Bamberger Splitter II: Dienstag

Livebericht vom DGS-Kongress

„Offes Gesetz No. 7“

Ob die Soziologie eine nomologische Wissenschaft ist und sein sollte, darüber hat sich das Fach bis auf den heutigen Tag nicht einigen können. Empirisch dürfte feststehen, dass es nur selten Aussagen präsentiert, die den Anspruch ins Feld führen, Gesetzescharakter zu haben. Dass der Anteil des Einkommens, den ein Privathaushalt für die Ernährung ausgibt, mit steigendem Einkommen sinke, war so eine Aussage. Gemacht hat sie der Sozioökonom Ernst Engels bereits im 19. Jahrhundert, weshalb seine Behauptung seither als „das Engelsche Gesetz“ gilt.

Dem schmalen Bestand der Soziologie an nomologischem Wissen hat Claus Offe gestern Abend dankenswerter Weise ein neues Gesetz hinzugefügt. Der von ihm selbst als „Offes Gesetz No. 7“ titulierte Befund lautet: „The more women work, the more women work.“

Bemerkenswert an Offes Gesetz ist, dass es auf den ersten Blick gar nicht wie eine empirische Behauptung aussieht, die unbedingt generalisierbar ist, sondern wie eine Tautologie. Logisch scheint es sich um etwas zu handeln, was Kant einen analytischen Satz genannt hätte, also um eine Behauptung des Typs, dass Junggesellen unverheiratete Männer sind. Doch trügt der Schein! Er löst sich vielmehr sofort auf, wird Offes Gesetz in der sonoren Intonation seines Autors vernommen: „The more women work, the more women work.“ Jetzt wird klar, dass Offes Gesetz No. 7 genau genommen besagt, die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen führe zu neuen Erwerbstätigkeiten für Frauen. Unklar blieb allerdings, warum es sich um Offes siebtes Gesetz handelt. Warten noch sechs unveröffentlichte auf den Tag Ihrer Mitteilung? Further investigations are necessary… (Martin Bauer)

Geisterstunde

0:00 Uhr: „Das Gesellschaftsganze – und der ‚Geist‘, der es erfüllt“ – die Arbeitsgemeinschaft Sozial- und Ideengeschichte der Soziologie weiß, wie man bescheidene Titel wählt. Das müsste jeden Soziologen interessieren. Es kamen nur ca. 25, aber die schienen dafür sehr interessiert. Soweit man das bei Soziologen erkennen kann. Die Veranstaltung hatte ein extrem strenges Zeitregime; für die fünf Vorträge waren die knapp drei Stunden wirklich sehr knapp. Das Gesellschaftsganze wurde dann sogleich von Dirk Tänzler in seinem Vortrag „Das Ganze ist das Un- / Wahre. Totalitätsbegriff als Mittel der Kritik und herrschaftssoziologische Kritik des Totalitätsbegriffs“ adressiert und problematisiert. Im Vergleich der Abschlussfiguren des Gesellschaftsganzen bei Hegel, Marx und Luhmann kam besonders letzterer mit dem paradoxen Versuch, das Gesellschaftsganze als Metaphysik auf Distanz zu halten, zugleich aber den Begriff der Weltgesellschaft als absolute Referenz wieder einzuführen; das Gesellschaftsganze sozusagen als tremendum et fascinans. Wollte man es während des Vortrags auch noch nicht für möglich halten, so brachte Tänzler doch ein, wie er es mit einem Augenzwinkern nannte: „Anwendungsbeispiel“ mit. Die Problematik des Ganzen in seiner Abgeschlossenheit ließe sich auch auf Figuren des Ganzen in der aktuell von PEGIDA vereinnahmten Form des „Volkes“ entdecken. So widerspricht das Ganze des Volks in der Totalität als einem homogenen Volkskörper ins Extrem gedacht ausgerechnet der Demokratie. Ähnliches lässt sich für Begriffe wie „Leitkultur“ oder „Alternativlosigkeit“ beobachten, die in ihrer Totalität fundamentale Opposition erzwingen.

