Befehl und Einfall. Kreativ Dialog 4

Tagung des Exzellenzclusters „Bild Wissen Gestaltung. Ein interdisziplinäres Labor“, Humboldt-Universität zu Berlin, 28.–30. April 2016

Untersucht man Befehle und Einfälle in Hinblick auf ihre Funktionen in kreativen Prozessen, so scheinen sie in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander zu stehen. Befehlen und dem in ihnen verlangten Gehorsam wird unterstellt, dass sie auf eine unkritische Haltung gegenüber dem Bestehenden angewiesen sind. Damit stehen sie im Verdacht, Kreativität zu verhindern. Einfälle hingegen tragen das Versprechen in sich, Neues zu schaffen und Bestehendes zu verbessern. Betrachtet man die Arbeitsweisen vieler Kreativer jedoch eingehender, springen auch Situationen ins Auge, die von Befehl und Einfall gleichermaßen geprägt sind: „Etwas Neues explodiert in mir und plant mich, ich plane es nicht. Es sagt: Geh sofort zur Schreibmaschine und vollende“,1 so beschrieb etwa der Science-Fiction-Autor Ray Bradbury (1920–2012) den imperativen Charakter eines Einfalls, der Besitz von Körper und Geist ergreift. Auch die Kreativitätsforschung ist von Anfang an eng mit Fragen von Befehl und Gehorsam verbunden. Nicht zufällig wurden die ersten Ansätze zur Erforschung und Förderung der Kreativität in den USA – Anfang der Fünfzigerjahre – von militärischen Auftraggebern finanziert.

Um solche Konstellationen, ihre Relevanz und ihre Konsequenzen zu diskutieren, brachten die Organisator_innen der Konferenz „Befehl und Einfall“ ca. zwanzig Vertreter_innen unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Vier thematische Panels wurden ergänzt durch zwei Keynote-Vorträge und eine Lesung des Autors ARNO FRANK (Wiesbaden). Es handelte sich um die mittlerweile vierte Veranstaltung des Netzwerks Kreativ Dialog, dessen Partnerinstitutionen2 sich einer interdisziplinären Kreativitätsforschung verschrieben haben. Damit stand von Beginn an die Frage im Raum, welche Konzepte und Begriffe, welche Arbeits- und Gesprächsformate sich eignen, um interdisziplinär anschlussfähige Perspektiven auf Phänomene der Kreativität zu entwickeln. THOMAS MACHO (Berlin) und WOLFGANG SCHÄFFNER (Berlin) wiesen in ihren einleitenden Worten darauf hin, dass „Befehl“ und „Einfall“ als Operatoren einer neuartigen Grundlagenforschung fungieren könnten, deren epistemologische Prozeduren sich auf entstehende Dinge („objects to come“) richten. Das Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung, das dem Kreativ Dialog seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, biete deshalb auch inhaltlich einen passenden Rahmen.

Eröffnet wurde die Konferenz mit einem Vortrag von HAMID EKBIA (Bloomington). Ekbia plädierte dafür, Befehl und Einfall als Funktionsmodi von Interaktion zu verstehen, die Beziehungen organisieren, ohne einander auszuschließen. Gerade im Falle von „breakdowns“ würden kreative Lösungen die Voraussetzung dafür bilden, dass Befehlsketten repariert werden und intersubjektive Pläne realisiert werden könnten. Im zweiten Teil seines Vortrags schlug Ekbia ein Schema vor, um verschiedene Modi der Interaktion von Menschen und Maschinen sowie die Befehlsarchitekturen, auf denen sie beruhen, zu systematisieren (Abb. 1). Menschen und Maschinen können dabei jeweils sowohl Befehle geben als auch Befehle empfangen. Aus seiner Diskussion von Phänomenen der „heteromation“ und der „mediation“3 entwickelte Ekbia eine Kritik gegenwärtiger Macht- und Herrschaftsverhältnisse, in denen Menschen sich (willentlich und unwillentlich, bewusst und unbewusst) dem Kommando von Maschinen unterwerfen.

Abbildung 1, command in man-machine interaction, © Hamid Ekbia.

Während Ekbia einen systematisierenden Ansatz verfolgte, um herauszuarbeiten, wo und wie in Befehlsarchitekturen Raum für (emanzipatorische) Einfälle entstehen kann, untersuchte ULRICH BRÖCKLING (Freiburg) im zweiten Keynote-Vortrag bezüglich verschiedener kanonischer Szenen aus der Kulturgeschichte, inwiefern in ihnen imperative Momente den Einfall und kreative Momente den Befehl beeinflussen. Im Moment des „Heureka!“ etwa, in dem Archimedes beim Baden das Phänomen der Wasserverdrängung versteht, verliert der Philosoph die Kontrolle über sich selbst und springt, unempfänglich für den Druck der sozialen Konvention, nackt auf die Straße. Die Proband_innen der berühmten Experimente von Stanley Milgram hingegen, die im Auftrag eines Versuchsleiters Personen Stromschläge zufügen sollten, sahen sich hohem sozialem Druck ausgesetzt, und zwar gerade durch den Befehl, der an sie erging. Im letzteren Fall konnte Bröckling keine Kontamination des Befehls durch den Einfall feststellen. In seinen Schlussbemerkungen hinterfragte Bröckling deshalb zunächst die These, dass Befehl und Einfall stets komplementär zu denken seien. Mit „Routine“ schlug er dann einen Gegenbegriff zu beiden vor, woraufhin er Befehl und Einfall sowohl als Modi der Handlungskoordination als auch als Strategien der Problemlösung diskutierte.

