Bamberger Splitter III: Mittwoch

Livebericht vom DGS-Kongress

Und zu guter Letzt: die Kongressparty

Zumindest auf Twitter hat man sich amüsiert. (Fotos: @sozmag und @FrauJulieq)

Moralische Kollektive (oder doch nicht)

Der Bericht der Ad-hoc-Gruppe 29 muss leider entfallen. Der Autor hat die Strecke zur Kärntenstr. 7, vorbei an den vielen Autohäusern, unterschätzt, so dass er Raum 00.54 mit etwas Verspätung erreicht hat. Sämtliche Plätze waren schon besetzt, auf dem Flur hat sich bereits um die Tür herum eine Traube von ca. 10 Personen gebildet, die sich durch entsprechende Körpersignale immer wieder wechselseitig ihre Unzufriedenheit mit dieser Situation bestätigt haben. Zur Bildung eines moralischen Kollektivs hat es allerdings nicht gereicht. Um solche sollte es in dieser von Stefan Joller und Marija Stanisavljevic organisierten Ad-hoc-Gruppe gehen. (Julian Müller)

Auf dem Weg in welche offene Gesellschaft? Soziologische Zeitdiagnostik in der Bundesrepublik nach 1945

21:00 Uhr: »In schmerzende Selbstbewusstheit verstrickt, sprachen sie mehr über sich selbst als über die deutschen Gesellschaft ihrer Zeit und die wahrhaft dramatischen Wandlungen, die sie durchlief«, stellte Wolfgang Lepenies einmal über die akademische Soziologie in der Weimarer Republik fest. Dass sich das über die gegenwärtige Soziologie kaum mit gleicher Bestimmtheit sagen lässt, wird schon daran deutlich, dass in der Gegenwart mit Stephan Lessenich der Vorsitzende der Fachgesellschaft selbst für eine öffentliche Soziologie eintritt. Bedeutungslos geworden ist der Prozess der disziplinären Selbstverständigung jedoch auch in der Gegenwart nicht. Mehr als 100 Jahre nach der Gründung der DGS prägt er nicht nur den Blick auf die Gegenwart, sondern auch auf die fachgeschichtliche Vergangenheit. Dass auch die Rekonstruktion der eigenen Fachgeschichte und damit des Gewordenseins des akademischen Feldes der Gegenwart umstritten und von Deutungskämpfen beherrscht ist, erscheint wenig überraschend, geht es doch nicht nur um die Bewertung und Gewichtung des Einflusses verschiedener Schulen, Theorien und methodischer Ansätze, sondern auch um das Verhältnis der Soziologie zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Hatte auf den letzten Soziologiekongressen in Jena, Frankfurt, Bochum und Trier das Verhältnis der Soziologie zum Nationalsozialismus eine wichtige Rolle in den fachgeschichtlichen Debatten gespielt - neben der Geschichte des Faches im Nationalsozialismus ging es auch um den Umgang mit und die Rezeption des Nationalsozialismus nach 1945 -, so lässt sich die Ad-Hoc-Gruppe »Auf dem Weg in welchen offene Gesellschaft?« Soziologische Zeitdiagnostik in der Bundesrepublik nach 1945« als kritischer Anschluss an die dort geführten Debatten verstehen.

Bereits in einem Anfang dieses Jahres im Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie (Zyklos 2) erschienenen Artikel hatte Joachim Fischer, der mit seinem Vortrag die Ad-Hoc-Gruppe eröffnete, für eine Neuausrichtung der fachgeschichtlichen Debatte plädiert: Entgegen einer Fachgeschichtsschreibung, die sich seit den 1980er-Jahren vor allem aus einer »kritischen Haltung« heraus auf das Verhältnis der Soziologie zum Nationalsozialismus konzentriert habe, müsse eine Soziologiegeschichtsschreibung treten, die den genuinen Leistungen und Erfolgen der bundesdeutschen Soziologie nach 1949 Rechnung trage. Diese fallen nach Fischer keinesfalls gering aus: Der bundesdeutschen Soziologie nach 1949 komme vielmehr eine »epochale Bedeutung« im doppelten Sinne zu: Zum einen sei die Soziologie nach 1949 zur »Schlüsselwissenschaft« einer ganzen Gesellschaft geworden. Sie habe nicht nur entscheidend zur Systemstabilisierung der im Entstehen begriffenen bundesdeutschen Gesellschaft beigetragen, die sich als civil society neu zu konstituieren hatte, sondern zudem mit ihren Zeitdiagnosen den Prozess der kollektiven Selbstverständigung entscheidend mitgeprägt. Zum anderen markiere die bundesdeutschen Soziologie nach 1949 mit ihrer »Sachforschung«, ihrem »Methodenbewusstseins« und vor ihrer »pluralen Theoriebildung« eine eigene Epoche in der europäischen und internationalen Disziplinengeschichte zu und müsse folglich von der soziologischen Fachgeschichtsschreibung im Zukunft als solche beschrieben und verstanden werden. Dass sich die bundesdeutsche Soziologie auf diese Weise entwickelt habe, führt Fischer auf ihre besondere historische Erfahrung zurück, die einerseits durch die nationalsozialistische Vergangenheit und anderseits durch die Systemkonfrontation im eigenen Lande geprägt war. Zentral für Fischers Deutung der bundesdeutschen Soziologie nach 1945 ist dabei der Verweis auf ein soziologisches »Netzwerk«, das sich um die philosophische Anthropologie gebildet habe, und dem als dritte Strömung neben der »Frankfurter Schule, die mit ihren theoretischen Ansätzen fachgeschichtlich letztlich »erfolglos« geblieben wäre, und der Kölner Schule um René König eine entscheidende und bisher weitgehend unterschätzte Bedeutung in der bundesdeutschen Soziologie nach 1949 zukam. Diesem Netzwerk ordnet er in erster Generation Helmut Plessner, Arnold Gehlen und Helmut Schlesky und in zweiter Hans Paul Bahrdt und Heinrich Popitz zu.

