Aufklärungs-Kritik und Aufklärungs-Mythen. Horkheimer und Adorno in philosophiehistorischer Perspektive

Tagung des Marburger Archivs – Kant und die Aufklärung, Philipps-Universität Marburg, 20.–21. Mai 2016

Der erste Teil der vom Marburger Archiv – Kant und die Aufklärung veranstalteten Tagung konzentrierte sich auf die Interpretationen der in der Dialektik der Aufklärung (1944) von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer herangezogenen Autoren. Anhand von Vorträgen zu Immanuel Kant, Donatien Alphonse François de Sade, Francis Bacon und Baruch de Spinoza sollte zunächst die Angemessenheit der Vernunft- und Aufklärungskritik untersucht werden. Die Beiträge des zweiten Tages waren dann den Autoren Moses Mendelssohn, Jeremy Bentham und Michel Foucault in der Absicht gewidmet, Bezüge zu Theorien herzustellen, die ähnlichen Argumentationsmustern folgen wie diejenigen Horkheimers und Adornos. Nach diesen Vorbemerkungen zur Konzeption verwiesen die VeranstalterInnen – SONJA LAVAERT (Brüssel) und WINFRIED SCHRÖDER (Marburg) – in ihrer Einführung auf den großen Einfluss, den die Dialektik der Aufklärung auf das Verständnis von Aufklärung und Vernunft in der Philosophiegeschichte nach 1945 gehabt habe. Zentrale Gedanken Adornos und Horkheimers, etwa dass nicht ein Mangel an Vernunft, sondern die Vernunft selbst sich als problematisch erweise, oder zur Verknüpfung von Macht und Vernunft, würden auch in aktuellen Debatten über die Theorien Foucaults oder in den Thesen Zeev Sternhells eine Rolle spielen.

JAMES SCHMIDT (Boston) eröffnete die Konferenz mit der Frage, welchen Begriff der „Aufklärung“ Horkheimer und Adorno denn verwendet hätten. Den Ausgangspunkt bildete die im englischen Sprachgebrauch getroffene Unterscheidung zwischen der generischen („enlightenment“) und der spezifischen („the Enlightenment“) Bedeutung – also die Unterscheidung zwischen „Aufklärung“ als einem allgemeinen Prozess der Emanzipation des Individuums durch den selbstständigen Gebrauch der Vernunft einerseits und „der Aufklärung“ als spezifische Epoche der europäischen Geschichte andererseits. Schmidt argumentierte anhand von Briefen Horkheimers, die Dialektik der Aufklärung beziehe sich vorrangig auf den generischen Begriff von Aufklärung. Besonders deutlich werde dies in einem Brief Horkheimers an Friedrich Pollock, in dem er den Ursprung der Aufklärung „in the first thought a human being conceived“ festmacht.

Mit dem werkgeschichtlichen Hintergrund befasste sich GUNZELIN SCHMID NOERR (Mönchengladbach), der einige Schlaglichter auf den historischen Hintergrund der Dialektik warf. Neben dem „Rückfall in die Barbarei“ im Nationalsozialismus wies er vor allem auf das Scheitern der Arbeiterbewegung hin, welches sich in den Moskauer Prozessen und dem Hitler-Stalin-Pakt gespiegelt habe. Beide Ereignisse können als Symbol dafür verstanden werden, dass die Sowjetunion sich unter Stalin endgültig von emanzipatorischen Zielen verabschiedet hatte. Hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Buchs machte der Referent sowohl Konstanten als auch Brüche in der Konzeption deutlich. So hätten auch vor der Emigration die Themen Naturbeherrschung und Antisemitismus für die ursprünglich geplante „Dialektische Logik“, die vor allem eine Weiterentwicklung der marxistischen Begriffe sein sollte, eine zentrale Rolle gespielt. Mithilfe ihres „methodologischen Negativismus“ hätten Horkheimer und Adorno geplant, sich über „Krankheiten“ wie den Antisemitismus der generellen Verfasstheit der Gesellschaft anzunähern. Einen Bruch sah Schmid Noerr hingegen in ihrer Entscheidung, sich vom ursprünglich geplanten interdisziplinären Projekt, welches auch ökonomische und politische Bereiche berücksichtigen sollte, abzuwenden und rein „philosophische Fragmente“ zu erarbeiten. Wolle man den dialektischen Begriff der Aufklärung verstehen, sei es außerdem notwendig, die Einflüsse Giambattista Vicos, Karl Marx' und Max Webers zu berücksichtigen. Insbesondere auf den Stellenwert, den Webers Konzept der „Entzauberung der Welt“ für die Erklärung des zunehmenden Irrationalismus in der Folge schwindender Sinngebung habe, wurde hingewiesen. Abschließend stellte der Referent Horkheimer und Adornos Analyse, die den Faschismus als Gegensatz und Produkt der Aufklärung begreift, denjenigen Helmuth Plessners oder Sternhells, die die Dichotomie von Faschismus und Aufklärung betonen, gegenüber.