Die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Argumentationen von Ekbia und Bröckling spiegelten sich auch in den Diskussionen der Panels wider. Das erste Panel, „Temporalitäten des Befehls und Einfalls“, eröffnete FRIEDEMANN PULVERMÜLLER (Berlin). In seinem Impulsvortrag stellte er Modelle für die Erforschung der neurowissenschaftlichen Grundlagen von Befehlen und Einfällen vor. Als physiologisches Äquivalent des Einfalls verstand Pulvermüller die spontane Aktivität eines neuronalen Netzwerks, die nicht durch einen Reiz ausgelöst wurde. Dieses spontane Feuern der Neuronen, „the emergence of a mental state out of the blue“, kann als mögliche „brain basis of ideas“ verstanden werden. Die Wirkweisen von Befehlen lassen sich wiederum neurolinguistisch untersuchen, wenn man diese als direktive, nicht nur als semantische Sprachakte versteht. Pulvermüllers Studien weisen nach, dass unterschiedliche kommunikative Aktivitäten mit jeweils spezifischen neuronalen Aktivierungsmustern einhergehen. Er betonte aber abschließend, dass all diese Vorgänge in Bruchteilen von Sekunden ablaufen. In der anschließenden Diskussion lautete eine der zentralen Fragen, wie sich die zeitliche Fortdauer von Befehlen beobachten und verstehen lässt, etwa wenn auf ein bestimmtes Signal hin ein in der Vergangenheit empfangener, insistierender Befehl ausgeführt wird oder wenn ein „Stachel“, der nicht aufzulösende Aspekt eines Befehls, den Befehlsempfänger auch nach der Ausführung einer Handlung weiterhin plagt. ULRIKE HARMS (Berlin) wies dabei nachdrücklich auf den Beziehungsaspekt von Befehlen hin: Wir gehorchen, weil ein Befehl ein Beziehungsangebot beinhaltet.

GEORG TROGEMANN (Köln) konzentrierte sich in seinem Impulsvortrag für das Panel „Architekturen des Befehls und Einfalls“ auf das Verhältnis zwischen technischer Kontrolle und Freiheit: Weil keine Programmierung Sprache und physikalische Realität ganz zur Deckung bringen kann, bleiben selbst die komplexesten Verschaltungen von Befehlsketten anfällig für den Einfall des Unvorhergesehenen – aber eben auch offen für Neues. MICHAEL HUTTER (Berlin) meldete in der Diskussion Zweifel daran an, ob technische Analogien das Verständnis sozialer Architekturen erleichtern könnten. Gesellschaftliche Innovation entstehe gerade aus einer Struktur heraus, die Kreativität fördere, indem sie Neuheit erkennen und wertschätzen könne. Kulturelle Kreativität gehorche folglich sozialen, nicht technischen Gesetzmäßigkeiten.

Engagiert entwickelte sich die Diskussion auch im Panel „Kreativität und Befehlsverweigerung“. Die Performerin und Theatermacherin ELISA MÜLLER (Berlin) berichtete in ihrem Impulsvortrag aus dem Entstehungsprozess des Projekts „Desertieren“. Über die Entwicklung der Figur einer prototypischen Deserteurin will sie darin Befehlsverweigerungen performativ verhandeln und die Frage aufwerfen, wie ein gegenwärtiges „Neo-Desertieren“ aussehen könnte. Die Diskussion ergab freilich, dass die Rede von Befehlsverweigerung zumeist meint, dass der Gehorsam verweigert wird, nicht aber, dass Autoritäten einen Befehl nicht geben wollen. Mit dem Hinweis, der Begriff der künstlerischen Kreativität lasse sich kaum von neoliberalen Subjektivierungsmechanismen trennen, plädierte Bröckling dafür, „Kreativität in den Giftschrank zu schließen“. Widerständiges Handeln vollziehe sich gegenwärtig vor allem über punktuelle Absetzbewegungen und in mimetischen Praktiken. Seine Thesen zur Gegenwart fanden in Beispielen aus der Geschichte der Sklaverei, die IRIS DÄRMANN (Berlin) in die Diskussion einbrachte, historischen Widerhall.