Es war die These einer epochalen Bedeutung der bundesdeutschen Soziologie nach 1949, die im weiteren Verlauf der Ad-Hoc-Gruppe zur Diskussion stand, wobei sowohl die Lesart der Soziologie als eine zur Systemstabilisierung beitragende Schlüsselwissenschaft als auch die der eigendynamischen Entwicklung der bundesdeutschen Soziologie auf Kritik gestoßen ist.

Was eine Fachgeschichtsschreibung übersieht, die die Bedeutung der bundesdeutschen Soziologie nach 1949 auf ihre systemstabilisierende Funktion reduziert, hat Oliver Römer im zweiten Vortrag der Ad-Hoc-Gruppe zum Gegenstand gemacht. Streng genommen lasse sich die Deutung, dass die zentrale Leistung der bundesdeutschen Soziologiegeschichte ihr Beitrag zu einer flexiblen Systemstabilisierung sei, in dieser Eindeutigkeit nur vertreten, wenn man Schelsky zum zentralen Protagonisten dieser Geschichte mache. Diesem sei es in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Tat gelungen, der bundesdeutschen Gesellschaft eine Reihe wirksamer Selbstdeutungen anzubieten; denen jedoch bereits in ihrer Zeit prominent sowohl von seitens der Kritischen Theorie als auch von René König widersprochen worden ist. Als Eintritt für eine plurale, offene Gesellschaft lassen sich auch deren Arbeiten verstehen, nicht jedoch als Beitrag zu einer flexiblen Systemstabilisierung. Römer selbst wendet sich in seinem Vortrag der Marburger Schule zu, zu der er neben Wolfgang Abendroth und Werner Hofmann auch Heinz Maus zählt. Anhand Abendroths kritischer Auseinandersetzung mit der Rechtstheorie Schelsky skizziert Römer alternative Deutungen der bundesdeutschen Gesellschaft: Während Schelsky ein funktionalistisches Rechtsverständnis vertritt, begreift Abendroth das Recht als in sich widersprüchlichen Ausdruck und Niederschlag gesellschaftlicher Kämpfe und Auseinandersetzungen. Die bundesdeutsche Gesellschaft stellt in seinen Augen keinesfalls eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, sondern eine von Widersprüchen, Konflikten und Antagonismen geprägte Gesellschaft dar.

Der Vortrag von Fabian Link hätte die Auseinandersetzung mit der Rechtssoziologie von Helmut Schelsky weiterführen sollen, während Michael Becker ausgehend von dem »Gruppenexperiment« des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, in dessen Zentrum die Analyse der politisch-ideologischen Haltung der Westdeutschen stand, den Beitrag der Soziologie zu einer gesellschaftliche Demokratisierung aus der Perspektive der älteren Kritischen Theorie nachzeichnen wollte. Beide Referenten mussten leider kurzfristig absagen.

