Between Fact and Fiction: Climate Change Fiction

Workshop am Hanse-Wissenschafts-Kolleg Delmenhorst, 22.–23. April 2016

Ende April kamen im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst Vertreter_innen verschiedener Disziplinen zusammen, um im Rahmen eines Workshops zu diskutieren, in welcher Form wissenschaftliche und politische Debatten zum Thema Klimawandel Eingang in die zeitgenössische Literatur gefunden haben. Organisiert wurde die Veranstaltung von Sina Farzin (Hamburg) und Emanuel Herold (Bremen) – beide Mitglieder des Projekts “Fiction Meets Science” (FMS), welches nach der literarischen Verarbeitung aktueller naturwissenschaftlicher Forschung fragt. Dabei wird ein breites Spektrum an Arbeitsfeldern eingebunden, sei es die Genetik, die Neurologie, die Physik, die Biotechnologie oder eben die Forschung zum Klimawandel.

In den letzten fünfzehn Jahren sind immer mehr Romane und Kurzgeschichten erschienen, die die Auswirkungen klimatischer Veränderungen thematisieren. Da dies insbesondere auf den angelsächsischen Sprachraum zutrifft, hat sich in der dortigen Literaturkritik das Label cli-fi (climate change fiction) für einen Korpus an Werken etabliert, der – ungeachtet der Anlehnung des Labels an die Science-Fiction (sci-fi) – diverse Genres umfasst und neben hochspekulativen auch klassisch realistische Narrative einschließt. Zu den bekanntesten Beispielen zählen sicherlich Ian McEwans Solar, Barbara Kingsolvers Flight Behavior (dt.: Das Flugverhalten der Schmetterlinge), Nathaniel Richs Odds Against Tomorrow (dt.: Schlechte Aussichten), Michael Crichtons State of Fear (dt.: Welt in Angst), Saci Lloyds The Carbon Diaries (dt.: Euer schönes Leben kotzt mich an), und Paolo Bacigalupis The Windup Girl (dt.: Biokrieg). Der Gegenstand cli-fi wurde im Laufe der zweitägigen Diskussion aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ebenso wie aus der Sicht der Literatur- und Kulturwissenschaften beleuchtet. Ein Schwerpunkt lag dabei auf dem Verhältnis von wissenschaftlichen Szenarien zur spekulativen Fiktion, die als Modi der Imagination und des Umgangs mit Zukunftsunsicherheit begriffen wurden.

Der Soziologe SASCHA DICKEL (München) stellte zum Auftakt das Verhältnis zwischen literarischer und wissenschaftlicher Spekulation im Anschluss an Niklas Luhmann als verschiedene Wege der Futurisierung, d.h. der Konstruktion gegenwärtiger Zukünfte, dar. Da fiktionale Spekulationen im Gegensatz zu wissenschaftlichen Szenarien und Modellen nicht an Gütekriterien wie Validität oder Reliabilität gebunden seien, könnten sie bereits in Gang gesetzte Debatten für unwahrscheinliche und vermeintlich abwegige Zukunftsvorstellungen öffnen.

Die Theaterwissenschaftlerin JULES BUCHHOLTZ (Gießen) machte in ihrem Beitrag darauf aufmerksam, dass Szenarien als Mittel der Handlungsorientierung nicht ohne Formen der Dramatisierung auskommen und daher immer schon fiktionale Elemente enthalten. Zur Veranschaulichung dieses Arguments zog sie Al Gores bekannten Dokumentarfilm Eine unangenehme Wahrheit heran.

