Bamberger Splitter I

Zur Eröffnung des Soziologiekongresses 2016

Vor dem Kongress: Alles analoge Soziologen?

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) sieht sich zum Beginn ihres diesjährigen Kongresses mit einer scharfen Kritik konfrontiert: In der Süddeutschen Zeitung wirft ihr der Schweizer Soziologe Andreas Diekmann Konservatismus insbesondere im Hinblick auf digitale Welten und Forschungsmethoden vor. Die DGS, eine rückwärtsgewandte „Geschlossene Gesellschaft“? Für so manche Soziolog_in äußert sich das auch darin, dass es weder einen offiziellen Hashtag noch ein offizielles Twitterkonto des Verbandes zum Soziologiekongress gibt; stattdessen handelte die Netzgemeinde in Eigenregie das Schlagwort #sozkon16 aus. Unter #dgs16 verbirgt sich schließlich u.a. ausgerechnet das Dangerous Goods Symposium 2016.

Wie zur Bekräftigung des etwas heiklen Verhältnisses der Sozialwissenschaften zum Digitalen ist das Display im Regionalexpress nach Bamberg auf den 10.02.1997 eingestellt; die anreisenden Kongressteilnehmer, nach eigener Auskunft Jahrgang 1990, fotografieren es eifrig, vermutlich um das Bild auf Facebook zu teilen. Einige sind allerdings auch mit Skatspielen beschäftigt – unter ihnen ein junger Mann mit adrett gezwirbeltem Schnurrbart, der mit einem Projektpartner nebenbei telefonisch letzte Variablen und Formeln für eine Präsentation festklopft. Die Quantis sind also schon auf dem Weg. (Christina Müller)

Jazz im Feinkostladen

Bei wissenschaftlichen Kongressen und verwandten Zusammenkünften spielt Musik gewöhnlich keine Rolle. Kommt sie überhaupt zum Einsatz, so handelt es sich gewöhnlich um Streichquartette, die bei Eröffnungsveranstaltungen aus dem Standardrepertoire vortragen: Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert. Den musikalischen Rahmen für die Eröffnungsveranstaltung des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gestaltete gestern Abend allerdings kein Streichquartett, sondern Zakedy Music, eine Jazzband um den Schlagzeuger Walter Bittner. Seinen Auftritt startete dieses Quartett mit einem Tribut an Bertolt Brecht. Eingespielt wurde dessen Stimme mit einer Zeile aus dem berühmten, fast schon zu Tode zitierten Gedicht „An die Nachgeborenen“:

„Der Lachende

Hat die furchtbare Nachricht

Nur noch nicht empfangen.“

Sollte das Brecht-Zitat eine Anspielung auf Thema und Gegenstand des Kongresses sein, also auf „Geschlossene Gesellschaften“? Zu dieser Deutung hätte das Auditorium jedenfalls kommen können, als gut drei Stunden später – mittlerweile waren Grußworte, der Eröffnungsvortrag von Stephan Lessenich, Preisverleihungen an Teresa Koloma Beck, Boris Nieswand sowie Heinz Bude und der Hauptvortrag von Andreas Voßkuhle absolviert – ein weiteres und letztes Mal Brechts Stimme in der Konzerthalle Bamberg zu hören war. Jetzt allerdings nicht mit Gedichtzeilen, sondern in einem Mitschnitt aus Brechts Auftritt vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ am 30. Oktober 1947. Das von Zakedy Music präsentierte Stück trug den Titel „Good night, democracy“, wartete auch – Jimi Hendrix ließ grüßen – mit einer Improvisation des Pianisten über die Harmonien von „The Star-Spangled Banner“ auf und lud die versammelten Soziologinnen und Soziologen wohl dazu ein, in den Vereinigten Staaten der McCarthy-Ära das historische Beispiel einer geschlossenen Gesellschaft zu erkennen. „Jazz funktioniert bei solchen Veranstaltungen nicht“, hatte ich meinem Sitznachbarn vorlaut zugeraunt, noch bevor der Präsident der Bamberger Universität ans Mikrofon getreten war, um sein Grußwort vorzutragen. Professor Ruppert beschäftigte sich übrigens gar nicht mit geschlossenen Gesellschaften, sondern mit Aldi und Lidl, und damit, dass die Bamberger Universität ein „Feinkostladen“ sei. (Martin Bauer)

Wir rechnen mit Ihren Fragen

So steht es auf den T-Shirts der zahlreichen und wohl doch auch zahlengeprägten Bamberger Kongressorganisator_innen – nicht zuletzt die kleine Standortlaudatio des Universitätspräsidenten machte gleich zu Eingang der Eröffnungsfeier klar, was der fränkischen Hochschule neben den regionalen Spezialitäten Bier, Bier und Bier besonders wichtig ist. Kleine Kontrapunkte zu dieser allumfassenden Rationalität wurden aber doch gesetzt. Georg Vobruba definierte den für seine öffentlichkeitswirksamen Arbeiten ausgezeichneten Heinz Bude u.a. anhand dessen Mona-Lisa-Motivsocken als Kunstwerk. Bude, vermutlich auch der Soziologe mit den meisten Szenenapplausen, beendete seinerseits seine Rede mit dem Satz „Ich will [die Welt] immer noch verändern!“ Schade, dass Teresa Koloma Beck und Boris Nieswand, die den Thomas-A.-Herz-Preis für qualitative Sozialforschung erhielten, keine Gelegenheit zu einer Wortmeldung bekamen.