Ulrich Merz-Benz suchte das Gesellschaftsganze in seinem Vortrag dann in der Idee des „schöpferischen Akts“ bei Alfred Weber, also im immer wieder neu Erzeugen der Sozialität. Diese ist als ebensolcher schöpferischer Akt auch nicht von Strukturbildung der Gesellschaft zu vereinnahmen und begründet so, sozusagen konsequent und immer fort das Gesellschaftsganze. Die Aktualität dieser Überlegungen Alfred Webers versuchte Merz-Benz dann in der Anwendung der Überlegungen auf die Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours zu zeigen. Die Diskussion im Publikum hierzu zeigte, dass dieser Versuch tatsächlich auf verwandte Theoriestellen trifft. Darüber hinausgehende „Anwendungsbeispiele“ oder gar kritische Überlegungen wie von Tänzler angeführt, gab es keine. Müssen aber wohl dem nächsten Schöpferischen Akt überlassen bleiben.

Peter Gostmann versuchte im dritten Vortrag dann eine Soziologie des Geistes im Anschluss an Karl Mannheim zu entwickeln. Weiter als bis Mannheim kam der Vortrag aber nicht, da wohl überraschend keine ganze Seminarsitzung zur Verfügung stand, sondern nur ein Vortragsslot von 20 Minuten. Dem Abstract entnehme ich: „Die Idee einer Soziologie des Geistes, die Karl Mannheim anlässlich des Sechsten Deuschen Soziologentages in Zürich (17.-19. September 1928) präsentierte, ist bis heute nicht systematisch weiterverfolgt worden. Der Vortrag verfolgt das Ziel, die Grundlagen eines solchen Vorhabens zu erläutern. Zu diesem Zweck werden neben den Potentialen insbesondere die Unklarheiten in Mannheims Konzeption, die vor allem Unklarheiten seiner philosophischen Grundlage sind, gezeigt; es wird ein Vorschlag unterbreitet, wie diese Unklarheiten im Sinne einer präzisierten Soziologie des Geistes beseitigt werden können. Daran anschließend wird skizziert, wie die Soziologie des Geistes als eine objektiv verfahrende empirische Wissenschaft praktiziert werden kann.“ Aha. Darum hätte es gehen können.

Im vierten Vortrag deutete Maren Lehmann das Kongress-Motto von Schließung und Öffnung um als Ordnung und Auflösung. In diesem Kontext zeigte sie, dass es der Soziologie im Anfang ein Anliegen war, die Auflösung zu verhindern, die Integration zu sichern. Die totalisierende Tendenz dieses Anliegens wurde mit einigen Ausnahmen aber selten genauer beobachtet. Schließlich scheint besonders im Zuge des möglicherweise auf Netzwerkstrukturen umstellenden Gesellschaftsganzen die Gefahr der Totalisierung heute kaum abzuwenden: die Netzwerkgesellschaft als soziologische Apokalypse. In Netzwerken selbst kann von Ausschluss keine Rede mehr sein; vielmehr frisst das Netzwerk seine Grenze und selbst der Ausschluss ist Anschluss. Die scharfe Kritik an der Verwicklung des Faches in diese Entwicklungen sitzt.

Im letzten Vortrag ging es Carsten Klingemann um „Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen“. Noelle-Neumanns Ansatz versucht in der Öffentlichen Meinung als „sozialer Haut“ einen Ersatz für das Gesellschaftsganze zu erkennen und diese mit demoskopischen Instrumenten, in Grenzen dann zu erfassen. Die „Soziale Haut“ als Konformitätszwang aller und zugleich zelebrierter Vernichtung Einzelner hat dabei genau hierin ihre Funktion. Nur in diesen, gesellschaftlich relevanten, Aspekten kann die Sozialforschung einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Soziologie leisten. Letztes entnahm ich nun im Nachgang dem Abstract - was nicht dem wirklich interessanten Vortrag von Carsten Klingemann geschuldet war, sondern vielmehr den nun überhaupt nicht mehr knappen, sondern fast ewig wirkenden vergangenen drei Stunden dieser Arbeitsgemeinschaftsveranstaltung. Arbeitsgemeinschaft heißt offenbar - zumindest in der Struktur der Veranstaltung - nicht Diskussionsgemeinschaft.

Wollte man mich jetzt noch nach dem Zusammenhang der fünf Vorträge fragen, dann müsste ich endgültig passen. Einzelne Bezüge waren vielleicht möglich, aber das Gesellschaftsganze und besonders der Geist, der es erfüllt, sind dann doch ein wenig viel, für fünf bescheidene Vorträge in einer so knappen Ewigkeit. (Moritz Klenk)

PEGIDA oder wie brauchbar ist der Begriff Rechtsextremismus?

