Legitimierung und Konstruktion von Weltansichten in der Gegenwartsgesellschaft

Frühjahrstagung der Sektion "Wissenssoziologie"

Wissen, Überzeugungen und der Glauben an die »selbstverständliche« Gültigkeit unserer Wirklichkeitsbestimmungen sind keine schlichten Gegebenheiten. Sie sind vielmehr Produkte kommunikativer Konstruktionsprozesse. Die Frühjahrstagung der Sektion Wissenssoziologie legt den Schwerpunkt deshalb auf die Prozesse und Vorgänge, mit denen unser »Wissen« von der Wirklichkeit gefestigt, gerechtfertigt und gegen Alternativen immunisiert wird. Im Anschluss an die erste Bayreuther Frühjahrstagung, die sich 2015 mit religiöser Kommunikation und weltanschaulichen Wissensformen beschäftigt hat, liegt der Fokus auch dieses Mal nicht allein auf den Gehalten, sondern ebenso auf den Arten und Weisen, mit denen Wissen mit der Aura des Faktischen umhüllt wird. Die Spanne reicht von den ›kleinen‹ Mitteln alltäglicher Rationalisierungen bis zur Konstruktion gesellschaftsweit geteilter Weltansichten. Als »Material« derartiger kommunikativer Konstruktionen dienen beispielsweise, Topoi, Gemeinplätze und landläufige Annahmen in Verbindung mit Gerüchten, Stereotypen, oder vorgefertigten Ansichten, die mitunter durch veröffentlichte Meinungen flankiert und vermittels Expertisen diversester Provenienz erhärtet werden. Derartige Konstruktionen können Kommunikationsmacht entfalten und werden dazu eingesetzt, ein Wissen darüber wirksam werden zu lassen, das den gemeinsamen Glauben an die Gültigkeit bestehender Weltansichten bestärkt. Ohnehin kann heute keine einheitliche Weltansicht mehr präsupponiert werden. Die Stützen zur Stabilisierung dieser Art werden in Form von Legitimierungen erzeugt, die eine Weltansicht tragen sollen. Sie umfassen ein großes Formenspektrum. Angefangen von den kleinsten Selbstverständlichkeiten des Alltags und den unhinterfragt gültigen Allgemeinplätzen reicht sie über Stereotype, Geheimnisse oder ausgebaute Verschwörungstheorien bis zu den allumspannenden Konstrukten, die ein ganzes symbolisches Universum stützen sollen.

Weltansichten werden durch vielfältige Verknüpfungen subjektiver mit gesellschaftlich abgeleiteten Erfahrungen und Wissensbeständen gebildet. Unser Bild von der Welt wird von direkten Erfahrungen und vermittelten Eindrücken anderer erzeugt, aufrechterhalten und gestützt. Deswegen ist auf die vielschichtigen Vorgänge zu achten, in denen die Anstrengungen der Legitimierung und Erzeugung von Weltansichten vonstattengehen. Sie lassen sich als Prozesse der kommunikativen Konstruktion mit je verschiedenen Spannweiten begreifen. Dementsprechend lassen sich die an den kommunikativen Konstruktionsprozessen beteiligten vielschichtigen Vorgänge nicht mit Hilfe einer einzigen Begrifflichkeit oder einem einzigen methodischen Zugriff rekonstruieren. Diskurstheoretische, hermeneutische und gattungsanalytische Ansätze können sich hierbei systematisch wechselseitig ergänzen.

Diese kommunikativen Konstruktionen sollen auf verschiedenen Ebenen rekonstruiert werden. Das Spektrum der in den Blick genommenen Fälle reicht dabei von (1) Vorgängen in der Sphäre unmittelbarerer Interaktion, etwa in Gestalt von Redeweisen, Gattungen oder performativen Mustern, über (2) mittelbare und über Medien und Institutionen verbreitete Legitimierungsanstrengungen bis hin zur Ebene der (3) Konstruktion umfassender geschlossener Wissenssysteme in Gestalt von Weltanschauungen und Ideologien.

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