Bewegung und Positionierung im literarischen Feld

Tagung „Grenzüberschreitungen: Migration und Literatur aus der Perspektive der Literatursoziologie“, Österreichische Akademie der Wissenschaften, 20.–21. Juni 2016

Einwanderung und Migration gehören zu den Themen, die bereits vor der Flüchtlingskrise in der europäischen Öffentlichkeit heftig diskutiert wurden, sodass die zeitgenössische Literaturproduktion seit Längerem auf Thematiken wie Kulturkonflikte und Fremdheit reagiert. Das Forschungsprojekt Literature on the Move untersuchte unter der Leitung von WIEBKE SIEVERS die Migration von AutorInnen nach Österreich und deren Möglichkeiten bzw. Schwierigkeiten beim Eintritt in das Feld der österreichischen Literatur. Der zugrundeliegende literatursoziologische Ansatz basierte auf Pierre Bourdieus Feldtheorie, mittels derer die Rahmenbedingungen, die Struktur und die Konsequenzen literarischer Produktion miteinander in Beziehung zu bringen und mit Hinblick auf die literarischen Texte zu analysieren sind. Dieses Forschungsprojekt fand nun seinen Abschluss in einer Tagung, die dem Zusammenhang von deutschsprachiger Literatur und Migration nach Österreich gewidmet war.

Zu loben ist das Veranstaltungsformat, das von Anfang an einen produktiven Austausch förderte. Für zwei Vorträge, die je zwischen zwanzig und dreißig Minuten dauerten, wurde jeweils ein neunzigminütiges Panel eingeplant, in dem externe ModeratorInnen die Beiträge kommentierten. Somit konnten sowohl die Vortragenden als auch die Teilnehmenden der Konferenz von einem fairen und fachlich ausformulierten Feedback profitieren, das den Anstoß für die Diskussion gab.

Welche Spannung zwischen literatursoziologischen und germanistischen Interessen liegt, wurde im Laufe der Tagung deutlich. Denn während die Literatursoziologie den Fokus meist auf textexterne Elemente, z.B. die persönlichen Netzwerke der AutorInnen, legt, interessiert sich die Germanistik primär für literarische Texte als solche; die literatursoziologische Vorgehensweise bleibt für die Literaturwissenschaft marginal. Im Ergebnis wählten auch nicht alle LiteraturwissenschaftlerInnen, die an der Tagung teilnahmen, soziologische Methoden, um ihre Fragestellungen zu behandeln.

In ihrem einleitenden Vortrag diskutierte MARTINA KAMM (Zürich) die Eigenschaften und Strukturen des schweizerischen literarischen Feldes mit Hinblick auf Literatur, die Migration thematisiert. Als viersprachiges Land hat die Schweiz auch vier verschiedene Literaturen, die im jeweiligen Sprachraum Minderheitsliteraturen bilden, etwa die Literatur aus der Deutschschweiz innerhalb des deutschen Sprachraums. Innerhalb dieses bereits komplexen Feldes besetzt die Literatur von eingewanderten AutorInnen eine besondere Position, weil Letztere zusätzlich zur landesinternen Mehrsprachigkeit die Sprache ihres Herkunftslandes in ihren Texten verarbeiten. Daran anschließend stellte Martina Kamm die AutorInnen vor, die ihre doppelte Zugehörigkeit zum Herkunftsland ihrer Eltern und zu ihrem Leben in der Schweiz als Erste zum Thema machten. Insbesondere die Veröffentlichung der Anthologie Küsse und eilige Rose von 1998 wurde von Kamm als Zeichen einer steigenden Anerkennung solcher Literatur identifiziert.

WIEBKE SIEVERS (Wien) diskutierte den epistemologischen Rahmen des Projekts Literature on the Move und illustrierte diesen anhand einer historischen Analyse der Netzwerke von Elias Canetti (1905–1994) und Vladimir Vertlib (geb. 1966), mit besonderer Rücksicht auf das österreichische literarische Feld und dessen Entwicklung. Während Letzteres bis 1938 sowie ab 1945 bis in die 1960er-Jahre hinein als transnational bezeichnet werden könne, zumal die Aufnahme zugewanderter AutorInnen damals eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, habe es in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Nationalisierung erfahren, die dem Versuch geschuldet gewesen sei, eine österreichische Nationalliteratur aufzubauen. In ihrer Folge sei muttersprachliche Kenntnis der deutschen Sprache zur vermeintlichen Voraussetzung für literarische Kreativität avanciert, weshalb zwischen 1970 und 1990 ZuwanderInnen kaum Zugang zur österreichischen Literatur gefunden hätten. Verschiedene AkteurInnen versuchten seitdem aber, diesen Ausschluss zu überwinden. In der Diskussion wurde ergänzt, dass die Überwindung des Ausschlusses von ZuwanderInnen aus der Literatur eng mit der späten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zusammenhänge, denn in Österreich sei die Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen bis in die 1980er-Jahre verdrängt worden.