Wer oder was ist das kollektive Subjekt von PEGIDA und wie rechtsextrem ist es eigentlich? Diese und andere, eher methodische Fragen, wurden in der Adhoc Gruppe „PEGIDA und Co. – Neue rechte Bewegungen in Deutschland. Erklärungsansätze und aktuelle Befunde“ diskutiert. Von den insgesamt vier Präsentationen erläuterten drei unterschiedliche Studien die Motivlage der PEGIDA Anhänger_innen.

Lars Geiges stellte die Untersuchungen vom Göttinger Zentrum für Demokratieforschung in einer frühen Phase der Protestbewegung, im Januar/Februar 2015, vor. In den mit Demonstrant_innen durchgeführten Fokusgruppendiskussionen hätten sich als zentrale und sehr emotionalisierte Themen erwiesen: die starke Aufladung eines Heimatgefühls und vor allem einer regionalen Identifizierung (die Überhöhung von wahlweise Dresden oder Sachsen, wo die Welt noch in Ordnung sei), die Kritik an den „Mainstream-Medien“, die Kritik an der „Politiker-Kaste“, die Ablehnung bzw. negative Aufladung von Islam bzw. ‚den‘ Moslems sowie die positive Besetzung der Mitte. Aktuell sei eine Radikalisierung und Zersplitterung der ‚Bewegung‘ zu beobachten, die sich aber mit ihrer Institutionalisierung in Gestalt der AfD verbinde. In der Diskussion wurden dann zunächst methodische Fragen diskutiert, wie die Zusammensetzung der Fokus-Gruppen und deren Repräsentativität. Eine kritische Frage legte nahe, die Forscher_innen hätten stärker das going native praktizieren müssen, um valide Ergebnisse zu erzielen. Die grundsätzliche Frage dahinter kehrte in variierter Form auch bei den anderen Untersuchungen wieder und bezieht sich im Kern darauf, dass die Forschungsergebnisse letztlich Inhalte präsentierten, die vorher auch schon klar waren bzw. die ‚man‘ oder ‚die‘ Sozialwissenschaftler_innen sich sowieso immer schon zu den Wahnsinnigen von PEGIDA gedacht hatten.

Oliver Decker und Alexander Yendell präsentierten Ergebnisse aus ihrer jüngst veröffentlichten Studie Die enthemmte Mitte, wobei sie sich auf die Korrelationen zwischen einem Item, das die Ablehnung/Zustimmung zu PEGIDA abfragte, und anderen auf die Messung von autoritären Einstellungen bezogenen Items konzentrierten. Im Ergebnis zeigte sich, dass vor allem eine hohe Korrelation mit den Items zu Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit bestehe. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass PEGIDA nicht eine ‚bloße‘ Protest- oder Empörungsbewegung sei, wie andere Forschungen zum Thema nahelegten, sondern Ausdruck manifester rechter Einstellungen.

Ein ähnliches Ergebnis präsentierte Susanne Rippl, die sich auf Allbus Daten sowie eine eigene telefonische Erhebung in Chemnitz stützte und darüber hinaus versuchte, einen Ost- oder Wende-Effekt zu ‚errechnen‘. Tatsächlich fand sie in ihren Ergebnissen eine Bestätigung dafür, dass Gefühle oder Selbstbezeichnungen als kollektive (nicht individuelle) Wendeverlierer eine hohe Korrelation mit PEGIDA positiven Einstellungen aufwiesen. Ähnlich wie auch Decker/Yendell in ihrer Studie beobachtete sie eine Radikalisierung der Mitte. Rechtsextreme und rassistische Einstellungen hätten zwar nicht quantitativ, sehr wohl aber qualitativ zugenommen.

Der letzte Beitrag von Matthias Quent präsentierte einen ersten Überblick über das Feld der verschiedenen vigilantistischen Aktivitäten, deren prominenteste Vertreter die selbsternannten Bürgerwehren sind. Die Kritik an Quents Versuch, verschiedenste Gruppierungen, die das Gewaltmonopol des Staates in Frage stellten (von Hilfspolizisten bis zum NSU), unter einer Kategorie zu subsumieren, ließ am Schluss die Frage aufkommen, wie sinnvoll sich letztlich die in allen Vorträgen beschriebenen Gruppen von anderen oder von so etwas wie einem demokratischen Konsens oder gar von einer sei es normativ aufgeladenen, rein deskriptiv verstandenen oder einfach nur ‚enthemmten‘ Mitte unterscheiden ließe, und vor allem, ob inwiefern sich von letzterer überhaupt sinnvoll reden ließen.

