Novemberrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Aus Politik und Zeitgeschichte (46–47/2016) hat Land und Ländlichkeit für sich entdeckt. Einblicke in die neue Landlust geben Autor_innen wie Claudia Neu, Gerhard Henkel, Jutta Aumüller, Frank Gesemann und Sigrun Langner.

Das Argument (4/2016) widmet sich der Dialektik der „Flüchtlingskrise“. Während Les Back und Shamser Sinha Multikulturelles Zusammenleben in den Ruinen des Rassismus untersuchen und Gerhard Hetfleisch Transnationale Migrationsstrategien beschreibt, stellen Samir Amin, Radhika Desai und Manuela Boatcă die Systemfrage: Wohin treibt der Weltkapitalismus, und was sind die Alternativen?

Für The Atlantic Monthly (11/2016) hat sich Sarah Boxer auf den Weg durch Galerien und Museen gemacht und den Status von Künstlerinnen im Kunstbetrieb untersucht. Der unverwüstliche Henry Kissinger äußert sich derweil im Interview mit Jeffrey Goldberg zur Obama-Doktrin, zu Donald Trump und über Amerikas Verhältnis zu China.

Die Blätter für deutsche und internationale Politik (11/2016) haben Jürgen Habermas interviewt, der sich angesichts des Erfolgs der Populisten Für eine demokratische Polarisierung ausspricht. Stephan Lessenich erklärt in »Weil wir es uns leisten können«, wie und warum wir über die Verhältnisse anderer leben. Und Naomi Klein würdigt Edward Said.

Nicht über Grenzen, aber hinter Mauern blickt die aktuelle Ausgabe von Esprit (November 2016), die sich mit Gefängnissen befasst. In einem Streitgespräch nehmen Antoine Garapon, Farhad Khosrokhavar, Ouisa Kies, Guillaume Monod und Jean-Louis Schlegel Stellung zu La prison face au djihad. Carole Desbarats macht sich indes anhand der erfolgreichen Serie Orange Is the New Black Gedanken über die Situation von Frauen in Haft.

Im European Journal of Sociology (2/2016) nimmt Marcin Serafin den umkämpften Warschauer Taximarkt unter die Lupe. Und derweil Etienne Ollion und Andrew Abbott Literaturverzeichnisse und Fußnoten wälzen und sich The Reception of French Sociologists in the USA (1970–2012) ansehen, unternimmt es Steve Bruce in Public Religion and Secularization in England, Bryan R. Wilsons Säkularisierungsthese zu verteidigen.

Gender (3/2016) interessiert sich unter der Herausgeberschaft von Anna Buschmeyer, Sabina Schutter und Beate Kortendiek für Gemachte Verhältnisse in Bezug auf Kindheit, Jugend und Geschlecht. Lars Burghardt und Florian Klenk haben sich Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern angeschaut, während Melanie Kubandt erläutert, was Relevanzsetzungen von Geschlecht in der Kindertageseinrichtung bedeuten.

Im Hedgehog Review (Herbst 2016) spüren sie den Cultural Contradictions of Modern Science nach. Lorraine Daston erklärt in When Science Went Modern, wie um 1900 neue Erkenntnisse in der Physik alte Weltbilder ins Wanken brachten, Steven Shapin denkt über Invisible Science und andere Formen der wissenschaftlichen Praxis nach und Paul Scherz fragt nach den Ursachen für The Decline of Research.

Historical Social Research (3/2016) lotet im Anschluss an Norbert Elias das Potenzial von Figurational Analysis as Historical and Comparative Method am Beispiel von Established–Outsider Relations aus. Die thematisch breit gestreuten Beiträge stammen u.a. von John Goodwin, Jason Hughes und Henrietta O’Connor sowie von Michael Dunning, Inken Rommel und Angela Perulli. Außerdem widmet sich ein Buchforum dem von Everhard Holtmann und Eun-Jeung Lee herausgegebenen Band Knowledge Transfer as Intercultural Translation. The German Reunification as a ‘Lesson’ for Korea?.