Im abschließenden Vortrag von Gerhard Schäfer stand ein Vergleich der Zeitdiagnosen von Helmut Schelsky und Ulrich Beck im Zentrum. Hatte Schelsky mit seinen Thesen zur »skeptischen Generation« und der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« ein wirksames Deutungsangebot für die deutsche Nachkriegsgesellschaft geboten, so Beck mit seiner Risikogesellschaft ein Angebot für die verunsicherte Weltgesellschaft der 1980er und 1990er Jahre. Sozialstrukturell lasse sich die Individualisierungsthese Becks dabei als eine theoretische Weiterentwicklung der These einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft verstehen: War Schelsky noch von einer Einebnung von Klassenunterschieden ausgegangen, so behauptet Beck nur noch deren symbolischen Bedeutungsverlust: Soziale Ungleichheit habe nicht objektiv abgenommen, ihr komme aber vor der Hintergrund einer allgemeinen Anhebung des Wohlstandsniveaus kaum mehr eine Bedeutung im Bewusstsein der Individuen zu. Weiterhin weise Becks Diagnose einer reflexiven Modernisierung Parallelen zur technokratischen Gesellschaftsdeutung von Schelsky auf. Erst allmählich, im Zuge der Auseinandersetzung habe Beck reflexive Modernisierung auch als einen Prozess der Selbstverständigung verstanden; ursprünglich zielte die Diagnose vor allem auf die durch die technische Entwicklung notwendig gewordene Bearbeitung von unkalkulierbaren Nebenfolgen auf. Sowohl die Theorie von Schelsky als auch die von Beck begreift Schäfer dabei als Zeitdiagnosen, die in ihrer Zeit eine Selbstversicherungsfunktion zukam. Indem sie aber auf eine Nennung von Akteuren verzichten, die die Gesellschaft verändern könnten, sei ihnen zugleich eine herrschaftstabilisierende Bedeutung zu gekommen, die sich in einer Analyse dessen erschöpft, was ist.

»Die wichtigste Leistung der soziologischen Analyse für das soziale Handeln liegt heute gar nicht mehr in der Angabe dessen, was zu tun und zu entscheiden ist, sondern vielmehr darin, sichtbar zu machen, was sowieso geschieht und gar nicht zu ändern ist« hatte Schelsky Ende der fünfziger Jahre geschrieben. Er stellt einer der zentralen Protagonisten in jenem »Netzwerk« dar, vor deren Hintergrund Fischer die zentrale Leistung der Soziologie nach 1949 als Beitrag zu einer flexiblen Systemstabilisierung rekonstruiert. Die damit verbundene Forderung nach einer Neuausrichtung der Fachgeschichtsschreibung vernachlässigt aber zugleich den Einfluss jener soziologischen Strömungen, Theorien und Zeitdiagnosen, die sich explizit als kritischen Theorien verstanden und in diesem Sinne in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit wirkten. Entgegen der Selbstbeschränkung auf eine Beschreibung dessen, was ist und sowieso geschieht, ging es ihnen immer auch um das, was nicht ist oder anders sein könnte. Stephan Lessenich hatte das in seinem Plädoyer für eine öffentliche Soziologie auf der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Soziologiekongresses im Anschluss an das gleichnamige Buch von C.W. Mills die »soziologische Phantasie« genannt. Der Streit um die Fachgeschichte stellt immer auch einen Beitrag zur Ortsbestimmung der gegenwärtigen Soziologie dar; in ihm reflektiert sich das Selbstverständnisses des Faches wie auch die Position, die sie sich selbst innerhalb einer offenen, pluralen Gesellschaft zuweist. Nicht nur deswegen, sondern auch, weil diese offene Gesellschaft heute erneut in einer Weise bedroht scheint, die die soziologische Modernisierungstheorie nicht für möglich gehalten hätte, bleibt der Fortgang der Kontroverse mit Spannung abzuwarten. Er ist in der dritten Ausgabe des Jahrbuchs für Theorie und Geschichte der Soziologie bereits in eine neue Runde gegangen. (Alexandra Schauer)

„Wir sind ständig unterwegs in Sachen Sexualität...“

19:00 Uhr: … und trotzdem praktisch unbeachtet in der soziologischen Forschungsgemeinschaft. So erklären die Organisatoren der Ad-hoc-Gruppe „Sexualität zwischen Offenheit und Geschlossenheit“ die Motivation für ihre Veranstaltung. Diese halten sie allem Anschein nach vor der versammelten informellen Sektion „Queer Theory“ der DGS, was es den Organisatoren nicht eben leichter macht, ihr Programm einer genuin soziologischen Erforschung der Sexualität zu vertreten.

Den Auftakt macht der um die deutsche Sexualitätsforschung verdiente Rüdiger Lautmann, indem er unter Rückgriff auf Max Webers Konzept der sozialen Schließung die gesellschaftlichen Effekte von Heteronormativität erklärt. Heteronormativität – ein Begriff, der aus der Queer Theory stammt und den Lautmann, wie er einräumt, nur äußerst widerwillig übernimmt. Ähnliche Vorbehalte hat auch Thorsten Benkel, der der „Architektur des sexuellen Handlungsrahmens“ soziologisch auf die Spur kommen will. Seinen Zugriff auf Sexualität versteht er als situativ, materiell-körperlich und zunächst einmal unabhängig von normativen Vorannahmen. Gerade deshalb bleibt leider völlig unverständlich, warum Behnke seinen Sexualitätsbegriff auf konsensuelle Handlungen einengt, sexualisierte Gewaltakte komplett aus der Sphäre der Sexualität herausschreibt und damit scheinbar doch ein normatives Projekt verfolgt.

