Oktoberrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Das American Sociological Review (5/2016) schaut mit Matthew Desmond, Andrew V. Papachristos und David S. Kirk auf Police Violence and Citizen Crime Reporting in the Black Community. Jordanna Matlon denkt über Racial Capitalism and the Crisis of Black Masculinity nach, während Bart Bonikowski und Paul DiMaggio Varieties of American Popular Nationalism untersuchen.

Im Atlantic Monthly (November 2016) lässt Nathaniel Rich The Prophecies of Jane Jacobs Revue passieren. Judith Shulevitz dagegen fragt: Why Is Dating in the App Era Such Hard Work? Und die Herausgeber formulieren ein Plädoyer Against Donald Trump.

Aus Politik und Zeitgeschichte (40–42/2016) ist besorgt. Befindet sich die Repräsentation in der Krise? Paula Diehl und Jan-Werner Müller halten das für möglich, Wolfgang Merkel ist skeptischer. Ergänzt werden ihre Beiträge u.a. durch Elke Seefrieds Rückblick auf die Weimarer Republik und Frank Deckers Einordnung sinkender Wahlbeteiligungen.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (10/2016) argumentiert Lothar Probst Für eine Politikwissenschaft jenseits von Mathematik und Moralphilosophie. Zygmunt Bauman beschreibt in Die Welt in Panik, wie die Angst vor Migranten geschürt wird. Und der allgegenwärtige Jan-Werner Müller reagiert auf Dieter Boris‘ Kritik an seiner Populismuskritik.

dérive (Nr. 65) widmet sich der Stadt der Vielen. Carsten Praum etwa gibt in Der Mythos der Bezahlbarkeit zur wohnungspolitischen Relevanz von Faustregeln Auskunft. Udi Engelsman, Mike Rowe und Alan Southern stellen Narratives of Urban Resistance vor. Und Fred Frohofer findet: Wer die Natur liebt, lebt in der Stadt.

Esprit (10/2016) interessiert sich für die Spaltung der USA, oder Les États désunis d'Amérique. Matthew B. Crawford und Matt Feeney führen ein Streitgespräch über eine geteilte Gesellschaft, und Alice Béja räumt mit dem Klischee von der klassenlosen amerikanischen Gesellschaft auf. Außerhalb des Schwerpunkts erklärt Hasna Hussein die Propaganda von Daesh (ISIS), und Jean-Louis Schlegel resümiert die Burkinidebatte.

Le Débat (4/2016) hat mit François Hollande einen illustren Interviewgast, der zur France fraternelle und der Aktualität des Sozialismus Stellung nimmt. Darüber hinaus befasst sich das Heft mit unvorhersehbaren sozialen Ereignissen, etwa der Nuit Debout (im Beitrag von Gaël Brustier) oder der Generation „Manif pour tous“ (Laurent de Boissieu). Und Jean Pisani-Ferry wagt einen wirtschaftspolitischen Ausblick in das kommende Jahrzehnt.

Für Le Monde diplomatique (10/2016) ergründet Serge Halimi das Rätsel, weshalb so viele Amerikaner Vom Trump befallen sind. Akram Belkaïd erklärt den Schulstreit in Algerien über die sprachlichen Machtverhältnisse zwischen Hocharabisch, Darja und Französisch. Und Ulf Kadritzke entlarvt Die Mitte als Wille und Vortäuschung.

Le Mouvement social (3/2016) bringt bisher unveröffentlichte Texte der verstorbenen Historikerin Susanna Barrows zur französischen Staatskrise vom 16. Mai 1877. Es geht um revolutionäre Bestrebungen, aber auch um Populärkultur und Graffiti. Ein weiterer Schwerpunkt befasst sich mit Söldnern, etwa aus dem heutigen Somalia, deren Darstellung als „kriegerische Rasse“ Laurent Jolly kritisiert.

Die London Review of Books (38/2016) ist nicht ganz immun gegen das allgemeine Trump-Fieber, hat aber auch einen ausführlichen Beitrag von Susan Pedersen über Robert Vitalis‘ White World Order, Black Power Politics: The Birth of American International Relations im Angebot. Sheila Fitzpatrick wiederum blickt auf das Ende der Sowjetunion zurück und stellt zwei Bücher von Svetlana Alexievich vor.

Im Merkur (Nr. 809) beschreibt Hans G. Kippenberg Islamische Gewalt. Das Szenario und die Akteure, während Herfried Münkler Vom Nutzen und Nachteil eines soziopolitischen Begriffs, nämlich der Ordnung, erzählt. Eine Replik von Michael Borgolte schließt sich an. Und Elena Meilicke schreibt in der Filmkolumne über Frauen, Serien. Postpatriarchales Fernsehen aus den USA.