Die Energiewissenschaftlerin ALEXANDRA NIKOLERIS, der Politologe JOHANNES STRIPPLE und der Literaturwissenschaftler PAUL TENNGART (Lund) griffen auf A.J. Greimas’ Aktantenmodell der Narration zurück, um ausgewählte Klimawandelromane mit den „shared socioeconomic pathway models“ (SSPs) zu vergleichen, die in der Klimaforschung angewendet werden. Konkret zeigten sie auf, wie die Romane und Modelle verschiedene Faktoren – öffentliche Meinung, Konsumgewohnheiten, wirtschaftliches Wachstum, Kurzsichtigkeit politischer Eliten, technologische Innovationsdynamik – als mögliche Helfer oder Hindernisse für die Umsetzung einer gesellschaftlich umfassenden Klimapolitik bewerten. Dabei wurden Differenzen in der narrativen Konstruktion verschiedener Texte deutlich, sowohl hinsichtlich der Faktoren, die berücksichtigt wurden, als auch in Bezug auf deren Gewichtung. Insbesondere die explizite zeitdiagnostische Kritik am global operierenden Kapitalismus unterscheide die literarischen Darstellungen von den wissenschaftlichen Szenarien.

Dass die Grenze zwischen wissenschaftlichem und literarischem Diskurs also durchlässig ist, ohne aber zu kollabieren, hoben auch die Soziolog_innen SINA FARZIN und EMANUEL HEROLD in ihrem Beitrag hervor. Im Anschluss an die Paratexttheorie des Literaturwissenschaftlers Gérard Genette1 analysierten die beiden Soziolog_innen die Vor- und Nachworte von insgesamt dreißig cli-fi-Romanen als Schnittstellen verschiedener Diskurse. Neben regelmäßigen Verweisen auf wissenschaftliche Quellen und Experten würden diese Texte auch eine hohe Sensibilität der Autoren für die Politisierung des Themas Klimawandel in der Öffentlichkeit offenbaren. Letztere finde insbesondere in Reflexionen über die Spielräume der Literarisierung wissenschaftlicher Debatten ihren Ausdruck.

Anschließend gab die Romanautorin SACI LLOYD (London) Einblicke in ihre Arbeit. Sie sprach über die Entdeckung der Klimawandelthematik als Gegenstand ihrer Literatur und schilderte, wie sie sich durch eigene Recherchen ein tieferes Verständnis der wissenschaftlichen Zusammenhänge erarbeitete, während sie an ihrem 2015 erschienenen Klimaroman The Carbon Diaries schrieb.

Immer wieder kamen die Teilnehmer des Workshops auf die enormen zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Klimawandels zu sprechen, um die damit verbundenen Herausforderungen für die Vorstellungskraft des Einzelnen wie auch für die Darstellungspotenziale der Literatur hervorzuheben. Die Literaturwissenschaftlerin ADELINE JOHNS-PUTRA (Guildford) nannte den literarischen Tropus des Kindes, der auf eine weit entfernte Zukunft verweise. Zugleich diene seine Verwendung in Form einer Verallgemeinerung der konkret dargestellten Sorgeverhältnisse auch dazu, Empathie und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt im weitesten Sinn zu wecken.

Die Literaturwissenschaftlerin ANNA BARCZ (Warschau) und der Soziologe THORSTEN HEIMANN (Erkner) warfen die Frage auf, wie geteiltes kulturelles Wissen – nicht zuletzt in Form von Literatur – die Wahrnehmung von Vulnerabilität und Resilienz im Angesicht möglicher Auswirkungen des Klimawandels beeinflusst. Am Beispiel der Oder-Region gaben sie Einblicke in die deutschen und polnischen Traditionen der literarischen Verarbeitung von Krieg, Hochwassern oder Umweltschäden durch lokale Industrien, welche in die lokale Auseinandersetzung mit aktuellen ökologischen Herausforderungen einfließen.

