Nachlese

Rückblick auf den Zeitschriftensommer 2015

Auch während der zurückliegenden Monate war die Finanzmarktkrise das Thema in den sozialwissenschaftlichen Zeitschriften. Im Vordergrund des Interesses stand allerdings weniger die Frage nach den Ursachen als die nach den Auswirkungen sowie die Suche nach möglichen Auswegen. Letztere ist Gegenstand von Heft 1, 2015 der Zeitschrift WestEnd, das der Ethik im Finanzsystem einen eigenen thematischen Schwerpunkt widmet. Darin nehmen Claudia Czingon und Sighard Neckel in ihrem Beitrag die Berufsmoral im Finanzwesen unter die Lupe und fragen nach den handlungsleitenden Motiven und Deutungsmustern, an denen sich Akteure im Bankgewerbe orientieren. Dabei konstatieren sie eine auffällige Diskrepanz zwischen Binnenmoral und gesellschaftlicher Moral, die sie auf die weitgehend homogene Zusammensetzung der sozialen Milieus zurückführen, aus denen sich der Berufsstand der Banker zunehmend rekrutiert. Dass reine Profitorientierung kein herkunftsbedingtes Schicksal, sondern ein Unternehmensprinzip ist, das im Rahmen alternativer Geschäftsmodelle auch die Berücksichtigung anderer Werte wie Nachhaltigkeit oder Umweltschutz erlaubt, zeigt der Aufsatz von Lisa Herzog, Edgar Hirschmann und Sarah Lenz, der an gleicher Stelle die Zukunftsfähigkeit ethisch wirtschaftender Banken zwischen Nischendasein und Avantgarde auslotet.

Während man in Frankfurt die Marktakteure durch die gut polierte normative Brille beobachtet, wartet Heft 1, 2015 des European Journal of Sociology mit einem Schwerpunkt zum Zusammenspiel von Wirtschaftskultur und Öffentlichkeit auf, bei dem die Beobachter und die Kommunikation des Beobachteten in den Blick genommen werden. So erhellt Stephanie L. Mudge, was die Dominanz des Austeritätsparadigmas mit dem Aufstieg einer neuen Gruppe europäischer Wirtschaftstechnokraten zur maßgeblichen Deutungselite zu tun hat, und Sascha Münnich erläutert anhand der öffentlichen Berichterstattung zur Bankenkrise von 2008, warum moralische Kapitalismuskritik geeignet sein kann, vorherrschende wirtschaftstheoretische Denkmuster eher zu reproduzieren als in Frage zu stellen.

Nancy Fraser, an vergleichbaren dialektischen Volten wenig interessiert, stellt im Heft 46 der Zeitschrift Transit ganz grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von „Krise, Kritik und Kapitalismus“ an. In ihrem programmatischen Beitrag, der im Untertitel nicht weniger als einen „Leitfaden für das 21. Jahrhundert“ verspricht, weitet sie den Blick auf die aktuelle Krise und plädiert dafür, das ökonomische System des Kapitalismus nicht losgelöst von seinen zumeist unhinterfragt vorausgesetzten Funktionsbedingungen zu analysieren, sondern die Bereiche soziale Reproduktion, Umwelt und politische Herrschaft auf die gesellschaftstheoretische und politische Agenda zu setzen. Nicht von den Höhen der Theorie, sondern von der Ebene der Praxis und ihren Mühen ausgehend, erörtern Ivan Krastev und Ivaylo Ditchev im gleichen Heft Formen, Möglichkeiten und Grenzen des politischen Protests.

Ganz im Zeichen der Auswirkungen der Finanzmarktkrise steht auch das Juni-Heft der Widersprüche, dessen Schwerpunkt sich – mehr in Anlehnung an als in Auseinandersetzung mit David Graebers gleichnamigem Buch – dem Thema „Schulden“ widmet. Dass auch in diesem Kontext die Moral eine Rolle spielt, belegt der Beitrag von Franz Segbers, der sich das Drehbuch zum Kreislauf von Verschuldung und Reformzwang vornimmt und die diskursiven Verfahren offenlegt, mittels derer ökonomische Schulden in moralische Schuld überführt werden, um Gläubiger zur Begleichung beider Rechnungen anzuhalten. Eine bemerkenswerte intellektuelle Pirouette führt Segbers schließlich zu der These, dass in einem ökonomischen System, das systematisch Schuldner hervorbringt, nicht die Schuldner, sondern die Profiteure dieses Systems moralisch zur Tilgung der Schulden verpflichtet sind. Eine Antwort auf die naheliegende Frage, ob Käufer in einem System, das systematisch Konsumenten hervorbringt, einen moralischen Anspruch darauf haben, die Kosten der von ihnen erworbenen Güter von den Produzenten erstattet zu bekommen, bleibt Segbers leider schuldig. Größeren Informationsgewinn können nicht nur notorisch klamme Leser aus den Beiträgen von Hans Ebli, Andreas Rein, Stephan Nagel und Kerstin Herzog ziehen, die sich den alltagspraktischen Problemen überschuldeter Menschen zwischen Schuldnerberatung, Girokonto und Wohnungslosigkeit widmen und der Frage nachgehen, wie sich Freiräume autonomer Lebensführung auch in prekären finanziellen Verhältnissen herstellen oder bewahren lassen.

