Februarrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Im American Journal of Sociology (Januar 2017) präsentieren Andrew G. Walder und Qinglian Lu unter dem Titel The Dynamics of Collapse in an Authoritarian Regime die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das neues Licht auf die Gründe für den zwischenzeitlichen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung während der chinesischen Kulturrevolution wirft. Im Debattenteil geht währenddessen die unendliche Auseinandersetzung um Erklären und Verstehen in der Soziologie in eine weitere Runde. Catherine J. Turco und Ezra W. Zuckerman nehmen in Verstehen for Sociology Stellung zu einem früheren Beitrag von Duncan J. Watts, der es sich nicht nehmen lässt, auf die kritischen Anmerkungen mit einer Response zu reagieren. Fortsetzung folgt.

Im Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von Das Argument (6/2016) geht es um Ethik im Kapitalismus als Arbeit an der Utopie. Sabine Plonz macht sich im Rahmen einer Fallstudie Gedanken Zum Verhältnis von Ökonomie und Moral, Elisabeth Conradi untersucht Ethico-politische Dimensionen der Sorge in deutschen Care-Diskursen und Joan C. Tronto fragt: Kann „Sorgende Demokratie“ eine politische Theorie der Transformation sein?

Die jüngste Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte (9–10/2017) ist der Türkei gewidmet. Im Mittelpunkt des Interesses wie des Beitrags von Michael Martens stehen dabei Der gescheiterte Putsch und seine Folgen. Während Kristina Karasu Die Wahrheit hinter Gittern sieht und über die (schwindende) Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei berichtet, nimmt Markus Dreßler Erdogan und die „Fromme Generation“ ins Gebet. Weitere Beiträge stammen u.a. von Funda Tekin, die die Hintergründe der EU-Türkei-Beziehungen durchleuchtet, und von Roy Karadag, der die Rolle der Türkei als (Un-)Ordnungsgarant in einem neuen Nahen Osten betrachtet.

Im Themenschwerpunkt der Berliner Debatte Initial (4/2016) wie auch in dem titelgebenden Beitrag der für die Zusammenstellung des Heftes verantwortlichen Herausgeber Gregor Ritschel und Thomas Müller dreht sich alles um die Frage, ob Big Data als Theorieersatz taugt. Zu den Autor_innen des Schwerpunkts gehören u.a. Jochen Mayerl und Katharina Anna Zweig, die mit Thesen zur Zukunft der Soziologie aufwarten, Klaus Mainzer, der Anmerkungen Zur Veränderung des Theoriebegriffs im Zeitalter von Big Data und effizienten Algorithmen beisteuert, sowie Christian Wadephul, der wissen will: Führt Big Data zur abduktiven Wende in den Wissenschaften? Im allgemeinen Teil des Heftes legt Loïc Wacquant Eine kurze Genealogie und Analogie des Habitusbegriffs vor.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (2/2017) erklärt Michael T. Klare Die Welt, wie Trump sie sieht, dieweil Seyla Benhabib sich für den in der Türkei tobenden Kampf um die Geschichte interessiert, Nancy Fraser Für eine neue Linke trommelt und Dieter Klein sich fragt: Wo sind die aufgeklärten Eliten? Ebenfalls im Heft enthalten: Der neue Hass auf das Establishment und die Sehnsucht nach dem Feind, der letzte und hier erstmalig in deutscher Sprache veröffentlichte Text des im Januar verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman.

Nicht zwangsläufig das Bewusstsein, aber mit Sicherheit den Erkenntnishorizont erweitern die Beiträge der Februarausgabe von Esprit (2/2017), deren Schwerpunkt dem Thema Politique des drogues gilt. Während Dan Werb Une guerre mondiale contre la drogue ausmacht, sprechen Fabrice Olivet und Samuel Roberts über die Frage: Guerre à la drogue, guerre raciale? Für die eher kulturellen Aspekte der Thematik interessieren sich Louis Andrieu, der L’usage des drogues au cinema beobachtet, sowie Nicolas Léger, dessen Beitrag Les écrivains sur les territoires du narcotrafic zu Wort kommen lässt. Und für Serienjunkies, die süchtig nach The Wire, Breaking Bad oder Narcos sind, haben Ghislain Benhessa und Nathalie Bittinger eine Dosis Poudre aux yeux parat.