Mein Eindruck: In der Diskussion wurden einige spannende Fragen angerissen, weiterführende Antworten oder vertiefende und stärker auch theoretische Debatten zum Phänomen gab es leider nicht. (Imke Schmincke)

Hegemonie der Zahlen

19:00 Uhr: Manchmal werden die fundamentalsten Verteilungskonflikte unter den scheinbar unattraktivsten Titeln verhandelt. Der ad-hoc Gruppe "Erbschaftsbesteuerung und vermögensbasierte gesellschaftliche Schließung" war es zu verdanken, dass auf dem Kongress eine weitere Möglichkeit geboten wurde, die damit verbundenen gesellschaftspolitisch hoch akuten Fragestellungen zu diskutierten. Im Panel selbst waren dann aber quantitativ-statistische Ansätze klar hegemonial, die insbesondere den Einfluss von Erbschaften auf Vermögens- und Konsumptionsstrukturen untersuchten oder subjektive Einstellungen zur Erbschaftsbesteuerung per se examinierten, während demokratietheoretische Aspekte, die wohl unter dem Begriff der Schließung zu verhandeln gewesen wären, wenig Beachtung fanden. Gemeinsamer Ausgangspunkt aller Beiträge war, dass die "Erbschaftswelle rollt", weshalb große Reformpotenziale bestehen, die aber dank der dargestellten Erhebungsauswertungen nicht realisierbar seien. Jedoch gelang es trotz der gemeinsamen Anstrengungen nicht, diese Diskrepanz zwischen soziologisch-normativer Positionierung und womöglich irrationalen subjektiven Einstellungen überzeugend zu erklären. Für die interdisziplinäre Methodik hingegen ein durchaus produktives Panel, welches einige Querverweise untereinander herstellen konnte, zugleich für breitere Debatten aber nur versteckte Anknüpfungspunkte bot. (Lars Döpking)

Kann die Organisationssoziologie mit der Praxistheorie?

18:30 Uhr: Der practice turn hat Konjunktur. Wenn Praxistheorie die Lösung ist, was war dann das Problem? Unter dieser Frage stand die nachmittägliche Sitzung der Sektion Organisationssoziologie. Empirisch machten die Beiträge auf vielfältigen Gebieten Angebote, wie eine Praxis des Organisierens aussehen könnte: angefangen vom Profisport über parlamentarischen Betrieb und Krankenhausmanagement bis hin zu jungen solidarischen Ökonomien am Beispiel der Vermarktung der eigenen Lieblingscola. Theoretisch stand der empirischen Vielfalt am Ende aber vor allem die Agonie angesichts begrifflicher Disparitäten gegenüber. Deutlich wurde: Die Praxistheorie wird für die Organisationssoziologie immer dann interessant, wenn es einerseits um das Problem der Steuerung von organisationalem Geschehen geht, andererseits um die Erfassung der Veränderungen von organisationaler Mitgliedschaft und Grenzziehung in der Gegenwart. Aber welche Lösungen die Sektion dafür hat und welche Hilfestellungen ihr praxistheoretische Ansätze bieten können, ist noch zu klären. Nicht zuletzt bleibt die Frage offen, inwiefern die Handlungstheorie angesichts des practice turn noch eine Rolle spielt. (Friederike Bahl)

Geschlecht als Ordnungskategorie (und Schaumfrüchte)

18:00 Uhr: Der Weg zur Sektionsveranstaltung der Frauen- und Geschlechterforschung führt vorbei an einem weiteren Highlight der fürsorglichen Bamberger Verköstigungspolitik. Bottiche voll mit Weingummitieren und Schaumfrüchten versetzen entzückte Soziolog_innen jeden Alters zurück in ihre Grundschulzeit. Frisch gestärkt widmet man sich der Frage nach Geschlecht als globale Ordnungskategorie – und dem Problem der Reproduktion ebensolcher Ordnungskategorien durch das eigene Forschungsdesign. Diana Lengersdorf gewährt Einblick in ihr Projekt zum Zusammenhang von hegemonialer Männlichkeit und Erwerbsarbeit und diagnostiziert, die Krise der Arbeit sei gleichzeitig eine Krise des Mannes. Eine Krise verlange nach Lösungen und der Erfolg hegemonialer Männlichkeit liege in ihrer Fähigkeit, bestimmte Kritiken zu adaptieren und so zum verschwinden zu bringen.