Den ersten Vortrag zu Denkern, die explizit in der Dialektik der Aufklärung erwähnt werden, hielt SAMUEL FLEISCHACKER (Chicago). In seinen Ausführungen zur Relevanz des kantianischen Denkens betonte er zwei Punkte. Zunächst ging er auf die Kritik Horkheimers und Adornos am soziologisch gewendeten Begriff des Schemas ein. Vernunft füge den Menschen Gewalt zu, indem das Besondere dem Allgemeinen in der Kategorisierung unterworfen werde. Anschließend stand ihre Kritik an Kants Ethik, die im formalen Vernunftdenken verhaftet bleibe, im Zentrum. Angesichts von Kants allgemeinem Vorhaben, mittels seiner Kritiken die Grenzen der Vernunft aufzuzeigen, so Fleischacker, könne sein Denken jedoch auch als ein Versuch, aus der Dialektik der Aufklärung auszubrechen, verstanden werden.

TIMO AIRAKSINEN (Helsinki) widmete sich der Frage, ob die Romanheldinnen de Sades „inverted Kantians“ seien.1 Wäre dies der Fall, dann müsse man die gesamte Aufklärung als ein in sich gefährliches Projekt verstehen. Airaksinen zeigte, dass die Annahme einer solchen Verstrickung von Kant und de Sade nicht zu halten sei.2 Den Figuren de Sades sei es nämlich nicht um die Schaffung neuer Werte gegangen (die „nur“ eine Umkehrung der humanistischen, aufklärerischen darstellen), sondern vielmehr darum, durch die Zurückweisung aller Werte größtmögliche Freiheit zu erlangen. Erst der Regelbruch stelle den Zustand der Freiheit her, in dem alles, was Befriedigung schafft, getan werden könne. Die Handlungen, die nach de Sade die größte Befriedigung bereiten (Sex, Folter und Mord), können dies gerade aufgrund der Erregung, die der ihnen innewohnende regelbrechende Charakter auslöst. So ergibt sich das Paradox, dass die Figuren de Sades gerade auf die etablierten Regeln angewiesen sind, um Freiheit empfinden zu können. Letztlich verweise dieses Paradox auf die Problematik jeder deontologischen Ethik, die auch von Horkheimer und Adorno kritisiert werde.

DIETRICH SCHOTTE (Marburg) wich in gewissem Maße von seinem ursprünglich geplanten Thema – der Rolle Bacons in der Dialektik der Aufklärung – ab und ging stattdessen auf die Kritik Adornos und Horkheimers am Positivismus ein. Ähnlich wie Schmid Noerr in seinen Ausführungen zum Begriff der Aufklärung unterschied Schotte zwischen Positivismus als strukturellem Begriff, also Positivismus als einer generellen Geisteshaltung, und Vertretern einer bestimmten Schule. Mit seinem Vortrag wollte er zeigen, dass Horkheimer und Adorno sich mit ihrer Kritik am Positivismus in erster Linie auf Vertreter des logischen Positivismus im Umfeld des Wiener Kreises bezogen. Zudem sei ihre Kritik, die vor allem auf die Verdinglichung und Verunmöglichung von Fragen nach Sinn und Normativität ziele, im Fall dieser positivistischen Autoren nur bedingt stichhaltig. Beispielsweise würden die ethischen Überlegungen Moritz Schlicks belegen, dass sich der logische Positivismus durchaus mit ethischen Fragen beschäftige. Auffällig fand Schotte, dass sich Horkheimer und Adorno vor allem an Autoren abgearbeitet hätten, auf die der Wiener Kreis positiv Bezug genommen hätte. Ihre Kritik an Bacon habe daher eher strategische Gründe, die in der Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis und damit nicht zuletzt in einer Debatte um die wissenschaftliche Positionierung des Marxismus zu suchen seien. In der folgenden Diskussion wurde betont, es sei Horkheimer und Adorno wohl eher um eine Kritik des strukturellen Positivismus gegangen als um die Auseinandersetzung mit konkreten Personen. Auch auf eine mögliche Skepsis gegenüber der positivistischen Sozialwissenschaft wurde hingewiesen.