Ihrem Namen alle Ehre macht das aktuelle Heft von Le Débat (1/2017), in dem gleich mehrere politische Brennpunkte der Gegenwart adressiert werden. Gegenstand des ersten Schwerpunkts sind noch einmal die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Während Godfrey Hodgson und Pierre-Emmanuel Dauzat sich für die Verbindungen zwischen Trump et les beaufs interessieren, fragt Vincent Michelot: War Trumps Triumph Une révolte programmée? Im zweiten Schwerpunkt inspiziert Ran Halévi die Situation de la démocratie israélienne und Charles Enderlin spürt den Dissonances zwischen La promesse divine et les conventions internationales nach. Es folgt ein Mini-Schwerpunkt zum Islamischen Staat. Darin begibt sich Xavier Raufer auf die Suche nach belastbaren Fakten über L’État islamique, objet terroriste non identifié, derweil Mahnaz Shirali genauer wissen will, welcher Art L‘islam de l‘État islamique eigentlich ist. Last but not least spielt auch der Brexit eine Rolle. Francis Hamon fragt: Le référendum n’est-il qu’une caricature de la démocratie? Ebenfalls not amused über den politischen Willen der Briten sind Élie Cohen, Gérard Grunberg und Bernard Manin, die kurz und bündig konstatieren: Le référendum, un instrument défectueux.

Ethics & International Affairs (4/2016) feiert ihr dreißigjähriges Jubiläum mit einem Symposium zu Allen Buchanan’s The Heart of Human Rights. Zu den geladenen Gästen gehören u.a. Pietro Maffettone, der Gedanken On Constitutional Democracy and Robust International Law beisteuert, und David Miller, der einen Text zu Human Rights and Status Egalitarianism spendiert. Allen Buchanan erwidert die intellektuellen Aufmerksamkeiten mit Human Rights: A Plea for Taking the Law and Institutions Seriously. Im Review Essay lehrt Jennifer C. Rubenstein ihre Leser_innen The Lessons of Effective Altruism.

Im European Journal of Sociology (3/2016) stellt Arjan Reurink das Konzept des „White-Collar Crime“ vor und testet dessen Tauglichkeit als Analyseinstrument im Kontext von Finanzkriminalität. Im Review Symposium setzen sich Marion Fourcade, Leslie Salzinger und Cihan Tugal kritisch mit Wendy Browns Undoing the Demos auseinander.

Die diesmal von Annette von Alemann, Sandra Beaufaÿs und Beate Kortendiek herausgegebene Ausgabe der Zeitschrift Gender (4/2016) widmet sich Auflösungen und Neukonfigurationen von Erwerbs- und Familiensphäre. Dieweil Katrin Menke Die selektiven Folgen einer ökonomisierten Familienpolitik auf die Wahlfreiheit von Müttern und Vätern erörtert und Benjamin Neumann die De-/Naturalisierung von Elternschaft und Geschlecht im Kontext Elternzeit untersucht, machen Anna Buschmeyer und Diana Lengersdorf Sphärentrennung und die Neukonfiguration von Männlichkeiten zum Thema. Unter dem schönen Titel Hochqualifiziert am Herd? (Hallo, Frau Herman!) nehmen Choni Flöther und Sarah Oberkrome schließlich Die berufliche Situation von promovierten Frauen und Männern innerhalb und außerhalb der Wissenschaft unter die Lupe.

Das Thema der jüngsten, von Lars Vogel und Juan Rodríguez-Teruel betreuten Ausgabe der Zeitschrift Historical Social Research (4/2016) sind Political Elites and the Crisis of European Integration. Das Heft versammelt eine Vielzahl an Länderstudien, in denen es um die Einstellung der jeweiligen nationalen politischen Eliten zur Europäischen Union unter dem Eindruck der Finanzkrise geht. Vertreten sind Beiträge zu Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Italien, Kroatien, Litauen, Portugal, Slowenien, Spanien und Ungarn.

Die Kritische Justiz (4/2016) verhandelt in ihrem Schwerpunkt Menschenrechte, nichtstaatliche Akteure und Legitimität. Eröffnet wird das Verfahren mit einer Einleitung in den Schwerpunkt von Janne Mende. Als Zeugen gehört werden u.a. Andreas Kruck, der über die Privatisierung von Regieren und die Dynamiken und Grenzen der rechtlichen Kontrolle privater Autorität(en) aussagt, sowie Brigitte Hamm, die Angaben zu den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und deren Auswirkungen auf das Menschenrechtsregime macht.

