Januarrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Im Atlantic Monthly (Januar/Februar 2017) blickt Ta-Nehisi Coates auf die Präsidentschaft von Barack Obama zurück und konstatiert: My President Was Black. Klärungsbedarf hat auch William Deresiewicz, der mit seinem Beitrag In Defense of Facts antritt, den Essay als Form zu verteidigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte (4/2017) widmet sich der Gewalt. Wolfgang Knöbl fragt, wie sich Gewalt erklären lässt, Michaela Christ gibt einen Überblick über den Stand der Gewaltforschung und Stefan Kühl untersucht Gewaltmassen. Teresa Koloma Beck spürt derweil dem Mythos vom Verschwinden der Gewalt in der Moderne nach.

Die Blätter für deutsche und internationale Politik (1/2017) präsentieren mit Joan C. Williams, Mark Lilla und Chimamanda Ngozi Adichie drei prominente Stimmen aus Trumps Amerika, die Lehren für die Linke formulieren. Um gescheiterte Hoffnungen und geplatzte Träume geht es auch bei Michael Brie, der Die Dialektik des Scheiterns sozialistischer Führer von Lenin bis Castro untersucht, sowie bei Micha Brumlik, der den Übergang Vom Proletariat zum Pöbel nachzeichnet und anstelle des vormals revolutionären nun Das neue reaktionäre Subjekt auf dem Vormarsch sieht.

Im aktuellen Heft von dérive (Nr. 66) setzen sie sich mit Judentum und Urbanität auseinander. Laurence Guillon sucht Das Phänomen der jüdischen Berlinophilie zu verstehen und Bodo Kahmann geht Zusammenhängen zwischen Antisemitismus und Großstadtfeindschaft nach. Weitere Texte zu jüdischer Großstadtkultur in London, Warschau und Antwerpen stammen von Tobias Metzler, Joachim Schlör und Veerle Vanden Daelen.

Bei Dissent (Winter 2017) krempeln sie nach dem Wahlsieg von Donald Trump die Ärmel hoch und arbeiten an einer Neuorientierung der Amerikanischen Linken. Jedediah Purdy skizziert Tomorrow‘s Fight, Sarah Leonard fordert Left Foot Forward und Timothy Shenk rührt schon mal die Trommel für The Next Democratic Party. Im Schwerpunktteil denken Sarah Jaffe, Natasha Lewis, Kate Aronoff, Rebecca Burns, Erik Loomis u.a. über The Future of Work nach. Und in einem Nebenschwerpunkt machen sich Michael Kazi, Michael Walzer, Samuel Moyn, Michael W. Doyle und Forrest D. Colburn auf den beschwerlichen Weg Toward a Left Foreign Policy.

Ganz der Zukunft zugewandt zeigen sich die Autor_innen der neuen Ausgabe von Esprit (1/2017), deren Sorge der Frage gilt: Où sont les prophètes? Während Anne Dujin eine eigenwillige Traditionslinie spannt und Les poètes prophètes de Victor Hugo à Bob Dylan Revue passieren lässt, sieht Camille Riquier Après la fin des utopies, le temps des prophéties heranbrechen. Ähnlich optimistisch schaut Jean-Louis Schlegel voraus, der Contre l’apocalypse, l’espérance de la prophétie hochhält, derweil Guy Petitdemange im Interview zu L‘École de Francfort et la Nostalgie d’un Tout Autre Stellung nimmt. Nur Jean-Claude Monod fragt skeptisch: Des prophètes en régime séculier?

Im Schwerpunkt des European Journal of Political Theory (1/2017) dreht sich alles um Glory as a Political Good. David Owen thematisiert Machiavelli’s il Principe and the Politics of Glory und Tracy B. Strong untersucht Glory and the Law in Hobbes. Jenseits des Schwerpunktes teilt Sean Derek Illing mit, was Camus and Nietzsche on politics in an age of absurdity zu sagen haben.

In der aktuellen Ausgabe der Internationalen Politik (Januar/Februar 2017) entschlüsselt Richard Herzinger Die Macht des Unerklärlichen und verrät, Was im Wettstreit mit dem Neoautoritarismus hilft – und was nicht. Vladislav Inozemtsev hingegen weiß, warum man in Putins Russland Vernarrt in die Vergangenheit ist und Daniel Gros stellt sieben Thesen zur Globalisierung auf den Prüfstand.