Im Anschluss berichten Janna Vogl und Catharina Peeck von den ordnungsstiftenden Effekten der Kategorie Geschlecht in ihren jeweiligen Forschungsfeldern. Obgleich sich beide Felder erheblich unterscheiden – Vogl hat im indischen Chennai zu Sexualitätsdiskursen alleinstehender Frauen und NGOs geforscht, Peeck untersuchte muslimische Frauen als Zielgruppe der britischen „Prevent“-Strategie zur Verhinderung von Radikalisierung und Terrorismus –, stoßen beide auf ähnliche Schwierigkeiten und Irritationen. Beide attestieren den jeweiligen Programmen eine Ambivalenz zwischen Empowerment und Stigmatisierung der jeweiligen Frauen und beide hadern mit ihrer Position als Forscherin, die eigene Diskurse und Weltsichten in die Forschung einbringt und so selbst hegemoniale Diskurse stabilisiert.

Abschließend zeigt Christina Schachtner am Beispiel arabischer Bloggerinnen, was intersektionell orientierte Forscher_innen schon lange wissen: Geschlecht mag eine Ordnungskategorie sein, wirklich verständlich wird diese Ordnung jedoch nur, wenn die Verwobenheit von Geschlecht mit verschiedenen Kategorien mitgedacht wird. Der politische Handlungsspielraum von Netzakteurinnen aus dem Jemen oder Saudi-Arabien wird durch die Zuschreibung von Weiblickeit geformt, aber ebenso durch ihren Bildungsstand und den ihrer Familien, durch die Bedrohung von Leib und Leben durch Krieg und Unterdrückung, durch die Einschränkungen und Entbehrungen der Flucht und nicht zuletzt durch die Identifikation als „Araberin“ oder „Muslimin“. Tomke König – stellvertretend für alle Organisatorinnen der Sektion – zieht dann auch das Fazit, dass die nächste große Herausforderung sein wird, die ordnenden Effekte von Geschlecht in Interaktion mit anderen Zuschreibungen und Stratifikationskategorien zu untersuchen. Da wünscht man viel Erfolg. (Laura Wolters)

Aufgeregte Technikforschung

Die Referent_innen der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung waren allesamt „aufgeregt“; so lautete zumindest der Running Gag zu Beginn jedes Vortrags. Beim ersten Duo (Carolin Thiem und Sascha Dickel) wurde das Publikum dann auch mit einer unkonventionellen Mischung aus Theorieelementen belohnt, die Martin Heidegger, Gabriel Tarde, Gustave Le Bon und Urs Stäheli (der heimliche Schutzpatron der Veranstaltung) beigesteuert hatten. Zweck des Unternehmens war es, eine Theorie des Crowdsourcing zu erarbeiten; freilich sah sich das Produkt der Überlegungen mit Kritik im Hinblick auf fehlende ökonomische Aspekte konfrontiert.

Die nachfolgenden Redner_innen neigten dagegen (oder vielleicht gerade deshalb) dazu, jegliches Risiko zu vermeiden und sehr detailliert bestimmte empirische Phänomene zu beschreiben. Da es sich bei besagten Phänomenen um digitale Aktivitäten handelt, liegt zu ihnen noch nicht viel Forschung vor. Im Fokus standen das Verhalten Jugendlicher in sozialen Netzwerken, das Tourismusportal Air B'n'B und die von Massenmedien betriebene Publikumsbeobachtung durch das Nachverfolgen von Websiteklicks, doch in aller Regel boten die Vorträge wenig mehr als ausführliche Beschreibungen. Provokante Thesen waren kaum zu vernehmen, wenn man einmal Ulrich Dolatas Prognose eines „Stäheli-Overkill“ in der Sektionsveranstaltung ausnimmt. Und das, obwohl angesichts der bisweilen ungemein kryptischen und fragmentarischen Aussagen der befragten Akteure den Forschenden doch einiges an Interpretationskunst abverlangt worden war. (Christina Müller)