Wie Müller stellte auch KARIN HARRASSER (Linz) in ihrem Impulsvortrag für das Panel „Medien und Materialitäten des Befehls“ eine Figur in den Mittelpunkt: die taubblinde Schriftstellerin und Aktivistin Helen Keller (1880–1968). In einer präzisen Analyse visueller und textlicher Dokumente, die das Verhältnis zwischen Helen Keller und ihren Blindenhunden thematisieren, stellte Harrasser die These auf, dass Kellers Produktivität sich nicht zuletzt aus ihrem Ringen darum speiste, als menschlich anerkannt zu werden. Kellers Menschenwürde werde bedroht, wann immer sie in Bild- und Textdokumenten visuell und diskursiv in die Nähe des Tieres gerückt werde, das zwar lernen kann, Befehlen zu gehorchen, jedoch zu keiner autonomen kreativen Leistung fähig ist. An Kellers Autorschaft ihrer Äußerungen wurde vielfach gezweifelt, weil man sie als Medium der Gedanken ihrer Erzieherin 'abqualifizierte'. Von den hier aufgeworfenen Fragestellungen abstrahierend, regte Schäffner an, mithilfe eines Kommunikationsmodells die Diskussionen der Konferenz zu analysieren: Er beobachte eine Tendenz, den Menschen entweder auf Seite des Senders zu positionieren, von denen die Kreativität ausgeht, oder auf der Seite des Empfängers, an den Befehle ergehen, nicht aber als Empfänger der Kreativität und als Sender der Befehle.

Sicherlich ließ sich in den Diskussionen der Konferenz insgesamt feststellen, dass die politische und ethische Beurteilung von Befehlsbeziehungen maßgeblich davon abhängt, wie die Empfänger_innen und Sender_innen von Befehlen definiert werden. Das Recht, in bestimmten Beziehungen Befehle zu geben und in anderen Befehle zu empfangen, wie auch die Möglichkeit, sich in wieder anderen Situationen einem Befehl zu entziehen, lassen sich ebenso als Kennzeichen des Menschlichen verstehen wie die Fähigkeit, autonom schöpferisch zu sein. Prozesse der Subjektivierung zielen darum häufig darauf ab, die Empfänglichkeit für Befehle und Einfälle gleichermaßen zu steigern. Viele Körper- und Kulturtechniken der Kreativität steigern schließlich gezielt die Bereitschaft, Befehle zu empfangen, um Einfälle zu produzieren. Ein Beispiel dafür stellte auch die vom gamelab.berlin moderierte Abschlussdiskussion mit dem treffenden Titel „Befehl zum Einfall“ dar: MANOUCHER SHAMSRIZI (Hamburg) lud die Teilnehmer_innen ein, sich auf die Befehlsstruktur eines Spiels einzulassen. Bei diesem außergewöhnlichen Diskussionsformat waren sie aufgefordert, in streng bemessenen Zeitfenstern den Befehls- und den Einfallscharakter verschiedenster Alltagsgegenstände – von der Fernbedienung bis zur Spieluhr – zu entdecken.

Konferenzübersicht:

Thomas Macho / Wolfgang Schäffner (Berlin), Einführung

Keynote

Hamid Ekbia (Bloomington), Command and Idea: Natural and Artificial

Lesung und Diskussion

Arno Frank, Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler

Panel 1: Temporalitäten des Befehls und Einfalls

Friedemann Pulvermüller, Katrin Solhdju, Thomas Macho, Ulrike Harms
(Impulsstatement: Friedemann Pulvermüller [Berlin])

Panel 2: Befehlsverweigerung und Kreativität

Andreas Fink, Iris Därmann, Elisa Müller, Ulrich Bröckling
(Impulsstatement: Elisa Müller [Berlin])

Panel 3: Architekturen des Befehls und Einfalls

Georg Trogemann, Michael Hutter, Mathias Fuchs, Inga Schaub (Impulsstatement: Georg Trogemann [Köln])

Keynote

Ulrich Bröckling (Freiburg), Stachel und Funke

Panel 4: Medien und Materialitäten des Befehls

Karin Harrasser, Nina Franz, Antonio Lucci, Wolfgang Schäffner (Impulsstatement Karin Harrasser [Linz])

Abschlussdiskussion mit dem gamelab.berlin „Befehl zum Einfall“

Fußnoten

1 Zitiert nach: Mason Currey / Arno Frank, Mehr Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler, Zürich 2015, S. 168.

2 Medizinische Universität Graz, Abteilung für Neuroradiologie; Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Psychologie; Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kulturwissenschaft; Kunstuniversität Linz.

3 Mit „heteromation“ bezeichnet Ekbia Situationen, in denen Maschinen Befehle an Menschen geben, wie etwa im Fall von GPS-Systemen, aber auch zahlreiche Fälle, in denen eine neuartige Arbeitsteilung Menschen an die Ränder drängt, sodass sie nur scheinbar freiwillig partizipieren. „Mediation“ hingegen meint Situationen, in denen auf den ersten Blick nur Menschen an der Interaktion beteiligt zu sein scheinen (z. B. in der Erziehung), die aber auch immer häufiger technisch vermittelt sind.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.