Die Soziolog_innen SONJA FÜCKER und UWE SCHIMANK (Bremen) zeigten anhand einer qualitativen Auswertung von Gruppendiskussionen in Lesekreisen, wie sich die gemeinsame Diskussion von cli-fi-Romanen auf das Vorwissen der Beteiligten auswirkt. Bestehende Vorstellungen wurden insbesondere dann expliziert und hinterfragt, wenn dem literarischen Entwurf Plausibilität zugeschrieben wurde und die erzählten Geschichten an aktuelle gesellschaftliche Debatten angeschlossen werden konnten. SIMONE RÖDDER (Hamburg), ebenfalls Soziologin, berichtete von einem Projekt an der Universität Hamburg, in dessen Rahmen Kunststudenten in den Laboratorien von Klimawissenschaftlern hospitierten, um vor Ort ein Kunstprojekt aus ihren dort gesammelten Erfahrungen zu entwickeln.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Adeline Johns-Putra, dem Kommunikationswissenschaftler MICHAEL BRÜGGEMANN (Hamburg) und dem Soziologen PETER WEINGART (Bielefeld) ging es darum, welche Potenziale und Beschränkungen cli-fi im Verhältnis zu klassischen Formen der Wissenschaftskommunikation und des Journalismus aufweist. Eine aktivistische Herangehensweise an die Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen laufe etwa Gefahr, den literarischen Wert eines Werkes und damit seine potenziell aufklärende Wirkung didaktisch zu vereinfachen und zu überfrachten. Einigkeit bestand darüber, dass Klimawandelromane keinen instrumentellen Wert besitzen, das Handeln der Leser also in keiner Weise konkret anleiten können. Jedoch böten fiktionale Narrative die Möglichkeit eines affektiven Raums, in dem die Abstraktionen des wissenschaftlichen Diskurses für kritisches Denken geöffnet würden. Ihr Vorteil liege darin, dass sie den Zwängen von Vereinfachungen und Polarisierungen, die beispielsweise für journalistische Formate typisch seien, in geringerem Maße ausgesetzt seien.

Im Laufe der beiden Tage wurde deutlich, dass der aktuell stark wachsende Korpus der Klimaromane vielschichtige und spannende Fragen nach dem Verhältnis zwischen kultureller Imagination und der gesellschaftlichen Bearbeitung der Klimawandelthematik aufwirft. Die wechselseitige Modifikation fiktionaler und faktualer Kommunikation ist aus soziologischer Sicht ein gesellschaftlich enorm bedeutsamer Vorgang, dessen ganze Komplexität sich nur durch die Einbindung der relevanten Nachbardisziplinen aufschlüsseln lassen wird.

Konferenzübersicht:

Welcome, Announcements and Introduction

Sascha Dickel (München), Speculative Futures

Adeline Johns-Putra (Guildford), Fiction of the Future: The Climate Change Novel and the Figure of the Child

Anna Barcz (Warschau) / Thorsten Heimann (Erkner), Cultural Constructions of Floods and Climate Change in Poland and Germany. Literary, Media and Agents Knowledge in Odra River

Regions

Alexandra Nikoleris / Johannes Stripple / Paul Tenngart (Lund), Narrating Climate Futures

Sonja Fücker / Uwe Schimank (Bremen), Fictional Facts: Communicating Climate Science in the Mirror of Literary Reception

Simone Rödder (Hamburg), The Climate of Science-Art and the Art-Science of the Climate: Meeting Points, Boundary Objects and Boundary Work

Saci Lloyd (London), “The Carbon Diaries 2015/2017”. Reading & Panel Discussion

Sina Farzin (Hamburg) / Emanuel Herold (Bremen), Framing Fiction with Fact: Science and Literature in the Peritexts of Climate Change Novels

Jules Buchholtz (Gießen), How Al Gore Set the Future on Fire. We Are in this Together. Truth, Knowledge and Conviction in Scenarios of Climate Change

Panel Discussion: Peter Weingart (Bielefeld), Adeline Johns-Putra (Guildford), Michael Brüggemann (Hamburg)

Fußnoten

1 Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Mit einem Vorw. von Harald Weinrich, übers. von Dieter Hornig, Frankfurt am Main 2001.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.