FRANÇOIS MOREAU (Lyon) ging auf die wenigen – seiner Meinung nach aber an besonders strategischen Punkten platzierten – Anmerkungen zu Spinoza in der Dialektik der Aufklärung ein. Die Aufforderung Spinozas, die menschlichen Leidenschaften wie geometrische Linien und Flächen zu behandeln, würden Horkheimer und Adorno beispielsweise in erster Linie mit der für die Aufklärung typischen Tendenz erklären, das Menschliche außen vor zu lassen. Moreau hält das für eine Fehlinterpretation, da es Spinoza weniger um ein Lob der Gewalt gehe, die den Menschen in der Gesellschaft angetan werde, als um die Feststellung, dass Vernunft als Richtmaß für das menschliche Handeln geeigneter sei als die Affekte. Die Erwähnung Spinozas in der Dialektik der Aufklärung solle somit weniger philosophiehistorische Tatsachen erläutern als vielmehr der porträthaften Darstellung der Aufklärung dienen.

ELSE WALRAVENS' (Brüssel) Vortrag zu Moses Mendelssohns Schrift Über die Frage: Was heißt aufklären? von 1784 bildete den Auftakt der Vorträge des zweiten Tages. In dieser Schrift legt Mendelssohn den Fokus auf die Popularisierung von aufklärerischen Gedanken. Probleme entstehen seiner Meinung nach, wenn sich zwischen Kultur (verstanden als praktische Sphäre der Gesellschaft, die sich in Politik, Ökonomie, Kunst, etc. ausdifferenziert) und Aufklärung (verstanden als theoretisches, reflexives Nachdenken) Brüche auftun. Es gelte daher, sowohl eine Verselbstständigung der Kultur, die in dekadenten Materialismus führen würde, als auch eine Loslösung der Aufklärung von praktischen Vorgängen zu verhindern. Mendelssohns geschichtsphilosophische Konzeption offenbare ebenfalls ein ambivalentes Bild der Aufklärung. Habe ein Volk das Höchstmaß an Bildung (welche sich aus Kultur und Aufklärung zusammensetzt) erreicht, komme es zur Stagnation und schließlich zum Rückschritt des Bildungsniveaus. Die daraus entstandene Spannung erlaube nun wiederum neuen Fortschritt. Fortschritt und Rückschritt werden so in einer zyklischen Geschichtsauffassung verbunden. Mendelssohn könne in seinem Bestreben, die dehumanisierenden Tendenzen, die Aufklärung mit sich bringen kann, aufzuzeigen, ähnlich wie Horkheimer und Adorno als Aufklärer über die Aufklärung verstanden werden.

WILHELM HOFMAN (München) sprach über Aspekte in Benthams Denken, die Überlegungen der Dialektik der Aufklärung bestätigen bzw. zuwiderlaufen. Bentham, der klassische Vertreter eines spätaufklärerischen Utilitarismus, müsse als ein „doppelter“ Denker gelesen werden: Zum einen stand er für einige radikal egalitäre und emanzipatorische Positionen (etwa als Antikolonialist und Verfechter der Frauenemanzipation), zum anderen kann er insbesondere in seinen Ausführungen zum Panoptikum als repressiver Reaktionär betrachtet werden. Hofman ging nur am Rande auf den Panoptismus ein – der in der Dialektik der Aufklärung vor allem anlässlich der Kritik am Konformismus der Klassengesellschaft und der Verstümmlung des Individuums angesprochen werde – und konzentrierte sich stattdessen auf das Verhältnis von Benthams Utilitarismus und der Dialektik der Aufklärung. Horkheimer und Adorno wenden sich gegen diesen Utilitarismus Benthams insbesondere im Hinblick auf seinem „Kampf gegen die Fiktionen“, an deren Ende stets nützliches Wissen und eindeutige Formulierungen stehen müssten. Deutlich werde Benthams positivistische Einstellung beispielsweise in seinen sprachfetischistisch anmutenden Begriffserklärungen oder seiner Auffassung von Kunst, die er nur für sinnvoll hält, wenn sie der Rezipientin Freude bereitet. Allerdings hob Hofman auch Aspekte in Benthams Egalitarismus – vor allem im Rahmen seiner Sexualethik – hervor, die der Analyse Horkheimers und Adornos von Aufklärung als Geschichte der Triebentsagung entgegenstehen.