Weniger die soziale Kälte des Kapitalismus als vielmehr die „Illusion und Macht des Geldes“ ist das Schwerpunktthema von Heft 179 der Prokla, deren AutorInnen ihre Leser in die eisigen Höhen der ökonomischen Geldtheorie entführen. Während Ingo Stützle und Michael Wendl in dünner Luft darüber nachdenken, welche Ein- und Aussichten das Gipfelplateau der Marx’schen Geldtheorie eröffnet, zeigen Heiner Ganßmann, Christoph Scherrer sowie Maria Kader und Uli Schwarzer, warum die seit Ausbruch der Finanzmarktkrise getroffenen staatlichen Regulierungsmaßnahmen unzureichend sind und vor allem den weiteren Aufstieg der Vermögenden zu Lasten der sozial Schwachen begünstigt haben.

In den französischen Zeitschriften hingegen nahm die Auseinandersetzung mit der Finanzmarktkrise deutlich weniger Raum ein. Dort stand die sozialwissenschaftliche Diskussion während der Sommermonate noch ganz unter dem Eindruck des islamistisch motivierten Terroranschlags auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Ein deutliches politisches Signal in der Tradition des engagierten Denkens sendet vor diesem Hintergrund die Zeitschrift Le Débat, in deren Heft 185 (Mai–August 2015) sich zahlreiche führende Intellektuelle des Landes zusammengefunden haben, um die Sache der Vernunft gegen die Gewalt zu verteidigen. Im ersten Teil des Doppelschwerpunkts, der dem „Charlie-Effekt“ gewidmet ist, sucht Pierre Nora die Schrecken des Attentats mit Hilfe der Kategorie des „monströsen Ereignisses“ zu bannen, dieweil Anne-Marie Le Pourhiet die Reaktionen auf das Attentat zum Anlass nimmt, um den Vertretern der politischen Klasse, die sonntags gerne die Werte der Republik verteidigen, die gesetzlichen Beschränkungen vorzurechnen, die das so gern für unantastbar erklärte Recht auf freie Meinungsäußerung in der jüngeren Vergangenheit Frankreichs hat hinnehmen müssen. Eben einer dieser vielbeschworenen Werte der Republik, nämlich der Grundsatz der Laizität, ist das Thema des zweiten Schwerpunkts, der mit Texten unter anderen von Régis Debray, Hervé Gaymard und Paul Thibaud aufwartet. Aus den überwiegend kurz gehaltenen Statements, die mehrheitlich Bekenntnischarakter tragen, insofern sie den Sinn der religiösen Neutralität des Staates weniger hinterfragen als vielmehr verteidigen, sticht vor allem der Beitrag von Paolo Flores d’Arcais hervor, dessen „Elf Thesen über die Laizität“ Argumente versammeln, die zur Kenntnis zu nehmen auch für solche Leser lohnend ist, die nicht schon vor der Lektüre von der Richtigkeit des Prinzips überzeugt sind.

Gewissermaßen komplementär dazu präsentieren die Kollegen von Les Temps Modernes eine Ausgabe (April–Juni 2015), die sich ganz der Kritik des politischen Islamismus verschrieben hat. Was das Heft 683 zu einer lohnenden Lektüre macht, ist – abgesehen von der thematischen Vielfalt der Beiträge – die beeindruckende Auswahl der AutorInnen, die gleich eine Reihe international renommierter Islamwissenschaftler umfasst. So untersucht Mohamed Chérif Ferjani die Sprache des politischen Islam, während Mohammad Ali Amir-Moezzi den Widersprüchen des Schiismus nachgeht und Mohsen Kadivar eine Genealogie der schiitischen Lehre vom Staat entwirft. Weitere Beiträge, in denen es um die ideologischen Wandlungen der schiitischen politischen Theologie, die Sharia sowie das Verhältnis des politischen Islam einerseits zum Messianismus und andererseits zur Moderne geht, stammen von Saїd Amir Arjomand, Ali Benmakhlouf, Constance Arminjon und Makram Abbès.