Die aktuelle Ausgabe von INDES (3/2016) zeigt der Objektivität demonstrativ den Mittelfinger und widmet sich ganz und gar dem Nonkonformismus. Cornelia Koppetsch befasst sich in Soziale Schließung, Nonkonformismus und Protest mit dem Rechtsruck der Linken, während Anna Schober Nicht-konformistische Geschlechterinszenierungen in den Blick nimmt und Heinrich Detering für (mehr) Nonkonformismus in der Literatur plädiert. Jenseits des Schwerpunkts tauschen sich Klaus von Beyme und Eckhard Jesse über aktuelle Trends und alternative Karrierewege in der Politikwissenschaft aus.

Die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (4/2016) ist mit Geschlechterkonflikten beschäftigt. Mareike Bünning fragt sich, wie Elternzeit und Teilzeitarbeit den Stundenlohn von Männern beeinträchtigen. Marcel Erlinghagen, Belit Şaka und Ina Steffentorweihen sehen Frauen auch in Bezug auf ehrenamtliche Führungspositionen im Nachteil. In einem weiteren Beitrag argumentiert Gregor Bongaerts gegen einen reduktiven Individualismus in der soziologischen Handlungstheorie.

In der Kritischen Justiz (3/2016) stehen Praxen der Rechtskritik im Mittelpunkt. Margarethe Neumeyer, Sonja Buckel, Frank Bleckmann und Christiane Schmaltz beziehen dazu Position. Außerdem räsoniert Klaus Günther über Geteilte Souveränität, Nation und Rechtsgemeinschaft und Rike Sinder berichtet Vom Nutzen Foucaults für die Rechtswissenschaft.

Für die London Review of Books (22/2016) hat nun auch Michael Wood Tiphaine Samoyaults Biografie zu Roland Barthes gelesen. Neal Ascherson rechnet derweil mit der britischen Brexit-Politik ab. Und Mikkel Borch-Jacobsen rezensiert Marzio Barbaglis Farewell to the World: A History of Suicide.

In der Novemberausgabe des Merkur fragt Dieter Gosewinkel, ob es sich beim Konzept der Staatsbürgerschaft um ein Relikt europäischer Rechtskultur handelt. Stephan Wackwitz erinnert sich derweil an Tiflis vor dem Bauboom zurück. Und während Ernst-Wilhelm Händler sich an einer modernen Kosmologie der Möglichkeiten versucht, nimmt sich Christoph Schönberger Carl Schmitts literarische Jurisprudenz vor.

Für die New Left Review Nr. 101 hat Kevan Harris das Making and Unmaking of the Greater Middle East untersucht. Außerdem ist auf den Wiederabdruck eines Beitrags von Eric Hobsbawm über Pierre Bourdieu und eine Projektskizze des Stanford Literary Lab um Franco Moretti zum Thema Mapping London's Emotions zu verweisen.

In der New York Review of Books (19/2016) haben David Kaiser und Lee Wasserman anhand zahlreicher neuerer Publikationen die Desinformationspolitik des ExxonMobil-Konzerns in Sachen Klimawandel aufgearbeitet. Christian Caryl hat derweil neue Studien zum Kampf der Kurden um einen eigenen Staat gelesen. Sein Fazit: The Kurds Are Nearly There.

Im SoziologieMagazin Nr. 14 geht es um Gewalt, Macht, Herrschaft. Dazu hat Sarah Kaschuba Ireneusz Pawel Karolewski interviewt. Hares Sarwary stellt in Geregelte Gewalt? Relationen zwischen zwei Sozialphänomenen her und Chris Schattka beschreibt Die paranoide Selbstzerstörung der Roten Khmer.