Im Anschluss zeigt zunächst Sarah Speck am empirischen Material, wie rollenuntypische, in Bezug auf Geschlechterdynamiken hochgradig reflektierte Paare im Bett dann doch wieder in tradierte Rollenmuster verfallen oder diese sogar einfordern („Mein Mann soll im Bett die Führung übernehmen, damit ich mich wieder mal weiblich fühlen kann“). Danach stellt Sven Lewandowski sein Projekt zu amateurpornographischem Videomaterial vor. Lewandowski geht davon aus, dass Sexualität sich in verkörperten, habitualisierten Handlungen ausdrückt, sodass sich trotz der filmischen Inszenierung „echte“ Sexualität in Amateurpornographien beobachten lasse. Aus diese Weise biete sich eine der wenigen Möglichkeiten, einen Blick in die Black Box der Sexualität zu werfen. Der wenig überraschenden Kritik an seiner Methode begegnet der Autor mit dem Vorschlag, die Videoanalyse durch Interviews mit den entsprechende Amateur-Darstellern zu ergänzen.

Bevor es in die letzte Runde dieser bisher sehr launigen Veranstaltung geht, gibt es eine Unterbrechung. Man habe die Zeit bereits überzogen und wer noch zur Abendvorlesung wolle, solle am besten nun gehen. Die Fraktion Queer Theory steht geschlossen auf, und man raunt sich unter angemessen ernstem Blick das Thema der Keynote zu: „Israel“. Da kann Helmut Schelsky nicht mithalten, auch nicht, wenn seine „Soziologie der Sexualität“ so unterhaltsam und aufschlussreich referiert wird wie von Karl Lenz. Fazit dieses Ausflugs in die Sexualmoral der 1950er-Jahre ist dann allerdings doch, dass sich die Organisatoren für ihre eigene Soziologie der Sexualität nicht allzu sehr von Schelsky inspirieren lassen sollten. (Laura Wolters)

Passend zur Geschlechterforschung - der schönste Audimaxbühnenvorhang der deutschen Hochschullandschaft. (Foto: Julian Müller)

Spiele mit kybernetischen Handschuhen

17:00 Uhr: Die Ad-Hoc-Gruppe „Was ist neu an der Digitalisierung?“ hatte etwas von einem gut gelaunten Klassentreffen. Natürlich war die Antwort auf die Leitfrage am Ende soziologisch wohltemperiert: manches ist neu, manches auch nicht. Im Detail steckt hinter dieser nur vermeintlich vorhersehbaren Diagnose eine lebhafte und facettenreiche Diskussion, in der die Vortragenden und Diskutanten aufeinander eingingen, Anregungen vorheriger Präsentationen aufgriffen und weiterdachten. Es wurde über Handschuhe gesprochen, die Rückmeldungen geben, über spielende Schildkröten, App-Stores, League of Legends und Amazon-Reklamationen. 

Nach einer prägnanten Einführung der Organisatoren Tilo Grenz (Wien) und Uli Meyer (München) begann Tanja Carstensen (München) mit dem empirisch fundierten Aufruf, die Distanz zu dem hier verhandelten Begriff zu bewahren. „Digitalisierung“ sei ein diskursiv ganz unterschiedlich besetztes und häufig strategisch eingesetztes Buzzword, mit dem von Arbeitgeberseite auch Deregulierungsprozesse vorangetrieben werden. 

Danach fragten sich Uli Meyer und Simon Schaupp (auch München), zu welchen Situationsdefinitionen Unternehmer eigentlich als Betroffene solcher Zukunftsdiskurse wie „Digitalisierung“, oder hier spezieller: „Industrie 4.0“, gelangen. Letztere ist als Orientierungsmetapher in ihrem Sample allgegenwärtig, die wahrgenommene Notwendigkeit, sich angesichts dieser Prozesse neu zu orientieren, finden die Forscher in vielfachen Varianten. Manchmal stecken dahinter tatsächliche Wandlungsprojekte, manchmal ist es kommunikatives Marketing. Organisationsintern wird der Einsatz von digitalisierten Technologien – etwa ein Handschuh, der dem Träger durch Lichtzeichen oder Vibrationen Feedback zu guten und schlechten Entscheidungen gibt – als Chance für eine „kontrollierte Selbstorganisation“ von Arbeit imaginiert. Hier werden die Industriekapitäne zu Kybernetikern.

