American Journal of Sociology (3/2016) untersuchen Paul Ingram und Brian S. Silverman The Cultural Contingency of Social Structure anhand einer historischen Fallstudie aus der Zeit des Liverpooler Sklavenhandels. Jennifer Glass, Robin W. Simon und Matthew A. Andersson fragen derweil nach dem Zusammenhang von Parenthood and Happiness und erörtern die Effects of Work-Family Reconciliation Policies in 22 OECD Countries.

In Das Argument (5/2016) analysiert Wolfgang Fritz Haug Trumps Präsidentschaft als emblematisches Produkt der herrschenden Schlafwandler, während Enzo Traverso den Metamorphosen der radikalen Rechten im 21. Jahrhundert nachspürt. Im Schwerpunktteil des Heftes versuchen sich Iman Attia, Mariam Popal, Kien Nghi Ha, Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Imad Mustafa und Markus Schmitz an einer kritischen Kritik westlicher Islamdiskurse.

Um Facts und Fiction geht es unterdessen in der aktuellen Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte (51/2016), die sich mit der medialen Darstellung von Politik und Geschichte befasst. Im Dienste der Wissenschaft vor den Flachbildschirm gesetzt haben sich u. a. Andreas Dörner, der Politserien geschaut hat, und Bernd Kleinhans, dem Geschichtsphilosophie im Historienfilm begegnet ist.

Behemoth (2/2016) interessiert sich unter der Herausgeberschaft von Axel T. Paul für Money's Future and Future Monies. Während der Herausgeber On the Lure and Limits of Monetary Reforms nachdenkt und Elena Esposito Temporal Markets in den Blick nimmt, erzählt Philip Mader eine Geschichte von Card Crusaders, Cash Infidels and the Holy Grails of Digital Financial Inclusion.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (12/2016) diagnostiziert Michael D'Antonio beim künftigen Präsidenten der USA einen Trump-Komplex. Harald Schumann warnt vor der Herrschaft der Superreichen. Und Claus Leggewie fragt: Droht uns ein Faschismus mit amerikanischem Antlitz?

Die jüngste Ausgabe von Dissent (Fall 2016) wartet mit einem Schwerpunkt zu Feminist Strategies auf. Premilla Nadasen nimmt The Care Deficit unter die Lupe, Sarah Leonard interviewt Nancy Fraser und Johanna Brenner fordert Hours for What We Will. Weitere Beiträge zur Situation von Frauen in England, Frankreich, Polen, Indien und China stammen von Dawn Foster, Mayanthi Fernando, Katheryn Detwiler Ann Snitow, Srila Roy und Leta Hong Fincher.

Diesseits des Atlantiks setzen sich die Feministischen Studien (2/2016) mit Gender und Politiken der Migration auseinander. Dieweil Julia Roth und Manuela Boatcă Staatsbürgerschaft, Gender und globale Ungleichheiten analysieren, zeichnet Katharina Hübner die Auswirkungen von heteronormativem Wissen auf die Asylverfahren LGBTI-Geflüchteter nach. Im Gespräch geben Magdalena Freudenschuss und Simona Pagano Auskunft über Feministische Kämpfe zwischen Rassismus und Asylregime.

Das aktuelle Kursbuch (Nr. 188) regt schon mit dem Titel Kalter Frieden zum Nachdenken an. Armin Nassehi erörtert Gewalt als Normalfall, Karsten Fischer beschreibt den Wahnsinn von Jahrtausenden und Ulrike Guérot bietet eine intellektuelle Mitfahrgelegenheit: Einmal heißer Krieg - kalter Frieden und zurück.

Im Leviathan (4/2016) präsentiert Susanne Krasmann Moment-Aufnahmen einer Soziologie des politischen Geheimnisses, während Marco Walter einmal mehr Das Politische unter Rekurs auf Carl Schmitt und Hannah Arendt auf den Begriff zu bringen sucht.

Nicht um Begriffe, aber um Worte ringen sie im London Review of Books (23/2016), wo sich gleich mehrere Autoren ihren Reim auf den Ausgang der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu machen suchen. Der omnipräsente Jan-Werner Müller schreibt über Capitalism in One Family, Christian Lorentzen steuert Short Cuts bei und ein mehr als beunruhigter David Runciman fragt: Is this how democracy ends?

In mda (2/2016) untersuchen Tarek Al Baghal und Jennifer Kelley The Stability of Mode Preferences und erörtern Implications for Tailoring in Longitudinal Surveys. Weitere Beiträge stammen u.a. von Caroline Vandenplas, Geert Loosveldt, Jorre T. H. Vannieuwenhuyze, Stefan Klug und Birgit Arn.

Im Merkur (12/2016) blicken sie gen Osten. Felix Philipp Ingold äußert sich Zur Theorie und Vorgeschichte der russischen Geopolitik, derweil Alexander Blankenagels Beitrag Vom Scheitern der Reformen in Russland handelt.

Der Mittelweg 36 (6/2016) setzt sich unter dem Titel Stolz und Vorurteile mit vielfältigen Erscheinungsformen des Populismus auseinander. Während Wolfgang Knöbl Historisch-systematische Anmerkungen zum "Populismus" beisteuert und Katharina Bluhm Ideologische Schlüsselkonzepte der neuen russischen Konservativen vorstellt, denkt Grit Straßenberger über Linkspopulismus als Gegengift? nach.

Polar (Nr. 21) will ein Zeichen setzen Gegen die Angst. Dieweil Heinz Bude der Frage nachspürt, Woher der Zorn? der "Abgehängten und "Verbitterten" in der Gegenwartsgesellschaft stammt, nimmt Fabian Gülzau Die Bildungspanik der Mittelschichten in den Blick und Micha Brumlik lotet Identitäre Bezüge bei Dugin, Evola und Heidegger aus. Karsten Rudolph schließlich zieht Eine kritische Bilanz der Bürgerbeteiligung für die repräsentative Demokratie.

Für die Politische Vierteljahresschrift (4/2016) haben Roy Karadag und Klaus Schlichte einen Themenschwerpunkt Kriege in der Weltgesellschaft zusammengestellt und dazu auch selbst einen Beitrag über Die Verunsicherung der Welt verfasst. Ebenfalls vertreten sind Raymond Hinnebusch, der über State De-Construction in Iraq and Syria berichtet, und Ulrich Schneckener, der sich um eine Deutung und Charakterisierung des Donbass-Konflikts bemüht. Am Ende bilanzieren Conrad Schette und Katja Mielke die Intervention in Afghanistan und konstatieren Was von Kundus bleibt.

In Les Temps Modernes (Nr. 691) dreht sich alles um Nuit debout et notre monde. Arthur Guichoux geht in Nuit debout et les "mouvements des places" möglichen Zusammenhängen zwischen désenchantement et ensauvagement de la démocratie nach und Adèle Zetkine diskutiert, Quand dire, c'est résister.

Die Zeitschrift für Ideengeschichte (4/2016) hat Kleine Depressionen zu ihrem aktuellen Thema erkoren. Gilbert Merlio lässt Spenglers kleine Untergänge Revue passieren, unterdessen sich Helmut Peitsch in Politische Melancholie auf die Suche nach Tropen des Marxismus um 1968 macht. 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.