Septemberrundschau

Sozialwissenschaftliche Leseempfehlungen, kurz notiert

Das American Journal of Sociology (2/2016) diagnostiziert verschiedene Formen der sozialen Ungleichheit: Um Power Resources and Income Inequality in the United States sorgen sich David Jacobs und Jonathan C. Dirlam; Asaf Levanon und David B. Grusky haben die Persistence of Extreme Gender Segregation in the Twenty-first Century untersucht und Joscha Legewie diskutiert polizeiliches Racial Profiling. Außerdem geht es um Strange Bedfellows, ausnahmsweise im Wortsinne, nämlich in Gasthöfen des 19. Jahrhunderts.

Aus Politik und Zeitgeschichte (37–38/2016) ist dem Neuen Menschen gewidmet. Stefanie Duttweiler gibt darin über die Alltägliche (Selbst-)Optimierung in neoliberalen Gesellschaften Auskunft. Auch Rosi Braidotti und der Posthumanismus sind vertreten.

The Atlantic Monthly (Oktober 2016) steht ganz im Zeichen des US-Wahlkampfs. Molly Ball etwa erklärt die Mechanismen der Politikerberatung, während Peter Beinhart der Fear of a Female President auf den Grund geht. Eine ganz andere Art des Kämpfens, nämlich die prekäre Existenz der Substitute Teachers, thematisiert dagegen Sara Mosle in ihrer Besprechung von Nicholas Bakers Substitute: Going to School With a Thousand Kids.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (9/2016) fühlt Bernd Greiner den United States of Angst auf den Zahn. Aber auch in Deutschland liegt der politische Diskurs im Argen, findet Albrecht von Lucke, der die Burka als Exempel nimmt, um Die Lufthoheit der AfD zu kritisieren. Janne Mende wiederum beklagt die allgegenwärtige Rede von der Modernen Sklaverei.

Esprit (September 2016) macht sich Gedanken um die Zukunft der Linken. Hedwig Marzolf gibt Einblicke in den Kantianismus von Podemos, Matthieu Quyollet stellt grundsätzlichere Betrachtungen zum Gegensatz La démocratie contre l'identitaire an, und Bruno Bernardi bezweifelt, dass eine gesunde Linke die Regierungsgeschäfte Frankreichs führt.

Genèses (3/2016) erkundet diesmal Terrains ouest-africains. Aïssatou Mbodj-Pouye etwa studiert die Transformation des foyers de travailleurs migrants et recompositions des liens de cohabitation. Louis Jesu und Cyril Nazareth plädieren im allgemeinen Teil der Ausgabe dafür, junge Franzosen aus den Vorstädten par le football et le rap zu erreichen – das ließe sich sicher auch in Westafrika praktizieren.

Die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (3/2016) befasst sich mit Familien – Marion Müller und Nicole Zillien etwa haben die Verweiblichung von Elternschaft in Geburtsvorbereitungskursen untersucht, und Harald Beier interessiert sich für jugendliche „Subkulturen der Gewalt“. Anne Schröter und Irene Dingeldey versuchen sich derweil an einer handlungstheoretischen Analyse der Strategien von Aufstocker-Familien.

Das Kursbuch Nr. 187 soll die Welt verändern. Irmhild Saake fragt sich, ob Schweigen für eine bessere Welt eine Option wäre. Armin Nassehi stellt unter dem Stichwort Die große Weltveränderung abstraktere Betrachtungen an. Und Günter Metzges-Diez, Mitgründer des größten deutschen Kampagnen-Netzwerks Campact, nimmt Stellung zu konkreten Möglichkeiten, etwas zu tun – sei es gegen Tropenholz in Ostfriesland oder für einen starken Sozialstaat.

Le Monde diplomatique (9/2016) hat mithilfe von Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin Die Geschichte des Islam auf dem Balkan aufgearbeitet. Clémentine Fauconnier begleitet kritisch die Vorwahlen für das Einige Russland, und Benoît Breville hat sich die Wohnwagensiedlungen in den USA angeschaut.