Janosch Schobin und Ana Cárdenas (beide Kassel) inszenierten in ihrem Beitrag ein Streitgespräch, das aus ihrer gemeinsamen Arbeit an einem Projekt über den Einsatz von Spielelementen im Arbeitsprozess (Gamification) resultiert. Schobin konterte die Leitfrage der Ad-Hoc-Gruppe mit Skepsis: Letztendlich hätte sich die Mensch-Computer-Beziehung bereits in den frühen 1990er- Jahren formiert und sei bis heute stabil. Es gelte das „Theaterparadigma“: Die der frühen Computerspielen nachempfundene Logik von Bürosoftware mache die Interaktion auf dem Desktop zu einem Spiel zwischen Menschen, algorithmischen Akteuren, Symbol-Dingen und Leib-Repräsentanten. Cárdenas konterte mit einem Verweis auf die (Self-)Monitoring- und Kontrollpotenziale vernetzter mobiler Elektronik. Diese, so argumentiert sie, würden doch auf ein ganz anderes Leib-Ding-Verhältnis deuten. Das Publikum verkündet: Unentschieden. 

Danach klärte Tilo Grenz über die Besonderheit digitaler Materialitäten auf. Im Kontrast zu klassischen Industrietechnologien sei bei digitalen Codes die „permanente Unabgeschlossenheit“ Programm. Statt eines hermetischen Produkts, das als Angebot auf Nachfrage trifft, oder diese verfehlt, können digitale Produkte ständig angepasst werden. Grenz will damit für nicht weniger als eine neue soziale Ontologie plädieren, die von Dingen auf Prozesse umstellt, also Entitäten als Zeitverläufe begreift. 

Einen performativ fulminanten Schlusspunkt setzte Paul Eisewicht (Dortmund). Er praktiziert eine Hommage an analoge Materialität – anders gesagt: Er benutzt die in Zeiten der Digitalisierung vernachlässigte Tafel. Eisewicht wirft der Digitalisierungsforschung zunächst eine gewisse Faulheit bei der Selbstreflexion vor. Die Besonderheiten des digitalen Forschungsfeldes seien ihm noch nicht klar genug herausgearbeitet. So müssen man verstärkt auf die Qualität der Daten achten oder die Einbettung des Forschenden reflektieren. Die eklektische, aber unterhaltsame Markierung offener Fragen verkürzt die Zeit für die Präsentation von Eisewichts eigenem Projekt. Er schlägt vor, sich verstärkt mit Effekten der Digitalisierung im Sinne von veränderten Handlungsmustern zu beschäftigen, etwa im Konsum. Eisewichts Performance verdeutlicht schließlich auch, was bereits der erste Vortrag von Tanja Carstensen implizit konstatiert hatte: Nach dem Klassentreffen ist die Digitalisierungssoziologie dazu aufgerufen, die Vielfalt ihrer Phänomene zu ordnen, begrifflich zu selektieren und ihre Fragen kritisch zu evaluieren. Über den notwendigen Elan dazu scheint sie aber allemal zu verfügen. (Aaron Sahr)

Rechtskulturelle Geltungsanspruchsgefälle

16:00 Uhr: Die Sektion Kultursoziologie erarbeitete, wie der Mittwochvormittag zeigte, weitreichende begriffliche Einblicke in die Schnittstelle zwischen Kultur und Recht. Angetrieben von den Gefahren einer überbordenden Kulturalisierung des Rechts oder gar gegenläufigen Dynamiken debattierten die Referenten und Referentinnen nicht nur ästhetische und handlungstheoretische Dimensionen rechtskultureller Konzepte, die sich, so eine These, in den Grundkategorien soziologischer Theoriebildung etwa bei Weber und Durkheim abbilden, sondern zeigten ebenso deren Relevanz für die empirische Analyse politischer Konflikte, konkret in Serbien und Polen. Untermalt wurden die Beiträge dabei u.a. durch kurze Filmausschnitte oder Fotografien eigens kreierter Kunstobjekte, die weitläufige Reflektionsräume öffneten.