Die folgenden Beiträge fokussierten jeweils auf einzelne AutorInnen. So stellte BARBARA SILLER (Cork) Ilma Rakusas Selbstpositionierung zur Diskussion, indem sie das Sich-Einschreiben der Autorin in verschiedene sprachliche und kulturelle Netzwerke analysierte. Die zahlreichen Lebensorte Rakusas (Budapest, Ljubljana, Triest, Zürich, Paris und St. Petersburg), so die These Sillers, hätten Rakusas Dichterbiographie geprägt und ihre Dichtersprache geformt. Siller berief sich in ihrer Untersuchung auf Hartmut Böhmes Theorie der Netzwerke, erläuterte dessen Netzmetaphorik und brachte sie in Verbindung mit Ilma Rakusas Ästhetik der Mehrsprachigkeit und der Übersetzungsprozesse.

Mit einem soziologischen Fokus auf literarische Netzwerke diskutierte SILKE SCHWAIGER (Wien) die öffentliche Präsenz der Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, die in Wien lebt und auf Ukrainisch schreibt. Im Hinblick auf die Frage, ob die Proteste von Kiew im Februar 2014 auf Maljartschuks Rezeption einen Einfluss gehabt hätten, konnte Schwaiger zeigen, dass die Maidan-Bewegung tatsächlich zu gesteigertem Interesse an ihrer Person führte. Schwaiger wies auch darauf hin, dass die Autorin diese nationale und politische Fixierung literarisch zu überwinden versuche, um zu verhindern, dass nach ihren Lesungen weiterhin mehr über die politische Lage in der Ukraine diskutiert werde als über ihr literarisches Werk.

RUTH STEINBERG (Oldenburg) analysierte anhand eines feldtheoretischen Ansatzes die Situierung und Positionierung des Schriftstellers Saša Stanišić. Insbesondere beschrieb Steinberg die Bemühungen des Autors, sich vom Label »Migrationsautor« zu befreien, mit dem ihn die Literaturkritik seit seinem Romandebüt Wie der Soldat das Grammofon repariert versehen hatte, weil dieser Text auf Stanišić' biografische Flucht- und Migrationserfahrung verweist. Dieser Versuch des Autors wurde von Steinberg anhand zweier Texte belegt: Zum einen mit dem Essay Wie ihr uns seht. Über drei Mythen vom Schreiben der Migranten, einer poetologischen Stellungnahme zu den Vorurteilen, Erwartungen und Zuschreibungen an die Texte von zugewanderten AutorInnen, und zum anderen mit dem Roman Vor dem Fest, der das ostdeutsche Dorfleben nach der Wende behandelt. Migration als Thema ist in diesem zweiten Roman nicht mehr präsent.

Auch ESZTER PROPSZT (Szeged) widmete sich der Frage nach der Verortung und Etikettierung einer Autorin, und zwar am Beispiel von Terézia Mora, die 2013 für den Roman Das Ungeheuer den Deutschen Buchpreis erhielt. Der Beitrag bezog sich auf die bedeutenden Publikationen der Autorin zwischen 1999 und 2013 und bezog Äußerungen Moras sowie ihre Rezeption in den Medien mit ein. Da Mora aus Ungarn stammt, ins Ungarische übersetzt und dort auch rezipiert wird, bezieht sich diese Analyse sowohl auf die deutsche als auch auf die ungarische Öffentlichkeit. Dadurch lässt sich feldkomparatistisch erforschen, wie Mora von LiteraturkritikerInnen positioniert wird: in Deutschland als begabte Autorin mit Migrationshintergrund und in Ungarn als ungarische Schriftstellerin, die in einer anderen Sprache schreibt. Komplementär dazu zeigte Propszt auf, dass und auf welche Weise die Autorin gegen diese Etikettierungsverfahren reagiert und sich positioniert, so weist Mora zum Beispiel in Interviews die Bezeichnung „Migrantenliteratur“ entschieden zurück.