Falsche Signale und kognitive Sozialharmonie

14: 30 Uhr: Andreas Ziemann (Weimar) eröffnete das gemeinsam mit Nicole Zillien (Trier) organisierte Plenum 5 mit dem Hinweis, der Titel „Geschlossene Öffentlichkeiten?“ sei bewusst als mögliches Oxymoron gewählt worden. Das Fragezeichen solle, so Ziemann, Programm sein. Der erste Redner Oliver Neun (Kassel) hat die sozialtheoretischen Archive akribisch nach Ressourcen für eine Erneuerung der Debatte über den Öffentlichkeitsbegriff durchforstet. Neun beklagt eklektisch und temporeich, dass die soziologische Theorie durch diesbezügliche Ignoranz gegenwärtig bereits erreichte Erkenntnisplateaus unterbiete. Weder Pierre Bourdieu, noch Michel Foucault oder Niklas Luhmann gefallen ihm deswegen so gut wie Jürgen Habermas, dessen normativer Begriff einer funktional nicht substituierbaren „offenen“ Öffentlichkeit legendär ist. Allenfalls John Dewey, der Neun zufolge in der gegenwärtigen Verhandlung dieses Begriffs in der Soziologie sträflich unterbelichtet sei, können einen Weg aus dem Dilemma weisen. Neun schließt mit einem engagierte Plädoyer für Michael Burawoys öffentliche Soziologie. 

Jasmin Siri (Bielefeld) hat die Onlineauftritte der deutsche Parteienlandschaft medienanalystisch untersucht. Unter der Prämisse, jedes Medium erzeuge seine eigene Form der (politischen) Öffentlichkeit, beleuchtet Siri in ihrem Vortrag Kommunikationsprozesse bei Facebook und Twitter. Entgegen dem emphatischen Begriff einer bürgerlichen Öffentlichkeit entstehe hier keinesfalls ein gemeinsamer Raum, in dem konfligierende Meinungen wechselseitig als diskutable These anerkannt und verhandelt würden. Vielmehr gehe es um sich wechselseitig bekräftigende Sprachspiele zwischen „homogenen Gleichgesinnten“. Abschließend verweist Siri auf die problematische Konfiguration des kürzlich von Angela Merkel populär gemachten Konzepts eines postfaktischen Zeitalters („Post-Truthism“): Wir müssen mit einer Gleichzeitigkeit von Wahrheiten leben lernen, deren Anspruchskonflikt nicht mehr durch Leitsysteme (wie etwa die Wissenschaft) entschieden werden kann. Diese „Synchronisationsprobleme“ sollten von der Soziologie intensiver beobachtet werden, so das Plädoyer.

Dietmar Wetzel (Basel) stellt im Anschluss zunächst sein neues mit Andreas Langenohl herausgegebenes Buch vor, auf das man nun bei Unklarheiten des Vortrags oder einem geweckten Interesse am Thema gerne zurückgreifen kann. Wie viele Bestellungen nach dem Vortrag beim Verlag für Sozialwissenschaften eingegangen sind, ist mir nicht bekannt. Finanzmärkte, so Wetzels Argument, geben normalerweise handlungsfordernde Signale an die Politik - etwa eine Forderung nach Rettung systemrelevanter Banken oder, in den Dekaden zuvor, nach Deregulierung. Im Zuge der Finanzkrise seien sie sogar, so Wetzel, zum „Taktgeber“ geworden, hätten Agenden gesetzt. Um diese Situation aufzulösen, komme es vor allem auf Gegenöffentlichkeiten an, welche die Signale aufgreifen und umdeuten. Wetzel verweist auf die Occupy-Proteste, die er als „postmoderne“ Bewegung charakterisiert. Postmodern scheinen Bewegungen dann zu sein, wenn sie als fluide, strukturell heterogene und etwas planlose Menge ereignishaft In-Erscheinung treten, um Einsprüche gegen Signalinterpretationen zu formulieren. Wetzel ruft die anwesenden Forscherinnen und Forscher dazu auf, künftig im Sinne einer öffentlichen Soziologie vor allem solche Gegenöffentlichkeiten als Publikum anzusprechen.