In der London Review of Books (2/2017) nimmt Rebecca Solnit kein Blatt vor den Mund und macht in Penis Power Trumps Angst vor Frauen zum Thema. Im Literaturteil stellt Glen Newey zwei neue Ausgaben von Thomas Morus‘ Utopia vor, während Adam Shatz einen Band mit Schriften Frantz Fanons kommentiert. Besonders lebhaft geht es diesmal in der ansonsten nicht gerade als große Bühne bekannten Leserbriefecke zu, wo Wolfgang Streeck und Adam Tooze miteinander die Klingen kreuzen. Stein des Anstoßes: Toozes ausgesprochen kritische Besprechung von Streecks How Will Capitalism End? in der vorangegangenen Ausgabe.

Mit einer gehörigen Portion Skepsis ins neue Jahr gestartet sind sie beim Merkur (1/2017), wo Stefan-Ludwig Hoffmann einen Rückblick auf die Menschenrechte wirft. Wenig hoffnungsfroh stimmt auch, was Rainer Wahl über Die „immer engere Union“ und Zur Krise der EU zu sagen hat. Passend zur düsteren Stimmungslage weint Eva Behrendt in der Theaterkolumne Echte Tränen.

In der neuen Le monde diplomatique (1/2017) berichtet Norbert Mappes-Niediek über das Schicksal der Balkan-Staaten in der Warteschleife und nimmt sich in einem zweiten Beitrag auch gleich noch Zehn Vorurteile gegen die Südosterweiterung der EU zur Brust. In weiteren Beiträgen berichtet Dominic Johnson von einem Historikerstreit um Ruanda, Guilherme Boulos schildert Das brasilianische Desaster der Korruption und Renaud Lambert erklärt, warum sie in Venezuela So viel Öl und nichts zu essen haben.

Für die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte (1-2/2017) erforscht Erfried Adam Die Eruption des Ethnischen in der Politik, während Jürgen Kocka Die Zivilgesellschaft als politische Potenz in Erinnerung ruft. Im Themenschwerpunkt unter dem Motto Ein anderes Amerika? macht sich Wolfgang Merkel seinen Reim auf Trump, die Rechtspopulisten und die Demokratie, dieweil Dietmar Herz „Das andere Amerika“ vor allem durch Armut, Ungleichheit und Fragmentierung geprägt sieht. Jenseits und unbeeindruckt von alledem gratuliert Oskar Negt seinem Freund Alexander Kluge zum 85. Geburtstag.

In der New Left Review (Nr. 102) denkt Frederic Jameson über die französische philosophische Tradition From Sartre to Badiou nach und Antonio Gramsci Jr. schreibt in My Grandfather über seinen berühmten Vorfahren. In Green Genealogies stellt Kate Stevens Joachim Radkaus The Age of Ecology vor und Francis Mulhern würdigt Edmund Burke als Schöpfer eines Mirror for Liberal Princes.

In der New York Review of Books (1/2017) hinterfragen Eric Maskin und Amartya Sen The Rules of the Game und fordern nicht weniger als A New Electoral System. Timothy Garton Ash hat sich unterdessen durch einen ganzen Bücherberg zur Krise der EU gelesen und fragt: Is Europe Disintegrating?

Inégalités, un défi ecologique? fragt das neueste Heft von Projet (Nr. 356). Aurélien Boutaud und Natacha Gondran gehen auf Spurensuche und betrachten L’empreinte écologique à l’épreuve des inégalités, Marie Drique und Caroline Lejeune machen sich Gedanken über La justice sociale dans un monde fini und Aurore Lalucq setzt sich mit Forderungen nach einer Fiscalité verte auseinander.

In der Soziologischen Revue (1/2017) befasst sich Manuela Boatcă mit der Ethnisierung der Ungleichheit – und ihrer Erklärung, Thomas Faist entwirft Eine Kartographie ethnisch vermittelter Ungleichheiten und Boike Rehbein nimmt vorausschauend Lokales Wissen und Kulturvergleich im 21. Jahrhundert in den Blick. Außerhalb des Schwerpunkts macht sich Annette Treibel Für Öffentliche Soziologien – mit und ohne Burawoy stark, während Heike Delitz Neue Literatur zur „Gedächtnissoziologie“ vorstellt.

Im Times Literary Supplement (27. Januar 2017) bewegen sie einmal mehr große Fragen. Paul Collier überlegt How to save capitalism from itself und Pankaj Mishra sieht mit dem Beginn der Ära Trump nicht weniger als The End of the American Century heraufdämmern.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.