Junirundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

In der Juniausgabe des American Sociological Review (3/2016) dreht sich alles ums Geld. Thematisiert werden u.a. der Zusammenhang von Millionärsmigration und Reichenbesteuerung (Cristobal Young, Charles Varner, Ithai Z. Lurie, und Richard Prisinzano), der Monetarismus (Ho-fung Hung und Daniel Thompson) sowie das Verhältnis von Gehältern und sozialer Ungleichheit (John C. Dencker und Chichun Fang).

In analyse + kritik 617 versucht sich Andrej Holm an einer Politischen Ökonomie der Ferienwohnungen am Beispiel Berlin. Ceren Türkmen hat mit dem Schriftsteller Dogan Akhanlı über die Aufarbeitung des armenischen Genozids gesprochen.

Der neueste Behemoth (1/2016), herausgegeben von Lars Koch, Tobias Nanz und Johannes Pause, interessiert sich für Imaginationen der Störung. Johannes F. Lehmann, Niels Werber, Isak Winkel Holm und andere haben Beiträge dazu verfasst.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (6/2016) beschwört David Graeber Das Ende der Resignation in Großbritannien. Ulrike Guérot zeigt sich besorgt über Das Versagen der politischen Mitte in Europa. Steffen Vogel erörtert, ob aus der Bewegung Nuit debout Eine Renaissance der französischen Linken erwächst.

Heft 1/2016 der Constellations wurde von den Gastherausgeber_innen Andreas Kalyvas, Regina Kreide und Petra Gümplová unter das Motto Resistance and Democracy gestellt. Wendy Brown denkt darin über Sacrificial Citizenship nach, während Hauke Brunkhorst den Prozess der European Constitutionalization Between Capitalism and Democracy untersucht und Banu Bargu fragt: Why Did Bouazizi Burn Himself?

Thematisch vielfältig präsentiert sich die Juniausgabe von Esprit (6/2016), in der es um die Macht der Bilder, aber auch um das tägliche Brot und die südamerikanische Politik geht. Yann Raison du Cleuziou ergründet außerdem, wie Muslime in Frankreich mit dem ihnen entgegengebrachten Argwohn zurechtkommen.

Heft 1/2016 der auf Hannah Arendt.net erscheinenden Zeitschrift für politisches Denken befasst sich mit Fragen von Recht und Gerechtigkeit. Francesca Raimondi hat nachgelesen, was Hannah Arendt zur Flüchtlingsfrage denkt, während Gerd Hankel die Rolle des Rechts in Zeiten der Gewalt diskutiert. Und Harald Bluhm rekonstruiert aus dem Denktagebuch die Umrisse von Arendts Plato.

Das Kursbuch (6/2016) unternimmt aus aktuellem Anlass Ausgrabungen zum Thema Rechts. Daniel Bax skizziert das Feindbild: Islam, Liane Bednarz beschreibt den Langen Arm der Neuen Rechten als Radikal bürgerlich, und Barbara Vinken erörtert Die Angst vor der Kastration. Als Zugabe wartet die Ausgabe mit einem Text von John Stuart Mill über Die Negerfrage auf.

Le débat (3/2016) widmet sich der geopolitischen Situation Europas. Während sich Michel Foucher müht, den Europäern Le nouvel environnement stratégique zu erklären, konstatieren Niall Ferguson und Pierre-Emmanuel Dauzat La dégénérescence de l’Europe. Weitere Beiträge des umfangreichen Hefts nehmen die unübersichtliche Lage in den Staaten Osteuropas und des Nahen Ostens in den Blick – etwa L’État russe selon Poutine von Michel Eltchaninoff oder La Turquie d’Erdogan. Pourquoi le Sultan populiste l’emporte von Ahmet Insel und Gérald Larché. Mit von der Partie ist auch Olivier Roy, der La logique des recompositions au Moyen-Orient zu entziffern versucht.

In Le Monde diplomatique (6/2016) beleuchtet Astra Taylor anhand der Bezeichnung „Aktivist“ die Geschichte eines Kampfbegriffs. Johann Fleuri erklärt Sekuhara – Sexuelle Diskriminierung auf Japanisch und David Garcia wirft mit Die Leibeigenen von Katar einen Blick auf die Schattenseiten des Weltfußballs.

Les Temps Modernes 689 verarbeiten die Terroranschläge des vergangenen Winters. Rafaëlle Maison fragt sich, wie die Logik des Kriegs das Recht verändert. Guillaume Boccara macht sich unter dem Motto Arrêtons de perdre du temps! Notizen zum Terror und der postkolonialen Welt. Bruno Karsenti diskutiert derweil das Verhältnis von Politique et religion dans les sociétés modernes.

Heft 2/2016 des Leviathan beschäftigt sich mit allerlei Nöten, genauer mit Verdrängung und Subsistenznot, Herrschaftsnot und Inklusionsnot. Rauf Ceylan etwa interessiert sich in Neo-Salafiyya für die Charakteristik und Attraktivität einer neuen fundamentalistischen Bewegung in Deutschland. Cathérine Colliot-Thélène ist mit dem Essay Demokratie, Eigentum und soziale Rechte vertreten.

In der London Review of Books (12/2016) rezensiert Isabel Hull On the Origins of Genocide and Crimes against Humanity von Philippe Sands. Und Jeremy Harding befasst sich unter dem schönen Titel A Rage for Abstraction mit neuen Publikationen zu Frankreichs intellektueller Kultur und seiner Hauptstadt.