PETRA GEHRINGs (Darmstadt) Vortrag zum Verhältnis Foucaults zur Dialektik der Aufklärung bildete den Abschluss der Tagung. Abgesehen von der Abgrenzung Foucaults von Hegel ging es ihr darum, die Gemeinsamkeiten Foucaults mit Adorno und Horkheimer hervorzuheben. Diese seien vor allem an der Kritik an Metaphysik, Ontologie und Vernunftglauben festzumachen. Außerdem wurde der allen Autoren gemeinsame Bezug zu Friedrich Nietzsche, Kant und de Sade genannt. Im Folgenden bezog sich Gehrings Vortrag vor allem auf die von Foucault in den Jahren 1983/84 gehaltenen Vorlesungen zum Konzept der parrhesia.3 Diese Vorlesungen seien besonders von Interesse, da Foucault in ihnen eine große historische Linie der abendländischen Gesellschaft nachzuzeichnen versuche und so nahe an das Vorhaben der Dialektik der Aufklärung heranrücke. Nach einer kurzen Darstellung von Foucaults Begriff der parrhesia als freimütige Rede, die eine gefährliche Situation eröffnet, betonte Gehring die Fruchtbarkeit einer genaueren Untersuchung, ob die List des Odysseus als eine Form der parrhesia betrachtet werden könne.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass sich die Vorträge vor allem auf die erkenntnistheoretischen und ethischen Ausführungen sowie die implizite Analysen des Faschismus in der Dialektik der Aufklärung bezogen. Auffällig war, dass trotz dem gegenwärtig wachsendem Misstrauen gegenüber großen Teilen der Medienlandschaft, welches sich etwa in Form von „Lügenpresse“-Vorwürfen äußert, das Thema der Kulturindustrie weitgehend ausgespart wurde.

Konferenzübersicht:

Sonja Lavaert (Brüssel) / Winfried Schröder (Marburg), Einführung

Introductory papers

James Schmidt (Boston), What, if anything, does Dialektik der Aufklärung have to do with ‘the Enlightenment’?

Gunzelin Schmid Noerr (Mönchengladbach), Zum historischen und werkgeschichtlichen Hintergrund der Dialektik der Aufklärung

Case Studies

Samuel Fleischacker (Chicago), Kant in the Dialectic of Enlightenment

Timo Airaksinen (Helsinki), Sade on Enlightenment: twisted reason and lethal love

Dietrich Schotte (Marburg), Shadow history with a hidden agenda. Bacon und die logischen Positivisten in der Dialektik der Aufklärung

Pierre-François Moreau (Lyon), Adorno und Horkheimer als Spinoza-Leser

Else Walravens (Brüssel), Aufklärungskritik aus aufklärerischer Sicht: Moses Mendelssohns Idee einer Korruption der Kultur und der Aufklärung

Willi Hofman (München), Panoptische Aufklärung zwischen Toleranz und Repression – Jeremy Bentham und die Kritische Theorie

Petra Gehring (Darmstadt), Dialektik oder Parrhesiastik der Aufklärung? Adorno und Foucault

Final Discussion

Fußnoten

1 Airaksinen bezog sich insbesondere auf Juliette oder die Vorteile des Lasters (1796). Auf Justine oder vom Missgeschick der Tugend (1791) sowie auf Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage (1785) ging er am Rande ein.

2 Eine solche These findet sich etwa in Jacques Lacan, Kant mit Sade, in: ders., Schriften II. Ausgewählt und herausgegeben von Norbert Haas, Olten 1975, S. 133–163.

3 Michel Foucault, Der Mut zur Wahrheit – Die Regierung des Selbst und der anderen II. Vorlesungen am Collège de France 1983/84, übers. von Jürgen Schröder, Berlin 2010.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.