Die öffentliche Präsenz eines Autors betrachtete MAHAMAT ALI ALHADJI (München) aus einer anderen Perspektive, indem er sich mit dem Phänomen der Lesungen befasste. Alhadjis Interesse galt besonders den Performances des Schriftstellers Rafik Schami, die als orientalische Erzählauftritte konzipiert werden und in denen der Autor seine Texte frei nacherzähle, ohne sie zu lesen. Alhadjis These zufolge verdanke Rafik Schami seinen Erfolg zum Teil dem unterhaltsamen Charakter dieser Lesungen. Im Zentrum der Untersuchung stehen Schamis Essays zu seinen Erzählauftritten und fiktionale Texte, die diese Lesungen thematisieren.

IRENE HUSSER (Münster) interessiert sich für Intertextualität und vertrat die These, dass SchriftstellerInnen, die als ZuwanderInnen in ein Land kommen, sich durch intertextuelle Verfahren und Inszenierungsstrategien in ein literarisches Feld einschreiben und auf diese Weise positionieren könnten. Dabei könne eine intertextuelle Auseinandersetzung mit europäischen literarischen Traditionen stattfinden. Illustriert wurde diese These anhand von zwei Beispielen: In Yoko Tawadas Roman Das Bad wird das schriftstellerische Initiationsmoment als Begegnung der Protagonistin mit einer verbrannten Frau thematisiert, in der keine Geringere als Ingeborg Bachmann erkennbar sei. Der zweite Gegenstand ihrer Analyse war der Text Geheimer Bericht über den Dichter Goethe von Rafik Schami und Uwe-Michael Gutzschhahn, eine Sammlung von Essays, die in eine fiktive Rahmenhandlung eingebettet werden, in der einem Sultan die Werke Goethes vorgestellt werden.

ANDREA REITER (Southampton) widmete sich dem österreich-israelischen Schriftsteller Doron Rabinovici anhand von Norbert Meders Konzept der ästhetischen Performanz des Widerstandes. Meder zufolge werde Sprache spielerisch eingesetzt, um die nötige Distanz zu schaffen, damit identitäre Gespaltenheit in die Kritik an Ideologie und Gesellschaft verwandelt werden könne. Reiter zeigte anhand einiger Beispiele aus unterschiedlichen Textgenres, dass Rabinovicis früher Sprachwechsel sein Verhältnis zum Deutschen geprägt habe und wie er mit ästhetischen Strategien Sprache zu einem effektvollen Mittel des Widerstands forme, etwa gegen Rechtspopulismus in Österreich. Indem Reiter sehr nah am Text blieb und ihre Thesen mit zahlreichen Beispielen illustrierte, verband sie den literatursoziologischen mit einem ästhetischen Ansatz.

An den Beispielen der drei Autorinnen Ann Cotten, Sabine Gruber und Maja Haderlap, die alle mehrsprachig aufwuchsen und diese Erfahrung in ihren Texten verarbeiten, erörterte CHRISTA GÜRTLER (Salzburg), wie solche AutorInnen sich im literarischen Feld der Gegenwartsliteratur positionieren und positioniert werden. Um diese Frage zu beantworten, untersuchte Gürtler die Beschreibungen der Autorinnen in Verlagskatalogen, die Äußerungen der Jurys bei Preisauszeichnungen, sowie die weitere mediale Rezeption und brachte diese diskursiven Ereignisse in Verbindung mit der ästhetischen Bedeutung der Mehrsprachigkeit in den Werken der drei Schriftstellerinnen. Nicht zuletzt anhand von Aussagen der Autorinnen konnte Gürtler zeigen, dass die Mehrsprachigkeit das symbolische Kapital im Sinne Bourdieus erhöhen kann.

Die meisten ReferentInnen bezogen sich auf die Textproduktion und -rezeption der Gegenwart, d. h. grosso modo auf Texte nach 2000. Dagegen verfolgten die abschließenden Beiträge von WIEBKE SIEVERS (Wien) und HOLGER ENGLERTH (Wien) einen soziologisch-historischen Ansatz und untersuchten die Positionen und Netzwerke von Elias Canetti (Sievers) und Milo Dor (Englerth). Milo Dor (1925–2005), ein Autor serbokroatischer Muttersprache, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wie selbstverständlich als österreichischer Autor in den Literaturbetrieb aufgenommen. Im Detail zeigte Englerth aber auf, dass die Auseinandersetzung Dors mit dem Nationalsozialismus als störend empfunden wurde und der Autor deswegen marginalisiert wurde. Ähnlich wie bei Dor spielte Canettis (1905–1994) Migrationshintergrund für seine Legitimität als deutschsprachiger Schriftsteller zunächst keine Rolle, und seine Werke behandelten zunächst nicht das Motiv der Migration. Nachdem der jüdische Autor jedoch 1938 ins Londoner Exil ging, wurde in seinem Werk diese Frage in Zusammenhang mit dem nationalen Denken thematisiert.