Im Merkur (6/2016) fragt Thomas Etzemüller: Was können wir von der Rassenanthropologie lernen? Fabian Steinhauer setzt sich mit Christoph Möllers‘ Theorie der Normen auseinander. Und während Bernhard Schlink über Praktische Gerechtigkeit nachdenkt, zeigt Peter Stachel Österreich, wie es ist.

Der Mittelweg 36 (3/2016) ist In Sachen Demokratie unterwegs und bringt neben mehreren historischen Fallstudien auch Helmut Willkes Abhandlung über die Kompetenzdemokratie. Zur Optimierung politischen Entscheidens.

Multitudes 62 beschäftigt sich in einem Schwerpunkt zum Thema Subjectivités numériques mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Menschen. Außerdem gibt es Beiträge zum brasilianischen Tschernobyl und zur Situation in den Flüchtlingslagern von Calais.

Die Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte (6/2016) stellen die Verteilungsfrage neu – Sighard Neckel etwa sieht Die neuen Oligarchien als Vorboten der Refeudalisierung. Und während Wolfgang Merkel keinerlei Zweifel hat, dass Ungleichheit als Krankheit der Demokratie gewertet werden muss, sind Jonathan Menge und Sarah Vespermann unsicher, ob auch der Geschlechterkampf als Verteilungskonflikt durchgeht.

In der New Left Review 98 begeben sich Luc Boltanski und Arnaud Esquerre auf die Spur der Enrichment Economies. Suhas Palshikar fragt sich hingegen in Rise of the Aam Aadmi?, wie eine neue Partei die politischen Machtverhältnisse in Neu-Delhi aufmischen könnte.

Die New York Review of Books (11/2016) bringt mit In the Depths of the Digital Age eine Sammelbesprechung von Edward Mendelson, u.a. zu neuen Büchern von Judy Wajcman, Philip N. Howard und Virginia Heffernan. Malise Ruthven stellt zwei neue Studien zum „Islamischen Staat“ von Marc Lynch und Fawaz A. Gerges vor.

Heft 2/2016 der Österreichischen Zeitschrift für Soziologie befasst sich mit Bildhandeln und Visueller Politik; die Beiträge der von Roswitha Breckner und Andreas Pribersky herausgegebenen Nummer stammen u.a. von Marija Stanisavljevic, Johannes Marent und Heike Kanter.

In PROKLA 183 geht es um die Ökonomie der Flucht und der Migration. Silke van Dyk und Elène Misbach haben sich die politische Ökonomie des Helfens angeschaut, Karin Scherschel die Arbeitsmarkpolitik im Flüchtlingsschutz. Und Dorothea Schmidt zieht Die deutsche Rüstungsexportpolitik zur Verantwortung.

Sociology (3/2016) interessiert sich für Methoden – Salvatore Babones etwa stellt Interpretive Quantitative Methods for the Social Sciences vor, derweil Wendy J. Wills und ihre Kolleginnen The Use of Visual Methods in a Qualitative Study of Domestic Kitchen Practices erwägen. Außerdem gibt es ein Book Review Symposium zu Steve Fuller und Veronika Lipińskas Studie The Proactionary Imperative: A Foundation for Transhumanism.

Die Soziale Welt (1/2016) bringt eine Abhandlung von Axel Philipps über Das Problem des Bildsinns und der bildlichen Vielfalt in der Soziologie sowie eine Studie von Angela Graf, die Sozialprofil und Werdegänge der Eliten im wissenschaftlichen System Deutschlands untersucht. Ansonsten geht es um Partizipation, Exklusion und den Stand der Forschung zur Parlamentarischen Praxis.

Thesis Eleven (1/2016) kreist unter der Gastherausgeberschaft von Onni Hirvonen und Arto Laitinen um Democracy and Recognition. Luiz Gustavo da Cunha de Souza etwa befasst sich mit der Normativität des Politischen im Spannungsfeld von Recognition, disrecognition and legitimacy, Hans Arentshorst vergleicht Pierre Rosanvallons und Axel Honneths Positionen zu den Pathologies of today’s democracy, und Federica Gregoratto diskutiert Democratic love and the problems of care work.

Im Times Literary Supplement (10. Juni 2016) macht sich Terry Eagleton Sorgen um den Poststrukturalismus. Und Benjamin Markovits kommentiert Lynsey Hanleys neues Buch Respectable. The experience of class.

WestEnd (1/2016) bringt einen von Sandra Seubert herausgegebenen Themenschwerpunkt zu Privatheit und politische Freiheit. Beiträge stammen u.a. von Beate Rössler, Laura Helm, Andrew Roberts und Johannes Voelz. Außerdem meldet sich Axel Honneth mit kritischen Nachfragen zu The Rise and Fall of Neoliberal Capitalism von David M. Kotz zu Wort.

Die Zeithistorischen Forschungen (2/2016) warten mit einem von Knud Andresen und Detlef Siegfried verantworteten Schwerpunkt zum Thema Apartheid und Anti-Apartheid auf, der die verwickelten Beziehungen zwischen Südafrika und den westeuropäischen Staaten erörtert.

Und in der Zeitschrift für Ideengeschichte (2/2016) geht es um den Willen zum Wissen, aber nicht mit Michel Foucault, sondern mit Peter Burke, Joseph Vogl, Steffen Siegel und Oliver Jungen. Jenseits des Schwerpunkts nimmt Christoph Möllers Ernst Rudolf Hubers letzte Fußnote zum Anlass, sich Gedanken über Die normative Ordnung des Nationalsozialismus und die Grenzen der Kulturgeschichte zu machen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.