Christian Stegbauer (Frankfurt am Main) forscht zu Shitstorms und kommt dabei zum selben Ergebnis wie Jasmin Siri: Bei Facebook entstehe eine „kognitive Sozialharmonie“ durch Meinungsdemarkation und homogene Selbstverstärkung: man kommuniziert mit Usern gleicher Gesinnung und blockiert (oder „entfreundet") die anderen. (Mit emphatischen [normativen] Öffentlichkeitsideen hat das wahrlich wenig zu tun, aber die Soziologie ist ja nun auch empirische Wissenschaft und muss mit dem Leben, was eben geschieht.) Empirisch hat Stegbauer einen Shitstorm-Ereignis im Kontext der „Flüchtlingskrise“ analysiert. Die Facebookseite „Multikulti-Watch“ veröffentlichte dabei die Fotografie einer Liste flexibler Eintrittspreise des Naturkundemuseums  „Hessenpark“. Asylsuchende können, das ist auf dem Foto zu sehen, das Gelände kostenlos betreten, alle anderen müssen Eintritt zahlen. Dieses Foto wird vielfach geteilt und etwa 4000 mal kommentiert. Stegbauer hat diese Kommentare (und weitere) analysiert und präsentiert - von reichlich beklommenem Kichern aus dem Publikum begleitet - eindeutig volksverhetzende, gewaltandrohende und rassistische Äußerungen. Diese Kommunikation wurde von Stegbauer einmal im Hinblick auf Lesbarkeit und Fehler (sehr einfache Texte, viele Fehler) mit der parallelen Diskussion auf der Facebookseite des „Hessenparks“ verglichen (Texte komplexer, weniger Fehler). Schließlich wird das Ganze mit einem dieser Verknüpfungsbilder visualisiert, mit denen die Netzwerkforschung bei mir immer punkten kann.

Stegbauers Rekonstruktion ist eindrucksvoll und ernüchternd: Zusammen mit Siris Beitrag legt er nahe, dass digitale Öffentlichkeiten am besten von jedem normativen Anspruch freizuhalten sind, will man als Beobachter nicht ständig enttäuscht werden. Gleiches gilt wohl für die von Wetzel untersuchten Finanzmarktöffentlichkeiten, ist doch hier scheinbar allenfalls die Gegenöffentlichkeit soziologisch resonanzfähig. Ohne normativen Charakter allerdings hat wohl aber zumindest Oliver Neun keine Lust mehr, sich mit Öffentlichkeit(en) zu beschäftigten. (Aaron Sahr)

Glückliche Stammzellen

13:00 Uhr: Bisher zeichnet sich der Bamberger Kongress durch eine gewisse Fürsorglichkeit aus. Zahlreiche Helfer geleiten die Menge durch die recht kryptisch bezeichneten Teilgebäude des Campus in der Feldkirchenstraße, die Mensabesatzung strahlt unerschütterliche Freundlichkeit aus und an allen Kongressecken werden Kuchenstücke und Obst, natürlich bio und fairtrade, angeboten. Verhungern wird man hier sicherlich nicht, zumal der erste Sekt-und-Brezel-Empfang bei Springer VS bereits mittags beginnt.

Auch beim @Sozmag freut man sich über Obst.

Entsprechend fürsorgebezogen gestaltet sich überraschenderweise das Plenum 2, das man unter dem recht abstrakten Titel „Öffnung und Schließung: Deutungen, Wissen, Diskurse“ angekündigt hat. Erstaunlicherweise platzt der Raum dennoch aus allen Nähten. Konkret befassen sich fast alle Vortragenden mit medizinischen Themen, etwa der Wahrnehmung von Wachkomapatienten (Ronald Hitzler) oder der Subjektwerdung von Ungeborenen (Sarah Maria Büsing / Katja Schaeffer). Auch die Fragen, wie eine Stammzelle „glücklich“ zu machen ist und inwiefern die in Laboren Arbeitenden ihre Tätigkeit mit ihrer Religion oder ihren ethischen Grundsätzen vereinbaren können, kamen (im Vortrag von Silke Gülker) aufs Tapet. Nur David Kaldewey, der den Diskurswandel von „Problemen“ zu Herausforderungen“ in der Wissenschaftspolitik als „Sportifizierung der Wissenschaft“ bezeichnete, fiel in Bezug auf sein Material etwas aus dem Rahmen. Die geheimnisvolle Beziehung zwischen Ruderwettkämpfen und Universitäten fiel ihm allerdings erst in der Mittagspause ein. (Christina Müller)

Soziopolis hat den DGS-Kongress in Bamberg 2016 mit einem täglichen Livebericht begleitet. Die anderen Beiträge finden Sie hier.