Der souveränen Diskussionsleitung war es zu verdanken, dass die rege Diskussionsbeteiligung eingefangen und auf die Implikationen der Vorträge etwa für außereuropäische Fallbeispiele oder auf die Einordnung kultureller Argumente in sozialstrukturelle Erklärungsstrategien reflektiert werden konnte. Dennoch blieb nicht genügend Zeit, weitere theoretische Anknüpfungspunkte miteinzubeziehen. So hätte es sich angeboten, von Fragen nach der Geltungsgewalt verschiedener "legal communities" und internalisierter Normativitäten für individuelle Handlungsmuster eines Homo Significans nach Andreas Reckwitz, die in verschiedenen Beiträgen unabhängig voneinander aufgeworfen wurden, etwa an jüngere Arbeiten Christoph Möllers' anzuschließen. Auch die Einwürfe des Festredners vom Montag, Andreas Voßkuhle, konnten am Ende nur angeschnitten werden. Alles in allem ein Panel, dem etwas mehr Zeit zu gönnen gewesen wäre und welches Interesse an weiteren Forschungsarbeiten und Debatten weckte, insbesondere da sich die Beteiligten nicht zu schade waren, ihre eigenen Begrifflichkeiten teils massiv zu kritisieren. (Lars Döpking)

Gesellschaftliche Schnappschüsse und „geistige Obdachlosigkeit“

15:00 Uhr: Mit der Interdisziplinarität ist das ja so eine Sache. Doch die Ad-hoc-Gruppe, die sich anlässlich des bevorstehenden 50. Todestags von Siegfried Kracauer gebildet hatte, schien nicht nur willens, sondern auch in der Lage, sich mit den Sichtweisen anderer Wissenschaften gewinnbringend zu befassen. Alles Andere hätte Kracauer, dem eleganten Grenzgänger zwischen allen Welten, auch kaum zur Ehre gereicht. Die anwesenden Literaturwissenschaftlerinnen Ulrike Vedder und Claudia Öhlschläger hatten die Soziologen gelesen (O-Ton: „Wie aktuell ist Bourdieu bei euch?“), und die Soziologen Dominik Schrage und Tilman Reitz bemühten sich um jargonfreie und äußerst anschauliche Vorträge.

Öhlschläger stellte die „kleine Form“ als feuilletonistische Form des gesellschaftlichen Schnappschusses vor – intermediale Bezüge waren stets mitgedacht. Inwiefern Kracauers Beobachtungen, insbesondere die von Öhlschläger diskutierten Stadtbilder, nun dokumentarisch oder doch palimpsestartig, als Mosaike oder doch als Kaleidoskope zu verstehen seien, beschäftigte die Ad-hoc-Gruppe für einige Zeit. Reitz versuchte dann auf der Grundlage von Kracauers Gedanken zur Mittelschicht einer präfaschistischen Epoche (in Die Angestellten) eine Theorie dazu zu entwickeln, warum die gesellschaftliche Mitte zugleich fortschrittlich bzw. liberal und propagandaanfällig ist, und begründete das u.a. mit dem aus ihrer „geistigen Obdachlosigkeit“ folgenden Sicherheitsbedürfnis.

Vedder schaute sich wiederum am Beispiel der Hotelhalle als „Gesellschaftsbahnhof“ Kracauers Analysen dessen an, was seine Nachwelt Heterotopien der Moderne genannt hätte. Überhaupt wurde immer wieder betont, in wie vielfältiger Hinsicht Kracauer seiner Zeit voraus gewesen sei – in seinem zuletzt veröffentlichten Buch Die Geschichte vor den letzten Dingen (1969), dessen Geschichtsbegriff in Zentrum des Vortrags von Schrage stand, habe er schließlich schon fünfzehn Jahre vor allen anderen Lévi-Strauss, Marc Bloch und Hayden White verarbeitet. Alles in allem muss das Fazit der beobachtenden Literaturwissenschaftlerin lauten: nicht nur dank der vorgetragenen Kracauer-Zitate das bisher schönste Panel des DGS-Kongresses. (Christina Müller)

Zur Entfeudalisierung des Professorentums

14:00 Uhr: Im Gegensatz zu der am Dienstagabend recht mäandernd und disparat verlaufenen Diskussion darüber, wie sich die Mittelbauinitiative in der DGS denn institutionalisieren könne und solle, war die heutige Gesprächsrunde zum Thema „Grenzen der Exzellenzinitiative“ zwar etwas weniger gut besucht, aber deutlich produktiver. Die Initiatior_innen Silke van Dyk, Peter Ullrich, Michael Hartmann und Tilman Reitz formulierten pointiert,welche politische Optionen ihrem kleinen Protestkollektiv angesichts des bereits beschlossenen Fortgangs der Exzellenzinitiative noch zur Verfügung stünden. Klar war jedoch allen Anwesenden: Weitere Aktivitäten der im Rahmen einer Petition zusammengekommenen Gruppe sollen folgen, sei es nun die Organisation einer kritischen Konferenz zur Exzellenzpolitik, die Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen oder die Bildung einer Arbeitsgruppe – am besten alle drei. Nur die Idee eines Streiks fand wenige Fürsprecher.