Der von Josef Brüderl und Mark Trappmann verantwortete Schwerpunkt der neuen mda (1/2017) setzt sich mit Data Collection in Panel Surveys auseinander. Oliver Lipps und Georg Lutz stellen Gender of Interviewer Effects in a Multi-topic Centralized CATI Panel Survey vor, dieweil Josef Brüderl und sein Team über Collecting Event History Data With a Panel Survey berichten. Ian Plewis, Lisa Calderwood und Tarek Mostafa hingegen wollen wissen: Can Interviewer Observations of the Interview Predict Future Response?

Im Merkur (Februar 2017) denkt Martin Sabrow über das Erlösungsversprechen unserer Erinnerungskultur nach, während Werner Plumpe Romantische Fiktionen und den Traum von der Welt ohne Geld aufs Korn nimmt. Weniger ernsthaft geht es in der Medienkolumne zu, in der Matthias Dell unter dem sperrigen Titel Talkshowrhetoriken, Medienkritik und „besorgte Bürger“ vor Pegida mit einer kurzweiligen Eloge auf Hape Kerkeling und seine Kunstfigur Rico Mielke aufwartet.

Die neue Ausgabe des Mittelweg 36 (1/2017) geht in einem von Sören Brandes und Malte Zierenberg zusammengestellten Schwerpunkt den Praktiken des Kapitalismus nach. Paul Franke nimmt den Kasinokapitalismus wörtlich und flaniert durch Monte Carlo im 19. und 20. Jahrhundert, Veronika Settele zeigt, wie der Kapitalismus im westdeutschen Kuhstall Einzug hielt und das Zusammenspiel von Mensch, Kuh, Maschine veränderte, und Stefan Laube hat sich als Ethnograph in einen Trading Room begeben, um dort Einsichten Zur praxeologischen Fundierung finanzkapitalistischer Dynamik zu gewinnen. In einem abschließenden Beitrag steuert Thomas Welskopp Überlegungen zu einer praxistheoretisch informierten Historisierung des Kapitalismus bei und fragt nach dem intellektuellen Mehrwert des Konzepts.

Düster sind die Aussichten, die die New York Review of Books (3/2017) ihren Leser_innen eröffnet. David Cole macht nicht viel Federlesens und behauptet: Trump Is Violating the Constitution. Und Charles Glass beschreibt How Assad Is Winning. Alle, die das deprimiert, mögen sich auf die Couch begeben und Frederick C. Crews anvertrauen, der fragt Freud: What’s left?

Die aktuelle Ausgabe der Soziologie (1/2017) hat ein Symposion zur Frage Was ist Netzwerkforschung? im Angebot. Dazu steuern Silke van Dyk und Tilman Reitz Gedanken über Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem bei, während Antonia Schmid und Thorsten Thiel Fachgesellschaften und der Kampf für gute Arbeit in der Wissenschaft wichtig sind. Kämpferisch gibt sich Timo Heim, der Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit plädiert. Abseits des Symposions setzt Manfred Mai die in einer früheren Ausgabe von Jan-Felix Schrape begonnene Diskussion um Soziologie als „Marke“ fort.

In Thesis Eleven (Nr. 137) ist man Unease With Civilization. Im titelgebenden Aufsatz formuliert Nicole Pepperell kritische Nachfragen an Norbert Elias‘ Konzept des Zivilisationsprozesses, Rodrigo Cordero macht sich auf die Suche nach Reinhart Koselleck’s contributions to critical theory und Jeffrey C. Alexander propagiert in Progress and disillusion die Civil Sphere Theory als die bessere Alternative zu konflikt- und modernisierungstheoretischen Ansätzen.

Auch wenn der ingeniöse Titel betrifft: Beamte anderes suggeriert – die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (1/2017) ist nicht nur für Staatsdiener_innen interessant. Tatsächlich ist im Schwerpunktteil für jede/n etwas dabei: Burkhard Meißner schreibt über Beamte im antiken Rom, Sabine Reh nimmt am Beispiel des Berufs der Lehrerin Weibliche Beamte und das Zölibat in den Blick, Wolfram Pyta untersucht die Verwaltungskulturen im NS und Hedwig Schmidt-Glintzer berichtet über Maos Mandarine. Jenseits des Schwerpunkts lässt Dieter Henrich im Gespräch mit Mathias Bormuth und Ulrich von Bülow Die amerikanischen Jahre Revue passieren, während Peter Paret Bücherschicksale schildert.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.