Insgesamt dokumentierten die Vorträge, dass der literatursoziologische Ansatz in Bezug auf interkulturelle Literatur neue Erkenntnisse ermöglicht. Methodologisch hat die Veranstaltung die verschiedenen Potenziale des literatursoziologischen Ansatzes für die Germanistik aufgezeigt, auch wenn nicht alle Beiträge literatursoziologisch argumentierten. Inhaltlich bot die Tagung wichtige Analysen zur Lage der interkulturellen Literatur in Österreich; darüber hinaus haben Forschungen zu GegenwartsautorInnen wie Terézia Mora oder Saša Stanišić neue Impulse gegeben, indem systematisch deren von außen zugewiesenen Positionen und Selbstpositionierung nachgezeichnet wurden. Obwohl die literatursoziologischen Analysen weiter hätten ausgebaut werden können, darf die abschließende Tagung zum Projekt Literature on the Move als ertragreich gelten.

Konferenzübersicht:

Entwicklungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich

Moderation und Kommentar: Wolfgang Müller-Funk

Martina Kamm (Zürich), Die Facetten einer neuen transnationalen Schweiz

Wiebke Sievers (Wien), Grenzüberschreitungen in der österreichischen Literatur

Entgrenzungen

Moderation und Kommentar: Hannes Schweiger

Barbara Siller (Cork), „Ich war ein Unterwegskind. In der Zugluft des Fahrens entdeckte ich die Welt, und wie sie verweht.“ Ilma Rakusas Selbstpositionierung als Ausdruck räumlicher und sprachlicher Entgrenzung

Silke Schwaiger (Wien), „Ich bin irgendwo dazwischen“. Tanja Maljartschuk

Positionierungen I

Moderation und Kommentar: Sandra Vlasta

Ruth Steinberg (Oldenburg), „Ungern ein Folklore-Jugo-Hansel werden“ – Zu den Positionierungen Saša Stanišićs im deutschen literarischen Feld

Eszter Propszt (Szeged), Positionierungen von Terézia Mora

Positionierungen II

Moderation und Kommentar: Silke Schwaiger

Mahamat Ali Alhadji (München), Lesungen, die keine sind: Zu Rafik Schamis orientalischen Erzählauftritten

Jeannot Moukouri Ekobe (Jaunde), National- oder Transnationalliteratur? Emine Sevgi Özdamar im deutschen literarischen Feld

Intertexte

Moderation und Kommentar: Christoph Leitgeb

Irene Husser (Münster), Intertextualität und Transkulturalität – Mehrfachkodierungen von Fremdheit bei Yoko Tawada und Rafik Schami

Raluca Rădulescu (Bukarest). José F. A. Oliver. Vom Erfolg einer „Lyrik ohne Migrationshintergrund“

Mehrsprachigkeit

Moderation und Kommentar: Alexandra Millner

Andrea Reiter (Southampton), „Unverwandt schaue ich auf mein Deutsch“. Der ästhetische Widerstand im Werk Doron Rabinovicis

Christa Gürtler (Salzburg), Wie hoch ist das symbolische Kapital von Mehrsprachigkeit in der Literatur? Zu Texten von Ann Cotten, Sabine Gruber und Maja Haderlap

Historisches

Moderation und Kommentar: Günther Stocker

Wiebke Sievers (Wien), Beheimatung in der transnationalen deutschsprachigen Kulturnation und Analyse ihres Zerfalls: Elias Canettis Wiener Zeit

Holger Englerth (Wien), Literatur als Medium des Widerstands: Milo Dor

Podiumsdiskussion: Wo ist die österreichisch-türkische Literatur?

Moderation: Wiebke Sievers

TeilnehmerInnen:

Seher Çakır, Autorin

Metin Can, Organisator der kurdischen Buchmesse in Wien

Julia Danielczyk, Literaturreferentin der Kulturabteilung der Stadt Wien

Hüseyin Şimşek, Autor

Christa Stippinger, edition exil

Übersetzung: Jbid Hacobian

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.