Moving the Social (55/2016) beschäftigt sich mit The Internationalism of Social Movements, etwa dem internationalen Kommunismus (Andreas Wirsching) oder der Frauenbewegung (Krista Cowman). Franz-Josef Brüggemeier stellt das Ecological Movement vor.

Multitudes (Nr. 63) hat diesmal eine thematische Mischung aus Migranten, Frauen und der Türkei zu bieten. Tayla Alican etwa führt die Leserschaft durch das allmächtige Reich von Recep Tayyip Erdogan. Es geht aber auch um das Grundeinkommen und die Komplikationen der Gegenwart (etwa der von Bettlerinnen).

Die Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte (10/2016) sprechen mit Heinz Bude über das Gefühl der Welt. Zu dem kleinen Themenschwerpunkt über Die Macht der Stimmungen gehören auch Beiträge von Farah Dustdar über Emotion als Basis politischen Handelns und von Richard Meng über Gefühlswelten der Ohnmacht.

Für die New York Review of Books (16/2016) hat Sarah Boxer Riad Sattoufs zweibändigen Comic The Arab of the Future: A Childhood in the Middle East besprochen. Alan Rusbridger gibt ausführlichen Einblick in die in Panama liegenden Hidden Trillions. Und Gerald Russell schätzt die Chancen der Demokratie im Nahen Osten ein.

In der Politischen Vierteljahrsschrift (3/2016) denkt Michel Dormal über das Ausländerwahlrecht in der demokratietheoretischen Diskussion nach. Martin Höpner und Lena Ehret erläutern Die parlamentarische Subsidiaritätskontrolle am Beispiel von „Monti II“. Sigrid Roßteutscher und Armin Schäfer schließlich nehmen das Verhältnis von Wahlkampf und ungleicher Wahlbeteiligung in den Blick.

Projet (Nr. 354) nimmt die extreme Rechte in Frankreich unter die Lupe. Nonna Mayer erörtert den Kontext der Wahlerfolge des Front National, Anne Muxell lässt die Jugend zu Wort kommen und Mohamed Mahieddine war zu Forschungszwecken in den Vorstädten unterwegs.

Die Oktoberausgabe der Sociology ist ein Sonderheft zum Thema Bringing it ‘Home’?: Sociological Practice and the Practice of Sociology. Zu den diversen renommierten Autor_innen zählen u.a. Michael Burawoy, Angela McRobbie, Gurminder K. Bhambra und John Goodwin. Abgerundet wird das Heft durch zwei Interviews mit Michèle Lamont und Les Back.

Die Soziale Welt (3/2016) diskutiert unter Federführung der Gastherausgeber_innen Lars Gertenbach, Sven Opitz und Ute Tellmann Bruno Latours neue politische Soziologie. Weitere Beiträge haben Niels Werber, Urs Stäheli und Henning Laux verfasst. Zu guter Letzt gibt es ein Interview mit Latour selbst unter dem schönen Titel “There is no Earth corresponding to the Globe”.

Thesis Eleven (1/2016) präsentiert einen Themenschwerpunkt zu Ivan Vladislavić, “one of the premier writers in and of South Africa”. Die Beiträge stammen von Peter Vale, Peter Beilharz und Sian Supski. Ein weiterer Schwerpunkt beschäftigt sich ausführlich mit der Lage in der Ukraine. Und in einem Einzelstück bringt Loris Caruso Gramsci’s political thought and the contemporary crisis of politics miteinander in Verbindung.

Im Times Literary Supplement (7. Oktober 2016) bespricht Neil Badmington Peter Conrads Mythomania: Tales of our times, from Apple to Isis. Lynsey Hanley stellt in Estates of the nation den Künstler Stephen Willats vor, der britische Sozialbauten dokumentiert hat.

Für Trivium (Nr. 23) machen Hinnerk Bruhns und Hans-Peter Müller sowie François Chazel die frankophone Welt mit dem soziologisch-historischen Werk von M. Rainer Lepsius bekannt. Insbesondere hat Isabelle Kalinowski fünf Lepsius-Texte ins Französische übersetzt.

Und in der Zeitschrift für Soziologie (5/2016) diskutiert Bettina Heintz Perspektiven einer Soziologie des Vergleichs. Stefan Kirchner und Jürgen Beyer untersuchen Die Plattformlogik als digitale Marktordnung. Chadi Abdul-Rida schließlich hat die Partnerschaftsqualität bei türkischstämmigen Personen erforscht.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.