Die Soziologische Revue (4/2016) befindet mit Gerald Mozetič: Wo Doppelklick war, soll Latour werden. Maren Lehmann wiederum bringt Latour, zu dessen Existenzweisen ein Forum organisiert wurde, mit Diplomatie an der Front in Verbindung, während Hartmut Rosa in den Arbeiten des Franzosen eine andere Soziologie der Weltbeziehung erkennt. Unter dem Titel Evolutionäre Soziologie setzt sich Sebastian Schnettler außerhalb des Schwerpunkts mit dem Verhältnis biologischer und soziologischer Ansätze zur Erklärung menschlichen Verhaltens auseinander.

Der Staat (3/2016) setzt mit Ulrike Jureit und Nikola Tietze Postsouveräne Territorialität. Die Europäische Union als supranationaler Raum auf die Agenda. In weiteren Beiträgen erläutert Christoph Krönke die Problematik des Datenpaternalismus und Christoph Gusy beschreibt Die Weimarer Verfassung zwischen Überforderung und Herausforderung.

Die Novemberausgabe von Time & Society (3/2016) nimmt ihre Leser mit in den Süden: Lucy Pickering hat Time, cannabis and counterculture in Hawai’i erforscht, während Theeb Aldossry und Matthias Z Varul die Zeitstrukturen des Alltags in Saudi-Arabien ins Zentrum stellen. Gonzalo Iparraguirre legt mit Time, temporality and cultural rhythmics die komprimierte Fassung einer umfangreichen anthropologischen Fallstudie zur Rolle der Zeit bei den argentinischen Mocovi-Indianern vor.

Transit Nr. 49 setzt sich mit den auf Charles Taylors Landkarte verzeichneten Grenzen der Toleranz auseinander. Den entsprechenden Schwerpunkt, der Texte so bekannter Autor_innen wie Axel Honneth, Steven Lukes, Maeve Cooke, Hans Joas, Amy Gutmann, Craig Calhoun, Nancy Fraser und Jürgen Habermas versammelt, haben Ulf Bohmann, Gesche Keding und Hartmut Rosa herausgegeben.

Trivium Nr. 24 befasst sich mit Max Webers und Moses I. Finleys Sicht auf die Antike. Die Beiträge stammen von Christian Meier, Raymond Descat und François Chazel.

Westend (2/2016) nimmt in einem von Volker M. Heins gestalteten Schwerpunkt Die Gegenwart der Homophobie unter die Lupe. Klaus Theweleit stellt sich ahnungslos und behauptet: „Homophobie“ – keine Ahnung was das ist. Nina Dethloff hat die Diskriminierung Homosexueller im Familienrecht erforscht, und Peter Rehberg diskutiert Homophobie, religiöse Rechte und die Zukunft der Sexualität. Jenseits des Schwerpunkts steuert Daniel Loick einen Text Zur Politik von Lebensformen bei, während Michael Walzer über Staaten und Gemeinschaften nachdenkt und Axel Honneth hinsichtlich des Verhältnisses von Hegel und Marx Eine Neubewertung nach 100 Jahren für angebracht hält.

Die Zeithistorischen Forschungen (3/2016) schließlich fragen unter der Herausgeberschaft von Simone Derix, Benno Gammerl, Christiane Reinecke und Nina Verheyen nach dem Wert der Dinge und präsentieren einen bunten Strauß von Arbeiten Zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Materialitäten. Anhand Von Zetteln und Apparaten geht etwa Wiebke Wiede der Subjektivierung in bundesdeutschen und britischen Arbeitsämtern der 1970er- und 1980er-Jahre nach, während Johannes Gramlich Dinghistorische Perspektiven auf den internationalen Kunstmarkt im 20. Jahrhundert wirft. Im Debattenteil loten Annelie Ramsbrock, Thomas Schnalke und Paula-Irene Villa weitere Dimensionen der Thematik aus und diskutieren über Menschliche Dinge und dingliche Menschen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.