Einen bemerkenswerten Kontrapunkt zu den politisch aufgeladenen Debatten setzt die Redaktion der Zeitschrift Esprit (August–September 2015), die der Person und dem Werk von Jürgen Habermas in Heft 417 ein Denkmal setzt. Dass der jenseits des Rheins nicht immer geliebte Deutsche im Titel gar zum „letzten Philosophen“ stilisiert und damit in den Traditionszusammenhang der deutschen Meisterdenker gestellt wird, darf wohl nicht nur als Ehrenbezeigung, sondern auch als bewusste Spitze gegen die einheimische Zunft gewertet werden. Unter den Texten halten sich eher historisch-retrospektiv angelegte und stärker systematisch orientierte Beiträge die Waage. Rückschau halten unter anderen Jean-Marc Durand-Gasselin, der Habermas als Modernisierer der deutschen Philosophie würdigt, und Dick Howard, der die „Kleinen Politischen Schriften“ Revue passieren lässt und ein schönes Porträt des Philosophen als Staatsbürger zeichnet. Der Zukunft zugewandt und folglich kritischer eingestellt präsentieren sich Mark Hunyadi und Catherine Colliot-Thélène, die sich in systematischer Absicht mit konstatierten Defiziten der deliberativen Demokratietheorie befassen. Der Geehrte selbst ist mit einem Interview sowie der französischen Übersetzung seiner in Deutschland bereits 2005 veröffentlichten Selbstauskunft „Öffentlicher Raum und politische Öffentlichkeit“ im Heft vertreten. Für deutsche LeserInnen, die mit dem Werk und den intellektuellen Kontexten des Weltbürgers aus Starnberg gut vertraut sind, empfiehlt sich vor allem die Lektüre eines Gesprächs mit Stéphane Haber und Jean-Franҫois Kervégan, das mit interessanten Informationen zur Habermas-Rezeption in Frankreich aufwartet.

Dass man auch als Klassiker noch geistig beweglich sein kann, demonstriert Jürgen Habermas zusammen mit Fritz W. Scharpf im Heft 2, 2015 des Leviathan, in dem die beiden Kontrahenten ihren in den vorangegangenen Heften sowie in privaten Briefen begonnenen Austausch von Meinungsverschiedenheiten über die Möglichkeit und Wünschbarkeit einer weiteren Demokratisierung der Europäischen Union fortsetzen. Mindestens ebenso interessant wie die vorgebrachten Argumente ist dabei die Diskussion selbst, die in nahezu mustergültiger Weise dem von Habermas propagierten Typus verständigungsorientierten Handelns entspricht, insofern sie handlungsentlastet erfolgt und ausschließlich auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments setzt. Während die theoretischen Klärungen und begrifflichen Präzisierungen, zu denen die beiden Diskursteilnehmer gelangen, einem den intellektuellen Mehrwert dieser Form der Auseinandersetzung vor Augen führen, bekommt man als Leser zugleich auch eine Ahnung davon, was der Verzicht auf jede Form von Ironie und Polemik für den Unterhaltungswert sozialwissenschaftlicher Debatten bedeutet.

Zwei zu Lebzeiten durchaus streitbaren Klassikern der deutschen Soziologie, die sich selbst nicht mehr zu Wort melden können, aber über die noch längst nicht alles gesagt und geschrieben worden ist, begegnet man im Heft 4, 2014/2015 des Berliner Journal für Soziologie, das den 150. Geburtstag von Max Weber am 21. April und das Ableben von M. Rainer Lepsius am 2. Oktober des vergangenen Jahres zum Anlass nimmt, den beiden Denkern die Referenz zu erweisen. Neben einem instruktiven Text von Lawrence A. Scaff, der den Wirkungen und Potenzialen des weberianischen Erbes nachgeht, und einem Interview, in dem sich Lepsius selbst noch einmal wenige Monate vor seinem Tod zur Bedeutung Webers geäußert hat, sind es insbesondere die sehr persönlichen Erinnerungen ehemaliger Weggefährten und Kollegen des verstorbenen M. Rainer Lepsius, die man gerne – und im letzteren Fall nicht ohne Wehmut – liest. Abgerundet wird das Heft schließlich durch den Abdruck eines Kapitels aus Talcott Parsons’ Dissertation aus dem Jahr 1929, das eine theoretische Diskussion der Kapitalismusanalysen von Max Weber und Werner Sombart enthält und hier erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Und während man Parsons’ Zeilen überfliegt, stellt man fest: Kapitalismus ohne Krise war eigentlich nie.