Der scheidende DGS-Vorsitzende Stephan Lessenich nutzte in Barack-Obama-Manier die Gelegenheit, um sich wohlpointiert zum Ende der Amtszeit so einigen politischen Frust von der Seele zu reden. Indem er auf den am 28. August 2016 verstrichenen Geburtstag des engagierten Soziologen Charles W. Mills verwies, entfaltete Lessenich Hintergrundüberlegungen zum – recht kurzfristig und aus aktuellem Anlass – gewählten Kongressthema „Geschlossene Gesellschaften“. Der Flüchtling, in seiner Mobilität und Risikobereitschaft eigentlich eine paradigmatische Figur der Aktivgesellschaft, werde in einer mit Selbsthass beschäftigten Gesellschaft gleichwohl ausgegrenzt. „Die Ablehnung des Flüchtlings ist die Ablehnung des Flüchtigen“, postulierte Lessenich in einem seiner twittertauglichsten Sätze. Freilich bekam er von Bude etwas später zu hören, die aktuelle Fluchtbewegung sei eigentlich nur aufgrund des zunehmenden Wohlstands der Geflüchteten überhaupt möglich geworden. (Christina Müller)

Fünf Minuten Bude

Nach der launigen Laudatio betrat der Geehrte nämlich selbst die Bühne, um die ihm eingeräumte Redezeit („Ich darf Ihnen fünf Minuten was sagen.“) für ein kurzes Statement zu nutzen. Heinz Bude wäre nicht Heinz Bude (und nicht der begnadete Kommunikator, als den ihn die DGS geehrt hat), wenn ihm bei dieser Gelegenheit außer Worten des Dankes nicht auch noch einige auf zumindest fachöffentliche Wirksamkeit berechnete Bemerkungen gelungen wären. „Die Soziologie ist wieder da!“, versicherte Bude den versammelten Fachkolleg_innen, und forderte sie auf, das seiner Meinung nach gewachsene öffentliche Interesse an soziologischer Deutung und Orientierung zu nutzen. Wie vor ihm Stephan Lessenich plädierte auch Bude für eine öffentliche Soziologie, die sich einmischt und sich nicht nur in den Hörsälen der Universitäten, sondern auch in öffentlichen Diskussionen Gehör verschafft. Einig war sich Bude mit seinem Vorredner auch darin, dass Soziolog_innen, die mitreden und ernst genommen werden wollen, normativ Farbe bekennen müssen und sich auch vor der Äußerung von Wahrheitsansprüchen nicht herumdrücken dürfen. Bei aller Einigkeit im Geiste ließ es sich Bude aber nicht nehmen, noch einen Kontrapunkt zu setzen: So gab er deutlich zu verstehen, dass die Soziologie es sich zu einfach machte, wenn sie sich darauf beschränkte, als wissenschaftlich autorisierter Lautverstärker für öffentliche Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu fungieren. Die Soziologie dürfe den Leuten nicht nach dem Mund reden, sondern müsse sich ihren eigenen Kopf bewahren. Und dazu gehöre es vor allem, Widersprüche zu identifizieren und Spannungen zu thematisieren. Ein Beispiel hatte Bude auch parat: So habe die soziale Ungleichheit zwar innerhalb vieler Gesellschaften zugenommen, im globalen Maßstab allerdings sei sie gesunken. Vor solchen und anderen Widersprüchen, so Bude, dürften Soziolog_innen nicht die Augen verschließen, wenn sie, wie er es für sich selbst am Ende seiner Ausführungen eingestand, den Anspruch hätten, die Welt zu verändern. (Karsten Malowitz)

Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, nahm die „Geschlossenen Gesellschaften“ zum Anlass, um dem Plenum die sowohl geschlossene als auch offene Beschaffenheit und Verfahrensweise dieser Institution näherzubringen. Im Gedächtnis der Anwesenden scheint vom Festakt des Montags, will man den sozialen Medien glauben, aber vornehmlich die Bierkompetenz Bambergs nun fest verankert. Man wird sehen, ob die bevorstehenden 800 Vorträge von 1.200 Referent_innen diesen Eindruck verwischen können. https://twitter.com/fraenzchenklein


@fraenzchenklein auf Twitter zur Eröffungsfeier.

(Christina Müller)

Soziopolis hat den DGS-Kongress in Bamberg 2016 mit einem täglichen Livebericht begleitet. Die anderen Beiträge finden Sie hier.