Der Leviathan (3/2016) steht im Zeichen der Geliebten Täuschungen, womit etwa Das europäische Evaluierungsdefizit der Rechtsstaatlichkeit gemeint sein könnte (siehe den Beitrag von Martin Mendelski). Jürgen Förster stellt Metakritische Reflexionen des Realismus über Hannah Arendt und das Problem der Ideologiekritik an, und Ingrid Tucci entwirft Kategorien der Migration für morgen.

Im London Review of Books (18/2016) fragt sich David Bromwich im Hinblick auf das Verhältnis von Blasphemie und Zensur: What are we allowed to say? Kristin Surak rezensiert The Cosmopolites: The Coming of the Global Citizen von Atossa Araxia Abrahamian. In der Ausgabe Nr. 17/2016 ist auf Thomas Nagels Beitrag zu Richard Englishs verdienstvoller Studie Does Terrorism Work? zu verweisen.

Für den Merkur Nr. 808 hat Dirk Linck Didier Eribons Rückkehr nach Reims gelesen. Patrick Bahners erzählt Eine Geschichte vom Brexit, und Roman Kösters Ökonomiekolumne befasst sich mit Technologischer Arbeitslosigkeit.

Die Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte (9/2016) gehen dem Zusammenleben in der Stadt auf den Grund. Wolfgang Kaschuba erzählt Vom Atem der Stadtgesellschaft, und Chirine Etezadzadeh beschreibt Die Smart City 2.0. Aber auch Herfried Münkler ist außerhalb des Schwerpunkts mit dem Beitrag Wertegemeinschaft oder Interessenvereinigung? im Heft vertreten.

Im New Left Review Nr. 100 positioniert sich Nancy Fraser in Sachen Capital and Care an Feminism’s Home Front. Perry Anderson ist auf der Suche nach The Heirs of Gramsci. Und Emma Fajgenbaum nimmt in Audit Culture zu David Graebers Utopia of Rules Stellung, das auf Deutsch als Bürokratie: Die Utopie der Regeln erschienen ist.

Für die New York Review of Books (14/2016) hat Benjamin Nathans diverse Neuerscheinungen zu Russlands politischer Lage gelesen. Thomas Nagel stellt The Dream of Enlightenment: The Rise of Modern Philosophy von Anthony Gottlieb vor, und Jed S. Rakoff rezensiert A War Like No Other: The Constitution in a Time of Terror von Owen Fiss.

PROKLA Nr. 184 beschäftigt sich mit Energiekämpfen: Interessen, Kräfteverhältnisse und Perspektiven. Markus Wissen hat Entwicklungstendenzen des globalen Energieregimes zusammengefasst, und Hendrik Sander nimmt Die Bewegung für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie in Deutschland unter die Lupe. David Döll erläutert Die Strategie der convergence des luttes in Frankreich.

Heft 1/2016 der Sozialen Systeme ist dem Joint Risk Design in Finance and Production gewidmet. Ivan Boldyrev denkt über Temporality and Performativity in the Ontology of Finance nach, und Philipp Hessinger diskutiert Nützlichkeitsarrangements auf Finanzmärkten. Außerhalb des Schwerpunkts hat sich Hanno Pahl mit Agentenbasierten Modellierungen in der Makroökonomik befasst, und Werner Vogd staunt über die Spiegelbildlichkeit der Forschungsprogramme Latours und Luhmanns. Victoria Groddeck, Jasmin Siri und Katharina Mayr schließlich plädieren für eine operative Entscheidungsforschung in der Organisationssoziologie.

Die Soziale Welt (2/2016) wartet mit einer Anleitung zur Pragmatischen Soziologie auf, die ein ganzes Autorenkollektiv um Yannick Barthe verfasst hat. Stefan Hirschauer diskutiert den Diskriminierungsdiskurs und das Kavaliersmodell universitärer Frauenförderung. Und Nancy Kracke prangert die Unterwertige Beschäftigung von AkademikerInnen in Deutschland an.

Im Times Literary Supplement (15. September 2016) setzt sich Anson Rabinbach mit der Publikationsgeschichte von Mein Kampf auseinander. Daniel Cohen geht in Accounting for taste Phänomenen der Auswahl, des Überflusses und der Beliebigkeit im 21. Jahrhundert nach.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.