DGS-Vorstand Stephan Lessenich sicherte van Dyk und Co. Unterstützung zu, gab aber auch zu bedenken, dass die geplante „Entfeudalisierung des Professorentums“ im Gegensatz zum relativ unstrittigen Ausstieg aus dem CHE-Ranking die DGS vor eine Zerreißprobe stellen könne. (Interessant in diesem Zusammenhang übrigens, dass drei der vier Organisator_innen der kritischen Gesprächsrunde Professor_innen sind – Michael Hartmanns Diagnose, der „Durchschnittsprof“ zeichne sich nicht unbedingt durch Zivilcourage aus, darf also als zweifelhaft gelten.) Hinzu komme, so Lessenich, der schlechte Stand der Soziologie in der bundesdeutschen Forschungspolitik – doch davon wolle man sich nicht abhalten lassen. Man darf gespannt sein, welche Form die Fortsetzung des Exzellenzinitiativenprotests finden wird. (Christina Müller)

KoKo und die Faust im Gesicht

12:00 Uhr: Der Freundeskreis von Alfred Schütz und Thomas Luckmann traf sich diesmal unter dem Thema „Der Kommunikative Konstruktivismus und die Kommunikationsgesellschaft“. Nach einer kurzen Einführung zum Programm und der Auswahl der Sektionsveranstaltung von Michaela Pfadenhauer – von der ich nur noch die „kommunikative Realität des Schusswaffengebrauchs“ erinnere und Pfadenhauers Aufforderung, beim Theorieprojekt doch mitzumachen, alle könnten sich einmischen - ja! hier geht’s um handfeste Dinge, für alle, die beim Label „kommunikativer Konstruktivismus noch Zweifel hatten – nach dieser Einführung ging es direkt mit dem ersten Vortrag von Gesa Lindemann los.

Lindemann begann mit der Ankündigung, eigentlich zwei Anmerkungen machen zu wollen; sie bezog sich dabei auf das den Anwesenden wohl schon bekannten, von anderen vielleicht heiß ersehnten, Buchmanuskripts von Hubert Knoblauch. Die zwei Anmerkungen oder Anfragen bezogen sich auf die Konzeption des Dritten, sowie die Idee einer Sozialtheorie im Unterschied zur Gesellschaftstheorie, als einer Allgemeinen Theorie, unabhängig der jeweiligen Gesellschaftstheorie oder auch konkreter Gesellschaft, die es zu beschreiben gilt. Der Vortrag bezog sich dann aber nur auf die Konzeption des Dritten, die Frage des Körpers im Unterschied zum Leib. Leib meint dabei nach Lindemann eine mutmaßlich ubiquitäre, allgemeine (sozialtheoretisch verwertbare) Form, das zeitliche „hier“, also Leib als leibliche Raumbezüge, für die das „hier“ des Subjekts nicht infrage gestellt werden kann. Körper sei dagegen ein Arrangement von Oberflächen, mit Aufforderungscharakter. „Da ist eine Fläche, - Patsch - ich setz mich drauf“ oder auch „Da ist ein blödes Gesicht - da gehört … äh… eine Faust hinein.“ Tja, spätestens hier war klar, dass die einführende Idee des kommunikativen Konstruktivismus an der kommunikativen Realität des Schusswaffengebrauchs zu erläutern wohl Programm ist. Lindemanns Schlussworte in Richtung Hubert Knoblauchs: „Und ich finde die von mir vorgeschlagenen Begriffe an dem Punkt einfach ein bisschen präziser.“

Bei Hubert Knoblauch könnte ich jetzt auch auf den Inhalt des Vortrags eingehen. Zum Beispiel auf die neuen Entwicklungen des Kommunikativen Konstruktivismus von Sprache und Kommunikation hin zum sozialen, körperlichen Handeln; oder die gesellschaftliche Entwicklung von der Kommunikationskultur zur Kommunikationsgesellschaft; oder die Antwort auf die Frage aus dem Publikum, wie man denn von dem Subjekt zur Subjektivität kommt (Antwort: nämlich über den Standpunkt, die Positionalität des Zeigens als Beispiel des sozialen Handelns, das sich auf einen anderen bezieht; diese Positionalität ist ein formales Kriterium, also zur Subjektivität abstrahierte Subjekte). All das könnte man diskutieren, oder auch im Abstrakt nachlesen, oder im Buch, das nun erscheint, leider noch nicht erschienen ist, ja ja, aber bald, LESEN SIE ES ALLE. Aber das wäre ja langweilig oder mindestens überflüssig. Was im Buch nicht steht (und auch nicht im Abstract-Band zum Kongress) ist die Performanz des Vortrags. Der Turn zum sozialen Handeln (auch wenn das Soziale hier im Hintergrund steht… da muss man noch dran arbeiten) unterstrichen, indem mal eine Flasche runtergeworfen wird, das Mikrofon zum Knacken gebracht wird und überhaupt eine große gestikulierende Performanz. Da wurde es spannend. Sozialtheoretisches Handgemenge. Ob es immer überzeugt, bleibt mal dahin gestellt, ob es theoretisch befriedigt auch; aber ein Ereignis ist es.

Boris Traue kam direkt vor seinem Vortrag an. Nicht sein Verschulden, seine eigene Ad-hoc-Gruppe fand gleichzeitig statt. Sein Vortrag schloss hilfreich an die beiden vorangegangenen Vorträge Lindemanns und Knoblauchs an, und versuchte hier in der Klärung des Kommunikationsbegriffs eine sozialtheoretische Integration der Ansätze Knoblauchs (das Dritte) und Lindemannds (der Dritte). Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem unter Bedingungen des Internets an Relevanz und Aktualität gewonnene Prozesse der Selbstautorisierung. Hier werden im kommunikativen, sozialen Handeln „kleine Dritte“ objektiviert, nämlich die Kommunikationsmittel. 

Auf die Frage Pfadenhauers, ob es sich hier eigentlich um Arbeit an den großen Fragen (Materialität und Technik), um genau zu sein die großen Fragen Michaela Pfadenhauers, handelt, oder sich nicht nur an Körpern und Medientechnik abarbeitet, wurde klar, dass die Frage eigentlich am Ziel vorbei geht. Aber gut. Diskussionsbedarf wurde zumindest angemeldet und akzeptiert.

Joost Van Loon und Sandra Balbierz versuchten im folgenden Vortrag dann die Überlegungen des kommunikativen Konstruktivismus am „Schmankerl“ der Entdeckung von HIV/AIDS. Mehr und mehr schien mir für diese Theorietradition ein gehöriges Maß an schwarzem Humor nötig. Van Loon und Balbierz fragten also „Wie erklärt der Kommunikative Konstruktivismus die Entdeckung des HIV/AIDS?“ Die Analyse der Konstruktion von AIDS und die anschließende Entdeckung des HI-Virus mithilfe des KoKo, wie die eingeschworene Fangemeinde ihr Projekt nennen, sollte hier als „Lackmustests“ dienen „inwiefern dieser Ansatz etwas erklären kann, das mit anderen konstruktivistischen Ansätzen weniger gut möglich ist.“ In der anschließenden Diskussion ging es dann wiederum fern des Empirischen um Spitzfindigkeiten der Theorietradition - ist es dieses oder jenes Zeigen, dieser oder jener Dritte, usw.

Im letzten Vortrag sprach Jo Reichertz zum Thema „Was ist neu am kommunikativen Konstruktivismus?“ Ich komme gleich zur starken These („Man muss ja mal eine starke These raushaun“) des Fazits: der KoKo macht die Praxistheorie überflüssig, und doch: der Kuckuck KoKo bleibt im Nest der Wissenssoziologie. Chuckoo? What?

Ok. Zurück zum inhaltlichen: auch hier kommt der turn zum sozialen Handeln zu seiner Geltung. „Kommunikatives Handeln zielt in dieser Perspektive nicht mehr vornehmlich darauf, ein Verstehen beim Anderen zu erreichen, sondern unter anderen auch darauf, gegenüber anderen Kommunikationsmacht aufzubauen.“ Neu ist also nicht der Kommunikationsbegriff, sondern die Umstellung von Sprache und Wissen auf soziales, verkörpertes Handeln als Grundlage der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit: nicht Sprache und Wissen sind der sozialtheoretische Ausgangspunkt, sondern kommunikatives Handeln, das Wissen und Sprache schafft. Damit eröffnet der Kommunikative Konstruktivismus für die empirische Forschungsarbeit neue Möglichkeiten und Perspektiven, die in dem geplanten Vortrag vorgestellt und diskutiert werden sollen. Soweit im Wesentlichen das Abstract – der Vortrag löste ein, was die Abkürzung versprach.

Fazit des Klassentreffens der Wissenssoziologen? Die haben jetzt was „Neues“ entdeckt, nämlich das soziale Handeln als eigentliche kommunikative Konstruktion. Und nur so kann man dann auf die Idee kommen, dass KoKo die Handlungstheorie ersetzt. Wir werden sehen, wie diese Tradition fortgeschrieben wird. Sie werden uns mit Sicherheit auf der nächsten Tagung darüber in Kenntnis setzen. (Moritz Klenk)

Soziopolis hat den DGS-Kongress in Bamberg 2016 mit einem täglichen Livebericht begleitet. Die anderen Beiträge finden Sie hier.